70 Jahre "Krieg der Welten" Mars macht mobil

70 Jahre "Krieg der Welten": Mars macht mobil Fotos
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Aliens erobern den Central Park! Hitzekanonen verdampfen US-Bürger! Am 30. Oktober 1938 versetzte das Hörspiel "Krieg der Welten" Amerika in Panik. Viele hielten die Radioshow für den Live-Bericht von einer außerirdischen Invasion. Und dann griff auch noch die NS-Propagandamaschine an. Von Ralf Klee

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Dass irgendwann die Außerirdischen landen würden, war für viele US-Bürger Ende der dreißiger Jahre nur eine Frage der Zeit. Es herrschte eine merkwürdige Stimmung im Land. Tiefe Sorge über einen möglichen Krieg in Europa, geschürt durch Hitlers Einmarsch in das Sudetenland Anfang Oktober 1938, traf auf eine kindlich-naive Technikeuphorie. Das Radio-Zeitalter war angebrochen, auf der Kinoleinwand kämpfte Buster Crabbe in "Flash Gordon's Trip to Mars" gegen den Weltraumschurken Ming um die Zukunft der Galaxis. Eine wahre Science-Fiction-Hysterie hatte die ganze Nation erfasst.

Am 30. Oktober 1938 war es dann soweit. Am Sonntagabend meldete sich der Ansager des Radiosenders CBS über den Äther: "CBS und seine angeschlossenen Sender präsentieren Orson Welles und das 'Mercury Theatre on the air' in 'Krieg der Welten' von H.G. Wells." Der erste Satz war dabei im Nachhinein der wichtigste - er kennzeichnete die Rundfunkübertragung als Fiktion, denn alles danach wirkte wie ein authentischer Live-Bericht: Es gab Interviews, Durchsagen und Musikeinspielungen.

Das Skript für das außergewöhnliche Werk lag beim Drehbuchautor Howard Koch - bekannt dafür, auch schweren literarischen Stoff für die breite Masse erfolgreich umsetzen zu können. Koch war beauftragt worden, H. G. Wells' Science-Fiction-Roman "Krieg der Welten" für den Hörfunk zu adaptieren. Die künstlerische Umsetzung des hervorragenden Skripts lag beim ambitionierten Mercury Theatre on the Air unter der Leitung des damals 23-jährigen Orson Welles.

Mars-Maschinen im Central Park

Das Drama begann mit einem harmlosen Wetterbericht, dann folgten Eilmeldungen aus dem Mount-Jennings-Observatorium in Chicago. "Gasexplosionen auf dem Mars! Materie mit enormer Geschwindigkeit in Richtung Erde geschleudert!" Vor den Empfangsgeräten wurden die Zuhörer hellhörig. Als der erste Einschlag auf der Erde verkündet wurde, gerieten die ersten in echte Sorge. Es folgte eine vermeintliche Live-Schaltung zur Einschlagsstelle in Grover's Mill (New Jersey). Dort, so bekamen die CBS-Hörer mitgeteilt, erhebe sich gerade aus einem großen Krater ein zylindrisches Metallobjekt. Als wenig später von Tentakeln die Rede war, und von Hitzestrahlen, die Schaulustige in Brand setzten, brach in mancher Wohnstube Panik aus.

Innerhalb weniger Minuten war das Telefonnetz im Großraum New York überlastet. Allein die "New York Times" verzeichnete 875 Anrufe besorgter Bürger. Auch in Polizeirevieren klingelte das Telefon, dazu suchten zahlreiche verängstigte Personen dort Schutz. Die Ordnungshüter wussten zunächst nicht, wie sie mit der Sache umgehen sollten. Glücklicherweise erhielten die Polizeiwachen per Fernschreiber schnell aufklärende Informationen: "An alle: Der Sender WABC informierte uns just, dass es sich bei der gerade gesendeten Übertragung um eine fiktive und überzeichnete Erzählung handelte. Es gibt keinen Grund zur Panik", tickerte es über den Papierstreifen.

Und tatsächlich entspannte sich die Situation am Big Apple langsam wieder. Spätestens, als Orson Welles in der Sendung von einem menschenleeren Times Square und einer "Maschine vom Mars, die irgendwo im Central Park steht" berichtete, dämmerte den ersten New Yorkern, dass sie einer Fiktion aufgesessen waren. Dann beendete Welles die Sendung mit einem Scherz: "Wenn es an Ihrer Tür klingelt und es steht niemand davor, war es kein Marsianer - heute ist Halloween!!" Vielen Amerikanern war dabei allerdings nicht mehr zum Lachen zumute.

Millionen Bürger in Angst und Schrecken

Welches Ausmaß die Panik damals tatsächlich hatte - darüber streiten sich noch heute Historiker und Soziologen. Schätzungen des Princeton Radio Research Project zu folge sollen etwa sechs Millionen Menschen die Übertragung gehört haben. Laut der 1940 im "Time Magazine" vorgestellten Untersuchung glaubten etwa 1,7 Millionen Amerikaner, dass es sich bei der Sendung um eine authentische Übertragung handelte. 1,2 Millionen Menschen seien in Angst und Schrecken versetzt worden. Doch die Studie ist mit Vorsicht zu genießen: Lediglich 135 Personen sollen damals befragt worden sein.

Trotzdem zeichneten vor allem die amerikanischen Tageszeitungen das Bild einer landesweiten Massenpanik, weil sie sich, so wird heute vermutet, vom Hörfunk als vermeintlichem Konkurrenzmedium bedroht fühlten - und sich die Gelegenheit zur Stigmatisierung des ungeliebten Nebenbuhlers nicht entgehen lassen wollten. So titelte der "Herald Examiner": "Radio Fake Scares Nation", die "New York Times" zog mit "Radio Listeners in Panic, Taking War Drama as Fact" nach. Das Kalkül ging auf - es folgte ein öffentlicher Diskurs über die Verantwortung der Medien und die nationale Sicherheit.

Fast noch überdrehter allerdings fielen die deutschen Medien über den Fall her. Kein Wunder: Die Schlagzeilen aus den USA lieferten der Nazi-Propaganda eine Steilvorlage - die extrem kritische Berichterstattung der amerikanischen Presse wenige Wochen zuvor während der Sudetenkrise saß noch immer wie ein Stachel im Fleisch der Nationalsozialisten, jetzt konnte man zurückkeilen. Die "Hamburger Nachrichten" titelten am 31. Oktober 1938 "Weltraumschiff gelandet! Tolle Panikszenen im Staate New York".

Der wahre Feind saß nicht im All

Es folgte ein Text, der einen grob falschen Ablauf des Hörspiels gab und danach die Folgen beschrieb: "Ein Weltraumschiff sei auf New Jersey niedergegangenen, Männer, mit Todesstrahlen bewaffnet, seien ihm entstiegen, die mit den Mitteln modernster Technik einen unvorbereiteten Angriff auf die USA begonnen hätten. Von Panik ergriffene Hausbewohner stürzten in den Mietskasernen von Wohnungstür zu Wohnungstür und alarmierten die Nachbarn. Frauen knieten auf den Straßen nieder, um zu beten. Unvorstellbar war die Panik im Negerviertel Harlem, dessen Bewohner die Radioübertragung Wort für Wort für Wirklichkeit gehalten haben."

Die Botschaft war klar: Der Amerikaner ist leichtgläubig, neigt zur Hysterie und wird von den Medien manipuliert. Und die Demokratie ist natürlich ein Tollhaus. Das NSDAP-Blatt "Völkischer Beobachter" ging auf weitergehende Ursachenforschung. In dem Beitrag "Merkt Amerikas Bevölkerung jetzt etwas? - Erst 'Nazi-Invasion' dann Überfall vom Mars" hatte man den üblichen Verdächtigen schnell gefunden: "Infolge der nun schon seit fünf Jahren durch jüdische Kreise geschürten Angstpsychose haben durch die Rundfunksendung vom Sonntagabend unzählige Amerikaner stundenlang ernstlich (!!) an eine in Gang befindliche Invasion des Planeten Mars geglaubt, an Giftgasangriffe unbekannter Gegner, angesichts der zunächst völlig unkontrollierbaren Gerüchte an tausend andere schreckliche Dinge und sogar an das Ende der Welt."

Da waren die Stereotype wieder, "der Jude" als Manipulator der amerikanischen Meinung und Deutschland als Opfer der US-Pressepolitik. Apropos Opfer: Die wurden vom "Völkischen Beobachter" begierig registriert. "Eine beträchtliche Anzahl von Personen musste sich wegen Folgeerscheinungen der Massenhysterie in ärztliche Behandlung begeben. So liegen in Newark (Neujersey) 15 Personen an einem Nervenschock danieder. Aus Tulsa (Oklahoma) werden zwei Fälle von Herzschlag und ein Schlaganfall gemeldet."

Und am 6. November analysierte der "Völkische Beobachter" ("Ist ein Überfall vom Mars wirklich möglich?") zunächst Himmelserscheinungen und holte dann zum politischen Rundumschlag aus: "Hier kann nur eine systematische Kriegs- und Greuelpsychose den Boden vorbereitet haben. Es fehlte jede Vernunft. Wie konnten nur Menschen des 20. Jahrhunderts die größten wissenschaftlichen Unmöglichkeiten als Tatsachen hinnehmen!? Das 'aufgeklärte' Zeitalter konnte im Land der unbegrenzten Möglichkeiten ein besonderes Fiasko erleben."

Wozu Menschen im 20. Jahrhundert - gegen jede Vernunft - fähig waren, zeigte sich ein Jahr später. Die wahren Aggressoren waren längst gelandet. Ohne Hitzestrahler und Tentakel, dafür aber mit Braunhemd und Hakenkreuzbinde.

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1.
Sven Stursberg 30.10.2008
Die Musical Version von 'War of the Worlds' stammt nicht aus dem Jahr 2006 sondern von 1978. Sie wurde von Jeff Wayne mit Musikern wie Phil Lynott (Thin Lizzy), Chris Thompson (Manfred Mann's Earth Band), Jo Partridge (u.a. Elton John und Beach Boys) und Justin Hayward (Moody Blues) sowie Richard Burton als Erzähler vertont.
2.
Christian Blees 30.10.2008
Leider wird in dem Artikel mit keiner Silbe verwähnt, wie es überhaupt dazu kommen konnte, dass so viele Hörer das Hörspiel für bare Münze nahmen - nämlich, weil sie sich nach einer viertel Stunde verspätet von NBC per "Zapping" zugeschaltet hatten. Dort lief die Edgar Bergen Show, die jeden Sonntag Abend Millionen von Zuhörern hatte. Gezappt haben die Hörer, als bei Edgar Bergen eine gesangsdarbietung angekündigt wurde. mehr dazu in der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift HÖRBÜCHER, in der ich ausführlich darüber berichte.
3.
Oliver Plaschka 31.10.2008
Das erste "Perry Rhodan"-Heft, dessen Titelbild hier die Pulp Magazine der 30er repräsentieren soll, erschien allerdings erst 1961. Und weit mehr noch als "Krieg der Welten" stand die TV-Serie "V" Pate für Roland Emmerichs "Independence Day". Diese wiederum bediente sich maßgeblich bei den ersten Kapiteln von Arthur C. Clarkes "Childhood's End" (1953).
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