70 Jahre "Reichskristallnacht" Startschuss für den systematischen Terror

70 Jahre "Reichskristallnacht": Startschuss für den systematischen Terror Fotos
Bildarchiv Preußischer Kulturbesitz/Hans Tschira

Es war der Auftakt des Holocaust: Vor 70 Jahren überfielen Nazi-Schergen in ganz Deutschland jüdische Geschäfte und Synagogen. Lange stritten die Experten, wer den Gewaltexzess zu verantworten hatte. Neue Erkenntnisse bringen nun Licht in eines der dunkelsten Kapitel deutscher Geschichte. Von Klaus Wiegrefe

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Am 7. November 1938 betritt gegen 8.30 Uhr der 17-jährige Herschel Grynszpan das Waffengeschäft "A la fine lame" (Zur scharfen Klinge) an der Rue du Faubourg Saint-Martin Nr. 61 in Paris und kauft einen Trommelrevolver samt Patronen. Er lädt die Waffe auf der Toilette des nahe gelegenen Schwulen-Lokals "Tout va bien" und fährt dann mit der Metro zur deutschen Botschaft an der Rue de Lille.

Es ist gegen 9.30 Uhr, als er dort klingelt und behauptet, er müsse ein wichtiges Dokument übergeben. Ein Amtsgehilfe führt ihn zu Legationssekretär Ernst vom Rath, seit 1932 NSDAP-Mitglied und SA-Angehöriger. Niemand ist Zeuge des dann einsetzenden Gesprächs, aber schon nach wenigen Minuten hört der Amtsgehilfe Schreie des Diplomaten und eilt zu dessen Zimmer. Er findet Rath schwer verletzt im Gang vor; fünfmal hatte Grynszpan auf ihn gefeuert, drei Projektile des Kalibers 6,35 Millimeter gehen fehl, eines jedoch zerfetzt die Milz. Der Attentäter läßt sich widerstandslos festnehmen. Rath stirbt zwei Tage später im Krankenhaus.

Und damit nimmt das größte Pogrom in Deutschland seit dem Mittelalter seinen Lauf. Überall im "Dritten Reich" brennen in der Nacht vom 9. zum 10. November 1938 Synagogen, werden Fensterscheiben von Geschäften jüdischer Eigentümer zertrümmert, jüdische Deutsche erschlagen, erschossen oder vergewaltigt.

"Wie verrückt schmissen sie Steine"

In Essen streiten sich sogar SA- und SS-Männer, wer das Tor zum Vorhof der Alten Synagoge eindrücken und das Gotteshaus anzünden darf. Man handelt am Ende gemeinsam. Die Tochter des damaligen Rabbiners Hannah Biberstein wohnt nebenan und flüchtet durch das bereits brennende Treppenhaus auf die Straße. Biberstein: "Die wurde gerade neu gepflastert. Und so schmissen die Leute die großen Pflastersteine durch die Fenster in die Synagoge, um den Brand anzufachen. Wie verrückt schmissen sie Steine. "

Begeistert hetzt Hitlers Propagandaminister Joseph Goebbels am folgenden Tag, "die berechtigte und verständliche Empörung des Deutschen Volkes" habe sich "in umfangreichem Maße Luft verschafft".

Aber wie genau kam es zur sogenannten Reichskristallnacht? Wer beteiligte sich an den Aktionen, und wie sind diese verlaufen? Und warum schoss Herschel Grynszpan auf den Diplomaten Rath?

Seit dem Untergang des "Dritten Reiches" beschäftigen sich Historiker mit diesen Fragen - und haben inzwischen manche überraschende Antwort gefunden.

Etwa zum Hergang des Pogroms, den sich Drahtzieher Goebbels ganz anders vorgestellt hatte: Nazis sollten nämlich nach außen nicht in Erscheinung treten, sondern unerkannt in kleinen Trupps Geschäfte und Synagogen beschädigen, sich dann unter die Schaulustigen mischen, von deren Zusammenströmen auszugehen war, und diese zum Plündern und Morden anstacheln. Doch insbesondere viele SA-Kämpen wollten endlich einmal wieder zuschlagen wie während der sogenannten Kampfzeit vor 1933. Sie marschierten vielerorts in Uniform los.

Mysteriöse Hintergründe inzwischen aufgeklärt

Auch das Ausmaß des Verbrechens ist inzwischen bekannt, und es widerlegt jene, die behaupten, es habe vor dem Weltkrieg auch eine gute Zeit unter Hitler gegeben. Allein 400 Menschen wurden in der Nacht zum 10. November getötet oder nahmen sich aus Verzweiflung das Leben. In den Tagen danach brachten Hitlers Schergen zudem Tausende Juden in Konzentrationslager, mindestens weitere 400 von ihnen starben. Experten wie der israelische Wissenschaftler Meier Schwarz schätzen die Gesamtzahl der Opfer inzwischen auf bis zu 1500 Menschen. Insgesamt 1406 Betstuben und Synagogen brannten nieder oder wurden vollständig zerstört.

Selbst die mysteriösen Hintergründe des Attentats sind weitgehend aufgeklärt. Grynszpans Eltern waren 1911 aus Polen nach Deutschland eingewandert, er selbst wuchs überwiegend in Hannover auf. 1936 emigrierte Herschel zunächst nach Brüssel, dann zog er zu einem Onkel nach Paris, wo er seit Sommer 1938 illegal lebte, da er keine gültigen Papiere mehr besaß.

Verzweifelte Postkarte an den späteren Attentäter

In dieser angespannten Situation erreichte den verzweifelten Teenager eine Postkarte seiner Schwester. Polizisten hatten die Eltern und die beiden Geschwister Grynszpans mit rund 17.000 anderen polnischen Juden an die deutsch-polnische Grenze deportiert, um sie abzuschieben. Da die polnische Regierung die Menschen zunächst nicht ins Land ließ, vegetierten diese bei kaltem Herbstwetter in erbärmlichen Zuständen vor sich hin.

Der 17-jährige Grynszpan entschloss sich zu einem Racheakt.

Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit kannte er dabei sein Opfer Ernst vom Rath - Spitzname: die Botschafterin - aus dem Homosexuellenmilieu in Paris, wie der Historiker Hans-Jürgen Döscher herausfand. Möglicherweise fiel die Wahl Grynszpans auf den Diplomaten, weil dieser ihm Hilfe in Aussicht gestellt, aber nicht gewährt hatte, wie nach 1945 ein hoher NS-Funktionär aussagte.

Historiker Döscher kann sich bei seinen Recherchen auf NS-Dokumente berufen, denn 1940 hatten die Franzosen den Attentäter ausgeliefert. Goebbels wollte ihm einen Schauprozess machen, was er allerdings absagte, als Grynszpan von seinem Verhältnis zu Rath berichtete. Schließlich war Homosexualität verboten, und Rath mit einem Staatsbegräbnis in Anwesenheit Hitlers geehrt worden. Verärgert notierte Goebbels über Grynszpans Aussage: "Das ist typisch jüdisch, verlogen, hinterhältig und gemein". Grynszpan ist vermutlich in einem der Konzentrationslager umgebracht worden.

Ein Attentat wie auf Bestellung

Für die Nationalsozialisten, so viel ist gewiss, kam das Attentat auf einen ihrer Diplomaten wie gerufen. Denn die von Hitler angestrebte Auswanderung der Juden aus Deutschland erfolgte nicht so schnell wie gewünscht. Bereits 1937 hatte ein hoher SS-Funktionär zu bedenken gegeben, ob man nicht mit einem Pogrom die Emigration beschleunigen könne.

Schon am Tag nach dem Attentat auf Rath, also dem 8. November, hetzte der "Völkische Beobachter", es sei ein "unmöglicher Zustand", dass Hunderttausende von Juden "noch ganze Ladenstraßen" beherrschten. Vor allem in Hessen genügte in manchen Orten bereits eine solche Berichterstattung, um den braunen Mob Fenster einschlagen und Synagogen plündern zu lassen. Und viele Passanten machten mit.

Noch gab es keine Anweisung von oben, doch als Rath am 9. November dann seinen Verletzungen erlag, ergriff Goebbels reichsweit die Initiative.

An diesem Abend saßen überall in Deutschland und dem angeschlossenen Österreich Nationalsozialisten beisammen, um wie jedes Jahr mit Schnaps und Bier des gescheiterten Staatsstreichs Hitlers vom 9. November 1923 zu gedenken.

Hitler erteilte die letzte Anweisung

Der "Führer" fuhr aus diesem Anlass zu einem sogenannten Kameradschaftsabend ins alte Rathaus in München. Seine Parteifreunde erwarteten einige Worte von ihm, doch auf einmal sprachen er und Goebbels aufgeregt miteinander, und kurz darauf verließ der Diktator die Veranstaltung. Goebbels hingegen ließ in einer Ansprache keinen Zweifel daran, was von den versammelten NS-Führern erwartet wurde. Er notierte hinterher: "Stürmischer Beifall. Alles saust gleich an die Telephone."

Historiker haben angesichts dieses Verlaufs lange gestritten, ob möglicherweise die sogenannte Reichskristallnacht auf Goebbels und nicht auf Hitler zurückzuführen sei. Doch kürzlich hat Angela Hermann vom Institut für Zeitgeschichte die Tagebücher des Propagandachefs und andere Quellen ausgewertet, und danach gibt es keinen Zweifel: Hitler erteilte seinem Adlatus die entsprechenden Anweisungen.

Für die potentiellen Opfer hing viel davon ab, ob die besonders brutale SA in der Nähe war und wie radikal die Funktionäre vor Ort dachten. Einige wenige unternahmen nichts, doch in vielen Fällen versammelten Ortsgruppenleiter ihre Anhänger; man nahm Äxte, Hämmer und Brechstangen mit und brach in die Wohnungen von Juden unter dem Vorwand ein, nach Waffen suchen zu müssen. Wertvolles wurde eingesteckt, alles andere kurz und klein geschlagen.

Die Synagogen brannten noch am nächsten Tag

Da die Feuerwehr Order bekam, nur die angrenzenden Häuser "arischer Deutscher" zu schützen, brannten viele Synagogen noch am nächsten Tag, vor ihnen versammelten sich Schaulustige. Manche feixten, viele schwiegen. Die von Goebbels erhoffte Demonstration eines antisemitischen "Volkszorns" blieb aus; Fälle von Zivilcourage sind allerdings auch nur vereinzelt überliefert.

Am Ende musste die NS-Führung ihre Basis bremsen, weil die Schäden zu groß wurden. "Mir wäre lieber, ihr hättet zweihundert Juden erschlagen und hättet nicht solche Werte vernichtet", schimpfte Wirtschaftschef Hermann Göring, der offenkundig die Zahl der Toten nicht kannte.

Und da irgendjemand dafür aufkommen musste, verfiel Göring auf die perfide Idee, ausgerechnet die überlebenden Opfer in die Pflicht zu nehmen. Für die "Wiederherstellung des Straßenbildes" mussten die deutschen Juden 225 Millionen Reichsmark zahlen. Darüber hinaus hatten sie als "harte Sühne" für das Attentat eine Sondersteuer von einer Milliarde Reichsmark zu entrichten.

"Ich möchte kein Jude in Deutschland sein", höhnte Göring.

Bis zum Beginn des Weltkrieges 1939 gelang noch etwa 80.000 jüdischen Deutschen die Flucht. Die anderen starben fast alle im Holocaust.

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1.
Christian-Alexander Wäldner 10.11.2008
Ich habe mit großem Interesse die angeblich neuen Hinweise auf die Ursachen der tödlichen Schüsse verfolgt. Was ich jedoch als vollkommen daneben bezeichne, ist der Begriff "Homosexuellenmilieu". Mit diesem Begriff werden männliche homosexuelle seit Jahrzehnten in eine Schmuddelecke gesteckt, dieses "Milieu" wirft so einen negativen Blich auf die Schwulen. Es kann nur dringend angeraten werden, derartige, eher aus langen Homosexuellenverfolgung stammende Begriffe in Zukunft zu vermeiden, um endlich einmal auch diesen Opfern, nicht nur unter der nationalsozialisten Gewaltherrschaft, gerecht zu werden. Die Zugehörigkeit zu diesem "Milieu" rechtfertigte bis in 1990er Jahr polizeiliche Verfolgung und anschließende Verurteilung durch die bundesrepublikanische Gesetzgebung. Nicht 1969, sondern erst 1998 wurde der § 175 abgeschafft. Bitte also um entsprechende Vorsicht beim Begriff "Homosexuellenmilieu". Zitat: "... in der Umgangssprache Personenkreise (begrenzte Teile der sozialen Umwelt der jeweiligen Einzelpersonen), die mit Prostitution, Kriminalität o. ä. in Verbindung gebracht werden." http://de.wikipedia.org/wiki/Milieu
2.
Hartmut Pelzer 11.11.2008
Für uns Nachgeborene erscheinen diese Ereignisse unbegreiflich - sie sind es aber, wenn auch nicht verzeihlich. Im vorliegenden Beitrag wie auch in der aktuellen und allgemeinen Medienberichterstattung wird nämlich so getan, als ob der Mord an von Rath zum alleinigen Vorwand für die Pogromaktionen gedient hätte. Er war aber nur der letzte Tropfen in ein volles Faß von Nazi-Haß gegen die Juden, der sich aus mehreren Quellen speiste: zunächst die bereits Jahrhunderte vor WW I europaweit vorhandenen, nicht zuletzt von Martin Luther mitgetragenen antisemitischen Strömungen, die dann auch im Gründungsprogramm der NSDAP ihren Niederschlag fanden und in den 20er Jahren die Juden für alle wirtschaftliche Drangsal verantwortlich machten. Dann aber vor allem aus der unmittelbar nach der Bestallung Hitlers zum Reichskanzler beginnenden, maßlosen antinationalsozialistischen Propaganda jüdischer Organisationen vor allem in den USA und England, die bereits ab Mai 1933 zu einem täglich in angelsächsischen Zeitungen hochgejubelten Wirtschaftsboykott gegen Deutschland führte und um dessen Verschärfung diese jüdischen Organisationen durchaus bis zum Kriegsausbruch lautstark kämpften. Daneben tobte seit Anfang 1938 von polnischen Nationalisten angefachter Propagandakrieg gegen Deutschland, der u.a. Gebietsansprüche der Polen bis Magdeburg beinhaltete. In diese "Gemengelage" hinein erschoß ein polnischer Jude einen deutschen Diplomaten. Wenn man sich vor Augen hält, wie leicht selbst heute noch und überall auf der Welt Krawalle angezettelt werden können, der erschauert zwar vor der Bilanz der Nacht zum 9. November 1938, wundert sich jedoch nicht über die Psychologie dieses Terrors.
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