AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 1/2017

70 SPIEGEL-Jahre Deutschland und die Nation - ein schwieriges Verhältnis

Deutsche Einheit? Seit Ende der Vierzigerjahre eines der wichtigsten Themen im SPIEGEL. Die Selbstzweifel und Chancen auf Gemeinsamkeit, Augstein und das Etikett "Nationalist" - über das schwierige Verhältnis der Deutschen zu ihrer Nation.

Frank Höhne/DER SPIEGEL

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Deutschsein war schon immer ein risikobehaftetes Unterfangen, so wie Bergsteigen stets das Risiko des Absturzes in sich birgt. Gab oder gibt es ein richtiges Maß - oder immer nur zu viel und zu wenig von diesem (man mag schon das Wort nicht) Deutschsein? Wollten und wollen wir überhaupt "Deutsche" sein, oder doch lieber Weltbürger, Kosmopoliten, Europäer?

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Dieser Artikel ist aus dem SPIEGEL
Heft 1/2017
Wut kann man sich erarbeiten

Wenn wir uns fürs Deutschsein entschieden haben: Sind wir dann zweierlei Deutsche in West und Ost? Oder gehörten wir trotz allem immer zusammen, mal mit besserem, mal mit schlechterem Gefühl?

Der Blick zurück in den SPIEGEL seit seinen Gründungsjahren erschließt eine Zeit, in der der Begriff "Nation" permanent unterschiedliche Färbungen annahm, chamäleongleich: mal bunt, mal braun. Und heute? Wieder schillert der Begriff, im Jahr 2016: Von den einen wird er neu mit Bedeutung aufgeladen, während andere sich fragen: Ist das nicht dieser seltsam altbekannte völkische Ton, am Dresdner Zwinger und anderswo? Selbstzweifel, das zeigt der Blick zurück, gehört zum Markenkern deutscher Identität.

Deutschsein - das war nach dem Zweiten Weltkrieg zum Synonym von Verbrechen geworden, zum Unwort einer Epoche und infolgedessen an den Häuserwänden gelandet als Schmähschrift: "Deutschland kaputt", schrieben sowjetische Soldaten 1945 in Berlin an die Wände, es liest sich wie eine Nachricht aus dem Handyzeitalter. Und der militärischen Kapitulationserklärung des Hitler-Reiches ließ Thomas Mann am 29. Mai 1945 die moralische Kapitulationserklärung Deutschlands folgen. In den USA hielt der Literaturnobelpreisträger einen Vortrag über "Deutschland und die Deutschen". Es ist die Langfassung von "Deutschland kaputt": "Eines mag diese Geschichte uns zu Gemüte führen: dass es nicht zwei Deutschlands gibt, ein böses und ein gutes, sondern nur eines, dem sein Bestes durch Teufelslist zum Bösen ausschlug." "Durch Kriege entstanden, konnte das unheilige Deutsche Reich preußischer Nation immer nur ein Kriegsreich sein. Als solches hat es, ein Pfahl im Fleische der Welt, gelebt, und als solches geht es zugrunde." Und dann gibt Thomas Mann eine Idee Johann Wolfgang von Goethes weiter: die Deutschen in aller Welt - gleich den Juden - zu "verpflanzen" und zu "zerstreuen". Härter wurde nie über Deutschland gerichtet.

Ist Deutschland tatsächlich kaputt?

Deutschland gehörte seit dem 8. Mai 1945 nicht mehr den Deutschen. Über dieses Land entschieden nun andere: Die Siegermächte teilten Deutschland auf, untereinander und ohne Deutsche zu fragen, sie trennten im Osten einen Teil Deutschlands ab, Millionen Deutsche wurden in die Flucht getrieben. Ganz im Sinne Thomas Manns wird das alte Preußen zerstört. Aber: Ist das das Ende der deutschen Geschichte? Des Vaterlands? Der Muttersprache, der viel beschworenen und stets gepriesenen Kulturnation?

Ist Deutschland tatsächlich kaputt?

Es findet sich Überraschendes dazu im SPIEGEL, dem "deutschen Nachrichten-Magazin", eine Formulierung, die von 1950 bis 1953 auch auf der Titelseite zu finden ist, nicht - wie heute - ganz klein und hauchdünn unter dem Wort "Hausmitteilung". Im Gründungsjahr des Blattes, 1947, kommt der in München geborene Johannes R. Becher zu Wort, der spätere Dichter der DDR-Nationalhymne. Er denkt ganz anders als Thomas Mann. Emigrant Becher veröffentlicht ein leidenschaftliches Bekenntnis zu Deutschland: "Jede Art von Auslandsdeutschtum war mir wesensfremd ..." Er ist ein Mensch, der "immer ... auf der Ausschau und der Suche ist: nach dem deutschen Menschen, deutscher Stadt, deutscher Landschaft!" Schon 1945 erscheint von ihm im Aufbau-Verlag ein kleiner Redenband "Deutsches Bekenntnis." Becher träumt von einer "neuen Deutschlandwerdung", die er geradezu religiös überhöht, er hofft, dass eines Tages die "Glocken Auferstehung" läuten werden und danach der Choral "Nun danket alle Gott" angestimmt werde. Dass "Deutschlands Auferstehung" einen ähnlichen Ton hat wie die Parole "Deutschland erwache!", kommt ihm offenbar nicht in den Sinn. Oder es stört ihn nicht. Becher, ein deutschnationaler Kommunist?

Deutschland auf der Spur, gelangt man unweigerlich zu Rudolf Augstein, der nach Kriegsende als Journalist zu arbeiten anfängt und am 4. Januar 1947 den ersten SPIEGEL erscheinen lässt. Im Herbst 1989 schreibt Augstein: Gern lasse er sich als Patrioten bezeichnen, "diesen Begriff habe ich in aller Subtilität vor 40 Jahren von Carlo Schmidt geerbt. Damals schimpfte man mich 'Kommunist', weil ich als einer der ganz wenigen die Gebiete jenseits der Oder und Neiße auf immer abgeschrieben hatte". Kürzlich sei er nun "Nationalist" genannt worden. Und "das bin ich auch, wie Mitterrand und Thatcher, um ganz hoch zu greifen". Er akzeptiert das Etikett. Augstein, ein liberaler Nationalist?

Es erstaunt in der Rückschau auf die frühen Jahre, wie selbstverständlich nach diesem verheerenden Krieg von Deutschen über Deutschland gesprochen wird. Es überrascht in der Rückschau auch, wie selbstverständlich es vielen Deutschen erschien, Symbole der Nation erhalten zu wollen oder neue zu finden, selbst als die Teilung in zwei Staaten schon im Gange war. Gab es ein Deutschlandgefühl, das die Teilung überstand?

Ein Bedürfnis nach Symbolen der Nation

Neben den klaren Daten - Fakten wie Staatsgründung, Mauerbau und Mauerfall - gibt es auch eine Kulturgeschichte, in der es um Gedanken und Gefühle, um Fahnen, Hymne, Tradition und Sprache geht. Diese Geschichte deutscher Identität spielt sich auf anderen Ebenen ab als das, was gemeinhin "große Politik" genannt wird. Deutschland als Staat lag 1945 in Trümmern, aber als Kulturnation und Erinnerungsgemeinschaft lebte Deutschland (offenbar) weiter. Der SPIEGEL titelt mit einem Zitat Heinrich Heines: "Denk ich an Deutschland in der Nacht".

Worüber debattieren Menschen, deren Land in Schuld und Asche liegt? Nicht nur über Lebensmittelmarken, das tägliche Brot. Auch über Symbole der Nation. Es scheint ein Bedürfnis danach zu geben, in Ost und West. Am 9. August 1949 erscheint in der Zeitung "Rheinpfalz" ein Artikel eines CDU-Politikers namens Albert Finck. Jedes Volk, schreibt er, habe "das Bedürfnis, den Idealen, auf denen sein politisches Dasein beruhen soll, im feierlichen Gemeinschaftsgesang Ausdruck zu verleihen ... Es erhebt sich nun die Frage: Was nehmen wir als vorläufiges Bundeslied? Wie steht es in dieser Hinsicht mit unserem früheren Deutschlandlied? Wie wäre es, wenn wir die dritte Strophe als vorläufiges deutsches Bundeslied benützen würden?"

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70 Jahre SPIEGEL: Die Gründerjahre - wie alles begann

Anknüpfen an die alte Hymne, deren erste Strophe ("Deutschland, Deutschland über alles") von den Naziherrschern mit dem Horst-Wessel-Lied der mörderischen SA ("Die Fahne hoch, die Reihen dicht geschlossen") verbunden worden war? Sozialdemokraten drohen mit dem Auszug aus der Sitzung, sollte das Lied gesungen werden. Ein Kompromiss wird gefunden. Als der Bundestag am 7. September 1949 zu seiner ersten Sitzung zusammenkommt, wird Musik von Beethoven gespielt - deutsch, feierlich und unverdächtig.

Auch im Osten wird der Wunsch nach nationalem Liedgut laut. Er geht aber in diesem Fall direkt von den Regierenden aus. Wilhelm Pieck, erster Präsident der DDR, schreibt deshalb an Becher und hat den Wunsch nach einem Refrain, der die "Einheit Deutschlands" zum Inhalt haben solle. Einen Monat nach der Gründung der DDR erklingt die neue Nationalhymne. Am 7. November 1949 wird sie erstmals in der Deutschen Staatsoper in Berlin vorgetragen. Bechers Text beginnt mit den Zeilen "Auferstanden aus Ruinen, und der Zukunft zugewandt". Die zentrale Botschaft lautet: "Deutschland einig Vaterland". Die Hymne wird stürmisch bejubelt.

Die DDR hat somit etwas erreicht, was ihr danach höchst selten gelingen wird: ein Bedürfnis schneller zu befriedigen als die Bundesrepublik Deutschland.

Die Staatsführung West ist gespalten. Bundespräsident Theodor Heuss mag das Deutschlandlied nicht, das Hoffmann von Fallersleben 1841 auf der Insel Helgoland verfasst hat. Für ihn scheint es unvorstellbar, dass dieses Deutschlandlied oder nur Passagen daraus zum Neuanfang taugen. Aber Bundeskanzler Konrad Adenauer schafft Fakten. Am 18. April 1950 spricht der Christdemokrat in Berlin, im Titania-Palast. Am Ende seiner Rede bittet der Rheinländer die Versammelten, mit ihm die dritte Strophe des Deutschlandlieds zu singen, "ein heiliges Gelöbnis, dass wir ein einiges Volk, ein freies Volk und ein friedliches Volk seien wollen". Nicht alle, aber viele stimmen begeistert ein. Das Tondokument ist beeindruckend.

Augstein: "Erdrückt Ulbricht, indem ihr ihn umarmt!"

Der SPIEGEL berichtet über den Auftritt Adenauers: "Der Kanzler zeigte sich als starker Mann gegenüber dem Londoner und Pariser Porzellan ... Das Sanges-Echo aus dem Ausland war wenig freundlich ..." Ein wenig Stolz klingt durch, dass einer den Westmächten eins ausgewischt hat. Und die Westalliierten sind wirklich verärgert. Der Minister für gesamtdeutsche Fragen, Jakob Kaiser, spricht von einem "schönen Staatsstreich". Heuss wiederum ist erzürnt, er fühlt sich hintergangen.

Dieser Kulturkampf sagt vieles über die innere Beschaffenheit der Deutschen aus, über die Seelenlage der Nation. Deutschland ist kaputt, aber das, was man damals noch Deutschtum nannte, lebt weiter. Zwischen der "Sowjet-Zone" und der "Adenauer-Republik" tobt zwar ein Propagandakrieg über tatsächliche und angebliche "Kriegstreiber", über tatsächliche und angebliche Offerten zur Vereinigung Deutschlands, über Kapitalismus und Sozialismus. Aber es gibt auch eine Geschichte der Gemeinsamkeiten: Beide Staaten und deren Lenker, ob Demokraten oder Kommunisten, haben an einer Zukunft Deutschlands keinen Zweifel. Nation ist noch nicht zum Unwort geworden. Dennoch vertiefen beide Seiten die Spaltung, unter reger Beihilfe oder Anleitung der jeweiligen Besatzer.

SPIEGEL-Herausgeber Augstein agiert ein wenig wie einst die deutschen Rebellen unter napoleonischer Besatzung. Der SPIEGEL kritisiert und stichelt gegen Russen, Amis und ihre deutschen Helfer: Konrad Adenauer, Walter Ulbricht. Über die Jahre schafft es Ulbricht siebenmal auf den SPIEGEL-Titel. 1962 fordert Augstein: "Erdrückt Ulbricht, indem ihr ihn umarmt!"

SPIEGEL-Redakteure, -Herausgeber Augstein (2. v. r.) 1947: Glaube an die deutsche Nation
Reinhold Lessmann / DER SPIEGEL

SPIEGEL-Redakteure, -Herausgeber Augstein (2. v. r.) 1947: Glaube an die deutsche Nation

Vorerst Wunschdenken. In der DDR ruft die SEDzum Aufbau des Sozialismus, ihre Macht basiert auf der sowjetischen Militärpräsenz. Der 17. Juni 1953 führt dies jedem vor Augen. Als sowjetische Panzer in Ostberlin auffahren, ist der Arbeiteraufstand beendet. Das Ende einer Illusion von Gemeinsamkeit?

"Deutschland" wird Fußballweltmeister, 1954 mit dem "Wunder von Bern" siegt offiziell Westdeutschland, aber als Helmut Rahn das entscheidende Tor schießt, kennt der Jubel keine Zonengrenzen.

Rudolf Augstein kommentiert im August 1954 im SPIEGEL die Lage des Landes: "Ein Volk kann noch so folgsam und erfolgreich sein und trotzdem seine Zukunft verfehlen. Es wäre unsäglich und unausdenkbar, wenn ... über den getünchten Trümmern der Nation endgültig das babylonische Verdikt erschiene: mene, tekel, upharsin: gezählt, gewogen - geteilt."

Danach sieht es allerdings aus. Und doch kommt es anders. Eine Rede von Walter Ulbricht hat damit zu tun, Ende der Fünfzigerjahre. Es ist die Zeit, da der Westen Deutschlands das sogenannte Wirtschaftswunder erlebt, derart schnell, dass es manchen heimkehrenden Emigranten fröstelt: Der bayerische Dichter Oskar Maria Graf fühlt sich abgestoßen vom westdeutschen "Tüchtigkeitsprotzentum", wie er schreibt.

Für Westgeld verhökert die DDR-Staatsführung alles

Der Westen hat vor allem eines: die starke Westmark. Der Osten leidet dagegen an zu viel von derselben Partei, unter der Kollektivierung der Landwirtschaft und der Planwirtschaft, die jede Eigeninitiative erdrückt. In der Rede des DDR-Partei-und Staatschefs Walter Ulbricht am 10. Juli 1958 heißt es: "Auf deutschem Boden stehen sich Sozialismus und Kapitalismus gegenüber. Unsere Aufgabe ist es darum, in Deutschland, im Lande von Karl Marx und Friedrich Engels, die Überlegenheit der sozialistischen Gesellschaftsordnung auf allen Gebieten praktisch zu beweisen ... Es ist durchaus möglich, dass die Lebenshaltung in der Deutschen Demokratischen Republik die Lebenshaltung in Westdeutschland schon 1961 übertrifft."

Immerhin, der Boden ist noch "deutsch". Und wider Willen hat Ulbricht etwas für die Einheit der Nation getan: Er hat Leben und Lebensstandard der Deutschen in der "kapitalistischen BRD" zum Maßstab des eigenen Erfolgs erklärt. Unfreiwillig befördert Ulbricht damit die Fluchtwelle von Ost nach West, denn der kürzeste Weg zum Lebensstandard des Westens ist immer noch der über die Grenze. Ob Ulbricht merkt, was er angestellt hat? Jedenfalls zieht er die Notbremse. Kurz nachdem er erklärt hat, niemand habe die Absicht, eine Mauer zu bauen, lässt er genau dies am 13. August 1961 tun.

Trotz Mauer, Schießanlagen und Stacheldraht: Der Westen ist Vorbild. Das ist das Problem der DDR bis zum Schluss. Westgeld ist in der DDR wertvoller als die eigene Währung, für Westgeld verhökert die klamme Staatsführung am Ende alles: vom Pflasterstein bis zum politischen Häftling. Ost- wie Westdeutsche orientieren sich genauso - sie blicken gen Westen. Die Westdeutschen schauen, wie Franzosen, Briten und US-Amerikaner leben: Die jüngeren Westdeutschen sind begeistert von Demokratie, Jeans und Beatles. Jüngere Ostdeutsche wiederum schauen, was sie von dem übernehmen können, was sich die Westdeutschen von ihren westlichen Besatzern abgucken, die sich langsam zu Partnern wandeln. Insofern gilt die Westbindung kulturell für ganz Deutschland.

Visual Story zum SPIEGEL-Jubiläum

Die Mauer hält Menschen auf, nicht aber Gedanken, sie schließt auch nicht die Ohren für westliche Rundfunksender. Der SPIEGEL beispielsweise ist im Osten nur als Schmuggelware zu bekommen; Funktionäre lesen ihn, aber fürs Volk ist er tabu. Rundfunk und Fernsehen bilden der Nation eine Brücke. Und noch immer gibt es auch in der DDR Einrichtungen, die das Wort Deutschland im Namen führen - vom Deutschen Roten Kreuz bis zur Deutschen Reichsbahn. Auch nach dem Bau der Mauer gilt in der DDR noch die Verfassung des Jahres 1949: "Deutschland" ist danach noch immer eine "unteilbare demokratische Republik" mit "einer deutschen Staatsbürgerschaft". Erst 1968 ändert das die DDR. Die DDR wird zum "sozialistischen Staat deutscher Nation" umdeklariert. Die "deutsche Nation" wird 1974 aus der Verfassung der DDR getilgt, was praktisch vor allem eine Auswirkung hat: Die DDR-Hymne wird nur noch orchestral präsentiert, "Deutschland einig Vaterland" passt nicht mehr ins Konzept der SED. In Schulbüchern werden nur noch die Noten der DDR-Hymne gedruckt.

So merkt jeder, dass irgendetwas nicht stimmt im Staate DDR.

Den Klügeren unter den SED-Ideologen und SED-Historikern fällt immerhin auf, dass diese Wurzelresektion, die jegliche Herkunft zur "deutschen Nation" kappt, auch jegliches Heimatgefühl unmöglich macht. Sie brechen einige ihrer Meinung nach brauchbare Figuren aus dem Zentralmassiv der deutschen Geschichte: Allein mit Karl Marx und Ernst Thälmann ist kein Staat zu machen. Und deshalb reklamiert die DDR nun Martin Luther, Thomas Müntzer, Gerhard von Scharnhorst, alle und alles, was irgendwie nach Fortschritt klingt, für sich. Der Zugang zur klassischen deutschen Literatur ist ohnehin offen: Goethe, Schiller, Lessing sind jederzeit lesbar im Arbeiter-und-Bauern-Staat. Auch Schillers fragmentarischer Text über "Deutsche Größe", in dem es heißt: "Darf der Deutsche in diesem Augenblicke, wo er ruhmlos aus seinem tränenvollen Kriege geht ... Darf er sich seines Namens rühmen und freuen?" Des Deutschen "sittliche Größe, sie wohnt in der Kultur und im Charakter der Nation, der von ihren politischen Schicksalen unabhängig ist ..." Literatur bietet in der räumlich wie geistig engen DDR die Chance zu gedanklicher Weltläufigkeit.

Titelzeile: "Ein Volk? Ein Reich? Eine Nation?"

Und dann ist da glücklicherweise einer, den heutige Kurzdenker als "Russlandversteher" diffamieren würden. Klar will er Russland verstehen, muss er sogar, denn dort muss er hin. Kanzler Willy Brandt fährt nach Moskau. "Wandel durch Annäherung" heißt diese Politik, und sie bringt nicht nur ein Gefühl der Entspannung, sondern reale Ergebnisse. Die Mauer wird durchlässiger. Bei seinem ersten Besuch in der DDR wird Brandt bejubelt.

Rudolf Augstein und die Redaktion des SPIEGEL unterstützen die Entspannungspolitik der Koalition aus SPD und FDP. Sie sind Brandt-Versteher. Augstein, Mitglied der FDP, kommentiert am 15. Mai 1972: "Die Nachkriegszeit, oft schon totgesagt, geht nun wirklich auch formal zu Ende, wenn der Bundestag, wie nicht mehr anders zu erwarten, noch in dieser Woche die Verträge mit Polen und der Sowjet-Union ratifiziert. Die Koalitionsregierung zwischen SPD und FDP hat ihre Probe aufs Exempel bestanden ... Außenpolitisch ist der Durchbruch in freies Land gelungen, dank Brandt, dank Scheel." Bemerkenswert ist die Titelzeile zum Abschluss des Grundlagenvertrags: "Ein Volk? Ein Reich? Eine Nation?"

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Titelbilder: SPIEGEL-Titel - die besten Cover des ersten Jahrzehnts

Der SPIEGEL ergreift Partei für die Ostpolitik, aber er verfällt nicht in den Flüsterton, wenn es um Menschenrechtsverletzungen im Osten geht: Der SPIEGEL berichtet über die Dissidentenszene, über Wolf Biermann, und 1977 fragt das Blatt: Ist der Kommunismus am Ende?

Auch Helmut Schmidt fährt in den Osten. Und Helmut Kohl, 1987, empfängt DDR-Staatschef Erich Honecker. In den Kommentaren ist nun wieder häufiger vom "Zusammengehörigkeitsgefühl aller Deutschen" die Rede. Selbst Honecker scheint dies zu spüren.

Aber der Glaube an ein Land, eine Nation, einen Staat, an Deutschland? Die Deutschen haben sich an die Mauer gewöhnt. Wer am Rhein, an der Saar oder an der Mosel lebt, der kann sie leichter vergessen als die Menschen an der Spree. Auch an der Alster wird die Einheit nicht unbedingt herbeigesehnt. In der SPIEGEL-Redaktion arbeiten nun auch viele jüngere Kollegen, die mit dem Osten wenig am Hut haben, die sich in der Toskana besser auskennen als in der Lausitz.

Böhme: "Ich möchte nicht wiedervereinigt werden"

Selbst Martin Walser glaubt 1988 nicht mehr an Deutschland, ein "Wort, brauchbar für den Wetterbericht", wie er findet. Aber dann kommt der Moment, in dem das Wort Deutschland in den Nachrichten vom Wetterbericht nach ganz vorn rückt. Auf dem Titel bejubelt der SPIEGEL im Oktober 1989 das "Volk ohne Angst", womit die Ostdeutschen gemeint sind, die die SED und die Mauer wegdemonstrieren. Aber die Berichterstattung vieler Blätter über den Osten und seine Bewohner steckt dennoch voller Häme und Geringschätzung. Leute, die komische Sachen tragen und Pornoshops stürmen. Wenn man manche Texte liest, sieht man, wie sich die Autoren den Bauch halten, hahaha. Wir, mit denen - ein Volk?

Im SPIEGEL warnt der stellvertretende SPD-Vorsitzende Oskar Lafontaine vor dem "Gespenst des vierten Reiches". Chefredakteur Erich Böhme schreibt sich in der Ausgabe vom 30. Oktober 1989 die eigene Angst vor dem Volk vom Leib: "Ich möchte nicht wiedervereinigt werden. Mich drängt nichts in jenen Reichsverband zurück, über dessen Wiege das Schwert hing und dessen Segnungen in gut 40 halbwegs friedlichen, viertelwegs demokratischen Jahren vom größenwahnsinnigen Endgalopp in den Ersten Weltkrieg bei Weitem überragt wurden. Wenig verbindet mich mit den einzig demokratischen, aber schnell vom Wurm des Selbstzweifels und der Not aufgefressenen 14 Jahren der Weimarer Republik. Und was sollte mich mit den hysterischen zwölf Jahren des Diktators Gröfaz verbinden, dem perversen Reichszernichter und seinen braunen Horden? ... Lasst uns diesen Unfug der 'Wieder'-Vereinigung vergessen ..."

Aber da ist der Nationalist und Patriot Augstein, der widerspricht und eine Woche später fragt: "Warum eine Mauer mitten durch Deutschland, wo doch alle Mauern bis zum Ural fallen sollen? Warum ein geteiltes Berlin, wo doch für Jerusalem trotz aller ethnischer Annexionsprobleme gelten soll und gelten wird: Zweigeteilt? Niemals. Dies falsche Gewicht wird die junge Generation, weil das nämlich nichts mehr mit Auschwitz zu tun hat, nicht mehr mittragen."

Der Riss geht durch die Redaktion.
Und nicht nur durch die.

Für einen Teil der Westdeutschen ist Deutschland ein Schreckenswort. Sie grölen "Nie wieder Deutschland". Sie sind - würde man heute sagen - germanophob. Es wirkt ihnen fremd, wenn jemand wie der märkische Schriftsteller Günter de Bruyn 1990 dazu rät, sich auf die verbindende Kraft der Kulturnation zu besinnen. Sie sind so maßlos nicht deutsch, wie andere im Übermaß deutsch sein wollten.


DER SPIEGEL

Auszug aus dem SPIEGEL vom 6. Dezember 1947

Dass der Dichter Johannes R. Becher im SPIEGEL publiziert, ist bemerkenswert. Becher ist Kommunist und ein Weggefährte Wilhelm Piecks, der 1949 erster Präsident der DDR wird. Der aus München stammende Becher war in Moskau im Exil und schwärmte von Stalin. "Eine Seite für" hieß damals eine regelmäßige Rubrik im SPIEGEL - dass auch Becher sie füllen durfte, lag an Augsteins liberalem Geist und der Tatsache, dass er ein bekennender Deutscher war, der die Teilung nicht hinnehmen mochte. Dies verband ihn mit Becher, der bis zu seinem Tod 1958 für die Einheit Deutschlands warb. Die ganze Geschichte lesen Sie hier.


Augsteins Wunsch geht in Erfüllung: "Und darum sollen alle vier Siegermächte aus Berlin verschwinden, sofern sie sich über eine neue Friedensordnung einigen können", schreibt er in seiner Antwort an Böhme. Wieder wird darum gerungen, welcher Text und welches Lied zu diesem Deutschland passen. Es gibt Experimente, den Text der DDR-Hymne mit der Melodie des Deutschlandlieds zu verbinden. Und es gibt den Vorschlag, Bert Brechts Kinderhymne aus dem Jahr 1949 fürs neu vereinte und nicht zurückgeeinte Deutschland zu nehmen. So heißt es bei Brecht in Strophe eins und vier:

Anmut sparet nicht noch Mühe
Leidenschaft nicht noch Verstand
Daß ein gutes Deutschland blühe
Wie ein andres gutes Land.
Und weil wir dieses Land verbessern
Lieben und beschirmen wir's.
Und das Liebste mag's uns scheinen
So wie andern Völkern ihrs.

Der Vorschlag wird abgelehnt. Es bleibt bei Strophe drei von Hoffmann von Fallersleben.

Hier könnte die Spurensuche nach Deutschland ihr friedliches Ende nehmen. Könnte. Aber im Jahr 2016 sorgt die Zuwanderung erneut für Debatten über Deutschland. Am Reichstagsgebäude steht: "Dem Deutschen Volke".

Wer gehört dazu, zum deutschen Volk, wer will, wer soll, wer darf? Wer ist das Volk? Eine neue, andere Teilung wird sichtbar. Ein Teil der Deutschen fürchtet um das, was er für deutsch hält, er kann es schlecht beschreiben. Er klammert sich an Worte - Nation, Heimat, Abendland.

Ein anderer Teil, weltgewandt, kann damit nichts anfangen; deutsch, das ist für ihn deutsch-national und damit nationalistisch; Volk, das ist völkisch.

Ein Wettbewerb der Verdächtigung ist in vollem Gange. "Nazis" rufen die einen, "Volksverräter" die anderen. Wohin das führt?

Ungewiss.
Was hilft?
Vielleicht Johannes R. Becher lesen, Thomas Mann, Rudolf Augstein.
Oder: Hymnen singen? Vielleicht auch das. Wie wäre es mit der Kinderhymne?

insgesamt 7 Beiträge
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Seite 1
Sascha Zhivkov, 12.01.2017
1. Es gibt bis heute kein Denkmal der Einheit, 17 Jahre nach der Wiedervereinigung
Eine Debatte darüber gab es zwar, aber nicht prominent in allen Leitmedien, sondern nur als Randnotiz. Alleine dies sagt über die Seelenverfassung der "Deutschen" schon enorm viel aus. Und fangen Sie jetzt bitte nicht mit Steuergeldverschwendung an.
didi prokofjew, 12.01.2017
2. schöner Text
den man getrost als Denkvorlage nehmen kann. Etwas zu kurz kommt aus meiner Sicht jedoch der Hinweis auf Föderalismus und Lokalidentitäten, die für Deutschland genauso prägend sind. Als Ostdeutscher mittleren Alters, der die DDR als Teenager erlebt hat, merke ich natürlich andere Sozialisierung aufgrund politischer Systeme, dennoch glaube ich, dass Unterschiede zwischen Ost und West nicht nur politisch sind, sondern auch von lokalen Identitäten beeinflusst sind. So wie Bayern und Holsteiner unterschiedlich sind, sind es Sachsen und Rheinländer auch, der Sozialisierungsunterschied ob der deutschen Teilung kommt on Top. Aber, ich bin gerne Deutscher und lasse mir dies von niemand nehmen, noch gehe ich durch die Welt(die ich gut kenne) geduckt. Und mal ehrlich, auch wenn woanders das Wetter besser ist, das Essen besser schmeckt oder die Menschen vermeintlich freundlicher sind, am Ende gibt es wohl nur wenige Länder auf der Welt, wo man deutlich besser lebt. Die größte Stärke unseres Landes bzw. unseres Volkes ist vielleicht auch sein größter Fluch: In allem Tun schwingt der Hang zur perfekten Organisation und Abwicklung, des quasi Unbedingten, damit kann man Weltmeister bei Innovation, Verwaltung und Fortschritt sein, aber eben auch gnadenlose Mordpläne, genannt "Endlösung", perfekt umsetzen. Umgekehrt denke ich jedoch nicht, dass aufgrund des Holocaust Deutschland höhere moralische Maßstäbe an sich legen sollte, die weder erfüllbar sind, noch uns gut tun. Vor Deutschen sind wir vor allem Menschen mit Vorzügen und Makeln wie alle anderen auf der Welt. Wer meint, dass Deutsche höheren Maßstäben genügen müssten, um sich von vermeintlicher historischer Schuld reinzuwaschen, betreibt eigentlich eher das Geschäft der Erdenker des Holocausts, denn es würde bedeuten, dass wir Deutschen ethnisch, mental oder was auch immer, uns von anderen Menschen unterscheiden und uns immer aufs Neue unseres Menschseins vergewissern müssten. Ich schließe mit Adenauer...: "Man muss die Menschen nehmen wie sie sind, es gibt keine Anderen..."
Manfred Engelbart, 12.01.2017
3. Endlich eine normale Nation wie jede andere auch!
Für mich bedeutet die Wiedervereinigung die Wiederherstellung eines Normalzustands, denn gerade die Teilung war die Fortführung von deutschen Sonderwegen. Die Diskussion um die Nationalhymne zeigt im Rückblick, wie verkrampft man damals mit solchen Themen umgegangen ist und immer noch umgeht. Siehe wie die 'Flüchtlings'debatte in allen politischen Lagern heutzutage geführt wird. Und schließlich: gut, dass die süßlich sentimentale Kinderhymne damals nicht zur Nationalhymne wurde.
Johann-Georg Blomeyer, 14.01.2017
4. deutsche Nation
Typisch für uns sind die merkwürdig zweifelnden Gedanken an der Tatsache, dass es für alle Länder auch die Bezeichnung Nation gibt. Manche tun sich heute noch sehr schwer damit. So Indien, weil die Konzeption "Nation" eine westliche ist. Für mich, als gebürtigen Schwaben, ist die deutsche Nation selbstverständlich und gar nicht diskussionsfähig. Wir, die einzelnen Teile der deutschen Nation sind zusammen eine Familie und jeder gibt nach seinen Kräften. Der vorliegende Artikel scheint mir ein Auftragsartikel mit Zeilenhonorar zu sein. Es fehlt aber, die Entstehung des Gedankens "Nation" und ihre geschichtliche Entwicklung in den verschiedenen Ländern. Da hätte man noch fünf weitere Seiten schreiben können.
Andreas Kölling, 14.01.2017
5. So wenig Resonanz auf den Artikel?
Mir fehlt eine Auslotung dessen, was Deutschsein als gemeinsame Identität heute sein sollte. Sicher, Eigenschaften, wie "Okonomie in Denken und Handeln, einen Hang zur Unterordnung im System und zum Zweifeln" sind genauso effektiv im Führen von Angriffskriegen, wie in Naturkatastrophen als auch in der Konstruktion und Herstellung von weltmarktfähigen KFZ, Maschinen, Chemieprodukten oder Finanzprodukten. Beim Deutschseindürfen darf man ja nicht automatisch vom schlechtesten Umgang mit den nationalen Qualitäten ausgehen. Also, was bedeutet Deutschsein heute? Vielleicht auch als gemeinsames Verständnis für Funktionalität in einer bunteren Gesellschaft. Wo bleibt der Mut des Autors zur Präzision, das auch einmal in Worte zu fassen. Das soll keine Aufgorderung sein, sich zum Ausrufen einer Leitkultur gedrängt zu sehen!
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