AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 1/2017

70 Jahre SPIEGEL Als die Helden fielen

Von Jan Ullrich bis Franz Beckenbauer: Während der Spitzensport weiter seine Spektakel inszeniert, werden frühere Idole entzaubert. Es ist ein Jahrzehnt der Aufklärung im Illusionstheater Sport.

Frank Höhne/DER SPIEGEL


Franz Beckenbauer hat ein neues Hobby, er ist Winzer geworden. Er ist Miteigentümer eines Weinguts in der Nähe von Kapstadt, es heißt Lammershoek Farms & Winery, Beckenbauer hat dort ein eigenes Apartment. Er hält sich häufig dort auf. Der eigene Rotwein, den er kreiert hat, heißt "Libero No. 5" und kostet gut 60 Euro pro Flasche.

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Heft 1/2017
Wut kann man sich erarbeiten

Beckenbauer liebt die Welt der Winzer. Er besucht Weinmessen in Salzburg und Weinproben in Zürich. Er redet gern über Wein.

Noch vor einem Jahr war Beckenbauer in der Welt des Fußballs allgegenwärtig, als TV-Kommentator und Zeitungskolumnist hatte er zu allem etwas zu sagen. Dann kam die Sommermärchen-Affäre, und Beckenbauer tauchte ab.

Vorigen März besuchte ein Team von SPIEGEL TV Beckenbauer in seiner Wahlheimat im Salzburger Land. Die Reporter wollten mit ihm darüber reden, ob die WM 2006 gekauft war. Beckenbauer, der ehemalige Chef des WM-Organisationskomitees, wollte nicht reden, er sagte nur: "Ja, ihr habts ja einen Vogel", setzte sich ans Steuer und brauste davon, als wäre er auf der Flucht.

Nationalspieler Hoeneß, Beckenbauer 1974: "Ihr habts ja einen Vogel"
AP

Nationalspieler Hoeneß, Beckenbauer 1974: "Ihr habts ja einen Vogel"

Wenn man auf die letzten Jahre zurückblickt, fällt auf, dass dem Sport ein paar Idole abhandengekommen sind. Der Radprofi Lance Armstrong wurde lebenslang wegen Dopings gesperrt, die Sprinterin Marion Jones saß im Gefängnis, Real Madrid hat einiges an Steuervermeidung aufzuklären. Deutschland hat auch einiges zu bieten: den Doper Jan Ullrich, den Celebrity-Unfall Boris Becker, den abgetauchten Beckenbauer, dem man das Heldentum nicht mehr glaubt.

Vor allem der Kaiser liegt in der Landschaft herum wie eine schwer kontaminierte Altlast.

"Allianz gegen Franz" - ein Desaster

Der Europapolitiker Daniel Cohn-Bendit bezeichnete Deutschland einmal als "Franzland". Das war ein Jahr vor Beginn der Fußball-Weltmeisterschaft 2006, dem späteren Sommermärchen. Cohn-Bendit hatte eine Initiative namens "Allianz gegen Franz" gegründet. Es war ein Protest gegen die Kommerzialisierung des Fußballs, die er in der Person des damaligen Multifunktionärs Franz Beckenbauer auf die Spitze getrieben sah.

Die "Allianz gegen Franz" war ein Desaster. Niemand schloss sich an. Der Kaiser war einfach zu beliebt, er war der Weltmeister, der Weltmeistertrainer. Er konnte einen Ball von einem Weißbierglas aus in das rechte untere Loch der ZDF-Torwand schießen, das hatte er im "Aktuellen Sportstudio" vorgemacht.

Derzeit, mehr als zehn Jahre später, gibt es wieder eine Allianz gegen Franz. Sie wird angeführt von Steuerfahndern aus Deutschland und der Schweizer Bundesanwaltschaft, und damit ist klar: Das ist jetzt eine ernste Sache. Es wird gegen Beckenbauer ermittelt, unter anderem wegen der Sommermärchen-Affäre, die der SPIEGEL im Oktober 2015 lostrat. Es geht um die Frage: Was ist mit den 6,7 Millionen Euro passiert, die im Jahr 2002 über ein Konto Beckenbauers in der Schweiz auf ein Konto flossen, das einer Firma eines katarischen Skandalfunktionärs zuzurechnen war?

Beckenbauer könnte das Rätsel auflösen. Aber er schweigt. Oder er behauptet treuherzig, er habe keine Ahnung, was damals genau gelaufen sei, weil er all die Papiere und Verträge, die ihm im Rahmen der WM 2006 vorgelegt worden sind, nie gelesen habe. Ja, wirklich, so sei das gewesen.

Sagt der Franz.

Beckenbauer kommt aus einer sehr speziellen Welt, der Welt des Fußballs. Dort ist alles möglich. Wer gut kicken kann und Glück hat, der wird berühmt, verdient einen Haufen Geld, weil im Fußball, dem beliebtesten aller Spiele, irrsinnige Summen bezahlt werden. Wer helle genug ist, der macht, so wie Beckenbauer, nach der Karriere als Spieler auch noch Karriere als Funktionär. Beim DFB, bei der Fifa. Fliegt First Class durch die Welt, schläft in den besten Hotels. Und überall ist Geld.

Das große Illusionstheater

Beckenbauer hat dabei immer gern zugegriffen. Im Zuge der Sommermärchen-Affäre kam heraus, dass er Millionen für seine Arbeit als WM-Chef kassierte, obwohl er immer wieder beteuert hatte, als Ehrenamtler tätig gewesen zu sein. So verblasst die Heldenfigur Beckenbauer, die einst alles überstrahlte.

Der ganze Fußball, der ganze Sport erscheint plötzlich düsterer.

Sport ist in der Gesellschaft so präsent wie nie zuvor. Andererseits hat das Publikum noch nie so viele Skandale miterlebt wie in den vergangenen Jahren. Der Fifa-Skandal, die DFB-Affäre, das verlogene IOC, der Niedergang Olympias, das Staatsdoping in Russland: Nie hat sich der Sport als so korrupt und von Gier getrieben gezeigt wie in der letzten Dekade.

Der kommerzielle Sport ist ein großes Illusionstheater, und zum Job des SPIEGEL gehört, dass er hinter dessen Kulissen blickt. 1999 druckte das Magazin eine Geschichte, die das Doping im Team Telekom aufdeckte, für das auch das Radidol Jan Ullrich fuhr.


DER SPIEGEL

Auszug aus dem SPIEGEL vom 24. Juni 2013

Es begann mit einer Enthüllungsgeschichte, in SPIEGEL 24/1999. Der deutsche Radsportprofi Jan Ullrich, Gewinner der Tour de France 1997, hatte gedopt, und der SPIEGEL hatte dafür Zeugen. Ullrich erwirkte eine Gegendarstellung - und es folgte eine 14 Jahre dauernde Auseinandersetzung zwischen dem SPIEGEL und dem Sportler. Nachdem Ullrich 2012 von einem Sportgericht wegen Dopings schuldig gesprochen worden war, beschrieben zwei Reporter noch mal ihr langes Ringen um die Wahrheit. Die ganze Geschichte lesen Sie hier.


Kurz nach Erscheinen der Story ging ein Fax in der Redaktion ein, in dem stand, die Behauptungen seien unwahr, es gebe kein Doping beim Team Telekom. Der SPIEGEL wurde verklagt. Weil ein Kronzeuge absprang, mussten Gegendarstellungen gedruckt werden.

Die Journalisten, die die Geschichte recherchiert hatten, blieben dran. Es gab einen neuen Kronzeugen. Und 2007 erschien eine Titelgeschichte. Diesmal kam kein Fax, auch keine E-Mail. Stattdessen gestanden reihenweise Telekom-Fahrer, gedopt zu haben. Der ehemalige Telekom-Sprecher Jürgen Kindervater, der jahrelang öffentlich die Unwahrheit verbreitet hatte, entschuldigte sich beim SPIEGEL.

Die Lüge war schon immer ein fester Bestandteil des Sports. Ben Johnson war ein Lügner. Marion Jones war eine Lügnerin. Armstrong war ein Lügner. Ullrich auch. Beckenbauer? Man wird sehen.

Das schmutzige Geschäft ist jetzt schwieriger

Vielleicht dauert es wieder acht Jahre, bis auch die Sommermärchen-Affäre aufgeklärt ist. Aber irgendwann wird die Wahrheit auf dem Tisch liegen.

Große Verbände wie die Fifa, der DFB, das IOC oder der betrügerische Internationale Leichtathletikverband IAAF, dessen Präsident gegen Geld positive Dopingproben verschwinden ließ, sind klandestine, von Kameraderie und Gier durchsetzte Gebilde, die sich ihre eigenen Regeln gegeben haben. Jahrzehntelang konnten die Funktionäre, die es an die Spitze dieser Apparate geschafft hatten, ungestört mauscheln und tricksen.

Doch in den vergangenen Jahren ist ihr schmutziges Geschäft schwieriger geworden. Das FBI treibt die Fifa vor sich her. Steuerfahnder marschieren in der DFB-Zentrale in Frankfurt ein. Whistleblower offenbaren sich den Medien. Hacker knacken Datenbanken und E-Mail-Accounts.

Nach Jahrzehnten der Verklärung erlebt der Sport eine Ära der Aufklärung. Die abgeschottete Welt der Funktionäre, sie ist nicht mehr ganz so sicher.

Erst vor Monaten wurde von einer Gruppe namens "Fancy Bears" die Datenbank der Wada, der Welt-Anti-Doping-Agentur, gehackt und kurz darauf offengelegt, dass über hundert Spitzensportler Ausnahmegenehmigungen für Medikamente haben, die eigentlich auf der Dopingliste stehen.

Und der SPIEGEL wertete monatelang, zusammen mit internationalen Partnern, Datenmaterial aus, das die Enthüllungsplattform "Football Leaks" bereitgestellt hatte. Die Steuersparmodelle von Fußballstars wie Cristiano Ronaldo und Mesut Özil flogen auf.

In der Fußballbranche versuchte man, die Enthüllungen herunterzuspielen. Das Publikum aber reagierte heftig, emotional. Als Ronaldo nach der Veröffentlichung mit Real Madrid beim Clásico in Barcelona antreten musste, sangen die Zuschauer Spottlieder.

Vom Werte- zum Betrugssystem

Die Fans sind die ständigen Affären leid. Sport soll anders sein als der Alltag - sauber, gerecht, moralisch. Um Menschen, mit denen man sich identifizieren kann, darum geht es. Im Slum von Kapstadt kicken und Messi sein. Im staubigen Hochland von Äthiopien barfuß Langstrecke laufen und denken: Irgendwann bin ich Tirnesh Dibaba, die Weltmeisterin.

Es gibt wunderbare Sportgeschichten. Solche wie die des Turners Fabian Hambüchen, dem das Publikum jahrelang dabei zusah, wie er sich abrackerte für den einen ganz großen Moment am Reck. Und dann kam dieser Moment tatsächlich, beim olympischen Finale von Rio. Hambüchen gewann Gold.

Oder die Geschichte des tapferen Andreas Toba, der in Rio trotz eines Kreuzbandrisses für sein Team im Mehrkampf an das Pauschenpferd ging. Ein junger Athlet, der sich überwand für seine Kameraden. In solchen Storys bündelt sich alles, was der Sport sein kann: ein Wertesystem, das Teamgeist lehrt, Fair Play, Leistungswillen. Eine Lebensschule, eine Vorbildwelt, in der man einander achtet, füreinander einsteht.

Ja, diese Idealwelt gibt es wirklich. Tausende Ehrenamtler, die in Sportvereinen als Trainer arbeiten oder am Wochenende Kinder zu Wettkämpfen fahren, können davon berichten.

Trotzdem hat vor allem der Profisport seine Glaubwürdigkeit verloren. Er wird heute nicht mehr als Wertesystem wahrgenommen, sondern als Betrugssystem.

Daran sind Männer wie Beckenbauer schuld. Funktionäre wie der deutsche IOC-Präsident und ehemalige Fecht-Olympiasieger Thomas Bach, der sich nicht traute, die russischen Athleten von den Sommerspielen in Rio auszuschließen, obschon Beweise für ein gut organisiertes Staatsdoping in ihrem Land vorlagen.

Sepp Blatter, ein Sonnengott

Schuld sind auch Figuren wie Sepp Blatter, der inzwischen abgesetzte Fifa-Chef. Der Mann aus der Schweiz war in den vergangenen Jahren ebenso mächtig wie verhasst, weil er in seinem Weltverband mafiöse Strukturen zuließ und sich auch selbst die Taschen mit Geld vollstopfte.

Blatter hat selbst mal Fußball gespielt, irgendwo in der Schweizer Amateurliga. Er sei der "Uwe Seeler des Oberwallis" gewesen, sagte er einmal. Wie er auf diesen Vergleich kam, weiß kein Mensch. Blatter lebt in seiner eigenen Welt. Er glaubte tatsächlich, dass man ihm irgendwann den Friedensnobelpreis verleihen würde, nur weil er mit Fifa-Geldern ein paar Fußballplätze in Afrika bauen ließ.

Bis zum Schluss benahm er sich wie ein Sonnengott. Zum letzten Interview mit dem SPIEGEL, im vorigen Winter in einem Hotelrestaurant in Zürich, kam er im Dienstwagen. Ein Begleiter war dabei, über dessen ausgestreckten Arm Blatter seinen Mantel warf wie über einen Kleiderständer. Man hatte ihm seinen Lieblingstisch am Fenster mit schönem Blick auf die Stadt eingedeckt. Bevor das Interview begann, erschien wie bestellt ein älteres Ehepaar, das Blatter überschwänglich dankte für alles, was er für den Fußball getan hatte.

Sepp Blatter (2015): So mächtig wie verhasst
REUTERS

Sepp Blatter (2015): So mächtig wie verhasst

Kurze Zeit später wurde Blatter von der Ethikkommission der Fifa endgültig suspendiert und aus allen Ämtern vertrieben.

Fußball-Weltmeisterschaften und Olympische Spiele sind eigentlich großartige Sportfeste. Aber sie wurden von Geschäftemachern gekapert, von Gaunern und Winkeladvokaten. Die Fifa, das IOC haben sich inzwischen Reformen verschrieben, um sich zu erneuern. Das ist gut. Aber noch immer fehlt der erklärte Wille, dem Gigantismus, dem Milliardengeschacher endlich abzuschwören.

Das Feld der WM-Teilnehmer im Fußball soll künftig noch größer werden. Für die kommenden Winterspiele in Pyeongchang in Südkorea wurden gigantische, teilweise 500 Jahre alte Waldflächen niedergeholzt - für Skipisten.

Alles super an der Copacabana

Kurz vor Weihnachten traf sich das Exekutivkomitee des IOC in Lausanne, um ein Resümee der Sommerspiele in Rio de Janeiro zu ziehen. Die Sitzung dauerte drei Tage. Es kam dabei heraus: Alles war richtig super an der Copacabana. Olympia habe ein "großartiges Erbe" in der Stadt hinterlassen, hatte IOC-Chef Thomas Bach bereits unmittelbar nach den Spielen gesagt.

Was ist mit Bach los? Was ist mit diesen Leuten im IOC los? Auf welchem Planeten leben die?

Rio ist pleite seit Olympia. Die Gewalt ist in die Favelas zurückgekehrt. Die Krankenhäuser sind in einem noch jämmerlicheren Zustand als vor den Spielen.

Betrachtet man die drei Sommerspiele vor Rio, kann man wenig Gutes finden. Die verfallenen Wettkampfstätten der Sommerspiele von Athen 2004 passen perfekt zum traurigen Zustand des Landes. In Peking 2008 wurden Menschenrechte mit Füßen getreten. Die Spiele 2012 in London waren auf 3,2 Milliarden Euro kalkuliert - und kosteten am Ende fast 14 Milliarden.

Visual Story zum SPIEGEL-Jubiläum

Was also gibt es für das IOC zu feiern?

In westlichen Demokratien, so scheint es, ist Olympia inzwischen so gut wie tot. In München, in Hamburg, in Oslo, in Boston, in Rom, in Krakau: Überall entschieden sich entweder Bürger oder Politiker gegen eine Olympia-Kandidatur.

Die nächsten Sommerspiele werden in Tokio ausgetragen. Die Menschen in der Stadt jubelten, als sie vor drei Jahren den Zuschlag vom IOC erhielten. Doch mittlerweile ist die Finanzierung außer Kontrolle geraten. Wegen der Kosten für alle möglichen neu zu bauenden Arenen, für die es dann nach Olympia keine Verwendung mehr gibt.

Usain Bolt, die große Konstante im Weltsport

Olympische Spiele sind ein aus der Zeit gefallener Event. Ein Relikt, über das die Generation Facebook nur noch den Kopf schütteln kann. Dieses ganze Aufmarschieren und Fahnengeschwenke, die hohlen, pathetischen Reden, das Funktionärsgepränge, die Medaillenzählerei - es bewegt sie nicht mehr. Es rührt sie nicht an.

Der einzige Grund, warum es Olympia überhaupt noch gibt, warum TV-Sender und Sponsoren dafür noch immer Milliarden bezahlen, sind die großen Athleten, die Menschen, die aus dem Nichts kommen und zu Stars geworden sind.

Vor zehn Jahren reiste eine Gruppe Journalisten aus Europa nach Kingston, in die Hauptstadt Jamaikas, um über den Sprinter Asafa Powell zu berichten. An einem Abend gab es ein großes Essen. Irgendwann gesellte sich ein anderer drahtiger Athlet zu der Runde. Der junge Mann, auch ein Sprinter, flirtete ein bisschen mit einer schönen Frau, die neben ihm saß, trank ein Bier und sogar noch ein Bier und ging anschließend in einer Bar tanzen.

Usain Bolt (2016 in Rio): Attraktion des Sports
REUTERS

Usain Bolt (2016 in Rio): Attraktion des Sports

Am nächsten Tag sahen die Journalisten ihn beim Training wieder. Er lief barfuß über eine Wiese und zog Autoreifen hinter sich her.

"Er wird der neue Weltrekordler", sagte ein Trainer. Die Reporter zuckten mit den Schultern.

Zwei Jahre später rannte der schlaksige Läufer tatsächlich zum Weltrekord, er wurde dreifacher Olympiasieger in Peking, in London und nochmals in Rio.

Wenn es eine große Konstante gibt im Weltsport der vergangenen zehn Jahre, dann ist es Usain Bolt. Er war immer da. Er war immer der große Gewinner. Er ist die Attraktion des Sports. Bolt ist größer als Messi. Er ist der schnellste Mensch aller Zeiten. Immer wenn er bei Olympischen Spielen in den Startblock trat, hielt die Welt den Atem an.

Was heißt schon sauber?

In der Figur Bolt zeigt sich aber auch das ganze Dilemma des Sports: Bolt fasziniert die Menschen, weil nie ein Läufer so schnell, so dominant und dabei so lässig war wie er. Er irritiert die Menschen, weil man sich nicht vorstellen kann, dass es ausgerechnet bei diesem Ausnahmeathleten mit rechten Dingen zugehen soll.

In den vergangenen Jahren wurden viele große Sprinter des Dopings überführt, Justin Gatlin, Tyson Gay, Tim Montgomery. Bolt wurde hundertfach getestet, immer waren die Proben negativ. Aber heißt das, er ist sauber?

Die wahren Heldengeschichten des Sports werden heute zeitversetzt geschrieben.

Die Doping-Nachtests von Peking haben ergeben, das 37 Medaillengewinner seinerzeit gedopt waren. Die Nachtests von Olympia in London haben bisher ergeben, dass 9 Sieger betrogen haben.

In einigen Jahren wird man wissen, welche Gewinner in Rio Lügner waren. Erst dann kann abgerechnet werden. Es gibt immer neue, bessere Methoden, im eingelagerten Urin der Sportler verbotene Substanzen aufzuspüren.

Man wird auch die Proben Bolts immer wieder nachkontrollieren.

Vielleicht geht er wirklich als Wunderläufer in die Geschichte ein. Wenn aber doch noch eine Probe auftauchen sollte, die das Gegenteil beweist - das wäre der Moment, in dem im Sport endgültig das Licht ausgeht.

Ausgehen müsste, jedenfalls.

insgesamt 4 Beiträge
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Seite 1
Alois Schwinghammer, 04.03.2017
1. Stimme zu
Endlich wieder ein Bericht im spon, den man gerne liest. Man wird fast an vergangene Zeiten, was gute Berichte anbelangt, erinnert.
Wolfgang Rui, 04.03.2017
2. Provozierte Lügen?
Die Lüge war schon immer ein fester Bestandteil des Sports.. Nicht nur des Sports, sondern des Lebens. Und die Lüge wird immer wichtiger und mächtiger, je mehr man durch sie erreichen kann. Und dann wird sie auch gefährlich, denn alles, was man nur mit der Lüge erreichen kann, ist höchstwahrscheinlich schädlich für andere. Lügen ist per se nichts besonderes, nicht mal was unanständiges. Sondern etwas total menschliches, etwas völlig normales. Kinder belügen die Eltern und die Lehrer, Eltern belügen ihre Kinder, der Chef belügt den Arbeiter und umgekehrt, der Ehemann die Ehefrau... Solange die Lüge niemandem schadet, ist sie unschädlich. Unanständig ist es aber, mit Kenntnis der Wahrheit unter Vortäuschung der Unkenntnis eine Frage zur Wahrheit zu stellen, in der Hoffnung, dass der/die Befragte lügt.. um ihm dann zu schaden!
Carl Thilke, 05.03.2017
3. Persona non grata
Lasst's mir den Franz Beckenbauer zufrieden. Wie immer er das Sommermärchen ins Land holte, er handelte ganz klar nach marktwirtschaftlichen Prinzipien. Uns alle, alle, haben sie daran verdient. Was also soll das Getue?
Patrick Pajot, 06.03.2017
4. a) Interessant & b) Ärgerlich
a) Interessanter Artikel zu wichtigem Thema. b) Ärgerlich, dass Sie hier Boris Becker aufzählen. Er ist seit einigen Jahren rehabilitiert. Über die Tennisszene sollten Sie etwas besser Bescheid wissen, wenn Sie einen Sportbericht verfassen. Auch steht ein Roger Federer von der globalen Reputation her weit über einem Usain Bolt.
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