70 Jahre SPIEGEL "Ich besaß einen Koffer und ein Feldbett"

Hildegard Neef war von 1947 bis 1951 die Frau im SPIEGEL, die erste Redakteurin. im Interview berichtete sie, wie sie den Magazin-Dummy zusammenklebte und warum Schreibmaschinen sorgfältig weggeschlossen wurden.

Hildegard Neef (1932-2007) blättert in ihrem Wohnzimmer in Hannover in einer Ausgabe des SPIEGEL-Vorläufers "Diese Woche" (Foto von 2005)
Heinz Egleder

Hildegard Neef (1932-2007) blättert in ihrem Wohnzimmer in Hannover in einer Ausgabe des SPIEGEL-Vorläufers "Diese Woche" (Foto von 2005)

Ein Interview von Britta Sandberg


Zur Person
Hildegard Neef (1922-2007) war von 1947 bis 1951 die erste Redakteurin beim SPIEGEL und lange Zeit auch die einzige Frau in dieser Funktion. Im März 1946 hatte sie unter Anleitung des britischen Besatzungsoffiziers John Seymour Chaloner einen Dummy des SPIEGEL-Vorläufers "Diese Woche" erstellt. Das Interview führte SPIEGEL-Redakteurin Britta Sandberg im Jahr 2006. SPIEGEL ONLINE gibt hier anlässlich des 70. SPIEGEL-Geburtstags eine gekürzte Version wieder.

SPIEGEL: Sie haben im Auftrag der British Army das allererste Muster gebaut, das zum Vorbild des SPIEGEL wurde. Wie kam es dazu?

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Heft 1/2017
Wut kann man sich erarbeiten

Neef: Ich hatte in Lingen als Sekretärin und Dolmetscherin für die britische Militärregierung gearbeitet. Dadurch wurde Major John Seymour Chaloner auf mich aufmerksam. Er sagte, dass er ein Magazin starten würde - ob ich Lust hätte, mit nach Osnabrück zu kommen. Damals hatte man ja nicht viel mehr als seine sieben Sachen in einem Köfferchen und konnte sehr schnell den Ort wechseln. Ich ging also mit.

Hildegard Neef Ende der Vierzigerjahre
Leo Brawand

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SPIEGEL: Und dort entstand der berühmte Dummy?

Neef: Genau. Chaloner zeigte mir eine Zeitschrift und sagte: "Etwas Ähnliches stelle ich mir für Deutschland vor." Wir bastelten daraus also ein Muster: schnitten Artikel aus der Vorlage aus, schrieben einige auch selber, machten einen Umbruch und Zeichnungen. Zusammengeklebt habe ich das dann allein. Gesetzt wurde er in der "Osnabrücker Zeitung", in deren Redaktion waren wir ja zu Gast. Aber ich kann mich um nichts in der Welt an den Namen der Vorlage erinnern. Rudolf Augstein sagte einmal, wir hätten uns "Time" zum Vorbild genommen, aber das stimmt nicht. Zu dem Zeitpunkt kannte ich "Time" noch gar nicht. Ich kannte nur englische Zeitschriften und Magazine. Ich meine, unser Vorbild hätte "The Sweet" geheißen und ging nach wenigen Ausgaben pleite. Das war das Urbild des SPIEGEL.

SPIEGEL: Wie ging es dann weiter für Sie beim Blatt?

Neef: Ich bin erst im Januar 1947 nach Hannover gekommen, wo die Redaktion bis dahin die Zeitschrift "Diese Woche" produziert hatte. Deren Ende war da schon eingeläutet. Da wurde krampfhaft nach einem neuen Titel gesucht, das weiß ich noch. Das erste, was ich hörte, war die Frage: "Wie finden Sie denn 'Der Spiegel'?" Fand ich gar nicht so besonders. Früher gab es viele so genannte Damenzeitschriften mit ähnlichen Titeln, "Silberspiegel" und so. Die waren nicht mein Geschmack.

SPIEGEL: Können Sie sich an ihren ersten Arbeitstag erinnern? Wie sah die Redaktion aus, wie waren die Einrichtung und die Stimmung?

Neef: Ich bin mit dem Zug in Hannover angekommen, besaß einen Koffer und ein Feldbett. Das hatte mir der ehemalige Chef der englischen Militärregierung geschenkt, es hat mich eine Weile begleitet. Zu der Zeit waren Betten knapp. Es war bitterkalt. Ich kam da rein und da fand gerade die Diskussion um den neuen Titel statt. Wir saßen oben im Anzeiger-Hochhaus als geduldete Mieter der Firma Osram und hatten sehr primitive Arbeitsmöglichkeiten. Die Schreibmaschine war etwas Kostbares, die musste abends sehr sorgfältig eingeschlossen werden. Wir haben uns eigentlich alle recht gut verstanden. Diese Redaktion war ja mehr oder weniger unsere Heimat.

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SPIEGEL: Rudolf Augstein war damals sehr jung und trotzdem schon in führender Position tätig. Wie hat man ihn in der Redaktion wahrgenommen?

Neef: Er war ein Mann mit vielen Gesichtern, würde ich sagen. Er konnte sehr kumpelhaft, aber auch mimosenhaft empfindlich sein. Es war nicht leicht, bei ihm zum richtigen Zeitpunkt den richtigen Ton zu treffen. Er war ein begnadeter Schreiber, aber er konnte extrem schwierig sein als Chef. Es war nicht so einfach, mit ihm zu arbeiten. Dazu kam dann, dass er die Kollegin Lore Ostermann heiratete. Ein Kind kam dazu, die Ehe lief nicht gut, und so etwas wird ja zum Teil auch in den Geschäftsräumen ausgetragen. Damals jedenfalls.

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SPIEGEL: Sie waren dann die erste festangestellte Redakteurin?

Neef: Genau. Wir waren schon ein recht zusammengewürfelter Haufen junger Menschen. Einige Ältere waren auch dabei, so Mitte bis Ende 40. Damals kamen die uns sehr alt vor. Einige dieser Redakteure mussten dann später gehen, weil sie aus der Nazizeit belastet waren. Wir waren um die 30, 40 Journalisten. Eigentlich alle recht unbedarft und unbeleckt. Nach dem Motto "learning by doing" haben wir uns Technik und Stil selbst beigebracht.

SPIEGEL: Eine Frau als Redakteurin, das war ja relativ selten damals, zumal in einer Festanstellung wie bei Ihnen. Fanden Sie das selbst ungewöhnlich?

Neef: Nein. Ich habe mich als Frau nie zurückgesetzt gefühlt. Ich habe mich nie so gefühlt, dass die armen Frauen immer hintanstünden, wie manche sagen. Ich habe natürlich auch nie von Männern verlangt, dass sie mir in der Redaktion den Mantel an den Haken hängen. Und ich habe gearbeitet wie die Männer. Ich habe es nicht besonders gefunden, nein. Vor allem, weil ich meine erste Tätigkeit viel anspruchsvoller fand. Ich hatte als Greenhorn im englischen Militärgericht gedolmetscht, und das war wirklich eine Herausforderung. Im Gegensatz dazu hat mich die Arbeit beim SPIEGEL nicht besonders beeindruckt.

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insgesamt 5 Beiträge
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Seite 1
Peter Quer, 06.01.2017
1. der junge Augstein
sieht dem Sohn Jakob ähnlich. Nein. Umgekehrt. Das ist ein Hoffnungsschimmer. Denn Jakob Augstein dürfte als einer der ganz wenigen wirklich Klugen in unserer Zeit in die Geschichte eingehen. Sofern wir noch eine solchene schreiben.
wolf bezuidenhout, 07.01.2017
2.
Es wäre interessant etwas mehr über Hildegard Neef zu erfahren
Regina Bernat, 07.01.2017
3.
Danke schön für diese interessante Serie aus den Spiegel- Anfangszeiten! 70 Jahre jung- damals gegründet kurz nach dem Krieg...mit besonderen Vorzeichen auch! Das ist die Geschichte der BRD bis heute! WIE haben die Verhältnisse sich geöämdert? Haben sie das? Oder muss ein Neueinsteiger immer noch mit Köfferchen und Klappbett froh sein, in der Redaktion ein Zuhause zu finden?
Herbert Normann, 07.01.2017
4. Zurück zu den Quellen?
Dolmetschen war sicherlich anspruchsvoller als "genehmigte" Texte aufzubereiten. Aber die - heute freiwillige (?) - Zensur funktioniert doch schon wieder: Der einst so kritische SPIEGEL, den ich seit etwa Mitte der 50er Jahre mehr oder minder regelmässig lese, bringt doch aktuell auch nur noch Einheitstexte, die neudeutsch "politisch korrekt" sind. Der Medienvorbehjalt der Alliierten, den das Merkel bis 2099 verlängert hat, greit halt auch beim SPIEGEL. Eigentlich schade......eigentlich......
Hansdieter Vergib, 07.01.2017
5.
Sehr gut. Hut ab vor Frau Hildegard Neef. Das erinnert mich an meine Kindheit und die immer wiederkehrende Frage: "Wie schaffen wir das." Wenn ich da an all die "armen Menschen" von heute, mit ihrem "Burn-out-Syndrom" denke? Na ja!
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