"Unternehmen Barbarossa" Massenmord in der Kornkammer

Zielvorgabe: "Verhungern!" Hitlers Feldzug gegen die Sowjetunion war von Beginn an als Vernichtungskrieg konzipiert - Agrarspezialisten entwarfen Monate vor dem Angriff einen perfiden Plan, der den Hungertod von Millionen in Kauf nahm. Besonders grausam traf es das eingeschlossene Leningrad.

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Die Wehrmacht eilte von Sieg zu Sieg, sie hatte Polen in sechs Wochen besiegt, doch Herbert Backe befürchtete das Schlimmste. Den Deutschen drohe ein "Zusammenbruch der Ernährungswirtschaft im Laufe des zweiten Kriegsjahres", prognostiziert er im Frühjahr 1940 düster, genau "wie 1918". Und am 19. Mai, als Hitlers Armee gerade triumphal und mit wahnwitziger Geschwindigkeit Frankreich überrollte, notierte Backe nervös: "Wenn der Krieg über zwei Jahre dauert, ist er doch verloren!"

Herbert Backe, seit 1923 Mitglied in der NSDAP und SA, war weit davon entfernt, ein Kritiker des Regimes zu sein. Doch der Erste Weltkrieg bedeutete für ihn ein Trauma: Nicht nur, weil er als preußischer Staatsbürger, im Kaukasus geboren, vier Jahre in einem sibirischen Gefangenlager verbringen musste. Sondern vor allem, weil das Kaiserreich am Ende nicht mehr in der Lage gewesen war, seine Bürger zu ernähren. Die Lebensmittelpreise waren explodiert und Hunderttausende verhungert. 1918 war Deutschland ausgezehrt, kriegsmüde und revolutionär - und genau vor solchen Zuständen hatte Herbert Backe im Frühjahr 1940 Angst.

Denn der 44-Jährige mit der hohen Stirn und dem dünnen, akkurat nach hinten gekämmten Haar arbeitete als Staatssekretär im Reichsministerium für Ernährung und Landwirtschaft - mit einem wichtigen Auftrag: Er sollte verhindern, dass sich die Geschichte wiederholt. Doch anfangs sah es genau danach aus. Die britische Seeblockade war effektiv und schnitt Deutschland schon in den ersten Kriegsmonaten von etwa zwei Dritteln seiner Importe ab. Der NS-Staat musste schon bald seine Lebensmittelreserven antasten und war abhängig von russischen Getreideeinfuhren.

"Das größte Sterben seit dem Dreißigjährigen Krieg"

Hitlers Überfall auf die Sowjetunion vor 70 Jahren war daher weniger ein vom blinden Hass getriebener, ideologischer Feldzug gegen den Kommunismus als ein kühl kalkulierter Angriff aus wirtschaftlichen Motiven. Und mit dem "Unternehmen Barbarossa" schlug auch die Stunde von skrupellosen Agrarspezialisten wie Herbert Backe, die Antworten auf die Frage finden mussten, wie drei Millionen Wehrmachtssoldaten komplett "aus dem Land" ernährt werden sollten.


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1941 - Ein Jahr, das die Welt verändert. Hitlers Soldaten fallen in der Sowjetunion ein, Stalin ruft den Großen Vaterländischen Krieg aus. Hinter den Fronten des Vernichtungskriegs beginnt der Völkermord.


Mit deutscher Gründlichkeit entwarfen Backes Technokraten im "Wirtschaftsführungsstab Ost" einen in seiner Radikalität einmaligen Plan zum Massenmord durch Hunger. In der Logik der Nationalsozialisten verbesserte dabei jeder verhungerte russische Zivilist und Kriegsgefangene die Versorgungslage der eigenen Truppen und der Deutschen in der Heimat. Die Bevölkerung von Städten und unproduktiven Regionen sollten nach dem Willen der NS-Ernährungsplaner millionenfach verenden. Selbstzufrieden kündigte Luftwaffen-Chef Hermann Göring der Sowjetunion 1941 schon einmal das "größte Sterben seit dem Dreißigjährigen Krieg" an.

Es waren heute nahezu vergessene Bürokraten wie Staatssekretär Backe, die solch martialische Vorgaben in kühle Planspiele und Statistiken übersetzten. "Der Kriege ist nur weiter zu führen, wenn die gesamte Wehrmacht im 3. Kriegsjahr aus Russland ernährt wird", hielten die Staatssekretäre bei einem Treffen am 2. Mai 1940 fest. "Hierbei werden zweifellos zig Millionen Menschen verhungern, wenn von uns das für uns Notwendige aus dem Land herausgeholt wird."

30 Millionen "überflüssige Esser"

Nur drei Wochen später entwarfen Backe und seine Mitarbeiter detaillierte, von Hitler persönlich genehmigte Richtlinien für die "Wirtschaftsorganisation Ost, Gruppe Landwirtschaft." Einen Monat vor dem Überfall auf die Sowjetunion existierte damit ein genaues Szenario, intern "Backe-Plan" genannt, der eine völlige Umstrukturierung der Versorgung bedeutete. Im Kern war es ein Entwurf zum Völkermord.

Die Ausgangsüberlegung war die Frage, warum Russland vor drei Jahrzehnten weit mehr Getreideüberschüsse erwirtschaftet hatte als in den vergangenen Jahren. Die Antwort der Fachleute klang harmlos: Der Rückgang sei nicht auf eine geringere Produktion oder geschrumpfte Anbauflächen zurückzuführen, sondern auf das Wachstum der Bevölkerung um 30 Millionen Menschen. "Damit ist der wesentliche Teil des Problems gekennzeichnet", heißt es im "Backe-Plan", entscheidend für die Überschüsse sei "nicht die Höhe der Ernte, sondern die Höhe des Selbstverbrauchs".

Die Konsequenz, die die Experten aus dieser nüchternen Analyse zogen, hätte radikaler nicht sein können: Wenn die Bevölkerung um Millionen schrumpfte, könnten die alten Überschüsse wieder erzielt werden. Nicht zufällig sagte SS-Chef Heinrich Himmler 1941, der eigentliche Zweck des Russlandfeldzuges sei "die Dezimierung der slawischen Bevölkerung um 30 Millionen."

Radikale Umverteilung

Backes Ernährungsplaner teilten nun die Sowjetunion in zwei Regionen ein: Ein "Überschussgebiet", das den Kaukasus und den gesamten Süden und Südosten der Sowjetunion umfasste. Und ein landwirtschaftlich unproduktives "Zuschussgebiet", der riesigen "Waldzone" in Mittel- und Nord- und Weißrussland mit ihren Industriezentren Moskau und Leningrad.

Die deutschen Besatzer, so empfahlen Backes Richtlinien, sollten nun die Umverteilung zwischen den Kornkammern und den kargen Regionen des Riesenreiches beenden - und die Überschüsse lieber nach Deutschland leiten. Die Konsequenz war ihm bewusst: "Daraus folgt zwangsläufig ein Absterben sowohl der Industrie als auch eines großen Teiles der Menschen in den bisherigen Zuschussgebieten." Besonders die Stadtbevölkerung werde "größte Hungersnot" erleiden - doch jegliche Versuche, die Menschen vor dem Tod zu retten, seien abzulehnen, denn sie "unterbinden die Durchhaltekraft Deutschlands".

Der Geist dieser Empfehlungen wurde auch auf unterer Ebene mit Begeisterung aufgenommen. So berechnete etwa Diplomforstwirt Eugen von Engelhardt die Situation für Weißrussland: "Stadtbevölkerung: 2.000.000", schrieb er in eine Tabelle - und notierte daneben handschriftlich eine zynische Zielvorgabe: "Verhungern!" Auch von der 8,6 Millionen zählenden Landbevölkerung sollte seiner Meinung nach die Hälfte sterben. Etwa eine Millionen "anspruchslose und willige" Landarbeiter könnten jedoch aus Weißrussland als Zwangsarbeiter eingesetzt werden.

Massensterben in Leningrad

Die Vernichtung durch Unterversorgung war nur eine Facette einer gnadenlosen Wirtschaftspolitik, mit der die Nationalsozialisten ihre besetzten Länder überall in Europa ausbeuteten, indem sie tonnenweise Gold, Diamanten und Kunstschätze raubten, den eroberten Staaten horrende Kriegstribute auferlegten, die Wechselkurse zu Gunsten der Reichsmark manipulierten und ein Heer von Arbeitssklaven in die Heimat schickten. Allein die Agrarpolitik kostete Millionen Menschen das Leben, denn es blieb nicht bei den brutalen Ankündigungen der Ernährungsplaner.

Schon zwei Monate nach dem Überfall auf die Sowjetunion begann die Wehrmacht, Leningrad systematisch auszuhungern statt zu erobern. 500.000 Soldaten der Heeresgruppe Nord kesselten die ehemalige Residenz der russischen Fürsten ein. Zerstört vom Hagel der Artillerie und den Bomben der Luftwaffe hätte die Wehrmacht die Stadt einnehmen können. Doch Hitler befahl persönlich, dass selbst bei einer Kapitulation "kein einziger deutscher Soldat" Leningrad betreten solle, um die Menschen dort nicht ernähren zu müssen. An der "Erhaltung" der dreieinhalb Millionen Einwohner, wie er das Todesurteil für Hunderttausende euphemistisch nannte, bestehe "kein Interesse".

Insgesamt 871 Tage hielten die Deutschen den Ring um der Stadt aufrecht. In Leningrad spiele sich "ein Stadtdrama ab, wie es die Geschichte noch nicht gekannt hat", notierte Goebbels nicht ohne Stolz. In ihrer Verzweiflung mordeten die Eingeschlossenen für ein paar Gramm Brot, sie aßen Zeitungen, Schimmel, Ratten, ja selbst Menschenfleisch. 500 mutmaßliche Kannibalen wurden standrechtlich erschossen. Geschwächt von der Unterernährung und Temperaturen von minus 40 Grad überlebten mehr als eine Millionen Menschen die Blockade nicht.

420 Kalorien am Tag

Leningrad war nur die konsequenteste Umsetzung der deutschen Hungerpolitik. Auch in anderen Städten schwangen sich die deutschen Behörden zum Richter über Leben und Tod auf und ließen systematisch "überflüssige Esser" verhungern. Sie erstellten penible Pläne, wer wie viel Essen erhielt: Gesunde Arbeiter, die für die Besatzer noch schuften konnten, wurden besser versorgt. Kranke, Schwache oder Juden erhielten hingegen oft nur die Hälfte der ohnehin kargen Rationen, die in Weißrussland zeitweise bei 420 Kalorien am Tag lagen. Und Dörfer, die nach Einschätzung der deutschen Verwaltung zu wenig Ertrag abwarfen, wurden unter dem Vorwurf der Partisanenbekämpfung oftmals abgebrannt und ihre Bewohner verschleppt oder erschossen.

Den Besatzern mangelte es hingegen selten an Verpflegung. Sie schickte Züge voller Getreide ins Deutsche Reich. Als im weißrussischen Brest 1942 die Brotration für die Bevölkerung auf 100 Gramm gesenkt wurde, verfütterte die örtliche Verpflegungsstelle des Heeres noch Roggen und Weizen an ihre Pferde. Und während Wehrmachtssoldaten ihren Angehörigen Verpflegungspäckchen schickten und in Feldpostbriefen von Fressgelagen schwärmten, starben allein bis Mai 1942 mehr als zwei Millionen russische Kriegsgefangene, viele von ihnen an Hunger. Langfristig, so das Kalkül der Nationalsozialisten, sollten die Millionen Tote Platz machen für die Neubesiedlung des Ostens durch die "arische Herrenrasse".

Und Herbert Backe, der Diplomlandwirt, der maßgeblich an der Planung dieser Hungerpolitik beteiligt war? Er wusste von Beginn an, dass er ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit begangen hatte. Man müsse gut aufpassen, schrieb er 1941 über seine Ernährungsplanspiele, dass der Feind nichts mitbekomme: "Er darf nicht zitieren können", nur gesprochenes Wort sei "unschädlich".

Trotz aller Vorsicht wurde Backe, 1944 noch zum Reichsminister für Ernährung aufgestiegen, nach dem Krieg verhaftet und sollte in Nürnberg vor Gericht gestellt werden. Kurz vor Prozessbeginn hängte er sich in seiner Gefängniszelle auf.



insgesamt 15 Beiträge
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Robert Wiestler, 14.06.2011
1.
Schlechter weil sehr einseitiger Artikel. Passt dadurch aber ins Schema der Artikel von einestages zum 3. Reich. Leningrad wurde belagert und nicht erobert weil man einen kostspieligen Häuserkampf vermeiden wollte. Und dass die Zivilbevölkerung von Leningrad so leiden musste, lag vor allem an Stalin, der eine Evakuierung der Stadt ablehnte weil seine Soldaten so angeblich besser kämpfen würden. Die Bildunterschriften sind das Schlimmste. Bild 10 zeigt einfach nur Infanterie und einen Panzer in Stellung. Das unbeschädigte Bauernhaus wird nicht beschossen, es findet hier kein Verbrechen gegen die Bevölkerung statt. Und auch das brennende Haus auf Bild 14 ist kein Beleg für Kriegsverbrechen der Wehrmacht. Die "großzügige Auslegung" von Bildern im Sinne der eigenen These sollte spätestens seit der Wehrmachtausstellung vermieden werden. Der verbrecherische Charakter von Unternehmen Barbarossa steht außer Frage aber das heißt noch lange nicht, dass man wissenschaftliche Standards missachten darf. Wer sich wirklich in die Thematik einlesen will, sollte sich auf wissenschaftliche Literatur verlassen, etwa von Ueberschär oder Rolf-Dieter Müller.
Bernd Kulawik, 14.06.2011
2.
Zur Belagerung Leningrads und der Haltung der deutschen Truppen zum Aushungern der Stadt hätte man doch mal einen Zeitzeugen befragen können, der sich auch sonst gern in der Öffentlichkeit zu allem und jedem äußert: Helmut Schmidt. Aber da könnte ja vielleicht bekannt werden, dass er sich von seinem (Mit)Tun als Wehrmachtsoffizier nie öffentlich und deutlich distanziert oder seine Taten an der "Ostfront", z.B. eben vor Leningrad, je bereut hätte ? Welch eine schändliche Feigheit!
Johannes Neef, 12.06.2011
3.
Meine Familie hat einen hohen Blutzoll,erbringen müssen. In den Jahren 1940-1942 sind 3 Brüder in den Tod gegangen sie waren alle junge Männer, die niemals einen Familie gründen konnten. Die ausser Soldat sein nichts Erleben durften.Krieg kann niemals Gerecht sein, Krieg ist ein Verbrechen, niemals mehr Krieg. Und 60 Jahre später sind wir schon wieder im Krieg,man nennt ihn anders, aber es ist und bleibt ein Verbrechen.
Bodo Kälberer, 12.06.2011
4.
Man hat sich daran gewöhnt, dass Menschen zum eigenen Vorteil im großen wie im kleinen Maßstab töten. Aber der pathologische Sadismus des Nationalsozialismus erschüttert in seiner Bösartigkeit immer wieder neu.
Sissi Helmut, 13.06.2011
5.
Hitlers Helfer, Hitlers Frauen, Hitlers Agrarökonomen. Und dann? Hitlers Bettwäsche, Hitlers WC-Vorleger? Im Namen meiner Gleichaltrigen fordere ich eine Woche Hitler-Frei, sowie eine Hitler-Sommer-Pause! Warum muss ich jeden Tag den östereichichen Oberlippenbartseitenscheiltelidioten sehen?
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