75 Jahre Autokino Parkplatz in der Traumfabrik

75 Jahre Autokino: Parkplatz in der Traumfabrik Fotos
Getty Images

Parken, träumen, knutschen: Vor 75 Jahren wurde das erste Autokino eröffnet. Heute sind die Leinwände unter freiem Himmel längst Nostalgie. Schuld am Niedergang des Open-Air-Kinos war die Einführung der Knüppelschaltung. Von Philipp Kohlhöfer

  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren
    2.9 (864 Bewertungen)

Ich gebe es zu: Ich habe noch nie das Verlangen gehabt, ein Autokino zu besuchen. Zumindest nicht so stark, dass ich wirklich mal hingegangen wäre. Nun wurde das Kino in meiner Stadt vor kurzem geschlossen und ich erwische mich dabei, wie ich das auf einmal schrecklich schade finde. Autokinos sind ja schon romantisch - irgendwie.

Andererseits weiß ich gar nicht, ob das stimmt. Meine Autokino-Kenntnisse speisen sich ausschließlich aus Hollywood-Filmen. Kann Autokino noch romantisch sein, wenn der Wagen kein Cadillac ist, sondern ein alter Golf oder ein Fiat Uno? Und wenn die Frau Jeans trägt statt diese Röcke, die in den fünfziger Jahren modern waren? Und wenn es plötzlich anfängt zu regnen?

Vor Jahren habe ich "Ein Schweinchen namens Babe" im Kino gesehen. Ich mochte den Film und fand ihn witzig. Ich habe danach tatsächlich eine Zeit lang keinen Schinken gegessen.

Lob der Anonymität

Ich war der Einzige im Kino, der älter war als zehn Jahre - zumindest der Einzige, der kein Kind dabei hatte. Damals habe ich mir doch sehr gewünscht, in der Anonymität eines Autokinos verschwinden zu können. Denn die vielen Eltern sahen mich an, als sei ich ein mieser Päderast. So kam denn auch ein Vater auf mich zu und fragte, was ich im Kino wolle. Meine Antwort ("Den Film sehen") schien ihn für eine Sekunde zu verwirren. Dann zeigte er mir, wo sein Sohn saß und kam so nahe an mein Gesicht heran, als wolle er mich küssen. "Solltest du näher an das Kind heranrücken, als fünf Kinosessel, dann Gnade dir Gott, das verspreche ich dir."

Hätte ich damals in meinem Wagen gesessen, in einem Autokino irgendwo draußen vor der Stadt, wäre das nicht passiert. Ich hätte meine Ruhe gehabt - dafür wurde das Autokino schließlich erfunden.

Zumindest scheint es so. Warum sonst hätte der Filmliebhaber Richard Hollingshead im Mai 1929 oder 1930 einen Projektor auf das Dach seines Wagens stellen sollen, um einen Film auf sein Garagentor zu projizieren und ihn sich vom Fahrersitz aus anzusehen. Böse Zungen behaupten allerdings, dass der Mann sich keineswegs um Filme scherte, sondern nur einen Weg suchte, um sein Geschäft bekannter zu machen. Hollingshead betrieb einen Handel mit Autopflegemitteln und war wohl der Ansicht, dass er mehr absetze, wenn er den Kunden nach dem Einkauf noch einen Film zeigte. Er selber fand die Idee so gut, dass er sie unter der Nummer 1.909.537 zum Patent anmeldete.

Sound aus der Zapfsäule

1933 eröffnete Hollingshead dann in Camden, New Jersey, das erste Autokino der Welt. Er nannte es schlicht "Drive-In Theatre". Das Open-Air-Kino hatte Platz für 335 Fahrzeuge, als Leinwand benutzte Hollingshead eine weiß gestrichene Wand. Die Freiluftlichtspiele waren so erfolgreich, dass schnell zahlreiche Nachahmer auf den Plan traten. Bis 1960 gab es fast 5000 sogenannte Open Zones, kurz "Ozones", in den USA.

Eine Zapfsäule versorgte dort jeweils zwei Autos mit Filmton und Warmluft. Auch Speisen und Getränke konnten über Kabel geordert werden. Für die letzte Reihe, "Love Lane" genannt, wurde in der Regel ein Aufpreis verlangt, schließlich gab es dort keine störenden Hintermänner. Es versteht sich von selbst, dass die Love Lane äußerst beliebt bei Teenagern war.

Doch dann setzte eine Pleitewelle unter den Kinos ein, für die es sehr profane Gründe gab. Die Erschließung von Wohnraum vor den Toren der Städte sorgte für eine Verteuerung der Grundstückspreise. Der Unterhalt von Autokinos mit ihrer großen Grundfläche wurde den Betreibern zu teuer. Zudem stellten die Autoproduzenten nach und nach von Lenkrad- auf Knüppelschaltung um. Damit verschwand die durchgehende Sitzbank - fortan taugte das Automobil nur noch eingeschränkt als privates Kuschelkino.

Rettungsversuch für die durchgehende Sitzbank

Der Verband der amerikanischen Drive-In-Betreiber sah diese Entwicklung kommen. Mit Petitionen an Abgeordnete und Autohersteller versuchten, sie die durchgehende Sitzbank zu retten, aber ihr Versuch scheiterte.

Heute gibt es in den USA noch knapp 350 Autokinos.

In Deutschland sind es 20.

Allerdings waren es hierzulande auch zu den Boomzeiten des Autokinos nie mehr als 40. Und das Scheitern war abzusehen. So wurde in Erlangen 1954 auf einem Parkplatz eine Probevorführung des örtlichen Kinobetreibers veranstaltet. Es liefen "Schloß Hubertus", ein Heimatfilm, und "Der goldene Garten", eine Dokumentation über Kalifornien. Die lokale Presse schwärmte zwar von der "größten Leinwand der Welt", doch die Zuschauer verkannten den Sinn des Autokinos. Anstatt sitzen zu bleiben, stiegen sie zu Beginn der Vorstellung aus ihren Wagen und verfolgten das Geschehen auf der Leinwand von der Kühlerhaube aus. Erst als es zu regnen begann, nahmen sie wieder hinter dem Lenkrad Platz.

Sechs Jahre später gelang es dann, das Autokino doch noch in Deutschland zu etablieren. Am 29. März 1960 eröffnete in Frankfurt, genauer gesagt in Gravenbruch, zehn Kilometer vor der Stadt, das erste Autokino Europas. Das Areal hatte 1200 Stellplätze, die Leinwand war 36 Meter breit und 15 Meter hoch. Der erste Film, der für 2,75 Mark dort gesehen werden konnte, war "Der König und ich" mit Yul Brunner.

In der DDR gab es nur ein Autokino

Es war einer der ersten Plätze in Deutschland, an dem es Burger gab, was dem Erfolg des Kinos mit Sicherheit nicht geschadet hat. Wegen des amerikanischen Ambientes waren viele GIs unter den Gästen.

Das Gravenbrucher Autokino existiert, im Gegensatz zu vielen Nachahmern, heute immer noch. 1980 gab es in Westdeutschland 24 Autokinos. In der DDR war es nur ein einziges. Dieser Unterversorgung im Osten war geschuldet, dass Autokinos dort nach der Wende 1989 einen kurzen Boom erlebten. Die Zahl der Parkplatzkinos in Deutschland stieg kurzzeitig auf 27.

Auch die heutigen Zuschauerzahlen halten dem Vergleich mit besseren Zeiten nicht stand. Während die Autokinos früher rund 500.000 Zuschauer im Jahr verzeichnen konnten, lockt Gravenbruch, das größte in Deutschland, heute jährlich nur noch schlappe 60.000 Besucher an.

Per Schneemobil ins Autokino

Allerdings ist das auch nicht so schlecht, jedenfalls aus der Perspektive des Autokinobetreibers von Kautokeino in Norwegen. In der Stadt, die 450 Kilometer nördlich des Polarkreises liegt, gibt es mehr Rentiere (70.000) als Menschen (2956) - und trotzdem ein Autokino. Zumindest heißt es so, aber eigentlich ist es ein Schneemobilkino. Und alles, wirklich alles, ist hier aus Eis und Schnee - die Stellplätze, die Leinwand, das Gebäude, ein Amphitheater und die Bar.

Ganz wie ein echtes Kino, sei es dort, sagt der Betreiber. Bis auf eine Ausnahme: Eiscreme gibt es nicht. Was dort der beliebteste Snack ist? Getrocknetes Rentierfleisch.


Weitere interessante Themen finden Sie auf der Homepage von einestages! mehr...

Und hier finden Sie sofort mehr Artikel und Fotos über

...die zwanziger Jahre ...die dreißiger Jahre

...die vierziger Jahre ...die fünfziger Jahre ...die sechziger Jahre ...die siebziger Jahre ...die achtziger Jahre ...die neunziger Jahre

Oder fliegen Sie durch die Bilderwelt des 20. Jahrhunderts mit der einestages-Zeitmaschine!


Artikel bewerten
2.9 (864 Bewertungen)
Mehr zum Thema
Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen



Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
zum Forum...
Sagen Sie Ihre Meinung!

© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH