75 Jahre "Schneewittchen" Disneys Monsterfilm

75 Jahre "Schneewittchen": Disneys Monsterfilm Fotos
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Märchen oder Kinderschreck? Als Kritiker warnten, "Schneewittchen und die sieben Zwerge" sei zu gruselig für junge Zuschauer, winkte Disney ab: Seine Töchter hätten den Film gut verkraftet. Doch auch der Zeichentrick-Visionär litt unter dem Werk - und glaubte gar, er habe ein Monstrum erschaffen. Von Fabienne Hurst

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Was für ein Schock. Die ersten drei Viertel der Testvorführung waren perfekt verlaufen: Walt Disneys "Schneewittchen und die sieben Zwerge" begeisterte das Preview-Publikum im Fox Theatre in der kalifornischen Universitätsstadt Pomona. Lacher, Schreckensschreie, Applaus - alles lief nach Plan. Doch plötzlich verließ, wie auf Kommando, ein Drittel der Zuschauer den Kinosaal.

Disney war zutiefst bestürzt - und mit ihm alle, die an dem Werk beteiligt waren. Mochten die Menschen Schneewittchen etwa nicht? Waren die vier Jahre umsonst gewesen, in denen bis zu 570 Zeichner an dem Film gearbeitet hatten? All die Zeit, in der die Angestellten den Perfektionismus ihres kapriziösen Chefs ertragen mussten? Sollten die Produktionskosten, die mit 1,5 Millionen Dollar das ursprüngliche Budget um ein Sechsfaches überstiegen hatten, für die Katz’ gewesen sein?

Die Lösung des Rätsels war eine echte Beruhigung für den chronisch nervösen Walt Disney: Es stellte sich heraus, dass die Studenten des örtlichen Colleges zum Zapfenstreich um 22 Uhr zurück im Wohnheim sein mussten.

Erleichtert konnten Disney und seine Leute der Premiere im Carthay Circle Theatre in Hollywood entgegenfiebern, in dem sie am 21. Dezember 1937 ihren ersten abendfüllenden Zeichentrickfilm der Öffentlichkeit vorstellten. Den roten Teppich bevölkerte ein skurriler Mix aus Weltstars und Disneyfiguren: Marlene Dietrich am Arm des jungen Douglas Fairbanks, dessen Gesicht als Vorbild für den Prinzen gedient hatte, konkurrierte im Rampenlicht mit Micky Maus und Shirley Temple in Begleitung der sieben Zwerge. Tausende Schaulustige vor dem Kino mussten an diesem Abend draußen bleiben, Platz war nur für Promis.

Wer bei der Filmpremiere war - und wer nicht durfte

Selbst Adriana Caselotti, die Schneewittchen ihre Stimme geliehen hatte, war der glamouröse Gang über den roten Teppich verwehrt. Sie war zur Premiere nicht eingeladen worden und musste sich später gar durch eine Hintertür auf die anschließende Party schleichen. Produzent Walt Disney wollte um jeden Preis die Illusion seines in sich geschlossenen Universums erhalten, das er mit "Schneewittchen" geschaffen hatte.

Zu hart hatte er für seine Vision gekämpft. Sein eigener Bruder Roy, Finanzexperte im Hause Disney und Verbindungsmann zu den Kreditgebern, hatte immer wieder Zweifel an dem Mammutvorhaben geäußert. Als die Produktionskosten ins schier Unermessliche stiegen und absehbar war, dass sich die Fertigungszeit von ursprünglich acht Monaten auf insgesamt vier Jahre ausdehnen würde, riet er seinem Bruder: "Stick to shorts" - bleib bei Kurzfilmen.

Mit denen hatte Disney in den Jahren zuvor gutes Geld verdient. Kinos buchten die lustigen Paarminüter, um sie vor den Spielfilmen zu zeigen. In diesem Geschäft aber sah Walt Disney eine Sackgasse. Cartoon-Erfolge im Kurzfilmformat wie Micky Maus oder die "Drei kleinen Schweinchen", wurden in Zeiten der US-Wirtschaftskrise Anfang der dreißiger Jahre immer seltener gebucht. Abendfüllende Filme rechneten sich eher für die Vorführer. So war Disneys tollkühne Idee eines komplett gezeichneten Langfilms nicht nur die fixe Idee eines Visionärs, sondern ebenso mit wirtschaftlichen Zwängen verbunden.

Nachdem ihm die Rechte an "Alice im Wunderland" von Paramount weggeschnappt worden waren, konzentrierte sich der Filmemacher auf die Neufassung des düsteren Grimm'schen Märchens. Natürlich im Disneystil: Während die Zwerge im Original noch nicht einmal Namen tragen, machte er sie zu bis ins Detail ausgestalteten, individuellen Charakteren.

Auch das grausige Ende des Märchens, in dem die böse Königin zur Strafe für ihre Taten in rot glühenden Eisenpantoffeln tanzen muss, bis sie tot umfällt, war natürlich nicht kinderfreundlich genug. Disney schrieb es um und fügte außerdem eine ganze Reihe lustiger Liedchen ein, bei denen sich Jacob und Wilhelm Grimm wahrscheinlich im Grabe umgedreht hätten. Nun musste die Geschichte nur noch so realistisch wie möglich auf die Leinwand gebracht werden. Dass sich die Umsetzung dieses Plans zu einem der aufwendigsten und teuersten Unterfangen der damaligen Filmgeschichte entwickeln würde, ahnte der Amerikaner 1933 allerdings noch nicht.

Alle lieben "Onkel Walt"! Oder doch nicht?

Überzeugt vom potentiellen Erfolg seiner Idee, stellte er im großen Stil Leute ein. Ursprünglich hatte Disney sechs Vollzeit-Trickzeichner in seinem Team, nun kamen mehr als 50 dazu, außerdem noch einmal die gleiche Zahl an Assistenten, ein 24-köpfiges Orchester, dutzende Autoren und Gagschreiber, Ausmaler, Kameraleute, Techniker, Sekretärinnen und Texter. Im Laufe der Produktion stellte Disney noch mehr Zeichner ein und musste sogar an das Studio in der Hyperion Avenue angrenzende Wohnungen ankaufen, um genug Platz für seine Angestellten zu schaffen.

Seine Belegschaft behandelte er wie eine große Familie. Besonders junge Angestellte wie Marge Belcher, das Bewegungsmodell für Schneewittchen, nannten ihn "Onkel Walt". Viele seiner Leute suchte er nach Sympathie aus, nur die Zeichner mussten sich durch ihre Kompetenz beweisen. Diese waren größtenteils chronisch unterbezahlt: Rund 20 Dollar verdiente ein Jungzeichner in der Woche. In der Endphase machten seine Leute zudem unzählige unbezahlte Überstunden. Ihr Chef hatte ihnen außerdem Prämien in Aussicht gestellt, sollte der Film ein Erfolg werden. Die meisten Mitarbeiter erhielten diese nie.

Ihre größte Motivation muss Disneys unverwüstbarer Enthusiasmus gewesen sein und das Gefühl, an etwas ganz Großem teilzuhaben. Der sprachlich wenig gewandte Studiochef stellte seinen Mitarbeitern immer wieder voller Begeisterung einzelne Szenen pantomimisch dar, und einmal sogar den gesamten Handlungsablauf von "Schneewittchen" in einer mehrstündigen Sitzung.

Ein Monster geschaffen

Doch der nette Onkel Walt konnte auch ein tyrannischer Pedant sein und war in seiner Firma durchaus umstritten. Die endlosen Team-Meetings im unklimatisierten Vorführraum wurden als "Schwitzkastensitzungen" verteufelt, in denen Walt jede Zeichnung seiner Angestellten begutachtete und kritisierte. Jeden der Arbeitsschritte überwachte Disney, er suchte die Musikstücke aus, verwarf weit gereifte Skizzen, weil sie ihm plötzlich nicht mehr gefielen, feuerte Leute, die sich nicht an seine Regeln hielten.

Er selbst opferte sein ganzes Privatleben für sein nostalgisches Großwerk. Disney verbrachte Tag und Nacht in der Hyperion Avenue, schlief auf der Couch in seinem Studiobüro, seine Töchter sah er kaum noch. Schließlich ging es dort um die Geburt einer viel wichtigeren Frau in seinem Leben: Schneewittchen.

Immerhin: Sein selbstloser Einsatz für den Film machte sich am Ende bezahlt: "Schneewittchen" wurde ein Kassenschlager - trotz der Einwände der Kritiker, einige Szenen seien grausam und würden Kinder nachhaltig traumatisieren. Disneys Antwort darauf war stets die gleiche: Er habe den Film seinen kleinen Töchtern gezeigt, die hätten das gut verkraftet.

Allein in den ersten sechs Monaten nach Filmstart spielte "Schneewittchen" rund zwei Millionen Dollar ein - bei einem Eintrittspreis von 25 Cent. Und das war erst der Anfang. Der Film wurde in zehn Sprachen übersetzt und sorgte in 46 Ländern für begeisterte Zuschauer und volle Kinokassen. 1938 erhielt Disney einen Spezial-Oscar: Eine große Statue und sieben kleine Zwergen-Oscars.

Doch der Film, mit dem er Geschichte schrieb hatte alles von seinem Schöpfer gefordert: Die kurzen Nächte, der Stress, die Unsicherheit hatten Disney ausgelaugt. Der Trickfilm-Visionär litt unter Haarausfall und einem nervösen Gesichtszucken, das erst bei der PR-Tour durch Europa wieder seinem strahlenden Zahnpastalächeln gewichen sein soll. In einem besonders verzweifelten Moment hatte Disney seinen Bruder Roy beiseite genommen und gesagt: "Wir sollten den Film lieber in 'Frankenstein' umbenennen." Nach dem Monster, das seinen eigenen Schöpfer tötet.

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insgesamt 2 Beiträge
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1.
Peter Franzen 21.12.2012
Walt Disney und Steve Jobs scheinen ja recht ähnliche Charaktere zu sein. Interessant, wenn man den Verlauf beider Konzerne beobachtet.
2.
bugme not 22.12.2012
"Nach dem Monster, das seinen eigenen Schöpfer tötet." Quatsch. Das Monster hat keinen Namen. Frankenstein ist der Wissenschaftler, der das Monster erschafft. Und ja, das gehört zur Allgemeinbildung.
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