75 Jahre King Kong Der alte Affe Angst

75 Jahre King Kong: Der alte Affe Angst Fotos
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Riesenpranken, Horrorgebrüll, Schlafzimmerblick: Als King Kong vor 75 Jahren die Kinoleinwand eroberte, fesselte er Millionen - und musste als Symbol für Faschismusopfer, versklavte Wilde und Triebtäter herhalten. Dabei wollte der Dschungelkönig immer nur eines. Von

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"Verdammt!" Murray Spivack entfuhr ein Fluch, als man ihm das abgedrehte Material vorführte. "Mein Gott, dafür wollen Sie von mir Geräusche haben", seufzte der amerikanische Tontechniker. Wenn wenigstens die Primaten im New Yorker "Bronx Zoo" artig in sein Aufnahmegerät gekeift hätten. Aber nein: "Diese verdammten Gorillas hatten nichts besseres zu tun als den ganzen Tag Bananen zu fressen und zu rülpsen", schimpfte er. Doch so schnell gab sich Spivack nicht geschlagen - und generierte das erwünschte Geräusch kurzerhand, indem er Löwen- und Tigergebrüll aufnahm, übereinander legte und rückwärts laufen ließ.

So entstand - zumindest der Legende nach - das unnachahmliche Gebrüll für den König unter all den Ungeheuern, die seit Beginn der Filmgeschichte über den Bildschirm jagen: King Kong. Auf dem Monster-Olymp wimmelt es nur so von Furcht einflößendem Wesen. Da kabbeln sich Dracula und Frankenstein, treiben die gigantische Motte Mothra und die Mumie ihr Unwesen, schockieren Godzilla und der weiße Hai um die Wette.

King Kong jedoch, haarig, mit langen Armen und traurigem Blick, thront über allen als unangefochtener Star.

Kassenschlager trotz Depression

Wie eine Bombe schlug "King Kong und die weiße Frau" ein, als er am 2. März 1933 im damals weltgrößten Kinosaal, der Radio City Music Hall in New York, Premiere feierte. Bereits am Eröffnungswochenende spielte "King Kong", der trick- und geräuschtechnisch alles bisher Dagewesene in den Schatten stellte, 90.000 Dollar ein. Und das zu einem Tiefpunkt der Großen Depression, der schweren Wirtschaftskrise, die in den USA tausende Menschen verarmen ließ. Insgesamt bescherte das Monster der wirtschaftlich angeschlagenen Produktionsfirma RKO die damals unvorstellbare Summe von rund 1,75 Millionen Dollar.

Rund um den Globus liebten alle das haarige Ungeheuer, selbst Adolf Hitler mochte den Monsterfilm aus Hollywood und hatte nichts dagegen einzuwenden, dass der Film unter dem Titel "Die Fabel von King Kong" am 1. Dezember 1933 in Deutschland anlief, Untertitel: "Ein amerikanischer Trick- und Sensationsfilm". Einzige Bedingung der NS-Zensoren: Die Szene, in der King Kong einen Hochbahnzug zertrümmerte, musste raus - zu brutal erschien den Zensoren wie der Riesenaffe die verängstigten Menschen aus den Waggons schüttelte.

In den ersten drei Tagen rührte die unerfüllte Liebe des Monsters inklusive tragischem Absturz vom Empire State Building allein in Berlin 120.000 Menschen zu Tränen, 30 Kinos in der Stadt zeigten den Film. Und als "King Kong" im April 1952 in Düsseldorf seine Nachkriegspremiere feierte, gruselten sich die Kinobesucher erneut mit Inbrunst, obwohl der Film mit jeder Wiederaufführung um weitere grausame Szenen beschnitten und der Riesenaffe so immer braver wurde. Erst 1993, zum sechzigsten Geburtstag von Kong, wurde der Film als restaurierte Fassung mit vielen zuvor herausgeschnittenen Szenen auf der Berlinale gezeigt.

Monster und hysterische Eingeborene

Die King-Kong-Manie hält bis heute an. Die Anzahl der Remakes und Fortsetzungen, Varianten und Parodien, Comicversionen und Musicaladaptionen ist gewaltig, wobei nur die wenigsten an das Original heranreichten. Das erste Hollywood-Remake etwa von 1976, mit Jeff Bridges und Jessica Lange, das Regisseur John Guillermin zeitlich in die siebziger Jahre verlegt hatte, mutet heute eher albern an - trotzdem prügelten sich die Menschen damals weltweit um eine Kinokarte.

Auch 2005, als das zweite, 207 Millionen Dollar teure Remake von "Herr der Ringe"-Regisseur Peter Jackson anlief, loderte die "King Kong"-Euphorie erneut auf. Vor allem, weil Jackson, der vermutlich besessenste "King Kong"-Fanatiker aller Zeiten, sich wieder mehr dem Original zuwandte.

"Ich will zurück zu Inseln, auf denen Monster und hysterische Eingeborene wohnen", lautete sein Credo. So bleibt es dem Hollywood-Filmteam um Abenteurer Carl Denham erspart, nach Erdöl zu fahnden, wie dies noch in der Post-Ölkrisen-Version Guillermins der Fall war.

Allegorie auf den "New Deal"?

Jackson hat mit seinem sensationell teuren Remake im wesentlichen nichts anderes gemacht als den Film von 1933 liebevoll nachzuerzählen - eine kluge Entscheidung. Wusste er doch, dass die Faszination des Originals niemals erlöschen wird. Bleibt die Frage, warum die Menschen, Kinogänger wie Filmemacher, vor allem aber Filmwissenschaftler regelmäßig durchdrehen, wenn sie mit dem Monster-Senior in Berührung kommen. Die Deutungsliteratur umfasst jetzt schon ganze Regalreihen - und noch immer melden sich neue Stimmen zu Wort und versuchen, dem Affen mit ihren Thesen gerecht zu werden.

Da wäre zunächst die Fraktion, die den Film als Variation des uralten Themas von der Schönen und dem Biest begreift. "King Kong" als Erzählung von der unerfüllten Liebe zwischen zwei ungleichen Partnern, variiert als Konfrontation zwischen Schönheit und Hässlichkeit, Mensch und Natur, Zivilisation und Barbarei - wunderbar auf den Punkt gebracht von Figur Denham in der Filmversion von 1933: "Nein, nein, das waren nicht die Flieger. Er hat das Mädel zu sehr geliebt", stößt der Regisseur hervor, als er am Ende des Films vor der toten Bestie steht.

Andere betonen die rassistische Komponente - die Bestie als versklavter Wilder, der in den Variétè-Shows der Zivilisierten herumgereicht wird und der weißen Frau zu Leibe rückt. Wieder andere erkennen in dem Abenteurer Carl Denham und seinem vollmundigen Versprechen vom "achten Weltwunder" eine Allegorie auf den "New Deal", die massiven staatlichen Investitionen mit denen Franklin D. Roosevelt in den Dreißiger Jahren die Binnenkonjunktur wieder ankurbelte und so versuchte die Wirtschaftskrise abzuwenden. Und die kühnsten interpretieren King Kong wahlweise als Bildnis für die zu zähmende Arbeiterklasse, die kommunistische Revolution, den Faschismus oder die triebhaft-männliche Sexualität, die am Ende vom - natürlich schwer phallischen - Empire State Building geschossen wird.

"Der beste verdammte Abenteuerfilm"

Phallus hin oder her - kann es nicht auch einfach sein, dass uns King Kong heute noch so sehr in seinem Bann hält, anrührt und bewegt, eben weil das Ungeheuer keine skrupellose Bestie à la Weißer Hai ist, sondern - wie jeder Affe - auch menschliche Züge trägt und es so toll kribbelt, sich mit einem Monster zu identifizieren?

Denn, egal ob Original oder Peter-Jackson-Remake, je weiter der Film voranschreitet, desto lieber gewinnen wir den Riesengorilla - wie rührend er Ann vor allem möglichem Getier rettet, wie tollpatschig er sie auf seinem Felsen entblättert! Und wie sehr King Kong uns leid tut, als er zunächst christusartig im Variété exponiert wird, nur um am Ende abgeschossen zu werden wie eine Tontaube.

Der Königsaffe ist und bleibt unsterblich, auch als 75-jähriger Senior hat er nichts von seiner schaurig-schönen Faszination verloren. Vielleicht sollten wir einfach auf den Macher des Films, Merian C. Cooper, hören, der kurz vor seinem Tod über "King Kong" gesagt hat: "Er sollte nie etwas anderes sein als der beste verdammte Abenteuerfilm, der je gemacht wurde."

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