75 Jahre "Machtergreifung" Als der 1. Mai braun wurde

75 Jahre "Machtergreifung": Als der 1. Mai braun wurde Fotos

Vor 75 Jahren erklärte Adolf Hitler den Kampftag der Arbeiterklasse kurzerhand zum Nazi-Feiertag - und zerschlug am Morgen darauf die freien Gewerkschaften. Dafür schuf Diktator mit der "Deutschen Arbeitsfront" die erste totalitäre Einheitsgewerkschaft der Geschichte, damals die größte Organisation der Welt. Von

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Im März 1933 hatte der aus den Reichstagswahlen gestärkt hervorgegangene Reichskanzler Adolf Hitler mit dem "Ermächtigungsgesetz" das Parlament ausgeschaltet. Im April hatte mit einem Boykott der jüdischen Geschäfte die demonstrative Ausgrenzung der Juden begonnen. Jetzt gingen die Nationalsozialisten gegen die neben den Kirchen mächtigste, vom neuen Regime unabhängige Kraft vor: die Gewerkschaften. Die feierten am 1. Mai traditionell den "Kampftag der Arbeiterklasse" - doch im Jahr eins des "Dritten Reiches" sollte alles ganz anders sein.

Die Reichshauptstadt Berlin war am 1. Mai 1933 mit Fahnen, Girlanden und Spruchbändern geschmückt. "Wir wollen gemeinsam arbeiten und aufbauen", tönte ein Transparent, das die Friedrichstraße überspannte. Schon früh am Morgen marschierten Formationen von Jugendlichen aus allen Bezirken zum Lustgarten in Mitte zur "gewaltigsten Jugendkundgebung, die Berlin je gesehen hat", wie es in einer zeitgenössischen Darstellung hieß. 1200 Sänger des Berliner Sängerbundes stimmten "Deutschland, du mein Vaterland" an. Propagandaminister Joseph Goebbels sprach zu den Hunderttausenden, danach erklang das Horst-Wessel-Lied. Die Hauptrede aber hielt der greise Reichspräsident Paul von Hindenburg - Hitler wollte dem 85-Jährigen die Begeisterung der Jugend für den neuen deutschen Staat vor Augen führen.

Was das Staatsoberhaupt den jungen Leuten zu sagen hatte, war nicht unbedingt typisch für eine Ansprache zum 1. Mai: "Nur aus Manneszucht und Opfergeist, wie solche sich stets im deutschen Heere bewährt haben, kann ein Geschlecht erstehen, das den großen Aufgaben, vor welche die Geschichte das deutsche Volk stellen wird, gewachsen ist." Hitler forderte zum Schluss "die deutschen Jungen und Mädchen" zu einem dreifachen Hoch auf den "großen Soldaten und Führer des Weltkrieges" auf.

Flugschau über dem völkischen Kampftreffen

Gegen Mittag trafen nach und nach Arbeiterdelegationen aus allen deutschen Ländern auf dem Flughafen Tempelhof ein, wo sie von Hindenburg und Hitler empfangen wurden. Am Nachmittag waren bereits weit über eine Million Menschen auf dem Tempelhofer Feld versammelt. Die Arbeiter hatten am Morgen in ihren Betrieben antreten müssen und waren dann in geschlossener Formation zu dem Flughafengelände marschiert, wo sie in zehn großen Blöcken Aufstellung nahmen. Es traten Arbeiterdichter auf; anschließend gab es eine Flugschau, an der sich neben einer Fliegerstaffel auch das Luftschiff "Graf Zeppelin", ein "Wahrzeichen deutscher Arbeit", beteiligte.

Der Höhepunkt aber kam am Abend, Adolf Hitler hielt eine große Rede. Er rief den versammelten Volksmassen zu: "Das Symbol des Klassenkampfes, des ewigen Streites und Haders wandelt sich nun wieder zum Symbol der großen Einigung und Erhebung der Nation." Seine zentrale Botschaft lautete: "Deutsches Volk, du bist stark, wenn du eins wirst." Das sprach auch viele an, die der nationalsozialistischen Bewegung durchaus skeptisch gegenüberstanden. Der erste Versuch einer Demokratie auf deutschen Boden, unter den ungünstigen Bedingungen eines verlorenen Krieges gestartet, war kein strahlender Erfolg gewesen. Eine Vielzahl von politischen Parteien hatte sich erbittert, oft genug auch blutig, bekämpft. Hitler versprach nun, diese inneren Gegensätze zu überwinden und das Volk zu einen. Der "nationaler Sozialismus" sollte das Völkische mit dem Sozialen versöhnen.

Durch ein Gesetz hatten die Nazis den 1. Mai zum "Feiertag der nationalen Arbeit" erhoben. Auf dem Tempelhofer Feld sagte Hitler, man könne den schönsten Frühlingstag des Jahres nicht als Symbol des Kampfes wählen. Er solle stattdessen für aufbauende Arbeit stehen und ein Zeichen "der völkischen Verbundenheit und damit des Emporstiegs" sein. Es war dies die aggressive Ideologie einer Volksgemeinschaft nationalsozialistischer Couleur. Der Einzelne zählte nichts, seine Bedeutung bestand darin, Glied einer großen Gemeinschaft zu sein. Diese Volksgemeinschaft war exklusiv. Wer zu ihr gehörte und wer nicht, wurde vom Nationalsozialismus nach rassistischen Prinzipien definiert. Deshalb kämpfte man einerseits um die "Heimholung" von Saarländern und Österreichern und grenzte andererseits brutal die jüdischen Mitbürger als "Schädlinge am deutschen Volkskörper" aus. Gleichheit bedeutete hier nicht Egalität, sondern Homogenität.

Autobahnbau zu Niedriglöhnen

Im zweiten Teil seiner Rede am 1. Mai 1933 verkündete Hitler ein großes Arbeitsbeschaffungsprogramm. Der noch heute populärste Teil dieses Programms war der Bau der Reichsautobahnen, wobei häufig übersehen wird, dass dafür damals ein gewaltiger "Niedriglohnsektor" geschaffen wurde. Die Arbeiter wurden gezwungen, dort zu arbeiten, was viele in die Verelendung trieb, denn die Arbeitslöhne, die für den Autobahnbau bezahlt wurden, lagen weit unter den Sozialhilfesätzen. Viele konnten nun ihre Familien nicht mehr ernähren. Wer sich weigerte, wanderte ins KZ.

Die zentrale Berliner Maifeier endete kurz vor Mitternacht mit einem gewaltigen Feuerwerk und dem Abspielen der Nationalhymne. Am nächsten Morgen lernten die deutschen Volksgenossen die andere Seite der Medaille kennen. Am 2. Mai fuhren gegen 10 Uhr Rollkommandos der Nationalsozialistischen Betriebszellenorganisation und der SA im ganzen Land vor den Gewerkschaftshäusern vor. Die Gebäude wurden gestürmt, die Organisationen aufgelöst, ihr Vermögen beschlagnahmt. Das war das vorläufige Ende einer freien Gewerkschaftsbewegung in Deutschland.

Nach der nationalsozialistischen "Machtergreifung" hatte die Führung des sozialdemokratisch orientierten Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbundes (ADGB) ihr Heil in einer opportunistischen Wendung gesucht. Theodor Leipart, seit 1921 Vorsitzender des ADGB, hatte schon im Oktober 1932 erklärt, die Gewerkschaften seien nicht länger bereit, "Parteifesseln zu tragen". Im Frühjahr 1933 wollte man sich "in den Dienst des neuen Staates stellen". Zunächst überließ der ADGB es seinen Mitgliedern, ob sie an der nationalsozialistischen Maifeier teilnehmen wollten, doch am 19. April entschied der Bundesausschuss sich für die Teilnahmepflicht aller Gewerkschaftsmitglieder. Der SPD-Vorsitzende Otto Wels hatte zu Leipart gesagt: "Lass doch lieber das Hakenkreuz mit Gewalt auf die Dächer setzen, ehe Du freiwillig die schwarz-weiß-rote Fahne hisst." Leipart widersprach in der Sache nicht, aber er war ein gebrochener Mann, der für Widerstand keine Kraft mehr hatte.

Die größte Organisation der Welt

Die Funktionäre des ADGB wurden verhaftet, viele gefoltert und nicht wenige auch ermordet. Die Millionen von einfachen Mitgliedern wurden zwangsweise eingegliedert in die am 10. Mai gegründete Deutsche Arbeitsfront (DAF). Die DAF vereinigte alle Arbeiter, Angestellten und Unternehmer, und erreichte 1941 eine Mitgliederzahl von 25 Millionen, was sie zur größten Organisation der Welt machte. Die DAF führte keine Tarifverhandlungen, die Löhne wurden vielmehr von "Treuhändern der Arbeit" festgesetzt. Die Unternehmer waren nun "Betriebsführer", die Arbeiter und Angestellten wurden zur "Gefolgschaft". Gemeinsam sollten sie eine "Betriebsgemeinschaft" bilden.

Am 3. Mai 1933 wählte der Reichsverband der Deutschen Industrie Theodor Adrian von Renteln zum neuen Vorsitzenden. Renteln war zugleich auch Führer des "NS-Kampfbundes des Gewerblichen Mittelstandes" und Präsident des Deutschen Industrie- und Handelstages. In der neu geschaffenen DAF übernahm er die Position eines Stabsleiters. Dieses eine Beispiel zeigt schon, wie eng die verschiedenen Wirtschaftsorganisationen miteinander verflochten waren. Ihre wichtigste Aufgabe war es damals, die Umstellung der deutschen Volkswirtschaft auf Kriegsproduktion sicherzustellen.

"Ihr habt aus der Geschichte nichts gelernt!"

Zehn Tage nach der zentralen Maifeier wurden in über 50 deutschen Städten die Scheiterhaufen entzündet. In den Flammen verbrannten die Werke von Heinrich Mann, Kurt Tucholsky, Stefan Zweig, Franz Werfel und vielen anderen Schriftstellern, die den neuen Machthabern als Repräsentanten eines "undeutschen Geistes" galten.

Die zentrale Bücherverbrennung fand auf dem Opernplatz in Berlin statt. Goebbels begrüßte die Studenten, die die Träger der Aktion waren, als "Vortrupp eines wirklich revolutionären deutschen Geistes". Tatsächlich waren es in vielen Städten vor allem die Studenten gewesen, von denen die Initiative zu den atavistisch anmutenden Verbrennungen ausgegangen waren, zu Bibliothekssäuberungen, mancherorts auch zu "Schandpfählen" mit missliebigen Büchern und zur Störung von Lehrveranstaltungen nicht-nationalsozialistischer Professoren.

Nach dem Boykott der jüdischen Geschäfte und dem Sturm auf die Gewerkschaftshäuser demonstrierte das neue Regime hier erneut seine Gewaltbereitschaft bei der Durchsetzung seiner Ziele. Auf Widerstand stieß es dabei kaum. Im Ausland dagegen entfachten die Gewalttaten einen Sturm der Entrüstung. Viele glaubten nicht zu Unrecht, dass sich in diesem Terror gegen Andersdenkende der wahre Charakter des neuen Regimes enthülle. Die wegen ihres sozialen Engagements außerordentlich populäre, blinde amerikanische Schriftstellerin Helen Keller schrieb in einem offenen Brief: "Ihr habt aus der Geschichte nichts gelernt, wenn ihr glaubt, Ideen ausrotten zu können. (...) Die Tantiemen aus meinen Büchern, die ich an blinde deutsche Soldaten des Weltkriegs weitergab, spendete ich mit keinem anderen Gedanken in meinem Herzen als der Liebe und des Mitgefühls für das deutsche Volk. Glaubt nicht, dass eure Untaten an den Juden hier nicht bekannt sind. Gott schläft nicht, und sein Urteil wird über euch kommen." Zwölf Jahre brauchten die Deutschen, um zu erkennen, wie recht sie hatte.


Ernst Piper schreibt auf einestages über das erste Jahr, in dem die Nazis in Deutschland an der Macht waren - 75 Jahre danach, Monat für Monat.

Im Juni lesen Sie:

Die Installierung der nationalsozialistischen Diktatur schreitet weiter voran. Die SPD wird verboten, die bürgerlichen Parteien dürfen sich "freiwillig" auflösen. Reichsminister Hugenberg tritt zurück, denn Hitler braucht jetzt keine Steigbügelhalter mehr.


Vom selben Autor:

Ernst Piper: Kurze Geschichte des Nationalsozialismus von 1919 bis heute. Verlag Hoffmann und Campe. Hamburg 2007

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1.
Eberhard Lux-Wellenhof 02.05.2008
Wie konnte es dazu kommen, daß die Nationalsozialisten der SPD-Hymne "Brüder zur Sonne..." den neuen Text "Einst waren wir Kommunisten,Gewerkschaft und SPD, heute Nationalsozialisten,Kämpfer der NASDAP" überstülpen konnten? Von einem Tag auf den anderen liefen ehemalige Gewerkschaftsfunktionäre in SA-Uniform herum.Da gab es etliche,ehemalige Vertreter der "Arbeiterklasse", die eifrig mitgemacht haben.
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