75 Jahre "Machtergreifung" Als Hitler die Jugend verführte

Fortuna Düsseldorf wurde Fußballmeister - ansonsten hatten die Deutschen im Juni 1933 andere Dinge im Kopf: Hitler servierte seine Verbündeten ab und verbot die SPD. Stattdessen setzte der 43-jährige "Führer" ganz auf die Jugend - die den Nationalsozialismus begeistert mittrug.

Von Ernst Piper


Nach dem Sturm auf die Gewerkschaftshäuser und den Bücherverbrennungen im Mai war der Juni 1933 mehr von einer inneren Konsolidierung des nationalsozialistischen Regimes geprägt. Gerade einmal drei Monate waren vergangen, seit die Regierung Adolf Hitlers durch die Reichstagswahlen vom 5. März mehr oder weniger glanzvoll bestätigt worden war. Und doch saß der Emporkömmling, den noch immer viele Angehörige der alten Eliten in dem Führer der Nationalsozialisten sehen wollten, schon erstaunlich fest im Sattel. Anfangs hatten viele geglaubt, einmal an der Macht werde der Verkünder radikaler Parolen in wenigen Monaten abgewirtschaftet haben. Jetzt aber kam kaum noch jemand auf den Gedanken, Hitlers Herrschaft in Frage zu stellen - zumal sie immer stärkere Züge einer Diktatur annahm.

Das erste Großereignis im Juni 1933 war das Endspiel um die Deutsche Fußballmeisterschaft. Fortuna Düsseldorf setzte sich am 11. Juni mit einem 3:0-Sieg gegen den FC Schalke 04 durch. Zur Teilnahme an dem nach dem K.o.-System ausgespielten Wettbewerb berechtigt waren alle dem Deutschen Fußball-Bund (DFB) angeschlossenen Regionalverbände. Insgesamt gab es damals über 50 höchste Spielklassen im deutschen Fußball. Aus den dort siegreichen Regionalmeistern wurde der nationale Sieger ermittelt.

Die 1933 siegreiche Fortuna aus Düsseldorf etwa hatte zum wiederholten Mal den ersten Platz in der Liga des Westdeutschen Fußballverbands erreicht und danach auf dem Weg zur deutschen Meisterschale noch Rasensport Gleiwitz, Arminia Hannover und Eintracht Frankfurt bezwungen. Die Nationalsozialisten machten diesem komplizierten System ein Ende und schufen 16 Fußballgaue mit jeweils einer Gauliga. Fortan spielten die Gauligameister die deutsche Meisterschaft unter sich aus - in der Saison 1933/34 holte dann Schalke den Titel

Die Jugend wird eingereiht

Wichtiger für die Machtsicherung der NS-Bewegung war ein anderes Ereignis. Am 17. Juni 1933 ernannte Adolf Hitler Baldur von Schirach zum Jugendführer des Deutschen Reiches. Schirach hatte bereits den NS-Schülerbund geleitet und 1928, mit gerade 21 Jahren, auch die Leitung des NS-Studentenbundes übernommen. Im Oktober 1931 hatte Hitler ihn zum "Reichsjugendführer" der NSDAP ernannt. Von diesem Moment an hatte sich der reformpädagogisch erzogene Sohn eines großherzoglich-sächsischen Kammerherrn und einer Amerikanerin ganz auf den Aufbau der Hitlerjugend (HJ) konzentriert, die seinerzeit erst 65.000 Mitglieder zählte.

Nun, kurz nach der Machtübernahme, wertete Hitler Schirachs Parteiposten zum Staatsamt auf. Die Umwandlung der Hitlerjugend zu einem staatlichen Jugendverband vollzog sich nun schrittweise. Konkurrierende Jugendorganisationen der Parteien, Kirchen und Verbände wurden zunehmend an den Rand gedrängt oder einfach verboten. Manche mussten nicht zwangsweise "gleichgeschaltet" werden, sondern lösten sich in vorauseilendem Gehorsam selbst auf, um sich der siegreichen Hakenkreuzfahne anzuschließen. Ende 1933 hatte die HJ so bereits 2,3 Millionen Mitglieder - das entsprach etwa 30 Prozent der gesamten Altersgruppe. Offizielle Staatsjugend wurde sie erst drei Jahre später.

Die Berufung Schirachs entsprach dem nationalsozialistischen Prinzip, das da lautete: "Jugend soll durch Jugend geführt werden". Die Führungskader der HJ waren oftmals kaum älter als die ihnen Anvertrauten. Jugend galt nicht länger als Synonym für Unverstand und mangelnde Erfahrung, für ein Lebensalter, in dem man vor allem noch viel lernen muss, nicht zuletzt auch sich einzufügen. Hier schloss der Nationalsozialismus direkt an Prinzipien der um 1900 entstandenen Jugendbewegung an: Jugend wurde zum Sinnbild der Rebellion gegen das Überkommene und Veraltete - wie es auch das berühmte Titelblatt der gleichnamigen Zeitschrift symbolisiert, auf dem zwei junge Leute einem Greis im Frack auf die Sprünge helfen.

Kurzer Prozess mit den Deutschnationalen

Die Nationalsozialisten machten sich das Aufbegehren und die Vitalität der jungen Generation geschickt zu nutze. Tatsächlich war ihre "Machtergreifung" mit einem politischen Generationswechsel verbunden, der sich auch an der Staatsspitze dokumentierte. Reichspräsident Hindenburg, wie kein zweiter ein Repräsentant der alten Ordnung, war 1933 bereits 85, Hitler dagegen nur 43 Jahre alt.

Auch vor den Deutschnationalen, die offiziell noch immer Hitlers Koalitionspartner in der Reichsregierung waren, machte die Zwangsintegration anderer Jugendorganisationen in die HJ nicht halt. Am 21. Juni 1933 wurde unter dem Vorwand angeblicher marxistischer Unterwanderung eine Großaktion gegen den "Kampfring junger Deutschnationaler" durchgeführt. Mitglieder des deutschnationalen Frontkämpferbundes "Stahlhelm" durften ab sofort nur noch der NSDAP beitreten. Außerdem wurde der "Stahlhelm" in "Nationalsozialistischer Deutscher Frontkämpferbund" umbenannt und am 1. Juli als "Reserve I" der SA angegliedert. "Stahlhelm"-Führer Franz Seldte (DNVP), den Hitler am 30. Januar zum Reichsarbeitsminister ernannt hatte, war schon im April zur NSDAP übergetreten.

Sein Parteikollege Alfred Hugenberg, ehemals Vorstandsvorsitzender der Krupp-Werke und nun Chef eines einflussreichen Medienkonzerns, mochte sich für einen kurzen Moment der Illusion hingegeben haben, dass er als Reichswirtschaftsminister und Reichsminister für Ernährung und Landwirtschaft an der Seite Hitlers wirklich etwas zu sagen hatte. Tatsächlich hatte er als Repräsentant der alten Eliten für die Nobilitierung Hitlers gegenüber Hindenburg eine wichtige Rolle gespielt. Und nach den Reichstagswahlen vom 5. März kam dem Vorsitzenden der DNVP als Mehrheitsbeschaffer eine gewisse Bedeutung zu. Doch nach der Verabschiedung des Ermächtigungsgesetzes am 23. März wurde er nicht mehr gebraucht und geriet zunehmend in die Isolation.

Sozialdemokraten als "Volksfeinde"

Als bekannt wurde, dass Hugenberg auf der Weltwirtschaftskonferenz in London namens der Reichsregierung die Rückgabe der Kolonien in Afrika sowie Siedlungsraum im Osten fordern wollte, intervenierte Hitler. Der "Führer" wollte keine schlafenden Hunde wecken und die geheime Aufrüstung des Deutschen Reiches lieber mit außenpolitischen Friedensreden begleitete. Am 27. Juni musste Hugenberg zurücktreten. Die DNVP löste sich am gleichen Tage auf, ihre Reichstagsabgeordneten schlossen sich der Fraktion der NSDAP an. Auch Hugenberg, der damals schon 68 Jahre alt war, blieb als "Gast der NSDAP" Mitglied des Deutschen Reichstags bis 1945.

Die wichtigste noch legal operierende politische Kraft, die in Opposition zum NS-Regime stand, war die Sozialdemokratie. Am 22. Juni wurde die SPD durch einen Erlass des Reichsinnenministers Wilhelm Frick zur staats- und volksfeindlichen Partei erklärt. Alle Parteimitglieder, die Parlamenten und Gemeindevertretungen angehörten, wurden mit sofortiger Wirkung von der weiteren Ausübung ihrer Mandate ausgeschlossen. Die sozialdemokratische Presse wurde verboten, das Vermögen der Partei beschlagnahmt. Über 3000 Sozialdemokraten wurden verhaftet und kamen in Konzentrationslager, unter ihnen auch der frühere Reichstagspräsident Paul Löbe.

Der am 26. April neu gewählte SPD-Vorstand hatte beschlossen, sicherheitshalber einen Teil seiner Mitglieder ins Ausland zu schicken - eine Entscheidung, die de facto zu einer Spaltung der SPD-Spitze geführt hatte. Die Auslandsgruppe ging zuerst nach Saarbrücken, das unter der Verwaltung des Völkerbunds stand, und wenig später nach Prag. Am 2. Juni erklärte der Exilvorstand gegenüber der Sozialistischen Internationale, die SPD habe ihren Sitz nach Prag verlegt - dem aber widersprachen die in Berlin verbliebenen Genossen. Der Exilvorstand, dem sich mehr und mehr Emigranten anschlossen, versuchte nun, den Widerstand gegen den nationalsozialistischen Terror zu organisieren. Die Berliner Sozialdemokraten hielten dagegen - allen Schwierigkeiten zum Trotz - an einem Legalitätskurs fest, um keinen Vorwand für ein Verbot der Partei zu liefern. Dies war auch der Grund, weshalb sich die Rumpffraktion der SPD im Reichstag dazu entschloss, Hitlers außenpolitischer Friedensrede am 17. Mai zuzustimmen. Auf Hitler machte das allerdings keinen Eindruck. Die Sozialdemokraten waren das größte Hindernis für die Errichtung einer nationalsozialistischen Diktatur. Ihre Unterdrückung war unausweichlich.

Bloßer Überraschungserfolg Hitlers?

Einer der prominenten Sozialdemokraten, die nach dem Verbot der Partei der Verhaftung entgingen, war Wilhelm Hoegner. Er wurde gewarnt, konnte rechtzeitig fliehen und ging nach Tirol, wo er als Sekretär bei der Sozialdemokratischen Partei Österreichs Arbeit fand. Bevor Hoegner den Weg über die grüne Grenze antrat, traf er sich ein letztes Mal mit Kameraden des pro-republikanischen Schutzbunds "Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold". Mit Blick auf den neuen Reichskanzler Hitler waren sich alle einig: "Wir hielten seinen Sieg für einen bloßen Überraschungserfolg und wähnten, nach den ersten außenpolitischen Rückschlägen und wirtschaftlichen Schwierigkeiten würde sich das deutsche Volk wie ein täppischer Riese, der im Schlaf gefesselt worden war, strecken und recken und die lächerlichen Bande zerreißen", notierte Hoegner. "Als wir uns zum letzten Male die Hände schüttelten, waren wir frohgemut, und keiner dachte an ein Auseinandergehen für lange Zeit."

Nach Hitlers Ende kehrte Wilhelm Hoegner nach Deutschland zurück, er wurde Ministerpräsident Bayerns und entwarf eine demokratische Verfassung für den Freistaat. Aber bis es so weit war, sollte es zwölf lange Jahre dauern.


Ernst Piper schreibt auf einestages über das erste Jahr, in dem die Nazis in Deutschland an der Macht waren - 75 Jahre danach, Monat für Monat.

Im Juli lesen Sie:

Hitler erklärt die nationalsozialistische Revolution für beendet und macht das Deutsche Reich auch offiziell zum Einparteienstaat - ein Staat, der immer rassistischere Züge annimmt.

insgesamt 2 Beiträge
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Norwin Schneiter, 23.06.2008
1.
Im Juni 1933 war der "Führer" bereits 44 Jahre alt und nicht wie im Titel: "Als Hitler die Jugend verführte" 43 jährig
Paul Ney, 24.06.2008
2.
Da sehe ich manche konzeptuale Fragezeichen in Hinsicht auf den Absatz > Die Berufung Schirachs entsprach dem nationalsozialistischen Prinzip, das da lautete: "Jugend soll durch Jugend geführt werden". Die Führungskader der HJ waren oftmals kaum älter als die ihnen Anvertrauten. Jugend galt nicht länger als Synonym für Unverstand und mangelnde Erfahrung, Die Jugend war & ist allen Bewegungen viel zu wichtig, sie wurde Jugendlichen oder "jungen Erwachsenen" eigentlich nie anvertraut, denn es waren immer die "älteren Semester" im Hintergrund lenkend tätig. Das schließt nicht aus, daß mancher aufgeweckte junger Mensch hochkatapultiert wurde und da blieb er, wenn er immer artig war. Daß Jugend-Führungskader selbst passenden Alter aufweisen müssen, ist Sache von Führungsprinzip und "manpower management".
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