75 Jahre "Machtergreifung" Wie Hitler die "Volksgemeinschaft" formte

Es war der Schlusspunkt zur Abschaffung der Demokratie: Am 14. Juli 1933 erhob Hitler die NSDAP zur Staatspartei, machte Zwangssterilisation zum Gesetz und bürgerte Zehntausende Oppositionelle aus. Kurz darauf verstummte plötzlich auch die wichtigste unabhängige Kraft im Land.

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In wenigen Monaten hatte Adolf Hitler nach seinem Amtsantritt im Januar 1933 das System der parlamentarischen Demokratie, bis dahin halbwegs intakt, zertrümmert. Das Parlament war entmachtet, die nationalkonservativen Koalitionspartner an die Wand gedrückt und die Parteienlandschaft durch Verbote und erzwungene Selbstauflösungen eingeebnet. Den formalen Schlusspunkt unter die Abschaffung der Demokratie setzte am 14. Juli 1933 das "Gesetz gegen die Neubildung von Parteien". Der erste Paragraph lautete ganz lapidar: "In Deutschland besteht als einzige Partei die Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei."

Wer es forthin unternahm, sich weiterhin für eine der anderen Parteien zu betätigen oder eine neue zu bilden, wurde mit Zuchthaus bis zu drei Jahren bestraft. Die 2,5 Millionen Mitglieder, die die NSDAP damals hatte, wurden damit Repräsentanten eines politischen Alleinvertretungsanspruchs, zur Avantgarde eines gesellschaftlichen Umgestaltungsprozesses, an dessen Ende eine nationalsozialistisch geformte "Volksgemeinschaft" stehen sollte.

Am selben Tag erließ die NS-Regierung auch das "Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses". Es sah die Möglichkeit der Zwangssterilisierung vor und war ein wichtiger erster Baustein zur Umsetzung der nationalsozialistischen Rassenpolitik. Die Erbkrankheiten im Sinne dieses Gesetzes reichten von "angeborenem Schwachsinn" über Schizophrenie und erbliche Blindheit oder Taubheit bis zu körperlicher Missbildung. Auch notorische Alkoholiker sollten sterilisiert werden.

"Der Zuchtgedanke ist Kerngehalt des Rassegedankens"

Über die zwangsweise Sterilisation entschieden eigens zu diesem Zweck geschaffene "Erbgesundheitsgerichte". Der einschlägige juristische Fachkommentar sagte klar und deutlich, worum es ging: "Ziel der dem deutschen Volk artgemäßen Erb- und Rassenpflege ist eine ausreichend große Zahl erbgesunder, für das deutsche Volk rassisch wertvoller, kinderreicher Familien zu allen Zeiten. Der Zuchtgedanke ist Kerngehalt des Rassegedankens. Die künftigen Rechtswahrer müssen sich über das Zuchtziel des deutschen Volkes klar sein." Die "Rechtswahrer" waren im Jargon des "Dritten Reiches" die Juristen. Sie leisteten ganze Arbeit - etwa 400.000 Menschen wurden nach diesem perversen Gesetz zwangssterilisiert.

Die Ärzteschaft war bei der Erledigung dieses Auftrags sehr engagiert. Allein der Direktor der städtischen Frauenklinik Dresden-Friedrichstadt, SS-Obersturmbannführer Heinrich Eufinger, führte mehr als 1000 der Eingriffe durch. Dabei ging man nicht besonders rücksichtsvoll vor. Viele Opfer waren geschwächt durch vorausgehende Aufenthalte in Pflegeheimen, so dass etwa 5500 Frauen und 600 Männer die Zwangssterilisierung nicht überlebten.

Auch das dritte, am 14. Juli erlassene Gesetz diente der Formierung der nationalsozialistischen "Volksgemeinschaft". Das "Gesetz über den Widerruf von Einbürgerungen und die Aberkennung der deutschen Staatsangehörigkeit" bestimmte, dass Reichsangehörige, die sich im Ausland aufhielten, ihre deutsche Staatsangehörigkeit verlieren konnten, wenn sie "deutsche Belange" schädigten oder gegen die "Pflicht zur Treue gegen Reich und Volk" verstießen. Diese Bestimmungen richteten sich gegen die Emigranten. Über 30.000 Menschen waren in den ersten Monaten der NS-Herrschaft bereits ins Ausland geflohen - unter ihnen viele international angesehene Schriftsteller, Künstler und Wissenschaftler, von denen manch einer seine Stimme auch im Exil gegen die Terrorherrschaft der Nationalsozialisten erhob.

"Eine Großtat von unermesslichem Segen"

Die erste Ausbürgerungsliste wurde am 23. August veröffentlicht. Sie umfasste 33 Namen, unter ihnen die Schriftsteller Lion Feuchtwanger, Heinrich Mann und Ernst Toller, die Politiker Wilhelm Pieck (KPD), Philipp Scheidemann und Otto Wels (beide SPD), der frühere Berliner Polizeipräsident Albert Grzesinski und sein Stellvertreter Bernhard Weiß, der Hochschullehrer Emil Julius Gumbel und der Publizist Alfred Kerr. Sie alle waren nun staatenlos und verloren damit jeden diplomatischen Schutz. Ihr in der Heimat verbliebenes Vermögen wurde vom Deutschen Reich beschlagnahmt. Bis zum Ende des Dritten Reiches fielen mehr als 39.000 Menschen diesem Ausbürgerungsgesetz zum Opfer, unter ihnen über hundert ehemalige Reichstagsabgeordnete.

Alle diese Maßnahmen festigten die nationalsozialistische Diktatur im Inneren, mehrten aber nicht gerade das Ansehen des NS-Regimes auf internationaler Bühne. Außenpolitisch war die Regierung Hitler zunächst einmal ziemlich isoliert. Die Gewalttaten gegen Oppositionelle, Anschläge auf jüdische Geschäfte und vor allem die Bücherverbrennungen hatten im Ausland ein verheerendes Echo. In dieser Situation gelang Hitler am 20. Juli 1933 durch den Abschluss des Konkordats mit dem Vatikan ein doppelter Befreiungsschlag. Es sorgte für Ruhe im Verhältnis zu den Kirchen, der wichtigsten vom Staat unabhängigen gesellschaftlichen Kraft im Lande, und verschaffte den Nazis zugleich auch internationale Anerkennung.

In der Reichskanzlei stapelten sich Dankschreiben deutscher Bischöfe - derselben Kirchenmänner, die noch wenige Jahre zuvor in Kanzelabkündigungen vor der NSDAP gewarnt hatten. Der Münchner Erzbischof Kardinal Faulhaber schrieb dem Reichskanzler: "Was die alten Parlamente und Parteien in 60 Jahren nicht fertigbrachten, hat Ihr staatsmännischer Weitblick in sechs Monaten verwirklicht." Für Deutschlands Ansehen in der Welt bedeute dieser Handschlag mit dem Papst "eine Großtat von unermesslichem Segen".

Kampf um Kruzifixe im Klassenzimmer

Tatsächlich wuchs die Reputation der Regierung Hitler durch das Konkordat beträchtlich. Zugleich glaubten die Männer der Kirche wohl, in der Auseinandersetzung mit den Nazis, einen wichtigen Etappensieg errungen zu haben. Das NSDAP-Parteiblatt "Völkischer Beobachter" veröffentlichte den Konkordatstext auf einer ganzen Seite und schrieb im Vorspann: "Der Staat ist in Zukunft der Garant der christlichen Mission der Kirche." Bekenntnisschule und religiöse Erziehung der Jugend waren nun ebenso offiziell garantiert wie die Mitwirkung der Kirche bei der Besetzung theologischer Lehrstühle. Dafür hatten der frühere Reichskanzler Papen und Prälat Kaas vom "Römischen Flügel" der Zentrumspartei, die maßgeblich zum Zustandekommen des Konkordats beigetragen hatten, jegliche politische Organisation des deutschen Katholizismus preisgegeben. Auch die christlichen Gewerkschaften wurden aufgelöst.

Der Vatikan und mit ihm die deutschen Bischöfe erhofften sich von ihren verbliebenen, nun immerhin verbrieften Rechten und Privilegien eine gesicherte Position in dem sich nach der "Machtergreifung" bald abzeichnenden Kirchenkampf. Für Hitler bedeutete das Konkordat nicht nur international einen enormen Prestigegewinn, es steigerte auch sein Ansehen bei den Gläubigen im Lande und verlieh ihm die Aura der Legitimität. Faulhaber verstieg sich zu der These, Hitler sei ungleich legaler ins Amt gekommen als die mit dem Ludergeruch der Revolution behaftete Regierung von 1918.

Hitler, der selbst nie aus der Kirche austrat und oft als Taufpate für die Kinder prominenter Parteigenossen fungierte, hatte einen enormen Respekt vor der Macht der Kirchen, mit denen er erst nach dem "Endsieg" abrechnen wollte. Er hatte eine Frontstellung gegen die Kirchen immer sorgfältig vermieden. Trotzdem sahen die Kirchen sich ständig zu neuen Protesten gegen die Behinderung ihrer Arbeit veranlasst. Dabei fanden Kardinal Faulhaber und nicht wenige seiner Amtsbrüder deutliche Worte der Kritik, wenn der Besitzstand der Kirche angetastet wurde, etwa weil ein Gauleiter auf die Idee kam, in den Schulräumen die Kreuze abhängen zu lassen.

Doch als 1938 die Synagogen brannten, verfielen die Kirchenfürsten in beredtes Schweigen.


Ernst Piper schreibt auf einestages über das erste Jahr, in dem die Nazis in Deutschland an der Macht waren - 75 Jahre danach, Monat für Monat.

Im August lesen Sie:

Am 30. August beginnt in Nürnberg der "Reichsparteitag des Sieges". Erstmals können die Nazis sich mit allem Pomp als Staatsmacht inszenieren. Leni Riefenstahl verewigt den Parteitag in ihrem Propagandastreifen "Der Sieg des Glaubens".


Vom selben Autor:

Ernst Piper: Kurze Geschichte des Nationalsozialismus von 1919 bis heute. Verlag Hoffmann und Campe. Hamburg 2007

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insgesamt 2 Beiträge
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Paul Ney, 14.07.2008
1.
(i) Zum Konkordat --- Die NS-Führungsgruppe hat sich einige Zeit auch mit Okkultismus, Wahrsagerei usw. beschäftigt und auch die Idee der Wiederbelebung einer heidnischen altgermanischen Religion ernsthaft verfolgt. Ein neuer Kult hätte doch wenige Chancen angesichsts der befestigten christlichen Überzeugung -- das Konkordat erscheint auch in dieser Hinsicht als Ausweg. (ii) Zum "Zuchtgedanken" --- Lehrreich ist die Legende über die Spartaner der Antike: Da hat man die als Schwächlinge angesehenen Neugeborene vom Felsen in den Abgrund gestürzt, sie würden keine guten Soldaten werden, hieß es. Dagegen hätten körperbehinderte Menschen auch gute Gelehrten, Schöpfer von Kriegsmaschinen, Generäle (siehe oströmisches Reich) usw. usf. werden können... Kleinkarierter Perfektionswahn kann also auch den Untergang eines Volkes bewirken. (iii) Zur Ausbürgerung und Emigration --- Albert Einstein stellt ein illustres Beispiel dar, er war ja im Ausland, als die Bücher brannten. Er ist gleich geblieben, also nicht mehr zurückgekommen; das historische Literaturzitat lasse ich hier mal weg. Übrigens, Einstein gehörte auch zu denen, die die Bombe mit-gebaut haben und danach dagegen waren. (iv) 14. Juli --- Das Datum war sicherlich Zufall, nehme ich an. Es mußte nicht unbedingt der Jahrestag der Erstürmung der Bastille sein...
Ulrich Hartmann, 17.07.2008
2.
Hat Herr Piper eigentlich noch nicht gemerkt, daß es mehrere Kirchen gibt? Obwohl damals zwei Drittel der Bevölkerung zur evangelischen Kirche gehörten, hat er fast nur die katholische im Blick. Grottenfalsch ist natürlich, wenn er schreibt, das Reichskonkordat habe das Verhältnis zu "den Kirchen" bereinigt. Für das Verhältnis zur evangelischen Kirche hatte das Reichskonkordat nicht die geringste Bedeutung. Hier wurde vielmehr versucht, sie mit Hilfe der "Deutschen Christen" gleichzuschalten, so wie andere gesellschaftliche Institutionen (z.B. in Sport, Musik etc.) auch. Im Zuge der allgemeinen Begeisterung des Jahres 33 schien dies auch zunächst zu gelingen, führte dann aber zur Spaltung in der evangelischen Kirche. Der nun folgende "Kirchenkampf" ging zwar weitgehend nicht gegen das Regime, sondern war ein Kampf in der Kirche und um die Kirche. Aber er blieb doch ein ständiger Unruheherd und kam der Partei sehr ungelegen, ebenso - und vielleicht noch mehr - die fortbestehende Unabhängigkeit der katholischen Kirche und die Loyalität der Bevölkerung zu ihr. So konnte der totale Staat eben doch nicht so total sein, wie er gerne wollte. Die Darstellung des Artikels wird den tatsächlichen Ereignissen in keiner Weise gerecht.
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