75 Jahre "Machtergreifung" Die Kunst der Anpassung

Goebbels liebte Musik, Film, Theater - zu dumm, dass 1933 kaum ein Künstler Nazi war. Also wurde der Kunstbetrieb brutal gleichgeschaltet, wer sich nicht anpasste, erhielt Berufsverbot. Stars wie Gustaf Gründgens oder Richard Strauss wurden dagegen umgarnt - und ließen es sich gefallen.


Hitler hatte schon in "Mein Kampf" beschrieben, wie man als Rattenfänger zum Erfolg kommt: "Der Sieg einer Idee wird um so eher möglich sein, je umfassender die Propaganda die Menschen in ihrer Gesamtheit bearbeitet und je ausschließlicher, straffer und fester die Organisation ist, die den Kampf schließlich durchführt." Der entscheidenden Bedeutung der Propaganda für die Sicherung seiner Herrschaft war sich der "Führer" der Nationalsozialisten immer bewusst gewesen. Nach der "Machtergreifung" zögerte er nicht, dieser Überzeugung Taten folgen zu lassen.

Seit 1930 war Joseph Goebbels "Reichspropagandaleiter" der NSDAP gewesen. Unmittelbar nach den Reichstagswahlen vom 5. März 1933 begann Hitler, die Propagandaabteilung der Partei in eine Regierungsbehörde umzuformen. Nur eine Woche nach dem Wahlgang ernannte Hitler seinen Vertrauten zum "Reichsminister für Volksaufklärung und Propaganda". Das neu geschaffene Ministerium wurde aus Abteilungen anderer Reichsministerien zusammengefügt. Vor allem das Innenministerium musste Kompetenzen abgeben - von der Zuständigkeit für nationale Feiertage über Rundfunk, Theaterangelegenheiten und Lichtspielwesen bis hin zum Jugendschutz.

Nicht nur zahlen, auch bestimmen

Goebbels fiel bei der Durchsetzung der nationalsozialistischen Weltanschauungsdiktatur eine zentle Rolle zu. Eine Verordnung Hitlers vom 30. Juni bestimmte: "Der Reichsminister für Volksaufklärung und Propaganda ist zuständig für alle Aufgaben der geistigen Einwirkung auf die Nation, der Werbung für Staat, Kultur und Wirtschaft."

Der nationalsozialistische Staat hatte nicht die geringste Absicht, weltanschaulich neutral zu sein. Die in der Weimarer Republik praktizierte Staatsferne in der Kulturpolitik lehnten die Nazis ab - sie wollten Theater und Orchester nicht nur subventionieren, sie wollten auch bestimmen, was gespielt wurde.

Vor allem sollte die von Hitler propagierte "geistige Einwirkung auf die Nation" zentral gesteuert werden. Den Ländern wurden ihre Kompetenzen weitgehend entzogen und im neuen Propagandaministerium gebündelt. Wenige Wochen später trat noch ein Reichsministerium für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung hinzu. Es stand unter der Leitung des 1930 aus dem Dienst entlassenen Gymnasiallehrers Bernhard Rust, der jetzt für die nationalsozialistische Ausrichtung des Schulsystems in ganz Deutschland zuständig war.

Durchgriff auf das deutsche Kulturleben

Am 22. September 1933 schufen die Nazis mit dem "Reichskulturkammergesetz" ein entscheidendes Instrument zur Steuerung des kulturellen Lebens im Sinne des NS-Staates. Präsident der Reichskulturkammer war qua Amt Propagandaminister Goebbels, der nun sieben Einzelkammern für Schrifttum, Presse, Rundfunk, Theater, Musik, bildende Kunst und Film unterstanden. Diese Konstruktion gab Goebbels direkten Zugriff auf das gesamte deutsche Kulturleben.

Früh hatte der promovierte Germanist und dilettierende Schriftsteller die Bedeutung der neuen Medien Rundfunk und Film erkannt. In seiner Villa auf dem Schwanenwerder in Berlin gab es einen eigenen Saal zur Vorführung neuer Kinofilme. Gern umgab sich der NS-Oberpropagandist mit Künstlern und Intellektuellen und sonnte sich gerne im Scheinwerferlicht der Ufa-Studios. Goebbels' Machtposition war nur dadurch eingeschränkt, dass andere Nazigranden, allen voran der Chefideologe Alfred Rosenberg, ebenfalls den Anspruch erhoben, einen bestimmenden Einfluss auf das kulturelle Leben auszuüben.

Die einzelnen Kammern der Reichskulturkammer fungierten als berufsständische Organisationen mit obligatorischer Mitgliedschaft. Dies entsprach dem korporatistischen Staatsverständnis der Nazis, das jeden zu einem kleinen Glied der großen "Volksgemeinschaft" machen wollte. "Wer bei der Erzeugung, der Wiedergabe, der geistigen oder technischen Verarbeitung, der Verbreitung, der Erhaltung, dem Absatz oder der Vermittlung des Absatzes von Kulturgut mitwirkt, muss Mitglied der Einzelkammer sein, die für seine Tätigkeit zuständig ist", hieß es in der Durchführungsbestimmung, die sehr streng ausgelegt wurde. Ein Künstler wie Ernst Barlach etwa musste Mitglied von gleich zwei Kammern werden. Als Schriftsteller war der Autor des "Blauen Boll" Mitglied der Reichsschrifttumskammer, für den Grafiker und Bildhauer war die Reichskammer der bildenden Künste zuständig.

Berufsverbot und "ungemalte Bilder"

Als Künstler tätig konnte nur sein, wer in der Kammer organisiert war - er hatte aber keinen Anspruch darauf, aufgenommen zu werden. Wer die "für die Ausübung seiner Tätigkeit erforderliche Zuverlässigkeit und Eignung" in den Augen der neuen Herren nicht besaß, konnte aus der Kammer ausgeschlossen werden. Das aber war gleichbedeutend mit einem Berufsverbot. Der Maler Emil Nolde nannte die Aquarelle, die er geschaffen hatte, nachdem ihm ein Malverbot auferlegt worden war, deshalb seine "ungemalten Bilder".

Zur Verdrängung der jüdischen Minderheit aus der deutschen Gesellschaft, die dem Holocaust vorausging, gehörte auch die "Entjudung des deutschen Kulturlebens". Im Mai 1936 wurde der arische Abstammungsnachweis zur obligatorischen Voraussetzung für die Mitgliedschaft in der Reichskulturkammer. Schon in den ersten Monaten nach der "Machtergreifung" hatte es Massenentlassungen von jüdischen Künstlern bei Theatern, Opernhäusern, Orchestern, Museen und anderen öffentlichen Einrichtungen gegeben. 1936 wurden auch die letzten noch verbliebenen Juden aus der Reichskulturkammer geworfen und damit von einer weiteren Berufsausübung ausgeschlossen.

Ihnen blieb allenfalls die Möglichkeit, im Rahmen des im Juli 1933 gegründeten Kulturbunds Deutscher Juden aktiv zu werden. Dieser Bund bildete ein kleines kulturelles Ghetto, insbesondere in Berlin, wo fast ein Drittel der deutschen Juden lebte. Täglich gab es Theateraufführungen, Konzerte, Filmvorführungen, Vorträge und anderes mehr. Aber all das spielte sich hinter verschlossenen Türen ab. Nichtjuden war die Anwesenheit untersagt. Werke von Autoren und Komponisten, die als "deutsch" galten, durften nicht aufgeführt werden.

Es gab kaum Nazis, die Künstler von Rang waren

Während kommunistische Diktaturen zur Kontrolle von Wirtschaft und Industrie, aber auch von Verlagswesen, Kunsthandel oder Musikbetrieb meist auf Verstaatlichung setzten, verfolgten die Nationalsozialisten eine effektivere Strategie. Die Verstaatlichung der Großindustrie stand angesichts der Unterstützung, die Hitler bei vielen Industriellen genoss, ohnehin nicht zur Debatte. Aber auch im Kultursektor setzte man weniger auf die Übernahme der Unternehmen als auf die Formierung der Gesellschaft durch die möglichst lückenlose Erfassung und Kontrolle der Menschen. Die Verabschiedung des Reichskulturkammergesetzes am 22. September 1933 war ein entscheidendes Datum für die nationalsozialistische Ausrichtung des deutschen Kulturlebens.

Dabei gab es kaum überzeugte Nationalsozialisten, die zugleich Künstler von Rang waren. Umso mehr fiel ins Gewicht, dass so viele hervorragende Künstler sich dem NS-Regime zur Verfügung stellten - die Schauspieler Heinrich George und Gustaf Gründgens etwa, die Dichter Gottfried Benn und Gerhard Hauptmann, die Dirigenten Wilhelm Furtwängler und Richard Strauss. Strauss allerdings wurde bald ein Opfer seiner Naivität. Im Februar 1934 eröffnete er mit einer brav nationalsozialistischen Rede die erste Tagung der Reichsmusikkammer. Gleichzeitig arbeitete er weiterhin mit jüdischen Librettisten zusammen, den er in einem Brief wissen ließ, dass er sich nur aus Opportunismus, nicht aber aus innerer Überzeugung dem neuen Regime zur Verfügung gestellt habe.

Natürlich fiel das Schreiben des berühmten Kapellmeisters der Gestapo in die Hände - Strauss musste die Präsidentschaft der Reichsmusikammer aus "gesundheitlichen Gründen" niederlegen und eine unterwürfige Ergebenheitsadresse an den "großen Gestalter des deutschen Gesamtlebens" Adolf Hitler abgeben. Ansonsten blieb der Komponist unbehelligt, auch wenn NS-Chefideologe Alfred Rosenberg bei Hitler vergeblich gegen diese "vom weltanschaulichen Standpunkt der NSDAP unmögliche Situation" protestierte. Der "Führer" allerdings wusste genau um den immensen Wert von Vorzeigekünstlern wie Strauss, die in den ersten Jahren gute Dienste dabei leisteten, seinem Regime im In- und Ausland Anerkennung zu verschaffen.

Als er fest im Sattel saß, mussten dann auch viele Stars hartgesottenen Nationalsozialisten weichen.


Ernst Piper schreibt auf einestages über das erste Jahr, in dem die Nazis in Deutschland an der Macht waren - 75 Jahre danach, Monat für Monat.


Vom selben Autor:

Ernst Piper: Kurze Geschichte des Nationalsozialismus von 1919 bis heute. Verlag Hoffmann und Campe. Hamburg 2007

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