75 Jahre "Machtergreifung" Braune Suppe, dicke Brocken

75 Jahre "Machtergreifung": Braune Suppe, dicke Brocken Fotos
Bildarchiv Preußischer Kulturbesitz/bpk/Kunstbibliothek, SMB/Jürgen Liepe

Liebe geht durch den Magen - auch die zum "Führer": Der "Eintopfsonntag" sollte die Deutschen vor 75 Jahren zur NS-Volksgemeinschaft zusammenschweißen. Während ganz Deutschland Suppe löffelte, schaffte Hitler den Parlamentarismus ab und trat aus dem Völkerbund aus. Von

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Es war sozusagen ein Volks-Fest: Am 1. Oktober 1933 feierte Deutschland zu ersten Mal den von den Nazis erfundenen "Eintopfsonntag". Alle deutschen "Volksgenossen" waren angehalten, an diesem Tag bei sich zuhause ein Mittagsmahl aufzutischen, das nicht mehr als 50 Pfennige pro Person kosten sollte.

Aber der Eintopfsonntag wurde nicht nur daheim und in den Gaststätten durchgeführt. Auch ganz demonstrativ in der Öffentlichkeit wurde Sparsamkeit zelebriert. An belebten Orten wie etwa dem Potsdamer Platz in Berlin wurden lange Tischreihen aufgestellt, daneben stand die Gulaschkanone. Ein Transparent verkündete "Berlin isst heute sein Eintopfgericht". Prominente wie Hitlers Propagandaminister Joseph Goebbels oder die Filmschauspielerin Luise Ullrich liefen mit der Sammelbüchse durch die Reihen und forderten Spenden ein für das "Winterhilfswerk" der Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt.

Die Aktion wurde mit großem Aufwand propagiert, denn sie sollte sichtbar machen, dass die Idee der "nationalsozialistischen Volksgemeinschaft", in die sich jeder Deutsche einzuordnen hatte, unter den Nazis Wirklichkeit zu werden begann. Die Sammlungen zum Eintopfsonntag erbrachten fortan jedes Jahr dreistellige Millionenbeträge - denn das NS-Regime beließ es mitnichten bei den Sammelbüchsen an öffentlichen Plätzen. Am Abend erschienen SA- oder SS-Leute an den Wohnungstüren und kassierten den Unterschiedsbetrag zwischen den für den Eintopf vorgeschriebenen 50 Pfennigen und dem Normalbetrag für die Zubereitung einer Mahlzeit.

Eintopf für 100 Mark

Auch der der "Führer" beteiligte sich demonstrativ an dem Unternehmen. Adolf Hitler ließ am Eintopfsonntag eine Liste bei Tisch herumgehen, in die jeder seiner Gäste mehr oder minder freiwillig seine Spende eintragen musste. Hitlers Architekt und späterer Rüstungsminister Albert Speer erinnerte sich nach dem Krieg, dass ihn "jeder Eintopf etwa 50 bis 100 Mark" gekostet habe.

Mit dem propagandistischen Erfolg der ersten Eintopfaktion konnte Hitler zufrieden sein, und tags darauf wandte er sich wieder der großen Politik zu. Der "Führer" flog nach Ostpreußen, um Reichspräsident Hindenburg auf dessen Gut Neudeck zum 86. Geburtstag zu gratulieren. Es war eine günstige Gelegenheit, um seine nächsten politischen Ziele in die Tat umzusetzen. Als Reichspräsident hatte Hindenburg noch immer eine bedeutende Machtposition und war bei bestimmten Fragen nicht zu umgehen. So missfiel es Hitler, dass dem Reichstag noch die Abgeordneten der früheren bürgerlichen Parteien angehörten, auch wenn sie nun faktisch Hospitanten der NSDAP waren. Er wollte eine rein nationalsozialistische Akklamationskulisse für seine großen Auftritte vor dem Parlament - den Reichstag aber auflösen konnte der Reichskanzler Hitler nur mit Hilfe des Reichspräsidenten.

Hindenburg hatte keine Einwände, und für den 12. November wurden kurzerhand Neuwahlen angesetzt. Ganz nebenbei löste der Reichspräsident auch noch sämtliche Landtage auf, für die von Neuwahlen "einstweilen abzusehen" sei. Wenige Monate später wurden die Landtage durch das "Gesetz zum Neuaufbau des Reiches" vom 30. Januar 1934 dann abgeschafft.

Austritt aus dem Völkerbund

Hitler brauchte den alten Mann noch für ein zweites Vorhaben: Seit langem war dem Diktator die deutsche Mitgliedschaft im Völkerbund ein Dorn im Auge. Der Völkerbund, erster Versuch einer internationalen Staatenvereinigung, war 1919 gegründet worden; er verwaltete die ehemaligen deutschen Kolonien und war zuständig für die Durchführung der territorialen Bestimmungen des von vielen Deutschen als ungerecht empfundenen Versailler Friedensvertrages. 1926 wurde als Resultat der Verständigungspolitik des Reichsaußenministers Gustav Stresemann auch das Deutsche Reich in den Völkerbund aufgenommen, dem zunächst nur die 32 Siegermächte des Ersten Weltkriegs sowie 13 neutrale Staaten angehörten. Für die Nazis allerdings war der Völkerbund lediglich Exekutor des "Schandfriedens" von Versailles.

Seit 1932 tagte in Genf die ständige Abrüstungskonferenz des Völkerbundes. Der britische Premier Ramsay MacDonald hatte im März 1933 einen Abrüstungsplan vorgelegt, der ein Chemiewaffenverbot und starke Einschränkungen für den Einsatz schwerer Waffen vorsah. Die Streitkräfte Deutschlands und Frankreichs sollten innerhalb von fünf Jahren auf jeweils 200.000 Mann begrenzt werden. Den Deutschen genügte das Entgegenkommen nicht, ein Kompromiss schien in weiter Ferne. Im Juni 1933 beschloss die Abrüstungskonferenz, sich auf den Herbst zu vertagen.

Hitler weigerte sich, über den britischen Abrüstungsvorschlag auch nur zu verhandeln. Statt dessen entschloss er sich, die deutsche Delegation aus Genf abzuziehen - und den Austritt Deutschlands aus dem Völkerbund zu erklären. Hindenburg gab seine Zustimmung.

"Du, deutscher Mann, und du, deutsche Frau..."

Am 14. Oktober, einem Samstag, gab die Reichsregierung bekannt, dass "angesichts der demütigenden und entehrenden Zumutungen der anderen Mächte auf der Genfer Abrüstungskonferenz" das deutsche Reich an den Verhandlungen nicht mehr teilnehmen werde. Bekanntgegeben wurde diese Entscheidung von Propagandaminister Goebbels, nicht von dem eigentlich zuständigen Außenminister Konstantin von Neurath. Einen Samstag hatte Hitler für seinen Coup mit bedacht gewählt: Er rechnete damit, dass die anderen Regierungen am Wochenende nur verzögert reagieren konnten. Diese Methode hatte System: Auch die Wiedereinführung der allgemeinen Wehrpflicht (1935), die Besetzung des Rheinlandes (1936) und der Einmarsch nach Österreich (1938) wurden an Samstagen verkündet.

Einen Monat darauf fanden die Reichstagswahlen statt - verbunden mit einer Volksabstimmung über den Austritt aus dem Völkerbund. Den Volksgenossen werde so Gelegenheit gegeben, "zu den Schicksalsfragen der deutschen Nation Stellung zu nehmen", wie es typisch schwülstigem Hitler-Deutsch hieß. Am Wahltag 12. November gab es nur einen einzigen Wahlvorschlag, die "Liste des Führers", erwartungsgemäß stimmten 92,2 Prozent der Wahlberechtigten mit Ja.

Die Frage zum Völkerbundaustritt war auf Abstimmungszettel war hoch suggestiv so formuliert: "Billigst Du, deutscher Mann, und Du, deutsche Frau, diese Politik Deiner Reichsregierung und bist Du bereit, Dich feierlich zu ihr zu bekennen?" 95 Prozent der Abstimmenden kreuzten das "Ja" an.

Das Gesetz des Handelns

Die hohe Zustimmungsrate war sicher auch Ergebnis der massiven Propaganda, verbunden mit der Angst, dass abweichendes Verhalten sanktioniert werde. Aber die Entscheidung zum Austritt aus dem Völkerbund fand im Lande durchaus Zustimmung. Hitler hatte den Siegern des Ersten Weltkriegs die Stirn geboten, und viele jubelten. Er hatte das Gesetz des Handelns an sich gerissen und das machte den Deutschen Eindruck.

Mit seiner Überrumpelungstaktik, bei der alles auf eine Karte setzte, hatte Hitler immer wieder Erfolg. Erst 1939 verkalkulierte er sich gründlich. Seine Hoffnung, Frankreich und Großbritannien würden ihm im Osten freie Hand lassen und Polen könnte zum Satellitenstaat im Lebensraumkrieg gegen die Sowjetunion umfunktioniert werden, erfüllte sich nicht. Auf den Einmarsch in Polen am 1. September 1939 folgte - anders als zuvor bei der Besetzung des Rheinlands, Österreichs und des Sudetenlandes - die Kriegserklärung an Hitler und die Deutschen.


Ernst Piper schreibt auf einestages über das erste Jahr, in dem die Nazis in Deutschland an der Macht waren - 75 Jahre danach, Monat für Monat:

Lesen Sie im November:

Das Dritte Reich war ein diktatorischer Einparteienstaat. Dennoch gab es regelmäßig Wahlen und Volksabstimmungen, die mit großem Aufwand inszeniert wurden. Sie sollten dem Ausland die Einheit zwischen "Volk und Führer" demonstrieren.


Vom selben Autor:

Ernst Piper: Kurze Geschichte des Nationalsozialismus von 1919 bis heute. Verlag Hoffmann und Campe. Hamburg 2007.

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1.
Christian Schüpf, 27.10.2008
ein aufschlussreicher bericht. solch ein blick in die vergangenheit sollte doch, gerade in hinblick auf das erstarken der linken, verhindern das sich geschichte wiederholt und ein ganzes volk einem extrem erliegt. umso mehr entsetzt es mich wenn ich gelegentlich von manchen leuten höre das sie kein internet haben und es auch nicht brauchen.
2.
Michael Stingl, 27.10.2008
Wieso eigentlich immer nur Machtergreifung durch Hitler? Es war auch eine Machtübergabe AN Hitler. Ein großer Teil der Deutschen hat ihn auch ohne Druck von SA-Horden u.a. gewählt und das aus vollem Herzen. Von der Unterstützung durch die Justiz mal ganz zu schweigen.
3.
Christian Schüpf, 28.10.2008
>Wieso eigentlich immer nur Machtergreifung durch Hitler? Es war auch eine Machtübergabe AN Hitler. Ein großer Teil der Deutschen hat ihn auch ohne Druck von SA-Horden u.a. gewählt und das aus vollem Herzen. Von der Unterstützung durch die Justiz mal ganz zu schweigen. genau das meine ich. ein großteil des volkes scheint doch den versprechungen, aber auch den errungenschaften etwas später (z.b. abbau der arbeitslosenzahlen in einer wirtschaftskrise...), erlegen zu sein. da drückt man auch vielleicht mal ein auge, sollte es überhaupt offen gewesen sein, zu.
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