75 Jahre Metro Moskau Prunk für das Proletariat

75 Jahre Metro Moskau: Prunk für das Proletariat Fotos
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Schutzbunker, Geburtsstation, Terrorziel: Vor 75 Jahren ratterte die Moskauer Metro erstmals durch den Bauch der Metropole. Als architektonische Kampfansage gegen den Kapitalismus gedacht, leistete sie sich eine Luxuseinrichtung, die bis heute fasziniert. Von

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Düster ist sie, die Welt im Jahr 2033: Nach einem Atomkrieg liegt die Welt in Schutt und Asche, die wenigen Überlebenden haben sich in das gigantische Netz der Moskauer Metro zurückgezogen, um sich im Todeskampf ineinander zu verbeißen: Kommunisten gegen Faschisten, Faschisten gegen religiöse Fanatiker. So zumindest beschreibt der russische Science-Fiction-Autor Dmitry Glukhovsky in seinem Bestseller "Metro 2033" die Zukunft des Moskauer Metro-Netzes.

Dabei ist doch der Alltag der betagten U-Bahn schon aufregend genug. Neun Million Menschen spuckt sie pro Tag an ihrem gewünschten Zielort aus - das sind sechs Mal soviel wie in Berlin. Und das nun schon seit 75 Jahren: Am 15. Mai 1935, um sieben Uhr morgens, rauschte der erste Zug auf der dienstältesten "roten Linie" durch den Bauch der Metropole, um die Menschen vom Sokolniki-Park im Nordosten zum Gorki-Park am Südufer der Moskwa zu bringen.

Es war im wahrsten Sinne des Wortes höchste Eisenbahn: Seit 1918 wieder Hauptstadt, hatte sich die Bevölkerung in Moskau innerhalb eines Jahrzehnts von einer auf drei Millionen Menschen vervielfacht, ein neues Verkehrsmittel musste her. Nachdem sich zunächst vor allem die orthodoxe Kirche gegen den Bau einer Metro gesperrt hatte, weil die unterirdischen Bauarbeiten die Gotteshäuser ins Wanken zu bringen drohten, wurde sie 1931 von der Kommunistischen Partei überstimmt: Per Sonderplenum wurde im Juni des gleichen Jahres der Metrobau beschlossen.

Mit Spitzhacke, Spaten und Schubkarre

Fortan lag die Verantwortung in den Händen eines Mannes, der wie kaum ein anderer gleichermaßen konsequent wie rücksichtslos agierte: Lasar Kaganowitsch. Stalins Transportminister und Moskaus Parteichef hatte seine Hemdsärmeligkeit bereits bei der Kollektivierung der Landwirtschaft in der Ukraine gezeigt, nun war die Moskauer Metro dran.

Mit Spitzhacke, Spaten und Schubkarre bewehrt, wühlten sich vor allem zuvor von Kaganowistch enteignete Bauern durch das Erdreich. Ein Knochenjob, der Leben kostete, aber auch Leben retten konnte. Denn wer bei der Metro buckelte, hieß es, den ließen Stalins Schergen in Ruhe. Die Arbeit im U-Bahn-Stollen konnte sogar vor der Verbannung nach Sibirien und dem Gulag retten.

Auch wenn hier keine Zwangsarbeiter eingesetzt waren: Sehr viel besser als in Sibirien jedoch hatten es die für einen Hungerlohn unter Tage schuftenden Metro-Arbeiter nicht. Kein Wunder, dass sie im Frühjahr 1933 meuterten und das ganze Projekt zum Kippen zu bringen drohten. Daraufhin hob Kaganowitsch die Gehälter an und löste die Bauern durch linientreue Mitglieder des Jugendverbandes Komsomol ab.

"Wir bauen die beste Metro der Welt!"

Zudem ersetzte er die Spitzhacken durch hochmoderne britische Tunnelbohrmaschinen - auch wenn das einer Bankrotterklärung des Systems gleichkam: Nun errichtete die Technik des kapitalistischen Feindes ein Bauwerk, das wie kaum ein zweites den Sieg des Kommunismus in Stein meißeln sollte. Denn die Metro war von Anbeginn viel mehr als nur ein schnödes Transportmittel: Sie wurde errichtet, um der Welt die Übermacht der kommunistischen Ideologie zu demonstrieren.

"Wir bauen die beste Metro der Welt!", lautete die von Diktator Josef Stalin ausgegebene Devise, Lasar Kaganowitsch stieß ins gleiche Horn, als er vollmundig verkündete: "Mehr noch als alle Theater und Paläste wird die Metro unseren Geist anregen und erhellen." Vor allem dem sozialistischen Arbeiter sollte unter der Erde Moskaus das Leben versüßt werden.

"In kapitalistischen Städten baut man die U-Bahnen düster, einförmig, trist. Der Mensch kommt müde von der Arbeit, steigt hinunter in eine dunkle Gruft, setzt sich in einen Zug und wird noch müder, anstatt sich zu erholen", rief Kaganowitsch am Abend vor der Eröffnung aus. "Unser Arbeiter soll sich in der U-Bahn genauso froh und munter und gut fühlen wie in der Freizeit, im Klub, in der Fabrik."

Antike Tempel und stalinistischer Zuckerbäcker-Pomp

Nur diese gewaltige Überhöhung der U-Bahn kann erklären, dass unter Tage so derartig geprotzt wurde, während die Menschen über der Erde hungerten und froren. So zieren Arkaden mit Säulen aus Marmor und Edelstahl, gigantische Kronleuchter und weißer Stuck einige Metrostationen, andere warten mit Bronzeplastiken, glücklichen Kolchosebäuerinnen sowie gemalten Himmeln mit vergoldeten Sternen auf: Prunk für die Plebs - so lautete die Formel für die Moskauer Metro.

Eine skurrile Mischung aus Kitsch und Kunst, antiken Tempeln und stalinistischem Zuckerbäcker-Pop brach sich Bahn, um aller Welt zu zeigen: Hier regiert das beste System der Welt. Um die Vormachtsanspruch etwa auf dem Gebiet der Luftfahrt zu demonstrieren, ließ der Kreml Station Majakowskaja gar mit Zeppelin-, Flugzeug- und Ballon-Mosaiken schmücken.

Die ideologische Aufladung der U-Bahn führte auch dazu, dass die sowjetischen Machthaber den Metro-Arbeitern nicht einmal während des Zweiten Weltkrieges eine Pause gönnten. Eine weise Entscheidung: Als die Deutschen Ende 1941 vor den Toren Moskaus standen, zogen Regierung und Generalstab kurzerhand in die Metro um. In den U-Bahnstationen Majakowskaja und Kirovskaja, 80 Meter unter der Erde, bezogen Stalin und Konsorten ihr neues Quartier.

Sagenumwobene Geheimlinie "Metro-2"

Schutz vor den deutschen Luftangriffen fanden in der U-Bahn-Unterwelt jedoch nicht nur die Regierenden, sondern auch rund eine halbe Million Einwohner Moskaus. Damit geriet die U-Bahn zum größten Luftschutzbunker Russlands - und zu einem der ungewöhnlichsten Geburtshäuser: Rund 200 Kinder erblickten während des "Großen Vaterländischen Krieges" auf den Bahnsteigen der Metrostationen das Licht der Welt.

Dabei bewahrt sich die Moskauer Metro auch 75 Jahre nach ihrer Inbetriebnahme noch ein Geheimnis: Wohin nur die kunstvoll geschmiedeten Gitter führen, die hier und da den Boden der gigantischen Metro zieren? Hartnäckig hält sich seit Jahrzehnten das Gerücht der sogenannten Metro-2, einer zur Sowjetzeiten erbauten geheimen Metrolinie, die auf einer Länge von 150 Kilometer den Kreml mit dem Regierungsflughafen Wnukowo, der Kommandostelle des Generalstabs und der Luftabwehr im Moskauer Umland verbinden soll.

Von den sagenumwobenen Reservekommandozentralen im Reich der Tiefe aus hat bislang jedoch noch keine reale Macht ihre Truppen befehligt. Dafür liefern sich die Mutanten und Ungeheuer hier ihre Scharmützel: Zumindest in Glukhovskys Romandebüt.

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insgesamt 4 Beiträge
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1.
Gerald Muller 17.05.2010
meine Guete, Kaganowitschs Rolle in der Ukraine als 'hemdsaermelig' zu bezeichnen ist ja wohl das understatement des Jahres - damals sind aufgrund von K's Terror mehrere Millionen Menschen verhungert. Ich empfehle Frau Iken sich nicht vom spiegelnden marmor blenden zu lassen; auch daran klebt jede Menge Blut...
2.
Gert Gottschalk 18.05.2010
Fahren in der U-Bahn immer noch die als Kriegsbeute in Berlin gestohlenen U-Bahnwagen aus den 30er Jahren? Beste Gruesse, Gerhard2010.
3.
Paul Moll 18.05.2010
Hier gibt es noch mehr Bilder von der Moskauer Metro, die hoffentlich wegen ihrer Namensfindung keinen Streß mit dem Metro-Konzern bekommt. http://metro-moskau.bildreportagen.ch/
4.
Hans-Dieter Bieseke 01.06.2012
Die Moskauer und Petersburger Metro wurde so tief gebaut, weil sich Stalin und Konsorten auf einen Krieg mit Deutschland einstellten. Es wurde immer behauptet, nur die Nazis hatten Krieg führen wollen.
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