75 Jahre Nessie Superstar Seemonster

75 Jahre Nessie: Superstar Seemonster Fotos
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Ob als Wal, Aal oder Dino - Nessie lebt! Über Nacht wurde das Ungeheuer von Loch Ness vor 75 Jahren zum Superstar. Bis heute hält der Rummel um das Monster an: Politiker wollen es unter Artenschutz stellen, Magier verteidigen seine Privatsphäre mit okkulten Ritualen. Von Gesche Sager

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Der Artikel, der am 2. Mai 1933 im "Inverness Courier" erschien, las sich wie ein Auszug aus einem Monsterroman: "Im See, der eben noch so ruhig und glatt da gelegen hatte wie ein Mühlteich, fand sich auf einmal ein gewaltiger Hügel." Durch das markerschütternde Kreischen seiner Frau, so berichtet die Lokalzeitung, sei auch ihr Mann auf die Erscheinung aufmerksam geworden. Sie wurden Zeuge eines unglaublichen Ereignisses: "Für eine volle Minute vergnügte die Kreatur, deren Körper dem eines Wales ähnelte, sich in den Fluten rollend und springend in den Fluten", berichtete dieser später. "Das Wasser um die Kreatur herum brodelte wie in einem Hexenkessel. Dann verschwand sie im Schaum der Wellen."

Der "bekannte Geschäftsmann" und seine Frau, eine "Universitätsabsolventin" betonten, das "Monster" sei so groß gewesen, dass die Wellen, die es beim Abtauchen geschlagen habe, von einem Dampfschiff hätten stammen können. Sie warteten noch eine halbe Stunde, aber Loch Ness blieb ruhig.

Der Mythos über ein ungewöhnliches Lebewesen in dem sehr schmalen, aber rund 350 Meter tiefen See im schottischen Hochland hält sich schon seit Jahrhunderten. Die Einheimischen der spärlich besiedelten Gegend waren daher bereits vertraut mit Loch Ness und seinem kuriosen Bewohner. Doch nach dem Bericht im "Inverness Courier" wurde "Nessie" regelrecht zum Superstar.

Nessie als U-Boot-Attrappe

Reporter von großen Zeitungen reisten scharenweise ins Hochland und belagerten die Ufer von Loch Ness. Auch die Touristen kamen scharenweise, angelockt von der Aussicht, mal ein echtes Monster zu sehen. Ein Scoop gelang im April 1943 einer Londoner Tageszeitung, die ein Foto von Nessie abdruckte. Auf dem Bild, das der Chirurg Robert Kenneth Wilson geschossen hatte, ist ein dinosaurierähnliches Wesen zu sehen, das seinen Hals aus dem Wasser reckt. Eine Sensation! Erst 1994 stellte sich das wohl berühmteste Foto des Monsters als Fälschung heraus. Wilson hatte aus einem Spielzeug-U-Boot eine Attrappe gebastelt.

Derartige Rückschläge treffen die Gemeinschaft der Nessie-Anhänger jedoch nicht allzu schwer. Der Mythos, "etwas" oder gar eine ganze Familie davon würde in dem See leben, hält sich hartnäckig. Tausende Menschen wollen es bereits gesehen haben und mühen sich nach wie vor, dessen Existenz zu beweisen - allen ketzerischen Behauptungen zum Trotz, die Nessie wahlweise als Zirkuselefanten, übergewichtigen Aal oder Wellen-Geblubber nach einem Erdbeben abtun.


Bewegte Beweise - Die schönsten Nessie-Videos auf Youtube:

Nessie macht einen Salto.

Nessie in Tokyo.

Ein Gruß von Nessie.


Der wahrscheinlich früheste Bericht stammt von dem irischen Missionar St. Columban, der im Jahr 565 gesehen haben wollte, wie ein Monster kurz davor war, einen im See Badenden zu fressen. Durch Anrufung des Allmächtigen konnte der mutige Mönch den Mann jedoch retten. Doch, so absurd diese Geschichten auch klingen mögen, bis heute versuchen auch Forscher, der Kreatur auf den - wahrscheinlich schuppigen - Leib zu rücken.

Abgerichtete Delphine sollen das Monster suchen

Mit Sonarwellen, Mini-U-Booten und Kameras ausgerüstet, durchforsten sie das trübe Wasser des nur etwa 1,5 Kilometer breiten, aber 37 Kilometer langen Sees. Das Wasser am Grund von Loch Ness ist zudem so kalt, dass eine arktische Fischart hier überlebt hat, die lange Zeit als ausgestorben galt.

Dass in diesen Untiefen noch mehr überlebt hat, scheint da nur plausibel. Frei nach dem inoffiziellen Leitsatz der Kryptozoologie - also der Wissenschaft von der Suche nach verborgenen Tieren -, "Die Nichtexistenz eines Beweises ist kein Beweis für eine Nichtexistenz", wird weitergesucht. Anfang 2006 tauchten Unterlagen auf, nach denen die britische Regierung 1979 kurz davor stand, speziell ausgebildete Delphine in den USA zu kaufen, die Nessie suchen sollten.

Im April 2001 versuchte eine schwedische Forschergruppe, mit Hilfe einer Reuse in dem Gewässer fündig zu werden. Das Team, das bereits nach den Seeungeheuern "Selma" im norwegischen Seljordsvatnet-See und "Storsie" im Storsjön-See in Schweden gesucht hatte, vermutete eine Monsterfamilie von etwa 30 Mitgliedern in Loch Ness und wollte eines der Baby-Exemplare einfangen. Doch sie stießen auf ein unerwartetes Hindernis.

Erotik-Darstellerin auf Ungeheuerfang

Das Hindernis hieß Kevin Carlyon und trat in einem roten Bademantel und Jogginghose auf, geschmückt mit einem Pentagramm um den Hals und die Haare zum Pferdeschwanz gebunden. Der selbsternannte "Hohepriester der weißen Hexen Großbritanniens", der in dieser Aufmachung auch auf seiner Website zu bewundern ist, rief die Elemente an, segnete Nessie und belegte sie mit einem Schutzzauber, der sie vor den schwedischen Eindringlingen schützen sollte. Ob es an dem Zauber oder etwas anderem lag, dass die Schweden nicht fündig wurden, lässt sich nicht klären.

Auch der deutsche Filmemacher Werner Herzog konnte sich der Faszination Nessie nicht entziehen. 2004 veröffentlichte er die Dokumentation "Incident at Loch Ness" über den Mythos des sagenumwobenen Seebewohners. Der Regisseur, der in der Vergangenheit häufig mit Klaus Kinski zusammengearbeitet hatte und so erwiesenermaßen Erfahrungen mit Ungeheuern besaß, drehte diesmal mit der Erotik-Darstellerin Kitana Baker sowie mit Zac Penn, einem Schauspieler, der zuvor an Actionfilmen wie "Last Action Hero", "X-Men" und "The Incredible Hulk" mitgearbeitet hatte. Das Zusammentreffen Herzogs mit Nessie, das auszugsweise auch auf Youtube zu bewundern ist, darf daher getrost mit einem Augenzwinkern betrachtet werden.

Dass die Schotten dieses Augenzwinkern sehr gut beherrschen, zeigt ein Vorfall aus dem Jahr 1985. Die schwedischen Behörden stellten damals eine ungewöhnliche Anfrage an ihre Kollegen auf der Insel. Wie die "Süddeutsche Zeitung" im Januar 2006 berichtete, überlegten die Schweden, "Storsie", ihr Monster aus dem Storsjön-See, unter Artenschutz zu stellen und wollten wissen, wie dieses Problem bei der artverwandten Nessie gehandhabt werde.


Lesen Sie den Artikel, der Nessie weltberühmt machte hier!

Untier in Plüsch und Plastik

Das britische Außenministerium, das Schottlandministerium und das Landwirtschaftsministerium waren bald mit der Rechtsfrage beschäftigt und tauschten bergeweise Vermerke, Memoranden und Formulare aus. Es gab verschiedene Ansätze, Nessie den richtigen rechtlichen Schutz zu gewährleisten, die jedoch nicht zielführend waren. So bemerkte etwa das Landwirtschaftsministerium, dass Nessie kein Lachs sei, weshalb sie nicht unter das "Gesetz zum Schutz des Lachses und des Fischfangs in Schottland von 1951" falle.

Nach Rücksprache mit dem Naturschutzbund wurde schließlich bekannt gegeben, Nessie falle unter die Bestimmungen des Artenschutzgesetzes. Allerdings nur unter der Voraussetzung, sie werde "von Wissenschaftlern identifiziert, deren Ruf beim Britischen Museum Gewicht hat." Außerdem könne der Staatssekretär von Schottland jedes Wesen, das er für vom Aussterben bedroht hält, auf eine Schutzliste setzten lassen. Die Antwort der Schotten an Stockholm endete mit einer Einladung an alle schwedischen Wissenschaftler, in die Highlands zu kommen, um Nessies Existenz zu beweisen - und der Anmerkung "Ich kann versichern, dass reichliche Vorräte des (schottischen) Nationalgetränks vorhanden sind, was Ihnen dabei helfen sollte, Nessie im Dunkeln zu sehen."

Im Januar 1986 bekam Storsie mit einem eigenen Gesetz Rechtsschutz. Schwedische Forscher in Schottland hingegen wurden nicht mit Whiskey, sondern von einem Hohepriester empfangen. Und Nessie? Lebt auf jeden Fall in Plüsch, Plastik und auf T-Shirts in den unzähligen Souvenirshops rund um den See weiter.


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Hanns Krehbiel 03.05.2008
Ich habe da eine Erinnerung: Es muß etwa 30 Jahre her sein, da veröffentlichte das seriöse Wissenschaftsblatt "Nature" den Bericht einer Expedition zum Loch Ness zwecks Nessie-Suche. (Der "Spiegel" hat doch sicher "Nature" abonniert. Vielleicht kann mal jemand suchen.) Das Ergebnis war mager, aber nicht ganz negativ: Unscharfe Sonar-Bilder vom grösseren Schwimmobjekten und, mit einer ferngesteuerten Unterwasser-Kamera aufgenommen, eine rautenförmige Schwimmflosse, die anscheinend zu einem größeren Tier gehörte. Das Tier erhielt denn auch einen wissenschaftlichen Namen: "Nessitheras rhombopteryx", das Ness-Ungeheuer mit rautenförmigen Flossen.
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