Parkuhr seit 1935 Ihre Zeit ist abgelaufen

Sie wurde gehasst, geschlagen und manchmal gar vor Wut gefällt: die Parkuhr. 1935 erfunden, brachte der Münzschlucker manchen Autofahrer zur Raserei. Heute hat sie in den meisten deutschen Städten ausgedient - und in dem Sammler Berthold Schumacher doch noch einen Fan gefunden.

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Berthold Schumacher fährt gern mit dem Auto nach Sonneberg, Rottweil oder Bielefeld. Dort, so sagt er, erwarte ihn "interaktive Unterhaltung vom Feinsten". Es klirrt, surrt, klickt nach Münzeinwurf, und wie "Kai aus der Kiste" springt eine rote Karte nach oben: Der Apparat, der das Herz von Schumacher höher schlagen lässt, ist eine Parkuhr. Ihren Mechanismus "muss man genießen", schwärmt er.

Sonneberg, Bielefeld und Rottweil sind einige der wenigen Städte, in deren Straßen noch Parkuhren ihren Dienst verrichten. Wenn Berthold Schumacher dort zu Besuch ist, ist ein Erinnerungsfoto vor den verkehrstechnischen Oldtimern ein Muss. Für ihn sind sie Sehenswürdigkeiten.

Die meisten Kommunen haben in den vergangenen zwei Jahrzehnten ihre "Parkographen", wie sie anfangs hießen, verschrottet. Als Mitte der achtziger Jahre die niedersächsische Stadt Oldenburg ihre Parkuhren ausrangierte, griff Berthold Schumacher zu. Für zehn Mark ersteigerte er seine erste sogenannte PU. "Das war damals nur ein Joke", erinnert sich der 51-Jährige. Was als Spaß begonnen hat, entwickelte sich zur Sammelleidenschaft.

In der ganzen Republik klapperte Schumacher Bauhöfe auf der Suche nach dem "alten Eisen" ab. Heute hortet er in seinem Haus im ostwestfälischen Lügde Hunderte Parkuhren - darunter auch eine echte Rarität: ein amerikanisches Exemplar aus den dreißiger Jahren.

Geburtsstunde der "Black Maria"

In den USA - ausgerechnet im Land der Freiheit und der Vielfahrer - ersann im Sommer 1935 ein Mann namens Carlton Cole Magee das Messgerät zur Überwachung des Parkraumes in seiner Heimatstadt Oklahoma City. Als Chef des Verkehrsausschusses wollte er Dauerparker aus dem Zentrum fernhalten und Platz für Kunden schaffen, die mit dem Wagen zum Shopping fuhren. Der Lokalpolitiker entwickelte eine mechanische Uhr, die an einer schlichten, rempelfesten Säule angebracht war. Nach Münzeinwurf rechnete sie ähnlich wie eine Eieruhr die verbleibende Zeit herunter.

Am 16. Juli jenes Jahres baute Oklahoma City die ersten Parkzeitmesser auf. Das US-Patentamt gab dieser Erfindung die Nummer 2.118.318, Magee nannte die erste Ausführung "Black Maria".

Anfangs begehrten die US-Bürger gegen die neue Einrichtung auf, gründeten Initiativen und boykottierten die nun gebührenpflichtigen Parkplätze. Mancherorts griffen aufmüpfige Autofahrer zu radikalen Maßnahmen und rissen Parkuhren ab. Es half nichts: Die verschmähten Zeitregler blieben und breiteten sich in Amerika rasant aus. Mehrere Millionen sind dort nach wie vor in Betrieb.

Als während der Wirtschaftswunderjahre immer mehr Autos die Straßen füllten, wurden Parkuhren auch in Europa eingeführt. Am 4. Januar 1954 stellte Duisburg als erste deutsche Stadt 20 "Groschengräber" an der Straße Am Buchenbaum auf. Der damalige Verkehrsdezernent der Stadt, Fritz Seydaack, war sich sicher: "Die Autofahrer werden bald die größten Befürworter der Parkuhren sein."

Doch er irrte: Auch den deutschen Autofahrern gefielen die Straßeninstallationen ganz und gar nicht. Sie rebellierten gegen die "Wegelagerei", erklärten vor Gericht, dass das Einnehmen von Gebühren gegen die Straßenverkehrsordnung verstoße. Alsbald wurde das Gesetz geändert, so dass die Städte die Pkw-Besitzer legal zur Kasse bitten konnten.

Showroom für die schönsten

Eine Uhr aus jenen Duisburger Tagen fehlt Schumacher noch in seiner Sammlung. "Vielleicht schlummert sie in irgendeinem Keller." Doch er macht sich wenig Hoffnung, sein Uhrendepot vervollständigen zu können. Immerhin, erwähnt Schumacher nicht ohne Stolz, kann er alle 45 Modelle, die je in Deutschland aufgestellt wurden, sein Eigen nennen.

Sie stehen im Flur und im Wohnzimmer, in der Küche und im Bad, gar einen eigenen Showroom hat Schumacher für seine Liebhaberstücke eingerichtet. Gelegentlich muss er eine kleine Vorführung geben - für die Freunde seines 23-jährigen Sohnes oder die Kinder aus der Nachbarschaft. "Die stehen immer ganz ehrfürchtig vor den Uhren, staunen und gucken, was da passiert", erzählt Schumacher. Sie gehören zur ersten Generation, die Parkuhren im Straßenbild nicht mehr kennen.

Schade sei das, nur allzu gern erinnert er sich an seine ersten Erlebnisse mit den "Eisernen Ladys". "Wenn ich mit meinen Eltern in die Stadt fuhr, durfte ich immer das Geld in die Parkuhren stecken." Das sei für ihn ein Ritual gewesen. "Ich musste es auch nicht von meinen eigenen Taschengeld bezahlen", fügt er schmunzelnd hinzu, "sonst wäre die Liebe wahrscheinlich nicht so groß gewesen."

In den sechziger Jahren, als Schumacher Kind war, war Parken noch günstig: Eine halbe Stunde kostete fünf, in gefragten Lagen bis zu zehn Pfennige. Die Einnahmen verwendeten die Städte anfangs für gemeinnützige Zwecke. Doch schon bald ließen die Kämmerer das Geld in ihre Haushalte fließen - und das Parken wurde teurer. In Düsseldorf an der Kö musste der Autofahrer in den Achtzigern bereits drei Mark für die Stunde bezahlen. Inzwischen hat sich die "wirtschaftliche Parkraumüberwachung", wie es im Ordnungsrecht formal heißt, zu einem lukrativen Geschäft entwickelt. Pionierstadt Duisburg nimmt jährlich rund zwei Millionen Euro durch die Gebühren ein, in Köln ist es das Fünffache.

Tickt sie noch richtig?

Schumacher, von Beruf Sozialarbeiter und eigentlich nie technikbegeistert gewesen, bastelt gern an seinen Uhren, die von den Gemeinden zu Schrott erklärt wurden. Die ausgemusterten Objekte, die in seinem Keller liegen, nutzt er als Ersatzteillager. Nach dem Motto "Aus drei mach eins" schraubt er sie nach gesammelten Bauplänen zusammen, bis sie wieder funktionstüchtig sind. Einige von Schumachers Modellen ticken auch ohne sein Zutun einwandfrei wie am ersten Tag - und das, obwohl sie teilweise mehr als 30 Jahre alt sind. "Das war noch deutsche Wertarbeit", sagt Schumacher.

Mit der Euro-Einführung 2002 ging die Ära der robusten Kultuhren zu Ende. Es habe sich schlichtweg nicht gelohnt, erklärt Schumacher nicht ohne Wehmut in der Stimme, die Parkuhren auf die neue Währung umzustellen. Solarbetriebene Ticketautomaten, die untereinander vernetzt sind und von einer Computerzentrale gesteuert werden, haben ihre mechanischen Vorgängerinnen in Rente geschickt. Für die Kommunen sind die "Euro-Fresser" ein finanzieller Segen, für Schumacher jedoch gänzlich ohne Charme. "Mit diesen neumodischen Dingern kann ich mich nicht anfreunden."

Auch an den Uhren aus den USA kann er nicht so recht Geschmack finden, die seien ihm zu protzig. In ekstatische Schwärmerei versetzt ihn hingegen eine Uhr aus den fünfziger Jahren, angefertigt vom deutschen Hersteller Kienzle: "Das ist einfach eine Schönheit", sagt er über seine Lieblingsuhr. "Diese Rundungen!"

Erlesene Uhren will Schumacher in einem Museum ausstellen, an dessen Konzeption er schon seit Jahren arbeitet. Die Umsetzung seiner Pläne sei bisher aus finanziellen Gründen gescheitert. Zweifel an dem Erfolg seiner Idee hegt er jedoch nicht. Produkte, die aus dem Alltag verschwinden, werden für die Menschen interessant. Auch einige der "klobigen" Uhren aus Amerika will er dann zeigen. Nur der Prototyp wird nicht dabei sein: Der steht bereits im Stadtmuseum von Oklahoma City.



insgesamt 3 Beiträge
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Uli Spalthoff, 18.07.2010
1.
Diesen Dokumentarfilm (in englischer Sprache) über die Erfindung der Parkuhr habe ich mit viel Spass gesehen: http://topdocumentaryfilms.com/invention-parking-meter/ (Film von Izzy Abrahami and Erga Netz)
Jochen Prauß, 22.07.2010
2.
Sicher war der Parkplatz ohne "Groschengrab" beliebter. Aber es war einfach: Nach dem Abstellen des Autos die Suche nach der geeigneten Münze, einwerfen, fertig. Aber heute - im Selbstbedienungszeitalter - reicht einfaches bezahlen nicht: Die Behörden haben eine neue lustvolle Bürgerbeschäftigung (oder -schikane) gefunden: Auto einparken, abschließen, Parkautomat suchen, sich mit der Elektronik auseinander setzen, geeignete Münze suchen, Geld einwerfen, zurück zum Auto, aufschließen, Zettelchen auf´s Armaturenbrett legen, Auto abschließen.
Thomas Grimm, 14.05.2015
3.
Wenn Herr Schuhmacher mal wieder nach Sonneberg fährt, dann kann er auch gleich weiter nach Coburg. Dort gibt es noch welche an der kleinen Straße, die neben dem Klinikum den Hang hinaufführt (auf der anderen Straßenseite neben dem Dialysezentrum)
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