75 Jahre Reichstagsbrand Als die Freiheit in Flammen aufging

75 Jahre Reichstagsbrand: Als die Freiheit in Flammen aufging Fotos
Peter Wacker

War es eine Nazi-Provokation? Oder doch ein Einzeltäter? Jahrzehntelang tobte ein erbitterter Streit darum, wer am 27. Februar 1933 den Berliner Reichstag anzündete. Auch 75 Jahre nach dem Fanal sind Verschwörungstheorien noch verbreitet - ein neues Buch räumt damit auf. Von

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Im Reichstagsgebäude war es ruhig am 27. Februar 1933, denn Reichspräsident Paul von Hindenburg hatte das Parlament unmittelbar nach Hitlers Ernennung zum Reichskanzler auf dessen Wunsch hin aufgelöst. Am 5. März sollten Neuwahlen stattfinden. Doch gegen 21 Uhr hörte ein zufällig vorbei kommender Student splitterndes Glas, sah einen Feuerschein und eine schemenhafte Gestalt. Der Mann alarmierte die Polizei. Wenig später kamen weitere Passanten hinzu. Die einen liefen zur Polizeiwache am Brandenburger Tor, andere suchten ein Gebäude in der Friedrich-Ebert-Straße auf und telefonierten nach der Feuerwehr.

Schließlich überstürzten sich die Alarmmeldungen, so dass am Ende fast die gesamte Berliner Feuerwehr mit Dutzenden von Löschzügen um das brennende Gebäude versammelt war. Doch der Plenarsaal war nicht mehr zu retten, er ging um 21.27 Uhr "ruckartig in einem Flammenmeer auf", wie es im Bericht des Branddirektors hieß. Immerhin gelang es, die angrenzenden Räume durch Wasser so weit zu kühlen, dass das Feuer nicht übersprang.

Um 21.45 Uhr traf Reichstagspräsident Göring ein, wenig später auch Hitler selbst. Göring erstattete ihm Bericht: "Eine Anzahl kommunistischer Abgeordneter war hier im Reichstag, zwanzig Minuten bevor das Feuer ausbrach. Wir haben einen der Brandstifter festgenommen." Die KPD nutzte ihre Fraktionsräume als provisorische Parteizentrale, nachdem die Polizei im Karl-Liebknecht-Haus drei Tage zuvor eine Razzia veranstaltet und das Haus anschließend geschlossen hatte, obwohl das erhoffte Belastungsmaterial, das kommunistische Umsturzpläne beweisen sollte, nicht gefunden worden war. Kommunistische Abgeordnete hatte zuvor allerdings niemand im Reichstag gesehen. Richtig war dagegen, dass man den Brandstifter festgenommen hatte.

Streichhölzer und Kohleanzünder

Der Holländer Marinus van der Lubbe, geboren 1909, war gelernter Bauarbeiter, konnte nach einem Arbeitsunfall seinen Beruf aber nicht mehr ausüben. 1931 hatte er mit der kommunistischen Partei gebrochen, träumte aber nach wie vor von revolutionären Aktionen. Am 18. Februar 1933 traf er in Berlin ein, wo die Nazis gerade an die Macht gekommen waren. Hier wollte er ein Zeichen des Protestes setzen.

Van der Lubbe kaufte einen größeren Vorrat an Streichhölzern und Kohleanzündern. Der erste Brandanschlag galt dem Wohlfahrtsamt Neukölln, doch die Kohleanzünder landeten in der Damentoilette und verglommen. Van der Lubbes zweites Ziel war das Rote Rathaus am Alexanderplatz. Diesmal gelang es ihm, ein Feuer zu entzünden, doch es wurde schnell entdeckt und gelöscht. Danach versuchte sich der Brandstifter am Berliner Stadtschloss, wo er um ein Haar ein Großfeuer auslöste - doch auch diesmal scheiterte er an der Brandwache.

Ausgerechnet im Reichstag war er dann erfolgreich. In nur fünfzehn Minuten durchquerte er einen Gutteil des Gebäudes und legte zahlreiche Brände, indem er Servietten, Tischtücher, Vorhänge und schließlich sogar die eigene Kleidung in Brand setzte. So kam es, dass van der Lubbe bei seiner Verhaftung nur noch Hose und Hosenträger trug.

Vorwand für Verhaftungen, Terror, Folterungen

Als Hitler in den brennenden Reichstag kam, war er außer sich vor Wut. "Die kommunistischen Abgeordneten müssen noch in dieser Nacht aufgehängt werden", schrie er. Hängen war die bevorzugte Vollstreckungsmethode von Todesurteilen in Hitlers Heimat Österreich, in Deutschland wurde dagegen schon seit beinahe einhundert Jahren die Guillotine eingesetzt. Außerdem ging einer Hinrichtung normalerweise ein Gerichtsverfahren und ein Todesurteil voraus und von dem war man vorläufig noch weit entfernt.

Noch in der Nacht wurde eine Besprechung im preußischen Innenministerium anberaumt. Der deutschnationale Staatssekretär Ludwig Grauert schlug eine "Notverordnung gegen Brandstiftung und Terrorakte" vor. Doch Reichsinnenminister Wilhelm Frick, einer der wenigen Nationalsozialisten in Hitlers erstem Kabinett, legte am nächsten Morgen den Entwurf einer "Verordnung zum Schutz von Volk und Staat" vor, nach der die vollziehende Gewalt dem Reichsinnenminister übertragen wurde und nicht der Reichswehr - das hätte die Position des Reichskanzlers Hitler geschwächt.

Diese Notverordnung, vom Reichskabinett am 28. Februar beschlossen, hob alle bürgerlichen Freiheitsrechte auf unbestimmte Zeit auf. Sie war die Grundlage für die nun einsetzende Welle von Verhaftungen, Terrorakten gegen die Linksparteien, Zeitungsverboten, willkürlichen Hausdurchsuchungen und so weiter. Auch die neue Hilfspolizei aus SA und SS kam dabei zum Einsatz. Doch obwohl man mehr als 10.000 Menschen verhaftete und viele von ihnen in SA-Kellern und anderen provisorischen Haftorten bestialisch folterte, wurden die kommunistischen Hintermänner, die van der Lubbe angeblich gehabt hatte, nicht gefunden.

"Dieses Gericht muss verschwinden"

Dennoch wurden auf Grund einer dubiosen Zeugenaussage der Bulgare Georgi Dimitroff, Leiter des westeuropäischen Sekretariats der Kommunistischen Internationale in Berlin, und zwei seiner Mitarbeiter verhaftet. Diese drei sowie der Vorsitzende der KPD-Reichstagsfraktion, Ernst Torgler, wurden schließlich gemeinsam mit van der Lubbe vor das Reichsgericht in Leipzig gestellt. Den Vorsitz im Reichstagsbrand-Prozess führte Wilhelm Bünger, ein ehemaliger Politiker der konservativen DVP und Jurist alter Schule.

Der Angeklagte Dimitroff erwies sich in dem Verfahren als glänzender Rhetoriker. Er verteidigte sich geschickt und blamierte den als Zeugen geladenen Göring gründlich. Da es nicht den geringsten Beweis für ihre Mitschuld gab, wurden die vier Kommunisten am Ende frei gesprochen, was Goebbels erbost kommentierte: "Das wird aus einer Revolution, wenn man sie Juristen in die Hand gibt. Dieses Gericht muss verschwinden."

Marinus van der Lubbe, der sich in allen Verhören zu seiner Tat bekannt hatte, erhielt die - nachträglich eingeführte - Todesstrafe. Er wurde am 10. Januar 1934 hingerichtet. Die Nazis hatten allen seinen Bekenntnissen zum Trotz nicht an die Alleintäterschaft glauben wollen und ohne Erfolg versucht, eine kommunistische Verschwörung zu konstruieren. Die Kommunisten zahlten es ihnen nun in gleicher Münze heim und behaupteten in einem "Braunbuch über Reichstagsbrand und Hitlerterror", das 1933 in Basel erschien, die Nazis seien die wahren Brandstifter gewesen. Bei van der Lubbe handele es sich nur um einen Strohmann, der durch seine Homosexualität in Verbindung zur SA gekommen sei und ein Verhältnis mit Ernst Röhm gehabt habe. Dem ersten Braunbuch folgte 1934 ein zweites, "Dimitroff contra Göring", und nach 1945 weitere Publikationen in der DDR.

Offensichtliche Ungereimtheiten

Die Vorstellung, die Nazis hätten den Reichstag selbst angezündet, hatte eine gewisse Plausibilität angesichts der nachfolgenden Bücherverbrennungen, der gewaltsamen Unterdrückung Andersdenkender, des Sturms auf die Gewerkschaftshäuser und des alltäglichen Terrors gegen die jüdische Minderheit. Beweise gab es für diese These nicht. Sie setzte sich deshalb erst durch, als beim Nürnberger Prozess 1946 der ehemalige Abwehr-Mann Hans Bernd Gisevius behauptete, zehn SA-Männer hätten den Reichstag in Brand gesteckt, von denen aber keiner mehr am Leben sei. Über die offensichtlichen Ungereimtheiten in seinen Aussagen sah man einfach hinweg.

Ernsthaft erschüttert wurde diese falsche Gewissheit erstmals durch Fritz Tobias, der zuerst in einer Serie für den SPIEGEL, die weltweites Aufsehen erregte, und dann in einer umfangreichen, gründlichen Dokumentation ("Der Reichstagsbrand. Legende und Wirklichkeit", Rastatt 1962) nachwies, dass die Ermittlungen der 1933 mit dem Fall befassten Kriminalbeamten stimmten: Marinus van der Lubbe war der Alleintäter gewesen. Gegen diese nicht wirklich neue und überdies breit fundierte Erkenntnis erhob sich erstaunlich schriller Widerspruch. Gisevius antwortete auf Tobias mit einer Gegenserie in der "Zeit" und klagte er - vergeblich - gegen Tobias, der ihm unwahre Aussagen nachgewiesen hatte.

1968 formierte sich um den Schweizer Historiker Walther Hofer und einen Mann namens Edouard Calic ein "Luxemburger Komitee", das eine Fülle von "Dokumenten" publizierte, die wundersamer Weise immer nur in Abschriften zugänglich waren. Die Originale waren nicht greifbar, die Urheber verstorben, zitiert wurden willkürlich gewählte Auszüge. Dennoch erlangten sie über Hofers millionenfach verbreiteten Dokumentensammlung "Der Nationalsozialismus 1933-1945" weite Verbreitung. Auch Calic klagte damals gegen Kritiker und verlor.

"Inexistenz der Originale"

Dann erschien 1986 erschien das Buch "Reichstagsbrand - Aufklärung einer historischen Legende", ein Gemeinschaftswerk von sechs Politologen und Historikern, unter ihnen Hans Mommsen, in dem das "Hofer-Prinzip" der systematischen Dokumentenfälschung minutiös entlarvt wurde. Hofer geriet gewaltig in die Defensive und legte daraufhin dem Bundesarchiv 45 seiner Dokumente zur Prüfung vor - wie gewohnt in Abschrift oder Kopie. Die Experten des Bundesarchiv kamen schnell zu dem Ergebnis, dass von der "Inexistenz der Originale" auszugehen sei. Seither ist es sehr still um Hofer geworden.

Der Kampf gegen die Alleintäterthese ist heute im Bereich des Obskurantismus angekommen. Geführt wird er noch von Leuten wie Hersch Fischler, dem seine Unterstützer von der "Vereinigung Deutscher Wissenschaftler" bescheinigen, er sei ein "historisch engagierter Soziologe, freilich ohne die Weihen der Zunft" (Wolf-Dieter Narr). Aus diesem Umfeld kommt womöglich auch der umfängliche, aber wenig erhellende Eintrag zum Reichstagsbrand bei Wikipedia.

Einen sorgfältigen und abschließenden Überblick über die Causa Reichstagsbrand gibt das kürzlich erschienene Buch von Sven Felix Kellerhoff ("Der Reichstagsbrand. Die Karriere eines Kriminalfalls", Berlin 2008). Kellerhoff resümiert das Ergebnis seiner Forschungen so: "Außer Gerüchten, tendenziösen Zeugenaussagen und zweifelhaften Sachverständigengutachten sowie einer Reihe schlecht gefälschter 'Dokumente' ist in den vergangenen 75 Jahren nichts aufgetaucht, was für die Schuld der Nazis spräche."

Verschwörungstheorien und der "Backdraft"

Eine Argument gegen die Alleintäterthese war lange Zeit die explosionsartige Ausweitung des Feuers gewesen, die ein einzelner nicht habe bewerkstelligen können. Kellerhoff bietet auch dafür eine präzise pyrotechnische Erklärung, den "Backdraft", der bei Bränden in geschlossenen Räumen entsteht.

Die Deutschen lieben das Geheimnisvolle und so werden die Verschwörungstheorien noch eine Weile herumwabern. Die internationale Forschung interessiert sich dafür schon lange nicht mehr. So heißt es etwa in Ian Kershaws Hitler-Biographie ganz lapidar: "Dann zündete Marinus van der Lubbe am 27. Februar 1933 das Reichstagsgebäude an."

Nach allem, was wir wissen, ist es genau so gewesen.

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insgesamt 2 Beiträge
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1.
Christoph Gärtner 22.11.2010
Dass der Forschungsstand der Geschichtswissenschaft der letzten zehn Jahre, unter anderem dieser Grundlagenaufsatz aus der renommierten Historischen Zeitschrift (http://www.jstor.org/pss/27632985 - Abstract unten), komplett ignoriert und als "Obskurantismus" bezeichnet wird, ist mir unverständlich. Der Forschungsstand der fünfziger und sechziger Jahre (u.a. Tobias, auf den sich auch dieser Artikel beruft) und die "Fälschungsvorwürfe" werden spätestens seit Ende der neunziger Jahre in der Geschichtswissenschaft als nicht haltbar angesehen.
2.
Detlef Richter 26.02.2013
zeitlich passend zur Doku, die BR alpha letzten Sonntag gesendet hat, versucht hier der Spiegel die hauseigene Lesart der Geschichte zu verteidigen. Anscheinend hat man sich seinerzeit mit der Unterstützung der Mommsen/Tobias Linie so sehr festgelegt, dass auch 50 Jahre später kein Abweichen von dieser Linie geduldet werden kann, auch wenn damit wissenschafltiche Prinzipien und der aufrechte Gang aufgegeben werden müssen.
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