75 Jahre Röhm-Putsch Nazis gegen Nazis

75 Jahre Röhm-Putsch: Nazis gegen Nazis Fotos
Bildarchiv Preußischer Kulturbesitz

Adolf Hitler persönlich stürmte am 30. Juni 1934 mit gezogener Pistole in das Schlafzimmer von SA-Chef Ernst Röhm. Wenig später war Röhm tot. Die blutige Abrechnung unter Nazis vor genau 75 Jahren forderte mehrere Hundert Opfer - und wurde zum Durchbruch für den Aufstieg der SS. Von Ernst Piper

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Am Morgen des 30. Juni 1934 hielten drei Wagen mit Münchner Kennzeichen vor dem Hotel Hanselbauer in Bad Wiessee am Westufer des Tegernsees. Adolf Hitler, begleitet von einem halben Dutzend Bewaffneter, betrat mit eiligen Schritten das Hotel. Mit gezogener Pistole stürmte er in das Zimmer Nr. 7.

Der Kurgast, dem der Überfall des selbsternannten "Führers" der NSDAP und gewählten Reichskanzlers galt, war kein geringerer als einer seiner wichtigsten politischen Weggefährten: Ernst Röhm, Stabschef der SA, der NS-Schlägertruppe. Hitler schrie: "Du bist verhaftet!" und beschimpfte den völlig verdutzten Chef der berüchtigten Schlägertruppe der NSDAP als Verräter. Auch in anderen Zimmern wurden verkaterte SA-Führer unsanft geweckt - am Vorabend hatten sie lange gezecht. Einen der Männer überraschten Hitlers Leute mit einem jungen Gefährten im Bett. Auch Röhm war homosexuell, und Hitlers Propagandablätter nutzten diesen Umstand in den folgenden Tagen weidlich aus, um Stimmung gegen die SA zu machen.

Die verhafteten SA-Führer wurden ins Münchner Gefängnis Stadelheim verfrachtet, wo der Direktor eine Liste der Eingelieferten anlegte, welche ins "Braune Haus", die Parteizentrale der NSDAP, gebracht wurde. Dort hatte Hitler im "Senatorensaal" ihm ergebene Partei- und SA-Führer versammelt. Mit vor Wut überschlagender Stimme erregte er sich über den "größten Treuebruch der Weltgeschichte". Röhm sei, so behauptete Hitler, Teil einer Verschwörung zu seiner Beseitigung. Einer nach dem anderen forderten die Anwesenden die Vernichtung der Verräter. Zufrieden ging Hitler in sein Arbeitszimmer, nahm die Liste der Inhaftierten, und setzte neben sechs Namen einen Bleistiftstrich. Diese Sechs wurden noch am gleichen Tag erschossen. Ein Gerichtsverfahren gab es nicht. Vor der Erschießung wurde den Betroffenen lediglich mitgeteilt: "Sie sind vom Führer zum Tod verurteilt worden! Heil Hitler!"

Im Wortsinne schlagkräftig

Ernst Röhm ließ Hitler am Leben, doch blieb er in Haft. Röhm war einer der ganz wenigen Duz-Freunde Hitlers in der Führungsriege der NSDAP. Die beiden kannten sich seit 1919. Damals war Hitler von der neu gebildeten Reichswehr als Spitzel gegen revolutionäre Soldaten eingesetzt worden; Röhm spielte bei der Reichswehr wie bei paramilitärischen Verbänden eine wichtige Rolle als Organisator. Später ging er als Militärberater nach Bolivien, aber im Januar 1931 rief Hitler ihn zurück.

Röhm trat an die Spitze der SA und baute sie zu einer im Wortsinne schlagkräftigen Massenorganisation aus. Die Männer in den brauen Uniformen marschierten ohne Unterlass durch die Straßen, lieferten sich erbitterte Straßenschlachten mit dem politischen Gegner und sorgten auch für eine eindrucksvolle Kulisse bei den Parteitagen der NSDAP. Für die Mobilisierung der Straße im Vorfeld der nationalsozialistischen "Machtergreifung" war die SA unentbehrlich gewesen.

Doch die Truppe, die Hitler den Weg zur Macht frei geprügelt hatte, wurde nun, da die Macht errungen war, mehr und mehr zum Problem. Röhm forderte eine "zweite Revolution", die soziale Fortschritte bringen sollte, gewissermaßen einen greifbaren Lohn für jahrelanges Marschieren. Die große Mehrheit der SA-Mitglieder war jung, ihr Elan unverbraucht, viele frühere Anhänger der Arbeiterparteien hatten hier eine neue Heimat gefunden. Proletarische Interessenlage verband sich mit revolutionärer Erwartung, sodass sich in der SA die Hoffnungen auf einen wirklichen Umbau der Gesellschaft konzentrierten. Kurz: Die SA war ein Machtfaktor, der Hitler gefährlich werden konnte.

Wer ist "Waffenträger der Nation"?

Aus bescheidenen Anfängen als Saalschutztruppe war sie zu einer Parteiarmee mit fast vier Millionen Mitgliedern herangewachsen. Aus der paramilitärischen Organisation wollte der ehrgeizige Röhm nun eine militärische Formation und die zentrale Ordnungsmacht im Inneren machen; die Reichswehr sollte nur noch für Aktionen außerhalb der Reichsgrenzen zuständig sein. Doch einen Konflikt mit der Reichswehr wollte Hitler auf keinen Fall riskieren. Er hatte deshalb Reichswehrminister Werner von Blomberg und der Generalität immer wieder versichert, die Reichswehr bleibe "der einzige Waffenträger der Nation".

Doch der brutale Terror der SA in den Monaten nach der "Machtergreifung" hatte viele verschreckt. Die konservativen Eliten, allen voran die Führung der Reichswehr, stand diesem Treiben sehr skeptisch, zum Teil auch mit unverhohlener Ablehnung gegenüber. Höhepunkt der Kritik war eine Rede, die Vizekanzler Franz von Papen am 17. Juli 1934 an der Universität Marburg hielt. Papen formulierte darin den Unmut über den Aktionismus der Nazis: "Kein Volk kann sich den ewigen Aufstand von unten leisten, wenn es vor der Geschichte bestehen will."

Hitler sah, dass er handeln musste. Er schloss sich deshalb mit SS-Chef Heinrich Himmler, dem SD-Verantwortlichen Reinhard Heydrich sowie Reichskommissar Hermann Göring kurz - und entschied, sich seiner Kritiker zur Linken wie zur Rechten auf einen Schlag zu entledigen. Heydrich, seit 1932 Chef des Sicherheitsdienstes (SD), bestellte in der letzten Juniwoche die Oberen von SS und SD nach Berlin und informierte sie über die "bevorstehende Revolte der SA", wie es in nazitypischer Verdrehung der Tatsachen hieß.

Den Duz-Freund liquidiert

Um die gezielt in Umlauf gesetzten Gerüchte zu untermauern, tauchte plötzlich ein angeblich von Röhm stammender Befehl auf, die SA für einen Angriff auf die Reichswehr zu bewaffnen. Goebbels und Göring stimmten die Bevölkerung in öffentlichen Auftritten auf das ein, was in den nächsten Tagen passieren sollte. Am 29. Juni sekundierte der Hitler ergebene Reichswehrminister Blomberg im "Völkischen Beobachter": "Wehrmacht und Staat sind eins geworden." Am Tag darauf erfolgte der erste Schlag gegen die SA.

Als Adolf Hitler am Abend des 30. Juni 1934 übernächtigt, bleich und abgespannt nach Berlin zurück kehrte, waren viele SA-Führer schon tot. Doch Hitler zögerte noch, auch seinen Duz-Freund Röhm liquidieren zu lassen. Am folgenden Tag stimmte rang er sich dazu durch, auch den SA-Chef zu opfern, Röhm sollte aber Gelegenheit für einen "ehrenvollen" Abgang bekommen. Wenig später öffnete ein Wachmann im Gefängnis München-Stadelheim kurz die Tür zu Röhms Zelle und legte eine Pistole auf den Tisch, dazu die aktuelle Ausgabe des "Völkischen Beobachters", der Röhms Verhaftung und Absetzung meldete.

Die Tür wurde wieder geschlossen, die Schergen vor der Tür warteten zehn Minuten, doch nichts geschah, kein Schuss fiel. Der Wachmann öffnete die Tür noch einmal und nahm die Pistole wieder heraus. Daraufhin betraten Theodor Eicke, der Kommandant des KZ Dachau, und Michael Lippert, Kommandant der Wachmannschaft in Dachau, gemeinsam die Zelle. Röhm stand mit entblößtem Oberkörper in der Mitte des Raums, murmelte etwas Unverständliches und sah seinen Mördern trotzig ins Gesicht. Die beiden SS-Männer schossen gleichzeitig, tödlich getroffen sank Röhm in sich zusammen. Anschließend gab Eicke dem röchelnd am Boden Liegenden den Gnadenschuss.

Abrechnung mit Kritikern von Rechts und Links

Unterdessen hatte Göring weitere Mordkommandos in Bewegung gesetzt. Franz von Papen, Hitlers bürgerlicher Wegbereiter, wurde nur unter Hausarrest gestellt. Doch mehrere seiner Mitarbeiter waren unter den Opfern der Mordaktion, unter anderem Edgar Jung, der Papens Marburger Rede verfasst hatte, und sein Pressereferent Herbert von Bose. Papen selbst, um den sich die konservativen Kräfte nach der "Machtergreifung "gesammelt hatten, musste als Vizekanzler wenige Tage später zurücktreten - er war überflüssig geworden und konnte nun froh sein, mit dem Leben davongekommen zu sein.

Hitler nutzte die Gelegenheit, um alte Rechnungen zu begleichen. Gustav Ritter von Kahr, der ihm als bayerischer Generalstaatskommissar beim Hitler-Putsch 1923 die Gefolgschaft verweigert hatte, wurde ins KZ Dachau gebracht und dort erschossen. Gregor Strasser, der ehemalige Reichsorganisationsleiter der NSDAP, der 1932 aus Protest gegen Hitlers Kurs zurückgetreten war, wurde in Berlin ermordet. Und Kurt von Schleicher, der unmittelbar vor Hitler Reichskanzler gewesen war und nun angeblich an der Verschwörung von Röhm beteiligt war, wurde mit seiner Frau von einem SS-Kommando in seiner Villa in Neubabelsberg umgebracht.

Auch prominente Katholiken wie der Münchner Chefredakteur Fritz Gerlich, der Publizist Pater Bernhard Stempfle und der Spitzenbeamte Erich Klausener wurden ermordet. Klausener hatte als Abteilungsleiter im preußischen Innenministerium viele Polizeieinsätze gegen Ausschreitungen der Nazis verantwortet. Er war zudem Leiter der Katholischen Aktion und hatte noch am 24. Juni 1934 in einer leidenschaftlichen Rede auf einer Kundgebung in Hoppegarten sich gegen die weltanschauliche Intoleranz des Nationalsozialismus gewandt. Dieser Auftritt war in den Augen vieler ausschlaggebend für seine Ermordung.

Nachträgliche Staatsnotwehr?

Aber nicht nur in Berlin und München, auch in Breslau, Dresden und anderen Orten des Reichs wüteten die Mörder. Rund 50 höhere SA-Führer fielen ihnen zum Opfer, der Organisation war damit das Rückgrat gebrochen. Die Täter kamen aus den Reihen der SS, meist gehörten sie der "Leibstandarte Adolf Hitler" an. Eigentlich war die SS eine kleine, der SA untergeordnete Organisation gewesen - jetzt trat der "Schwarze Orden" aus dem Schatten der Braunhemden. Die SS übernahm immer mehr Polizeifunktionen, nicht mehr nur innerhalb der Partei, sondern auch darüber hinaus. Zum Dank für ihre "großen Verdienste" erhob Hitler die SS am 20. Juli 1934 zu einer eigenständigen Organisation, die auch die alleinige Verantwortung für die Konzentrationslager übernahm.

Insgesamt kamen im Zuge des "Röhm-Putschs" wohl etwa 200 Menschen um, nach manchen Schätzungen sollen es sogar über tausend gewesen sein. Adolf Hitler hatte sich zum Herrn über Leben und Tod aufgeschwungen - er, der zwar Reichskanzler, aber kein Gerichtsherr war und, solange Hindenburg noch lebte, noch nicht einmal den Oberbefehl über die Reichswehr hatte.

Die noch immer fragile Basis seiner Macht ließ es dem "Führer" geraten erscheinen, sein Handeln wenigstens im Nachhinein zu legitimieren. Am 3. Juli, einen Tag nach den letzten Morden, trat das Reichskabinett zusammen, das nach dem Ermächtigungsgesetz auch für die Gesetzgebung zuständig war. Über 20 neue Gesetze wurden verabschiedet, die Themen reichten von der Gewerbeordnung bis zur Zuckersteuer. Das kürzeste Gesetz bestand nur aus einem einzigen Satz: "Die zur Niederschlagung hoch- und landesverräterischer Angriffe am 30. Juni, 1. und 2. Juli 1934 vollzogenen Maßnahmen sind als Staatsnotwehr rechtens."

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1.
herbert feilke 30.06.2009
Mein Vater berichtete immer spöttisch über die SA; dazu gehörte ein Witz in der Wehrmacht über Röhm. Angeblich hing über dessen Schreibtisch ein Spruch: "Nach fünfe lass' die Arbeit ruhn und mach dir einen warmen Afternoon".
2.
Norbert Ommler 05.07.2009
Im vorstehenden lesenswerten Bericht vermisse ich folgende Hinweise: 1. Die Reichswehr stellte für die Mordaktion Waffen aus ihren Beständen zur Verfügung. 2. Die Reichswehr nahm den offensichtlichen Mord an einem ihrer führenden Generäle und an seiner Ehefrau tatenlos hin, von einzelnen internen Protesten abgesehen. 3. Die katholische Kirche nahm die Ermordung führender Mitglieder und Repräsentanten ebenso hin wie der Katholik von Papen die Ermordung seiner Mitarbeiter und engsten Vertrauten. von Papen setzte sich anschließend sogar für die Ausssöhnung zwischen katholischer Kirche und NS-Regierung ein. Durch seine Vermittlung kam noch 1933 das "Reichskonkordat" zwischen Vatikan und Deutschem Reich zustande, das der Regierung Hitler zu erster internationaler Anerkennung verhalf und das bis heute gilt.
3.
Mario Troebst 24.09.2013
Gerne möchte ich zu diesem Thema auf die Aufzeichnungen meines Großvaters aus dem Jahre 1934 verweisen. Heimaturlaub 1934 - Eindrücke des deutschen Auslandskorrespondenten Hans Tröbst http://www.amazon.de/Heimaturlaub-1934-Eindrücke-Auslandskorrespondenten-ebook/dp/B00EORJRIG/ref=sr_1_1?s=digital-text&ie=UTF8&qid=1380027794&sr=1-1&keywords=Hans+Tröbst
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