Trikotnummern An ihren Rücken sollt ihr sie erkennen!

Trikotnummern: An ihren Rücken sollt ihr sie erkennen! Fotos
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Rot-weiße Socke hat den Ball, blaue Gamasche schießt! Im frühen Profifußball halfen modische Auffälligkeiten, die Spieler zu unterscheiden. Dann wurden die Rückennummern eingeführt. Seither stiften Trikotzahlen Verwirrung - und offenbaren mal Aberglaube, mal Rechenschwäche der Kickergrößen. Von

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Es passte einfach perfekt. Niemand hatte es mehr verdient als William Ralph Dean, den alle nur kurz "Dixie" nannten. 379 Tore in 438 Liga-Spielen konnte der lauf-, dribbel- und extrem kopfballstarke Stürmer für sich verbuchen. Sein unfassbarer Rekord von 60 Liga-Toren aus der Spielzeit 1927/28 wird wohl ewig Bestand haben. Hinzu kommen 18 Treffer in 16 Länderspielen für England. Was für eine Quote! Vor allem aber beeindruckte Dixie Dean als untadeliger Sportsmann. In seiner Karriere wurde er nicht ein einziges Mal verwarnt. Auf dem Denkmal, das sein Verein aus Liverpools Stadtteil Everton ihm zu Ehren errichten ließ, steht zu lesen: "Footballer, Gentlemen, Evertonian." Man könnte hinzufügen: "... und die erste Nummer 9 im Profifußball."

Pünktlich zum Saisonhöhepunkt, dem Cup-Finale im Londoner Wembley-Stadion, präsentierte die englische Football Association 1933 eine spektakuläre Novität: Zuschauer, Schiedsrichter und Medien sollten besser unterscheiden können, wer da auf dem Rasen lief. Die Finalteams FC Everton und Manchester City durften daher diesmal nicht ihre traditionellen blauen Jerseys tragen. Stattdessen liefen die "Tofees" von der Merseyside an diesem 29. April in Weiß, die "Citizens" in Rot auf. Die 92.950 Zuschauer staunten jedoch vor allem über die Zahlen, die alle Spieler auf dem Rücken trugen - Evertons Kicker 1 bis 11, Manchester 12 bis 22. Die erste Nummer 9 erhielt Everton-Mittelstürmer Dixie Dean. Die Zahl symbolisiert seit jeher die schönen Momente des Fußballs. Sie steht wie keine andere für die Spielidee, Tore zu erzielen.

Premieren-9er Dean kam seinem Auftrag vorbildlich nach und steuerte beim 3:0-Sieg seines FC Everton das zweite Tor bei. Mit dem Cup-Finale von 1933 wurden Rückennummern zum Standard im Fußball.

Klare Zahlen statt modischer Accessoires

Einen ersten Versuch, die Spieler zu nummerieren, hatte es schon fünf Jahre zuvor gegeben, Ende August 1928 bei den Spielen Arsenal-Sheffield Wednesday und Chelsea-Swansea City. Davor allerdings mussten allerlei modische Extras als Identifikationshilfen herhalten. Das Programm zum Kick zwischen den London Wanderers und Queens Park von 1875 erläuterte: "Während Chas Campell rot-weiß-schwarze Socken bevorzugt, trägt Jas Philips eine rot-schwarze Kombination und Henry McNeill gar orange-schwarze Gamaschen. C.W. Alcock hingegen ist dafür bekannt, dass er eine blau-weiß-karierte Kappe aufsetzt."

Andere Sportarten erfanden die cleverere Orientierungshilfe deutlich früher. In den USA trug das Baseballteam der Cleveland Indians bereits 1916 Zahlen auf den Trikots, allerdings am Ärmel. 1929 schlugen die populären New York Yankees ihre Homeruns als erste mit großen Ziffern auf dem Rücken. Am anderen Ende der Welt wurde noch früher durchgezählt, so 1911 bei einem lokalen Australian-Rules-Football-Match in Sydney. Wenig später kopierten die Sydneys Soccer-Teams Leichhardt und HMS Powerful die Idee.

Ihr Länderspieldebüt im Fußball feierten die Nummern-Leibchen bei der Partie Nordirland gegen England. 1939 wurde die Neuerung - man zählte beide Mannschaften nun von 1 bis 11 durch - international anerkannt, WM-Premiere war 1950 in Brasilien. In Deutschland hatte man sich lange gegen diese Art der Identifizierung gesperrt - bis zur Saison 1948/49. Rekordmeister 1.FC Nürnberg allerdings beugte sich erst drei Jahre später dem Fortschritt.

Ungarns 9er verwirrt England

Viel Aufhebens um die Vergabe der Zahlen wurde zunächst nicht gemacht. Mehr als 50 Jahre lang folgte sie dem damaligen taktischen System: 1 = Torwart, 2 und 3 = rechter und linker Verteidiger, 4 und 6 = rechter und linker Läufer, 5 Mittelläufer (später Libero), 7 und 11 = Rechts- bzw. Linksaußen, 8 und 10 =rechter und linker Halbstürmer und 9 = Mittelstürmer.

Die Nummer war zugleich ein klarer taktischer Auftrag - bis zum legendären 3:6 der Engländer gegen Ungarn 1953, eine Demütigung für den großen Fußball-Lehrmeister. Die Magyaren hielten sich einfach nicht an die herkömmliche Rollenverteilung. Ihr 9er Nándor Hidegkuti agierte nicht als klassischer Zielspieler, sondern mit dem defensiveren József Bozsik zusammen als Spielgestalter auf einer etwas zurückhängenden Position im Mittelfeld.

Wochenschauaufnahmen zeigen, wie sich Hidegkuti den Ball tief aus dem eigenen Strafraum holt und nahezu unbehelligt bis vor das englische Tor marschiert. Sein Gegenspieler, Mittelläufer Harry Johnston, wusste nicht, was er tun sollte: Dieser komischen ungarischen 9 folgen und so die Verteidigung aufreißen oder hinten bleiben und das Mittelfeld preisgeben? Dazu kamen stürmende Außenverteidiger oder der linke Halbstürmer Ferenc Puskás, der unvermittelt auf halbrechts aufkreuzte - England war verwirrt und ohne Chance, Ungarn hingegen der Zeit weit voraus.

"33, weil drei mal drei sechs ist"

Im modernen Spiel bekamen einige Nummern den Charakter von Auszeichnungen. Die 10 für den kreativen Spielmacher, die 9 für den Torjäger, die 5 für den Libero und Abwehrchef. Defensive Mittelfeldspieler, sogenannte Staubsauger vor der Abwehr, gelten heute als "klassische 6er", und für eisenharte Manndecker gilt der Spruch: "Kein Mensch, kein Tier - die Nummer 4."

Als Anerkennung für besondere Verdienste sind viele Fußballclubs dazu übergegangen, die Nummern ihrer herausragenden Spieler zu sperren. Franco Baresis 6 wurde beim AC Mailand eingemottet, Gleiches soll mit Paolo Maldinis 3 geschehen, wenn dieser in den Ruhestand tritt. Bayern München überlegt, die 1 von Oliver Kahn zumindest vorerst nicht wieder zu vergeben. Mitunter treibt die Magie der Zahlen seltsame Blüten: Der Marokkaner Hicham Zerouali erwirkte beim schottischen Verband eine Ausnahmegenehmigung und spielte zwischen 1999 und 2002 für den FC Aberdeen mit der "0". Zeroualis Spitzname lautet "Zero". Gleich drei Herleitungen für die Wahl der Nummer 69 lieferte Bixente Lizarazu, der lange für Bayern München die linke Außenbahn beackerte. Der Franzose ist Jahrgang 1969, 1,69 Meter groß und brachte exakt 69 Kilogramm auf die Waage.

Immer wieder gibt es Gerangel um die beliebtesten Zahlen: 1997 musste Inter Mailands Stürmer Iván Zamorano seine 9 an Neuzugang Ronaldo abtreten. Als Ersatz wählte der Chilene die Nummer 18 und ließ den Zeugwart zwischen die 1 und die 8 ein kleines Pluszeichen kleben, so dass er seiner ursprünglichen 9 wieder recht nahe kam. Weniger rechenstark zeigte sich auch Bundesliga-Profi Maik Franz in seiner Zeit beim VfL Wolfsburg. Auf die Frage, was denn seine hohe Rückennummer 33 zu bedeuten habe, antwortete Franz: "Drei mal drei ist sechs. Eigentlich wollte ich die Nummer 6 haben, aber die war schon besetzt."

Magische Zahlen

Während vielen vor der unglückseligen 13 graut, wählte sie Gerd Müller freiwillig für das WM-Turnier 1970. Der "Bomber der Nation" wich aus, denn die 9 war bereits durch Kapitän Uwe Seeler belegt. Die beiden Mittelstürmer harmonierten entgegen den Prognosen vieler Experten prächtig, der 13er Müller avancierte mit zehn Toren sogar zum Schützenkönig. Auch der aktuelle Nationalelf-Kapitän Michael Ballack schwört auf diese Zahl. Er hat sich so daran gewöhnt, dass er nach seinem Wechsel zum FC Chelsea auf diesen Ziffern bestand, so den bisherigen Eigner William Gallas düpierte und fast eine Clubkrise heraufbeschwor.

Von seiner geliebten Nummer 14 wollte auch Hollands ewiger Superstar Johan Cruyff nicht mehr lassen. Er bekam sie einst verpasst, als er verletzungsbedingt zunächst auf der Reservebank Platz nehmen musste. Nach der Einwechselung drehte er fast allein das Spiel für die Niederlande. In seiner "Johan-Cruyff-Story" erläutert Sportjournalist Ulfert Schröder: "Cruyff war über die Wendung so erstaunt, dass er keine plausible Erklärung finden konnte. Am Ende sagten Freunde, das könne nur an der sonderbaren Nummer 14 gelegen haben. Cruyff war sofort bereit, sich von dem scheinbaren Zauber einer Zahl gefangen nehmen zu lassen. Fortan spielte er nur noch mit der Rückennummer 14, und sie wurde sehr schnell zum Qualitätskennzeichen für Fußball. Cruyff und die 14, das war ein Begriff, das ging derart tief ins Bewusstsein der Menschen ein, dass schließlich die 14 für sich alleine stehen konnte."

"König Johan" bildete denn so auch die Ausnahme in der pragmatischen Nummerierung des niederländischen WM-Kaders für die WM 1974. Bondscoach Rinus Michels zählte ansonsten streng nach Alphabet durch - von 1: Geels bis 22: Vos. Torwart Jan Jongbloed hatte verwirrender Weise die 8.

Seltsam auch die 2, die Polens Keeper Jan Tomaszewski beim gleichen Turnier auf dem Rücken trug. Er war der Erste, der während eines WM-Turniers zwei Strafstöße parieren konnte. Zwei! Ein Zufall?

Vielleicht weil es die Niederlande mit seinem teilweise brillanten "totaal voetbal" 1974 bis ins Finale geschafft hatte, kopierte Argentinien 1978 bei der heimischen WM die ABC-Variante. Und das höchst erfolgreich: Torwart Fillol trug die 5, Mittelfeldmann Alonso die 1. Zufalls-10er Mario Kempes wurde Torschützenkönig und Superstar des Turniers. Argentinien sicherte sich den WM-Pokal.

Und was wurde aus dem Pionier, der ersten Nummer 9? Dixie Dean machte als vorbildlicher Mittelstürmer seiner Zahl auch nach dem FA-Cup-Finale von 1933 alle Ehre. 1980 starb der Ausnahmestürmer an einer Herzattacke - natürlich beim Fußball und ausgerechnet unmittelbar nach dem Merseyside-Derby zwischen dem FC Everton und dem FC Liverpool auf der Tribüne des Goodison Parks, der Stätte seiner größten Triumphe. Auch das passte irgendwie.

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1.
Siegfried Ehrmann, 30.04.2008
Einer meiner kubanischen Freunde erzaehlte mir vor Jahren dass bei einigen lokalen TV-Kommentatoren die Nummern auf den Trikots der Spieler eine grosse Rolle spielten. Weil die Sprecher bei manchen der zu kommentierenden internationalen Spiele die Namen der teilnehmenden Fussballer nicht kannten, wurden die Fussballspieler auf dem gruenen Rasen dann zu kickenden, abgebenden oder einwerfenden Nummer-Akteuren - keine Namen, sondern nur immer wieder die Nummern. Fuer die fussballkundigen Zuschauer wurde daraus oft eine Lachnummer...
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