75. Todestag Clara Zetkin, Parteisoldat

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Sie war eigensinnig, radikal, autoritär. Die Frauenrechtlerin Clara Zetkin ist bis heute eine Ikone der Linken. Dabei war die heißblütige Revolutionärin, für die Stalin ein "Weib in Männerhosen" war, von der KPD schon früh kaltgestellt worden. Von Tânia Puschnerat

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Als Clara Zetkin, die Vorkämpferin für Frauenrechte und gläubige Revolutionärin, Ende Juni 1933 an der Kreml-Mauer am Roten Platz in Moskau beigesetzt wurde, trugen die beiden prominentesten lebenden Kommunisten der Welt ihre Urne: Stalin und Molotow - ausgerechnet die beiden Führer jener totalitären Diktatur, die die hochdekorierte Zetkin Ende 1928 als unzuverlässige, abgelebte und also mit dem Virus des "Sozialdemokratismus" infizierte Genossin kaltgestellt hatten.

Seit jener legendären Sitzung des Exekutivkomittees der Kommunistischen Internationale im Dezember 1928, in der ihr die Genossen ihre sozialdemokratische Herkunft vorgeworfen hatten, war sie in die innere Emigration verwiesen. Krank, isoliert und kontrolliert von KPD wie Komintern war sie aus der geistigen Verbannung nie mehr aufgetaucht.

Und doch wird Clara Zetkin von den Nachfolgern derer, die sie verfemten, bis heute gern als aufrechte Kämpferin gegen den Nationalsozialismus ins Feld geführt. Schließlich hatte die KPD-Abgeordnete als Alterspräsidentin des Deutschen Reichstags am 30. August 1932 die konstituierende Sitzung des Parlaments eröffnet, in dem nun die NSDAP die stärkste Fraktion bildete. Darin hatte sie den Zusammenbruch des Kapitalismus vorhergesagt und für eine Einheitsfront gegen den Faschismus plädiert - das Manuskript allerdings hatte ihr die KPD-Führung mehr oder minder diktiert, und sie hatte sich gefügt.

Die proletarische Frau und der revolutionäre Mann

Clara Zetkin, geboren am 5. Juli 1857 im sächsischen Wiederau, war zunächst Sozialdemokratin - eher durch emotionales Bekenntnis als durch rationale Analyse. Sie stammte aus kleinbürgerlichen Verhältnissen und war 1878 über russische Exilanten in Leipzig zur Sozialdemokratie gelangt. Dort hatte sie ihren späteren Lebengefährten Ossip Zetkin getroffen, war ihm ins Exil nach Paris gefolgt, war mit ihm eine "wilde", damals gesellschaftlich wie rechtlich riskante Lebenspartnerschaft eingegangen. Aus der Beziehung gingen zwei Kinder hervor, für die sie ebenso sorgte wie für den Lebensgefährten, der bereits 1889 nach langer Krankheit starb.

Clara Zetkin begeisterte sich für den Populismus Ferdinand Lassalles, für die recht behagliche Antibürgerlichkeit des alten (Wilhelm) Liebknecht, für den revolutionären Habitus der französischen, insbesondere der russischen Sozialisten. Sie war eine große Anhängerin der revolutionären Idee, die sie - als Chefredakteurin der "Gleichheit", der sozialdemokratischen Frauenzeitschrift - auch der weiblichen proletarischen Welt nahezubringen versuchte. Zetkin war eine gefragte, wenngleich von den Polizeibehörden wie von der SPD-Spitze gefürchtete Agitatorin für einen radikal-revolutionären Sozialismus.

Und sie war bis 1908 die populärste Theoretikerin der sozialistischen Emanzipationsbewegung. Deren These lautete im Wesentlichen: Die proletarische Frau hat sich - ungeachtet ihrer gesellschaftlichen Unterdrückung - von ihrer Mangelhaftigkeit zu befreien und sich durch Selbstbildung zur adäquaten Partnerin des revolutionär gestimmten Mannes heranzubilden.

Belehrungen für die Bolschewiki

Dem bürgerlichen Feminismus, der den Frauen qua Geschlecht eine autonome Position und eigene Rechte gegenüber dem Mann einräumte, erteilte Zetkin eine klare Absage. Die "reinliche Scheidung" von bürgerlicher und sozialdemokratischer Frauenbewegung war ein Credo, das sie mit autoritärer Härte durchsetzte. Einem autonomen Lernprozess der Frauen - wie im Übrigen auch der proletarischen Massen insgesamt - traute sie nicht.

Zetkin war überzeugt davon, dass die sozialistische Revolution notwendig kommen müsse. Als sie das nicht tat, wurde sie zur vorbehaltlosen Bewunderin der russischen Oktoberrevolution. Im Gegensatz zu ihrer Zeitgenossin Rosa Luxemburg erkannte Zetkin die totalitären Elemente des leninistischen Parteityps nicht - 1919 trat sie zur KPD über, auch in der irrigen Annahme, die russischen Bolschewiki über die Rolle revolutionärer Massenparteien im alten Europa belehren zu können.

Diese Hoffnung schlug zwei Jahre später endgültig fehl und mündete in die Isolation Zetkins in der noch jungen KPD. Die hatte mit der Ermordung Rosa Luxemburgs ihren ideologisch-taktischen Kopf verloren; Zetkin wurde nun in die rechte Ecke des revolutionären Marxismus-Leninismus abgedrängt. Zetkins blieb in KPD und Komintern bis an ihr Ende stigmatisiert - auch wenn die russische Parteiführung die alte Dame immer wieder als Aushängeschild benutzte. Sie war eben, wie sie 1921 bekannt hatte, ein "Soldat der Revolution". Mehr noch war sie ein Soldat der Partei.

Spielball der Propaganda

Gegen ihren Willen machte die Führung der Kommunisten mit Zetkin etwa anlässlich ihres 70. Geburtstages 1927 Propaganda. Es muss ihr ekelhaft gewesen sein, wie ehemalige Feinde (nicht: Gegner) in der Kommunistischen Internationale ihr Ehrerbietung erwiesen und sie als Verteidigerin des Leninismus priesen - einer Ideologie, die längst nur noch als Vorwand für parteiinterne Säuberungen in der KPdSU diente.

Dabei hat sie die Protagonisten in Wahrheit nur noch verachtet. Sie fand Wilhelm Pieck opportunistisch und feige. Stalin wurde von ihr sogar als "Weib in Männerhosen" geschmäht. Dafür hielt sie mit innerparteilichen Dissidenten Kontakt. Es muss ihr widerlich gewesen sein, für ihre Partei den Reichstag zu eröffnen und das Wort an einen nationalsozialistischen Reichstagspräsidenten zu übergeben. In ihrem Manuskript für ihren historischen Auftritt ist die Rede vom "Wahn der Massen", ein einziger könne sie vom Elend befreien. Sie hatte so Recht, aber sie durfte es nicht sagen. Und sie hat es nicht gesagt.

Als Clara Zetkin am 20. Juni 1933, nur wenige Monate nach der Rede, die ihren Nachruhm mitbegründen sollte, 75-jährig starb, war sie schon lange zum Spielball der kommunistischen Propaganda geworden. Geändert hat sich daran bis heute nichts.


Tânia Puschnerat ist Autorin des Buches "Clara Zetkin: Bürgerlichkeit und Marxismus", Klartext Verlag, Essen 2003.

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