Erfolgsgeschichte Papiertaschentuch Aufbruch in die Wegwischgesellschaft

Mit vollem Tempo zur Hygiene-Revolution: 1929 begann der Siegeszug des Papiertaschentuchs in Deutschland. Oskar Rosenfelders Erfindung revolutionierte die jahrhundertealte Schneuz-Kultur - den Reibach machten andere.

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Von Sven Stillich


Schon die alten Römer kannten sie, Ritter trugen sie im Kampf als Liebespfand bei sich, der Adel tränkte sie in Parfum: Taschentücher. Blütenweiß und mit Initialen bestickt, galten sie im 20. Jahrhundert als Zeichen von Bürgerlichkeit; großkariert war dagegen das Schnupftuch, das der Arbeiter in der Hosentasche trug. Ob aus Seide oder Baumwolle, hier wie dort türmten sich die Rotzfahnen irgendwann auf dem Wäscheberg der Hausfrau, in wenig ansehnlichem Zustand.

Als Oskar Rosenfelder am 29. Januar 1929 in Berlin das Reichspatentamt betrat, hatte die Menschheit seit Jahrhunderten in Stofffahnen geschneuzt. Mit diesem Besuch auf dem Amt aber läutete der Papierfabrikant nun das Ende einer historischen Epoche ein. Was er unter der Nummer 407752 registrieren ließ, würde den Alltag der Menschen verändern: Rosenfelder hatte das Papierschnupftuch aus reinem Zellstoff erfunden, "seidenweich, saugfähig und hygienisch", wie bald darauf die erste Anzeigen in der "Berliner Illustrierten" versprachen.

Einen Namen für sein revolutionäres Produkt hatte der Mitbesitzer der Vereinigten Nürnberger Papierbetriebe schnell zur Hand: "Tempo" sollten die Taschentücher heißen. Ein Begriff, der perfekt in eine Zeit passte, in der sich alles immer schneller drehte und alles, was heute glänzend neu war, morgen bereits im Papierkorb der Geschichte liegen könne, fand Rosenfelder.

Sorglos entsorgen

Es war aber auch eine Zeit, in der für wenig Lohn im Akkord geschuftet wurde. In der Männer Angst haben mussten, ihren Job zu verlieren, und Frauen sich zwischen Beruf, Mutterpflichten und Hausarbeit zerrissen. Da kam die handliche Neuigkeit wie gerufen: Zwar gab es bereits moderne Haushaltshilfen wie Bügeleisen und Staubsauger, aber nur in wenigen Haushalten Strom. Und eine der klobigen Waschmaschinen konnte sich kaum jemand leisten, die Wäsche wurde im Zuber auf dem Waschbrett geschrubbt. "Kein Waschen mehr!", ließ Rosenfelder deshalb auf die Pergamentfolie der ersten Tempo-Verpackungen drucken. Es war ein Versprechen auf weniger Arbeit und mehr Zeit für anderes - vielleicht sogar Freizeit.

18 Tücher steckten in einer Packung, jedes einzelne wurde in den ersten Jahren von Hand geschnitten, sauber gefaltet und verpackt. 1933 lag die Jahresproduktion bereits bei 35 Millionen Päckchen. Um sich gegen Nachahmer zu behaupten, steckte Rosenfelder zehn Prozent des Umsatzes in Reklame. "Drum merkt es Euch für immer, Leute - Tempo muss man haben heute", lautete einer der ersten Werbesprüche. Die Strategie ging auf, Tempo war bald allgegenwärtig.

Mit dem Aufkommen des unscheinbaren Papiertaschentuchs änderte sich das Verhältnis der Deutschen zu Konsumartikeln grundlegend. Damals musste das, was man sich einmal leistete, möglichst lange halten: Hosen wurden immer wieder geflickt, Kleider umgenäht und eingefärbt. Das blieb auch weiterhin so - doch gab es mit den Papiertaschentüchern plötzlich auch etwas, das, einmal benutzt, sorglos entsorgt werden konnte.

Hetzjagd auf die "Camelia-Juden"

Die Tempos waren durchaus nicht die ersten Wegwerfartikel. In den USA hatte die Firma Kimberly-Clark die ersten Kosmetiktücher unter dem Markennamen "Kleenex" auf den Markt gebracht. Auch der Teebeutel, wie wir ihn kennen, wurde 1929 erfunden - Adolf Rambold, ein Mitarbeiter der Firma Teekanne, konstruierte ihn aus Spezialpergamentpapier. Einige Jahre später kam in den USA die erste Bierdose auf den Markt. All diese Produkte wurden in Masse produziert und waren so billig, dass sie sich jeder leisten konnte. Es war der Beginn der heutigen Wegwerfgesellschaft, der Supermärkte und Müllhalden. 1927 gab es in Berlin noch 20.000 Kühe, deren Milch in Kannen geholt und geliefert wurde. Heute landen leere TetraPaks aus dem Supermarkt in der Tonne.

Schon Anfang der dreißiger Jahre war Tempo eine Marke, die jeder Deutsche kannte. Und eigentlich schien auch der zukünftige Erfolg des Unternehmens in trockenen Tüchern. Dann aber rissen die Nazis die Macht an sich, und Papierfabrikant Rosenfelder geriet in ihr Visier. Er wurde von der SA bedroht, das antisemitische Nazi-Blatt "Der Stürmer" startete unter der Überschrift "Die Camelia-Juden" eine Hetzjagd auf die Familie. Schließlich emigrierte Rosenfelder - und verlor dabei alles.

Gustav Schickedanz, Nationalsozialist und Gründer des Kaufhauses Quelle, übernahm 1935 für wenig Geld die Fabriken und die Rechte an der Marke Tempo. Schickedanz steigerte die Produktion noch einmal kräftig, 1939 verkaufte er 400 Millionen Packungen. Dann begann der Krieg. Weil Taschentücher nicht als kriegswichtiges Gut galten, kam die Herstellung zum Erliegen.

Der verschwundene Erfinder

Erst 1947 konnten die Deutschen wieder in Zellulose statt in Stoff schneuzen. "Auf Schnupfen-Nächten liegt ein Fluch! - Da hilft das Tempo-Taschentuch", tönte nun die Werbung: Tempo war wieder da und machte dort weiter, wo es aufgehört hatte. Lediglich das Logo wurde 1951 ein wenig verändert: "Blau und weiß ist das Tempo-Symbol - für das eigene und and'rer Leute Wohl", reimte die Reklame dazu.

Nur um Rosenfelders Wohl, um das ging es nicht mehr: Er bekam seine Firma nach Ende des Krieges nicht wieder. Ob er damals versuchte, sein Eigentum zurückzuerhalten, ist genauso unklar wie sein weiterer Lebensweg. Auch der heutige Inhaber der Markenrechte, die schwedische Firma SCA Tissue Europe, hat darüber keine Unterlagen. Schickedanz hingegen hatte weiter Erfolg. 1955 wurden bereits mehr als eine Milliarde Tempos hergestellt, 1962 waren es vier Milliarden, und Ende der achtziger Jahre wurden täglich 80 Millionen Tücher gebleicht und gefaltet. Jeder Deutsche verbraucht heute im Durchschnitt 55 Päckchen Papiertaschentücher pro Jahr - mehr als eins pro Woche. Längst ist "Tempo" zum Synonym für Papiertaschentücher an sich geworden. Und wer heute in den Dreißigern ist, für den ist Tempo ein Teil der Jugend wie Pril-Blumen, Bazooka-Kaugummi und Bonanza-Rad.

Und die guten, alten Stofftaschentücher? Die meisten Kinder von heute werden noch nie eines gesehen haben, und wenn, dann haben sie sich wohl davor geekelt. Die Rotzfahnen von früher benutzen, wenn überhaupt, nur noch die Älteren. Der Einwegartikel Papiertaschentuch hat eine jahrhundertealte Geschichte in den Orkus befördert. Und wie immer, wenn so etwas geschieht, ist dabei einiges verloren gegangen: der Knoten im Taschentuch zum Beispiel. Oder die Hoffnung, dass die Verehrte ihr Tüchlein fallen lässt, auf das man es schnell aufheben und ihr galant reichen kann. Mit einem zerfledderten Papiertaschentuch würde das wohl niemand wagen.



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Seite 1
Eric von Louhasen, 29.01.2009
1.
Man sollte es nach diesem Artikel kaum glauben, aber es gibt ihn noch, den Stil. Ich benutze ausschließlich Leinentaschentücher. Die natürlich, wie Hemden, täglich gewechselt werden. Und da wird doch an anderer Stelle die Abschaffung des Papierhemdkragens als Fortschritt gefeiert.
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