80 Jahre Reichstagsbrand "Ich sehe den großen Bau in hellen Flammen aufgehen"

80 Jahre Reichstagsbrand: "Ich sehe den großen Bau in hellen Flammen aufgehen" Fotos

Er lieh SA-Größen Unsummen Geld oder lud sie auf Sexpartys ein: Geschickt baute sich der weltberühmte Wahrsager Erik Jan Hanussen ein Netz an Informanten im NS-System auf, mit dem ihm verblüffende Prognosen gelangen. Dann sagte er angeblich den Reichstagsbrand voraus - und musste um sein Leben bangen. Von

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Es ist schon Mitternacht, als Erik Jan Hanussen eine erlesene Auswahl seiner Gäste in seinem Berliner "Palast des Okkultismus" anspricht. Er bittet sie zu einer kreisrunden, beleuchteten Bar aus Glas, die mit mystischen Tierkreiszeichen verziert ist.

Das Licht wird gedämpft, Deutschlands berühmtester Künstler will eine wichtige Vorhersage machen. Als "Medium" hat er dazu die Schauspielerin Maria Paudler ausgesucht, die er nun hypnotisiert. Ein Reporter erinnert sich später an die Wortfetzen, die die Aktrice herausgepresst habe:

Ich sehe gesegnete Felder … Deutschland wird glücklich … das Volk jubelte seinem Führer zu … noch hat er Gegner … sie versuchen einen letzten Stoß … aber jeder Widerstand ist nutzlos …

Nun, so der Reporter, habe sich Paudlers Gesicht verzerrt. Bevor sie ohnmächtig zusammenbrach, soll sie noch gestammelt haben:

Sind das Schüsse …? Nein … aber da ist Feuer … Flammen … Verbrecher am Werk!

Erschossen und verscharrt

Einen Tag später stand der Reichstag in Flammen. Die Polizei präsentierte den niederländischen Kommunisten Marinus van der Lubbe als Täter. Einiges deutet darauf hin - auch wenn es nie bewiesen werden konnte - dass die Nationalsozialisten das Feuer selbst legen ließen. Die Folgen sind bekannt: Mit dem Brand vor 80 Jahren begann der NS-Staat eine gnadenlose Hatz auf missliebige Gegner und setzte mit der "Reichstagsbrandverordnung" Grundrechte dauerhaft außer Kraft. Die Diktatur hatte endgültig begonnen.

Und keine vier Wochen später war der Mann tot, der diesen Brand vorhergesagt haben soll. Erschossen und verscharrt in einem Waldstück bei Berlin. Musste Hanussen wegen der Prophezeiung sterben?

Bis heute gibt der Fall viele Rätsel auf. Fest steht nur, dass Hanussen von einem SA-Kommando erschossen wurde. Doch über die Motive der Mörder lässt sich spekulieren und Augenzeugen der ominösen Sitzung vor dem Reichstagsbrand widersprechen sich in vielen Punkten.

"Hanussen beschwor uns, nichts zu veröffentlichen"

Da ist etwa der Reporter Paul Marcus, der für das "12 Uhr Blatt" über die Sitzung vor dem Brand schrieb. 1933 druckte seine Zeitung lediglich, Hanussen habe sehr ernst "die Geschehnisse eines gewissen Datums" vorhergesagt. Doch was das war, blieb offen. Der Bericht wirkt an dieser Stelle so, als ob womöglich ein Teil des Ursprungstextes gestrichen worden sei.

Paul Marcus schilderte erst 1951 die Sitzung und die Hypnose der Schauspielerin Maria Paudler. Warum er damit 18 Jahre wartete, erklärte er so: "Hanussen beschwor uns aber, nichts über diesen Teil der Séance zu veröffentlichen."

Maria Paudler hingegen bestritt in ihren Memoiren, dass der Reporter überhaupt anwesend war. Ja, sie habe rote, flimmernde Kreise gesehen, als Hanussen ihr plötzlich mit seiner Hand die Augen schloss. Aber das führte sie auf den Sekt, den zuvor hell erleuchteten Raum und die Aufregung zurück. Hanussen habe massiv versucht, ihr Worte in den Mund zu legen:

"Als er immer suggestiver weiter fragte, ob es auch Flammen sein könnten … Flammen aus einem großen Haus … fühlte ich mit untrüglichem Instinkt, dass diese Szene den üblichen Rahmen eines Gesellschaftsspiels zu sprengen begann und ich zum Schauobjekt dieses Herrn wurde. Dazu wollte ich mich keinesfalls hergeben! Und was tut eine Frau in einem solchen Moment? Sie fällt in Ohnmacht! (…). So legte ich in Zeitlupe eine Ohnmacht hin. Es klappte herrlich!"

Immerhin: Selbst nach Paudlers Darstellung sprach Hanussen von "Flammen aus einem großen Haus". Einem anderen Zeitzeugen zufolge soll er sogar gesagt haben: "Der große Plan zur Machtbefestigung der Partei wird völlig gelingen, und ich sehe den großen Wallot-Bau in hellen Flammen aufgehen."

Dazu gibt es Hinweise, die nahelegen, dass Hanussen schon in den Wochen zuvor über Insiderwissen verfügt haben könnte. So fabulierte er bereits am 8. Februar in seiner eigenen Horoskopzeitschrift, der "Hanussen-Zeitung", über mögliche "offene Revolten" der Kommunisten und Sozialisten.

Diese politischen Gruppen, die dem Planeten des Chaos, dem Neptun, unterstellt sind, werden dem Kabinett Hitler das Leben keineswegs leicht machen. (…) Man wird im Verlauf der Zeit viel von geheimen Anfeindungen, von Komplotten und ähnlichen Dingen zu hören bekommen; Komplotte, die nicht immer ohne Erfolg sein werden.

Mehr als nur Astrologen-Glück

Hanussen nannte sogar einen konkreten Zeitraum für eine Rebellion der Kommunisten: zwischen dem 24. und 26. Februar - fast exakt der Tag des Reichstagsbrands. Aus der Rückschau klingen die Worte des Hellsehers, in dieser Zeit müsse Hitler seine "erste große Feuerprobe" bestehen, natürlich besonders doppeldeutig.

Das mag reines Astrologen-Glück sein, doch bei Hanussen liegt ein anderer Verdacht nahe: Der Mann hatte womöglich einen entscheidenden Wissensvorsprung - wieder einmal. Schließlich beruhte seine ganze märchenhafte Karriere genau auf diesem Prinzip.

Hermann Steinschneider, wie Hanussen mit richtigem Namen hieß, verblüffte schon im Ersten Weltkrieg Frontsoldaten damit, dass er ihnen exakt sagen konnte, was ihre Familien in der fernen Heimat erlebten. Das gelang ihm nur mit einem Trick: Ein Freund arbeitete bei der Militär-Zensur. Er schrieb für den Hellseher Postkarten aus der Heimat ab und hielt sie ein paar Tage zurück. In dieser Zeit machte Steinschneider dann seine Vorhersagen.

In diesem Stil ging es nach dem Krieg weiter. In immer aufwendigeren Inszenierungen hatte der einstige Taschenspieler stets Komplizen. Mal saßen sie im Publikum, mal half sein Assistent, der seinem Meister in der Pause wichtige Informationen in einer Streichholzschachtel versteckt in die Manteltasche schmuggelte oder Hinweise durch seine Körpersprache gab.

Einflussreiche Freunde bei SA und SS

Wegen Betrugs angeklagt wurde der Trickkünstler noch berühmter, als er selbst honorige Richter mit Live-Experimenten im Gerichtssaal so ins Grübeln brachte, dass sie ihn freisprachen. Nach diesem Coup zog er 1931 nach Berlin. Zehntausende hatte er in den letzten Jahren von seinen vermeintlichen paranormalen Fähigkeiten überzeugt. Jetzt eroberte der Charismatiker mit den buschigen Augenbrauen und dem stechenden Blick auch die Hauptstadt. Abergläubische Unternehmer bezahlten Unsummen für seine Vorhersagen, Hanussen fuhr bald drei Luxusautos und beschenkte seine wechselnden Affären mit Brillanten.

Bald wagte er auch politische Prognosen. Hanussen war Opportunist genug, um zu wissen, dass er dazu Gönner und Informanten aus den Reihen der aufstrebenden Nationalsozialisten brauchte. Also lieh er dem spielsüchtigen Berliner SA-Führer Wolf-Heinrich Graf von Helldorf vermutlich 150.000 Reichsmark und lud ihn zu Sexpartys auf seiner Privatyacht ein. Auch Sturmbannführer Wilhelm Ohst, ebenfalls leidenschaftlicher Spieler, borgte er viel Geld. SA-Führer Karl Ernst wiederum schenkte er einen Luxuswagen der Marke La Salle.

Der Künstler versuchte sich bei den Nazis beliebt zu machen, wo es nur ging: Er spendete einer SA-Gruppe warme "Bärenstiefel" für 10.000 Reichsmark, sein Chauffeur, ein SA-Sturmbannführer, kutschierte ihn stets in Uniform, sein Sekretär war Mitglied in NSDAP und SA und sein Geschäftsführer bei der SS.

Hetzkampagne gegen den "Rasputin Hitler-Deutschlands"

Was seine Umgebung nicht ahnte: Hanussen war Jude. Seine NS-Freunde galten ihm nicht nur als Informanten, sondern als Lebensversicherung. Wohl auch deshalb zierte seine "Hanussen-Zeitung" manchmal Hakenkreuze. Er prophezeite ab 1932 nicht nur den Sieg Hitlers, er forderte ihn geradezu: Hitler müsse "endlich das Schwert in die Hand" kriegen.

Solche Prognosen im NS-Duktus weckten den Zorn der kommunistischen Boulevardzeitung "Berlin am Morgen". Und das Blatt begnügte sich nicht damit, Hanussen in einer tagelangen Hetzkampagne als "Kulturschande", "Volksverdummer" und "Rasputin Hitler-Deutschlands" zu beschimpfen, sondern es denunzierte ihn auch als Juden. Als Beweis veröffentlichte die Zeitung im Januar 1933 ein Dokument des tschechoslowakischen Rabbinats in Rumburg, das ihr ein ehemaliger Mitarbeiter und späterer Gegner Hanussens zugespielt hatte.

Nun berichtete auch Goebbels Kampfblatt "Angriff" über den Juden Steinschneider. Hanussen verteidigte sich mit viel Pathos. Religion sei ihm gleichgültig, es zähle allein die Vaterlandsliebe. Wenn es nötig sei, werde er der Erste sein, der alles "auf dem Altar deutscher Lande" opfere.

"Eine dunkle Wolke schwebt über mir"

Ausgerechnet in dieser so prekären Zeit soll der Hellseher den Reichstagsbrand prophezeit haben. Falls es so war, versagte seine sonst so ausgeprägte Intuition komplett. Sein engster Freund in der SA, Graf Helldorf, versicherte schnell, die Vorhersage habe niemals stattgefunden. Und auch Hanussen dürfte bald Angst bekommen haben, wie seine damalige Geschäftspartnerin Elisabeth Heine berichtete:

"Er fühlte zunehmend das Unheil nahen. In der letzten Woche seines Lebens wurde er immer verstörter, wollte nur noch in bewaffneter Begeleitung zur (Arbeit im Theater) Scala fahren. Es wurde so schlimm, dass wir glaubten, es könne Wahnsinn bei ihm ausbrechen: 'Eine dunkle Wolke schwebt über mir, sie kommt herunter!' Das sagte er oft, und das war das Letzte, was er zu mir am Telefon sagte."

Am 20. März 1933 wurde Hanussens Freund Helldorf von seinem Posten als SA-Führer von Berlin abgesetzt. Nur vier Tage später ließ Helldorfs Nachfolger Karl Ernst den Hellseher verhaften und erteilte den Befehl zu dessen "Beseitigung", wie einer seiner drei Mörder später erzählte. Noch am selben Tag wurde Hanussen mit drei Schüssen exekutiert. Seine Leiche wurde erst Anfang April, von Wildfraß stark entstellt, in einem abgelegenen Waldstück entdeckt.

Einsames Begräbnis

Doch musste Hanussen wirklich wegen seiner wahren oder vermeintlichen Vorhersage sterben, wie schon viele Zeitgenossen mutmaßten? Dafür spricht, dass er unmittelbar ermordet wurde, nachdem auch sein Freund und Informant Helldorf abgesetzt worden war. Oder fühlte sich die SA betrogen, als sie erfuhr, dass ihr Gönner Hanussen ein Jude war? Denkbar ist auch ein weit weltlicheres Motiv: Nicht nur Helldorf, auch Mord-Auftraggeber Karl Ernst und sogar SA-Chef Ernst Röhm waren beim Hellseher hoch verschuldet.

An einer Aufklärung hatte 1933 jedenfalls niemand Interesse. Das Justizministerium wies die Staatsanwaltschaft an, die Ermittlungen einzustellen. Als der einst umjubelte Publikumsliebling am 13. April 1933 beigesetzt wurde, kamen nur sieben mutige Trauergäste: Die NSDAP hatte eine Teilnahme an der Beerdigung strikt verboten.

Zum Weiterlesen:

Wilfried Kugel: "Hanussen - Die wahre Geschichte des Hermann Steinschneider". Grupello Verlag, 1998, 300 Seiten.

Das Buch erhalten Sie bei Amazon.

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insgesamt 5 Beiträge
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1.
Johanna Kelc 26.02.2013
Die Sache ist doch eigentlich ganz einfach - die NS-Leute merkten das der Mann zu viel wußte. Ob sie dabei Angst vor seiner Hellseherei bekammen oder sein Spiel hintenrum durchschaut haben, spielt dabei keine Rolle. Immerhin haben die ja auch alles und jeden ausspioniert, auch aus Angst jemand könnte ihre Schweinereien mitbekommen. Und das die Jungs ihre Schulden losgeworden sind war ein netter Nebeneffekt. Alles in allem eigentlich eine klare Angelegenheit.
2.
Thomas Schäfer 26.02.2013
Dieser Kurzbeitrag liest sich wie eie Blaupause zu Lion Feuchtwangers "Jud Süß"
3.
Josef Blum 26.02.2013
Die Tatsache, dass die Reichstagsbrandverordnung- ein logisch und sprachlich ausgefeilter Text- bereits wenige Stunden später veröffentlicht wurde, weist datauf hin, dass da etwas vorbereitet war. Gedankenwandler
4.
Julia Iskandar 26.02.2013
>Dieser Kurzbeitrag liest sich wie eie Blaupause zu Lion Feuchtwangers "Jud Süß" Im Gegenteil. Feuchtwanger hat die irrwitzige Hanussen-Episode in "Die Brueder Lautensack" selbst "leicht fiktionalisiert" und veroeffentlicht...als historischen Roman wie fast alle seine anderen Publikationen, die wie "Jud Suess" auf sorgfaeltig recherchierten Fakten beruhen. Vgl. auch Feuchtwangers Roman "Der falsche Nero".
5.
Roland Magiera 26.02.2013
Und wieso muss das alles bloß Trickserei gewesen sein? Mir ist jemand bekannt, welcher schon seit der Jugend von diversen Erlebnissen begleitet wird. Bislang am eindrücklichsten soll ein vorhergesehener Unfall gewesen sein. Nach seiner Aussage hat er etwa 5 Wochen vor einem Umzug die Gewissheit verspürt, dass es mit dem Umzug aufgrund eines Unfalls nichts wird. Und da so etwas nicht ungewohnt war wollte er es diesmal ergründen und hat sich intensiv darauf konzentriert. Er kam immerhin soweit, dass er wusste, dass es kein Autounfall wird und obwohl extrem heftig wohl auch kein längerer Krankenhausaufenthalt. Kurz danach und knapp eine Woche vor dem geplanten Umzug ist beim Abhängen der Gardinen unter ihm die Leiter zerbrochen (also kaum absichtlich herbeigeführt) und er aus ~2 Metern Höhe auf den ausgestreckten linken Arm gekracht. Abgefahren ist, wenn sich trotz bewusstseinseinengender Schmerzen so etwas wie Erleichterung einstellt. Für einen Zufall war das eindeutig zu detailliert und präzise und vor allem nicht das erste Mal, eher schon Gewohnheit, jedenfalls falls er nicht lügt. Und nun? Ganz einfach, ignorieren.
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