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Kultfilm "9 1/2 Wochen" Yuppie-Erotik mit Fesselgedöns

Film "9 1/2 Wochen": "Brich sie!", verlangte der Regisseur Fotos
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Tagsüber brave Galeristin, nachts Fessel-Fetischistin: Vor 30 Jahren lebte Kim Basinger mit Mickey Rourke im Kino Sadomaso-Fantasien aus. "9 1/2 Wochen" machte beide zu Sexsymbolen - und war vor allem für Basinger eine Qual. Von

Sie trägt einen enggeschnittenen Blazer mit Rock, in der Hand hat sie eine Peitsche, ihr Körper ist hinter dem Rollo nur als schwarzer Umriss zu sehen. Das genügt, um ihren Partner zu elektrisieren. Langsam entblößt die junge Frau ihre Schultern, während aus dem CD-Player die rauchige Stimme von Joe Cocker dröhnt: "Baby take off your dress. Yes yes yes."

Bald darauf wird sich Elizabeth McGraw nicht nur von ihrem Business-Kostüm befreit haben, sondern völlig nackt auf dem Hochhausdach eines New Yorker Luxusapartments tanzen, vor der Skyline Manhattans. Ein legendärer Striptease, der erstmals am 21. Februar 1986 in US-Kinos zur Aufführung kam. Und der den Ruf der bis dahin wenig bekannten Darstellerin Kim Basinger als neue Sexgöttin begründete.

Im Film "9 1/2 Wochen" verkörperte Basinger eine junge Galerieangestellte, die dem Charme eines mysteriösen Börsenmaklers verfiel. Schon beim ersten Rendezvous trank sie diesem John aus der Hand: Er hielt das Weinglas, sie musste gehorchen. Der Beginn eines Machtspiels von neuneinhalb Wochen.

Ein frühes "Fifty Shades of Grey"

John erniedrigte sie, peitschte sie aus, warf Geldscheine auf den Boden, die sie aufheben sollte. Ein Vorläufer von Christian Grey, der Hauptfigur des Sadomaso-Erfolgs "Fifty Shades of Grey". Auch Johns Nachname lautete im Drehbuch Gray - im Film wurde er aber nicht genannt.

Wie "Shades of Grey" basiert auch "9 1/2 Wochen" auf einem Bestseller: den Memoiren einer gewissen Elizabeth McNeill. Erst Jahrzehnte nach Veröffentlichung des Skandalbuches 1978 kam heraus, wer dahinter steckte: die Journalistin Ingeborg Day, Mitarbeiterin des feministischen Magazins "Ms" in New York. Das Pseudonym half ihr, offen über ihre Sadomaso-Affäre zu schreiben, ohne die Karriere aufs Spiel zu setzen (oder ihre siebenjährige Tochter bloßzustellen).

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Sexsymbole der Achtziger: Gelackt, göttlich - gealtert
Schon die ersten Sätze drehten sich um Sex:

"Das erste Mal, als wir zusammen im Bett lagen, hielt er meine Hände über meinem Kopf fest. Es gefiel mir. ER gefiel mir."

Der Roman verkaufte sich vor allem bei Leserinnen sehr gut. So erfolgreich, dass Hollywood-Produzent Zalman King darauf aufmerksam wurde.

King war als Schauspieler aus New Jersey in den Siebzigerjahren in TV-Serien und kleineren Kinofilmen aufgetreten, bis er aufs Drehbuchschreiben umsattelte. Spezialgebiet: Erotikgeschichten, die das sexuelle Erwachen von Frauen thematisierten.

Der Method Actor und das Bond-Girl

Gemeinsam mit seiner Frau Patricia verfasste King das Drehbuch zu "9 1/2 Wochen". Als Regisseur wurde Adrian Lyne engagiert, der zuvor den Film "Flashdance" geschaffen hatte. Die Rolle des John Gray übernahm Mickey Rourke. Lyne lobte ihn für "seinen animalischen Instinkt".

Rourke hatte zuvor das berühmte New Yorker Actor's Studio besucht, eine Kaderschmiede mit gefeierten Absolventen wie Al Pacino, Robert de Niro oder Marlon Brando. Als Method Actor war es Rourkes Ziel, mit der Rolle zu verschmelzen. Um das Leben eines Börsianers zu verstehen, verbrachte er längere Zeit an der Wall Street. Während des gesamten Drehs vermied er es zudem, seine Frau zu sehen, und wohnte als vorübergehender Junggeselle im Hotel.

Blondinenalarm: Kim Basinger, Jahrgang 1953, war zunächst Model und Schauspielerin an kleinen New Yorker Bühnen. In den Siebzigerjahren war sie in Serien wie "Drei Engel für Charlie" zu sehen. 1983 gelang ihr der Durchbruch als Bond-Girl Domino an der Seite von Sean Connery im Film "Sag niemals nie" ("Never Say Never Again").

Das Luder vom Dienst: In "9 1/2 Wochen" spielte Kim Basinger mit, neben, unter und auf Mickey Rourke eine Frau, die an ihrer Sexualität ganz neue Facetten entdeckt. Letztlich kann sich die Galerieangestellte aber nicht dazu durchringen, jedes Spiel ihres Liebhabers mitzumachen, weshalb die Beziehung zerbricht.

Betthupferl: Ein paar Jahre später legte sich Basinger in "Eiskalte Leidenschaft" mit Richard Gere in die Laken, der Film kam 1992 in die Kinos.

Blondes Gift: Das allerdings ist nicht Kim Basinger, es ist Sharon Stone als mörderische Catherine Tramell im Thriller "Basic Instinct". Diese Rolle lehnte Basinger 1992 ab - möglicherweise wurde es ihr zu viel, immer wieder die verführerische Schönheit zu geben.

Oscar-prämiert: Der Krimi "L.A. Confidential" von 1997 war der nächste große Auftritt von Kim Basinger. Dafür erhielt sie 1998 einen Oscar als beste Nebendarstellerin - was noch keinem früheren Bond-Girl gelungen war. Einen Golden Globe Award gab es obendrein.

Ende mit Femme fatale: Von den Rollen als mysteriöse Schönheit verabschiedete Basinger sich nach und nach, derweil sorgte auch ihr Privatleben für Schlagzeilen. Ab 1993 war sie mit dem Schauspielkollegen Alec Baldwin verheiratet, bis die Ehe 2002 lautstark in die Brüche geht. Als gute erotische Besetzung gilt Kim Basinger immer noch...

...wie passend, dass es da dieses "Fifty Shades Of Grey" gibt, das die sexuelle Beziehung von Christian Grey und seiner Freundin auserzählt...

...in der es eigentlich noch mehr zur Sache geht als damals in "9 1/2Wochen"...

...und deshalb darf Kim Basinger nicht fehlen: Sie spielt mit inzwischen 62 Jahren die ehemalige Domina und Lehrmeisterin des Christian Grey im neuen Film, der stark anknüpft an den Achtzigerjahre-Kracher "9 1/2 Wochen".
Fun Fact: Ja, Basinger hat einen Oscar. Sie hatte aber auch: insgesamt sechs Nominierungen für die "Goldene Himbeere" als schlechteste Schauspielerin - und das Obst nie gewonnen. Deshalb erhielt sie 2005 eine zusätzliche Nominierung: als "schlechteste Verliererin der letzten 25 Jahre". Und zwar genau wegen der sechs erfolglosen Nominierungen.

Um die Rolle der Elizabeth kämpften zahlreiche Schauspielerinnen, darunter Isabella Rossellini und Kathleen Turner. Den Zuschlag jedoch erhielt Kim Basinger. Die Südstaatenblondine hatte zuvor als Model gearbeitet und war neben Sean Connery als Bond-Girl Domino in "Sag niemals nie" aufgetreten. Lyne gefiel ihre Natürlichkeit: "Kim ist wie ein Kind, sie ist unschuldig", erklärte der Regisseur in einem Interview mit der "New York Times". Und diese Unschuld wollte er zerstören.

Der Dreh dauerte mit zehn Wochen fast so lange wie die Handlung selbst. Perfektionist Lyne drehte in richtiger Reihenfolge, um die Beziehung zwischen Elizabeth und John besser darzustellen: von der Faszination über die Demütigung bis hin zum Bruch. Damit sich seine Schauspielerin am Set nicht wohl fühlte, wurde sie von den anderen Personen isoliert. Lyne verbot Rourke, mit Basinger auch nur einen Kaffee zu trinken, wenn sie nicht vor der Kamera standen.

"Brich sie"

In späteren Interviews sprach Kim Basinger über die Qualen am Set. "Es gab keinen Tag, an dem ich nicht das Gefühl hatte, an meinen Emotionen zu ersticken", sagte sie dem "Studio Magazine" 1986. Schon beim Vorsprechen habe Regisseur Lyne ihr befohlen, über den Boden zu kriechen. Nach der Szene sei sie tränenüberströmt aus dem Zimmer gerannt. Einen Tag später erhielt sie einen Blumenstrauß mit der Frage, ob sie die Rolle haben wolle. Basinger nahm an.

Die Psychospiele setzte Lyne bei den Dreharbeiten fort. Er flüsterte Rourke Anweisungen ins Ohr, damit Basinger nur reagieren konnte, statt sich vorzubereiten. Die "New York Times" beschrieb, wie Lyne in einer Szene Basinger psychisch am Boden sehen wollte. Er flüsterte Rourke zu: "Brich sie!" Der Schauspieler packte seine Partnerin grob an der Hand. Als sie sich wehrte, verpasste er ihr eine Ohrfeige. Erst dann begann Lyne zu drehen.

Doch auch für Mickey Rourke war der Dreh unangenehm. Er war bekannt für notorisches Zuspätkommen und für Probleme mit Autoritäten. Immer wieder geriet Rourke mit dem Regisseur aneinander. "Adrian Lyne ist das kleinkarierteste Arschloch, das ich je erlebt habe", erklärte er nach dem Filmstart im Magazin "Wiener". Aus Sorge, sein Hauptdarsteller könnte zunehmen, stellte Lyne ihn häufig auf die Waage und postierte zudem einen Wachmann vors Hotel, damit Rourke die Nächte im Zimmer statt auf Partys verbrachte.

Flop in den USA, Kult in Europa

Ebenso viel Energie steckte der frühere Werbefilmer in die Gestaltung des Films. Lyne legte besonderen Wert auf Licht, Schatten, Dunst. Und auf Nahaufnahmen. Zum Beispiel in der berühmten Essensszene: Elizabeth saß mit geschlossenen Augen vorm Kühlschrank und bekam von John Speisen in den Mund gelegt. Eine Olive, roten Wackelpudding, Honig. Lyne drehte alles wie ein hochästhetisiertes Werbevideo.

Trotz dieses Aufwands floppte der Film an den US-Kinokassen, auch weil die Produktionsfirma Tristar während des Drehs abgesprungen war. Als Ersatz kamen Produzenten von MGM und verlangten rigorose Einschnitte - die Sexszenen sollten harmloser werden. Lyne und Rourke tobten.

Für den europäischen Markt machten sie eine "schärfere" Version. Und tatsächlich wurde "9 1/2 Wochen" vor allem außerhalb der USA ein Erfolg, in Paris etwa lief der Film fünf Jahre lang ununterbrochen in ausgewählten Kinos. Zum Schluss lagen die weltweiten Einnahmen bei mehr als 100 Millionen Dollar.

1997 spielte Mickey Rourke im zweiten Teil wieder John Gray. Aber Kim Basinger war bei "9 1/2 Wochen in Paris" nicht mehr dabei. Sie erhielt ein Jahr später einen Oscar - für die Rolle einer Edelprostituierten in "L.A. Confidential". Wie Basinger schon 1986 sagte: "Nach '9 1/2 Wochen' bin ich für jeden Film gewappnet."

Bei der Fortsetzung von "Fifty Shades of Grey" soll sie jetzt dabei sein - Basinger spielt in "Fifty Shades Darker" eine alternde Domina, die Christian Grey das Sadomaso-Handwerk beigebracht hat.

Zum Autor
  • einestages-Autor Simon Broll (Jahrgang 1986) hat sich der Kultur verschrieben, nach dem Studium der Theater-, Film- und Medienwissenschaft und einem Volontariat bei der Deutschen Welle. Wenn er nicht als TV-Redakteur über Festivals und Künstler aus Europa berichtet, ist er im nächstgelegenen Programmkino anzutreffen.

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insgesamt 8 Beiträge
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1. Nach wie vor ein toller Film
Jan Haufe, 18.02.2016
und in den 1970-er/1980-er Jahren gab es ohnehin die besseren Film. Da waren noch Handlungen und da waren noch Stars! Heute geht es doch eher um martialische Effekte - möglichst in 3D. Übrigens gibt es 9 1/2 Wochen seit zwei Jahren auch auf Blu-ray mit deutschem Ton - aber nur im europäischen Ausland. In Deutschland hat Fox die Disc leider nie veröffentlicht.
2. Ein wunderbarer Film
Günter Vrauer, 18.02.2016
mit zwei super Schauspielern. Und ehrlich gegen diesen Film ist 50 shades of grey eine üble Dr.Sommer-Bravo Geschichte.
3. 50 shades...
Johannes Mitterhuber, 18.02.2016
9 1/2 wochen oder Basic instinct waren wirklich gute Filme die vor mehr als 20 Jahren schon mehr erotik, sex und handlung hatten als dieses schmusige 50 shades. Man könnte meinen, dieser film wäre damals gedreht worden. Andererseits was will man von den prüden amis erwarten.
4. Der Film?
Volker Eschen, 18.02.2016
Das Buch ist eines der besten, die ich in meinem Leben (60 Jahre) gelesen habe. Über den Film kann ich mir kein Urteil erlauben. Ich habe ihn noch nie bis zu Ende gesehen, weil ich immer vorher einschlafe. Möglicherweise liegt das nicht NUR an der Sendezeit.
5. früher war alles besser... jaja
Tobias Mosch, 18.02.2016
jedes mal wenn ich etwas im stile von "damals gab's die besseren Filme" lese könnte ich kotzen... das mag zwar vielleicht für den ab-durch-die-mitte-mainstream gelten aber die guten, überraschenden, intelligenten, emotionalen, mitreißenden filme gibt es immer noch... halt vielleicht nicht bei cinemaxx oder cinestar... und zu den 70ern und 80ern... auch da gab's jede menge mist, aber an da erinnernt man sich halt nicht gerne daran das als teeny toll gefunden zu haben und kann es oft auch noch allerhöchstens mit nostalgie und/oder ironie begründen... übrigens schließt auch das vorhandensein eines großen budgets für special effects und aufwändige kulissen nicht aus dass substanz vorhanden ist...
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