9/11 Der Vulkan im 93. Stock

9/11: Der Vulkan im 93. Stock Fotos
Thomas Noller

Seit fünf Jahren lebte und arbeitete Thomas Noller in New York City. Er liebte diese Stadt wie keine zweite. Doch an diesem wunderschönen, spätsommerlichen Dienstagmorgen im September 2001 passiert das absolut Undenkbare - und änderte alles für immer. Von

  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren
    2.8 (318 Bewertungen)

Der Himmel ist wolkenlos, die Luft völlig klar, und eine angenehme, spätsommerliche Wärme liegt über der Stadt, als ich mit meiner Freundin am Morgen des 11. September 2001 ihr Apartment in der East 72nd Street verlasse. Wir sind, wie immer, ein wenig zu spät auf dem Weg zur Arbeit und hassten zur U-Bahn-Station an der 68th Street und Lexington. Um uns herum das übliche morgendliche New Yorker Getümmel: eilige Menschen in Business-Anzügen, Kaffee in der einen, Handy in der anderen Hand, Jogger, Door Men, Bauarbeiter, Schüler in Uniform, ältere Damen, die ihre Hunde Gassi führen, Taxis, Busse.

Als wir auf der 3rd Avenue Richtung Süden biegen, sehe ich ganz weit in der Ferne eine seltsame dunkelgraue Wolke, die sich wie ein Band nach Osten zieht. Ich halte kurz inne und weise meine Freundin darauf hin, denn die Wolke sieht wie ein Fremdkörper in diesem makellosen Himmel aus, aber Kris zuckt nur mit den Schultern. Wir hassten weiter über die Fußgänger-Ampel.

Wir nehmen die Linie 6 in Richtung Downtown. Auch in der U-Bahn ist alles so wie immer. Gedrängel. Leute lesen Zeitung, starren vor sich hin, hören noch etwas Musik auf dem Walkman, bevor der Arbeitstag beginnt. Kris steigt am Union Square aus. Ich gebe ihr einen schnellen Abschiedskuss, und wir verabreden uns noch zum Dinner am Abend bevor die Tür zugeht. Ich fahre noch weiter bis zur Spring Street in Little Italy. Als ich dort ankomme und die Treppe hochlaufe, ist auch dort alles so wie immer: Touristen, die durch das nahe SoHo streifen wollen, UPS und Fedex-Lieferwagen, Menschen, die zur Arbeit eilen.

"Ein Flugzeug ist ins World Trade Center geflogen"

Ich hatte am Abend zuvor eine Tasche mit schmutziger Wäsche bei der chinesischen Wäscherei um die Ecke gelassen; jetzt entschließe ich mich, diesen noch abzuholen, bevor ich zur Arbeit gehe. Ich bin ohnehin schon zu spät, da macht es keinen Unterschied mehr. Die kleine Chinesin wühlt aus einem Haufen Beutel und Taschen meine heraus und legt sie mir lächelnd auf den Tresen. Ich bezahle und gehe pfeifend meiner Wege.

Nach ein paar Metern (ich gehe jetzt auf der Lafayette Street nach Süden) entdecke ich plötzlich diese Wolke wieder, die ich in der Zwischenzeit total vergessen hatte. Diesmal ist sie sehr viel näher und bedrohlicher. Sie erscheint auch sehr hoch oben. Ich lasse meine Tasche auf den Boden fallen, hole meine Digitalkamera aus der Innentasche meiner Jacke und mache zwei Bilder.

Neben mir an der Hauswand steht ein kleiner Mann, der eine Zigarette raucht und mit einem Fuß die Tür zu einem Laden aufhält. Er spricht mich in einem dicken New Yorker Akzent an und sagt, ich solle doch einmal auf die andere Straßenseite wechseln, da hätte ich einen besseren Blick. Ich frage ihn, was denn geschehen sei, und er sagt, ein Flugzeug sei ins World Trade Center geflogen. Daraufhin schnippt er die Zigarette weg und verschwindet im Hauseingang.

"Damn Terrorists"

Ich mache eine Geste der Verwirrung und denke einen Moment lang, dass der Mann mich veräppeln wollte. Ich nehme meine Tasche und laufe quer über die Lafayette Street nach Osten. An der Kreuzung der Straßen Lafayette, Centre und Kenmare ist ein kleiner, dreieckiger Patz, von dem aus man nach Süden schauen kann. Da stehen ein paar Grüppchen, die allesamt nach Downtown gewandt sind.

Als ich dann endlich die Ursache des Rauches sehe, habe ich einen sekundenlangen mentalen Blackout. Da ist der Nord-Turm des World Trade Centers mit einem großen Loch in der Fassade, aus dem eine gewaltige Rauchsäule herausquillt - so, als sei er ein Vulkan kurz vor dem Ausbruch. Meine erste bewusste Reaktion nach dem Blackout ist Verdrängung: "Oh je! Aber das ist New York City. Da passieren die verrücktesten Dinger. Die werden das schon wieder hinbekommen!". Ich verschwende keinen Gedanken an die Menschen dort drinnen. Es ist alles so unwirklich, so abstrakt. Ein schlechter Scherz, so hat es den Anschein. Eine besondere Obszönität.

Etwas später stelle ich mich zu einer Gruppe von Leuten, die sich zögerlich unterhalten. Ein hagerer Junge, etwa 17, und eine ältere Frau in einem geblümten Hausfrauenkleid scheinen die Wortführer zu sein. Der Junge sagt, er habe ein Flugzeug in das Gebäude fliegen sehen. Kein Kleinflugzeug. Eine große Verkehrsmaschine. Die alte Frau sagt, dass es sogar zwei Flugzeuge gewesen seien. Eines in den einen Turm und das andere in den anderen. Sie habe beide gesehen. Das wären mit Sicherheit die "damn terrorists", wie 1993 (als der erste Sprengstoffanschlag auf das WTC verübt wurde).

Keiner schreit, keiner rennt

Ich denke, naja, das ist vielleicht ein wenig vorschnell geurteilt, und man solle doch erst einmal abwarten. Aber das Loch im Turm ist schon ziemlich gewaltig und von da, wo ich stehe, ist der Südturm durch den Rauch verdeckt, der aus dem anderen Turm quillt. Ich mache ein paar Fotos und taste mich schrittweise nach Süden vor, ganz so als wolle ich nicht näher heran an dieses Ding.

Was mir auffällt: trotz allem spielen sich um mich herum Alltagsszenen ab: Radfahrer, Fußgänger auf der anderen Seite der Straße. Leute trinken Kaffee und unterhalten sich. Ein UPS-Laster biegt links auf die Kenmare Street ein, bleibt kurz stehen, damit der Fahrer hinausschauen kann, und fährt dann aber weiter, als sei nichts gewesen. Keiner schreit, keiner rennt, keiner gerät in Panik. Dennoch: Wie die anderen um mich herum wahrscheinlich, spüre auch ich langsam, wie sich eine dumpfe Unsicherheit auf mein Herz legt. Was ist da bloß passiert?

Nach einer Weile bin ich endlich im Büro angekommen. Alle Kollegen, die schon da sind, hängen am Telefon. Wir haben keinen Fernseher, nur Radio. Jemand versucht CNN aufzurufen, aber das Internet geht nicht oder ist überlastet. Keiner spricht viel mit dem anderen.

Bitte lass es einen Unfall sein!

Mein Telefon klingelt, es ist mein Freund Wolfgang aus Deutschland. Er fragt, ob ich okay sei. Dann sagt er, er habe gesehen, wie das zweite Flugzeug eingeschlagen sei. Er sagt auch: "Hoffentlich stürzen die Türme nicht ein!" Ich antworte, dass ich das nicht glaube. Dafür seien sie zu gut konstruiert. Danach rufe ich meine Eltern an. Mein Vater ist am Apparat, aber er hat gerade eben erst davon erfahren. "Was ist denn da los?", ist das erste was er sagt. Mutter sei im Garten, sie werde zurückrufen.

In der Zwischenzeit ist meine Kollegin Bethany angekommen. Sie wohnt in Battery Park City, praktisch im Schatten der Türme. Sie ist völlig aufgelöst und fängt an zu schluchzen. "Dieses Ding ist praktisch durch mein Schlafzimmer geflogen!" Das Radio läuft jetzt, und ein Sprecher meldet eine Explosion vor dem State Department in Washington. CNN lädt immer noch nicht. David, mein Chef, sagt: "Zwei Flugzeuge. Eines in jeden Turm." Ich will immer noch nicht an einen Anschlag glauben. Bitte lass es einen Unfall sein! Bitte, Bitte!

Dann spricht der Radiomoderator wieder. Ein weiteres Flugzeug sei im Pentagon in Washington eingeschlagen. Außerdem befänden sich noch 8 Flugzeuge im Luftraum von New York, die nicht identifiziert seien. Das ist der Moment, wo ich zum ersten Mal die Beherrschung verliere. Jetzt fühle ich mich plötzlich persönlich bedroht. Das WTC - schrecklich, aber trotz der Nähe gedanklich weit weg. Zu irreal um darüber nachzudenken. Aber was, wenn noch weitere Flieger kommen? Was soll ich tun? Soll ich hier bleiben wie ein "sitting duck"? Oder aus Manhattan heraus? Aber der Radiosprecher sagt, Manhattan werde abgeriegelt. Alle Tunnel und Brücken seien zu. Keine U-Bahn fahre mehr. Also hier bleiben und warten. Ein schreckliches Gefühl der Ohnmacht überkommt mich.

Eine klare, weiße Wolke

Dann kommt der nächste Schock. Sam, normalerweise ein ganz ruhiger, besonnener Typ, der gerade mit seiner Frau in Brooklyn telefoniert, schreit plötzlich auf: "Oh mein Gott, es wird zusammenbrechen!", und rennt zum Treppenhaus. Acht Leute, mich eingeschlossen, rennen ihm wie von der Tarantel gestochen hinterher. Wir sind im 5. Stock, einen weiter oben ist das Dach.

Da springen wir nun hinauf. Als wir oben ankommen höre ich noch die Reste eines tiefen Grummelns, und ich sehe eine ganz klare, weiße Wolke da, wo einmal der Südturm gestanden hat. Bethany weint, Olivier tröstet sie. Alle anderen sind sprachlos. Ich fühle mich schwindlig und übel.

Weil nichts mehr zu tun ist gehen wir nach einer Weile wieder hinunter. Ich merke, wie sich bei mir ein Panikanfall ankündigt. Jetzt geht auch das Telefon nicht mehr. Ich kann Kris nicht anrufen. Die Meldungen im Radio verschwimmen zu einem Brei aus widersprüchlichen Meldungen. CNN geht allerdings wieder und zeigt jetzt eine Grafik: "Attack on America". Ich denke nur: wie pervers, dass sich da einer hingesetzt hat und in diesem ganzen Chaos eine Grafik erstellen konnte.

Flüchtlings-Prozession aus Downtown

Den Einsturz des Nordturms bekomme ich nicht mehr mit, obwohl wieder alle nach oben rennen. Mein Herz pocht wie wild, ich habe Angst. Da jeder mit sich selbst beschäftigt ist, verlasse ich das Büro und taumele ziellos durch die Straßen von Downtown Manhattan. Massen von Menschen kommen vom Süden her hochgelaufen. Alle sind still. Keiner schreit oder rennt. Jeder läuft nur weg von diesem Ort. Eine Prozession wie bei einem Begräbnis. Feuerwehr-Autos und Rettungswagen fahren Richtung Downtown.

Ich bin so durcheinander, dass ich den Weg nach Hause nicht mehr finde und mehrmals im Kreis herumlaufe. Ich möchte nur keinen Panik-Anfall bekommen und laufen lenkt ab. Ich überlege kurz, ob ich eine Notaufnahme besuchen soll, da ich mich sterbenselend fühle, aber dann denke ich: Die haben bestimmt genug andere Dinge um die Ohren.

Nachmittags um 3 Uhr komme ich endlich zu Hause an. Meine Mitbewohner schauen mich nur leer an. Keiner will etwas sagen. Im Fernseher läuft die Endlosschleife des zweiten Einschlags. Ich lege mich hin und versuche zu schlafen um diesen Tag zu vergessen, der so wunderschön angefangen hat. Aber ich weiß: Ab jetzt wird alles anders sein.

Artikel bewerten
2.8 (318 Bewertungen)
Mehr zum Thema
Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen



Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
zum Forum...
Sagen Sie Ihre Meinung!

© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH