9/11-Gedenken Die Zeit steht still am Ground Zero

2749 Namen und mindestens ebenso viele Geschichten von Trauer, Schmerz und Verlust: New York, fünf Jahre nach dem 11. September 2001. Zur Gedenkfeier am Ground Zero hielten Angehörige, Politiker und Kollegen vier Minuten inne - und mit ihnen ein ganzes Land.

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Für einen Moment, einen kleinen Moment nur, hält selbst die Politik inne. Kein Zank um den Irak-Krieg, keine Wahlkampfparolen, keine Angstmacherei, keine Vorwürfe. Demokraten wie Republikaner falten die Hände, beugen die Köpfe, schweigen. Auch Präsident George W. Bush, vor einer Feuerwache auf der Lower East Side, wo er mit New Yorks "ewigen Helden" gefrühstückt hat: Bagels und French Toast. Bush blinzelt in die Morgensonne; er wirkt alt, viel älter als vor fünf Jahren an jenem Tag, der auch sein Schicksalstag war.

Ein Trommelwirbel hallt über Ground Zero, jene unfertige Baugrube, die immer ein Ehrenfriedhof sein wird und ein politisches Symbol, doch heute pietätvoll den Angehörigen überlassen bleibt, die dort zu Abertausenden aufmarschieren, Fotos und Rosen in den zitternden Fingern. Ein zerfetztes Sternenbanner knattert im Wind, Symbol für die zerfetzte Seele einer Nation, damals wie jetzt. Eine Glocke läutet, einmal, zaghaft. Dies ist keine Zeit der Worte. Dies ist die Zeit für Gedanken, Gefühle.

Die vier Gedenkminuten an den 11. September 2001 - zwei zu den exakten Zeitpunkten, als die Flugzeuge einschlugen, zwei zu denen, als die Towers einstürzten - legen die Stadt nicht lahm. Doch sie legen sich wie eine sanfte Decke über den Lärm der morgendlichen Rushhour. Über das Rumpeln der Subway, das Hupen der Taxis, das Kreischen der Müllwagen, das Gemurmel der Menschen auf dem Weg ins Büro. Über alle persönlichen und politischen Verwerfungen, Alltagssorgen, Vorsätze und Aufregungen.

"Gott ist kein Kriegstreiber"

8.46 Uhr, 9.03 Uhr, 9.58 Uhr, 10.28 Uhr: Viermal halten sie inne, die Nation und die Stadt, der die Anschläge trotz äußerlicher Wiederauferstehung bis heute tief unter der Haut stecken - manchmal ganz offensichtlich, manchmal unterbewusst, vergraben unter Sedimenten von Trauer, Verleugnung, Trott. Zwei Drittel der New Yorker, so ergab kürzlich eine Umfrage, sorgen sich weiter "sehr" vor neuen Anschlägen. 40 Prozent gaben an, sie seien auch heute noch enorm "nervös" und "angespannt".

Es ist ein glasklarer Vormittag in Manhattan, mehr Herbst als Sommer, doch von den Farben und der Brillanz genau wie jener Vormittag, dessen fünften Jahrestag sie nun begehen. Das erste Mal übrigens in Gegenwart des Präsidenten, der aber dann schnell weiterfliegt zu den zwei anderen Stätten des Terrors in Shanksville in Pennsylvania und am Pentagon.

Überall in New York drängen sich heute die Erinnerungen an 9/11. Manche sind seit jeher hier, übersehen in der städtischen Hatz, manche sind extra wiederauferstanden. Die fast 3000 Flaggen im Inwood Hill Park, eine für jedes Opfer. Die Fotos der alten Skyline am Geländer der East-River-Promenade in Brooklyn. Die Widmungen und Wünsche vor der Church in the Village, einer Kirche gegenüber des St. Vincent's Hospitals, vor dem damals Dutzende Ärzte in Kitteln auf Überlebende warteten, die nie kamen. "Gott", steht auf einem der handgeschriebenen Zettel an der Kirche, "ist kein Kriegstreiber."

Trauermarsch für Opfer Nummer 1

Die Angehörigen in der Tiefe von Ground Zero legen Blumen und Kränze nieder. Sie umarmen sich, stützen sich, sinken in neuem Schmerz zu Boden. Eine Gruppe von ihnen verliest die Namen der 2749 Terror-Opfer an dieser Stelle, einen nach dem anderen, alphabetisch und mit kurzen Widmungen, eine Tradition inzwischen. Diesmal sind es die Ehe- und Lebenspartner, die das tun, mit weißen Schleifen am Revers. "Was mein Herz sagen will", spricht Susan Slivak, deren Mann Robert, ein Finanzhändler, im World Trade Center starb, "was mein Herz sagen will, ist, wie sehr ich dich liebe."

Jazzmusiker Wynton Marsalis aus New Orleans bläst einen Trauermarsch und dann "Down By the Riverside" - als Symbol für die Bande zwischen zwei leidenden Städten und als Dank für die Hilfe, die New Yorker Cops und Feuerwehrleute nach "Katrina" leisteten. "Fünf Jahre sind gekommen und gegangen", sagt Bürgermeister Michael Bloomberg, selbst sichtlich bewegt. "Und wir stehen weiter gemeinsam." Damit versucht er diese schwer fassbare, stumme Einheit der Seelen zu beschwören, wie sie Trauer und Schock hervorbringen, wie man sie von den Wochen nach 9/11 kennt, wie sie hier heute immer wieder aufflackert, wenn auch nur kurz.

Man spürte diese Einheit der Seelen schon gestern wieder, bei Gedenkstunden überall, während ringsum der Wochenendverkehr weiterlief in jenem typischen Zwiespalt aus Normalität und Absurdität, der New York seit fünf Jahren prägt. Man spürte sie, als Hunderte Feuerwehrleute und Angehörige schweigend und flankiert von Passanten über die Seventh Avenue zogen, im Gedenken an Vater Mychal Judge, ihren geliebten Priester, der an 9/11 von den Trümmern erschlagen und als Opfer Nummer 1 in die Amtsbücher eingetragen wurde.

Bushs Pilgerfahrt

Man spürte sie, als Bush, der schon gestern hier eingetroffen war, an einem Nachmittagsgottesdienst in der St. Paul's Chapel teilnahm, wo in den Wochen nach dem 11. September die Räumarbeiter und Rotkreuzhelfer auf den Kirchenbänken schliefen. Jetzt sprach Pastor James Cooper dort vor Würdenträgern und Hinterbliebenen, von einer einzigen "Familie aus Stadt, Staat und Nation" - Hoffnung und elegische Nostalgie zugleich.

Man spürte sie, als Bush und die First Lady zuvor an Ground Zero Kränze niederlegten, in zwei provisorischen Reflektionsteichen. Wortlos Händchen haltend stiegen sie, von Dudelsackklängen begleitet, über die lange Rampe in die Grube, unter einem Himmel wie aus Stahl. Bush biss sich auf die Lippen und guckte hoch, als hänge er Erinnerungen nach.

Es war Bushs erste Pilgerfahrt zu Ground Zero seit dem 14. September 2001. Das war der Tag, an dem er auf die Trümmer stieg und, mit einem Megafon in der Hand, al-Qaida den Krieg erklärte. Der Tag, an dem er die Herzen der Amerikaner eroberte, selbst die seiner Gegner. Der Tag, an dem er die Nation hinter sich vereinte, seine Popularität auf seither unerreichter Höhe. Fünf Jahre ist das her.

Neue Furcht vor Terror

"Wir hatten ein Gefühl von Stolz und Patriotismus und Einheit": So erinnerte New Yorks republikanischer Gouverneur George Pataki gestern an jene verlorene Unschuld. "Ich halte es für sehr wichtig, dass wir versuchen, das wiederzubeleben." Darin schwang wohl genauso persönliche Hoffnung wie politisches Kalkül: Gelingt es Bush, dank dieses nationalen Trauer-Déjà-vus, an sein altes, längst verspieltes Image anzuknüpfen, hätten die Republikaner die Kongresswahlen im Herbst in der Tasche.

Bush selbst hatte diese Stimmung damals eloquent mit einem Zitat von Franklin D. Roosevelt beschrieben. Dieser hatte in seiner ersten Antrittsrede 1933 die "warme Courage der nationalen Einheit" beschworen. Doch es ist Frank Rich, Kolumnist der "New York Times" und einer der schärfsten Bush-Kritiker, der am Wochenende an eine andere Passage aus jener Roosevelt-Rede erinnerte: "Das Einzige, was wir zu fürchten haben, ist die Furcht selbst."

Und die hat sich, fünf Jahre später, überall wieder eingenistet. Furcht vor Terror, Furcht um die Zukunft, Furcht als Mittel, um Wahlen zu gewinnen. Die einst so geeinte Nation ist polarisiert, Bushs Beliebtheitsquoten dümpeln weiter auf dem Tiefstand. Das Vertrauen der Wähler in Washington sinkt, die Frustration über den Irakkrieg wächst. Die Politik steht also nicht lange still, auch an diesem Tag nicht.

"Kaum zu glauben"

"Wir befinden uns in einem Krieg, den wir nicht gewollt haben", schreibt Bushs Heimatschutzberaterin Frances Townsend in der "New York Times". "Aber es ist ein Krieg, den wir führen müssen, und ein Krieg, den wir gewinnen müssen." Wobei noch keiner richtig erklärt hat, was das wirklich heißt: den Krieg gegen den Terror "gewinnen". Eine offizielle Kapitulationserklärung von al-Qaida?

Heute Abend werden zwei gigantische Lichtfinger von Lower Manhattan aus in den Himmel schießen - der traditionelle "Tribute in Light". 88 Suchscheinwerfer mit je 7000 Watt, zu zwei Quadraten gruppiert, im Andenken an die Towers. Am Wochenende wurde das Monument bereits getestet. Auf einem Party-Boot der "Circle Line", das um die Südspitze Manhattans kurvte, lehnten sich die Passagiere an die Reling und starrten auf die gespenstischen Lichter, während dahinter ein riesiger, orangefarbener Mond aus den Wolken stieg. "Kaum zu glauben, dass das schon fünf Jahre her ist", sagte einer. Dann kehrten sie ins Innere des Schiffs zurück und tanzten weiter.

Marc Pitzke

Erschienen auf SPIEGEL ONLINE am 11.09.2006



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