9/11 in New York "Ich sah, was niemand sehen will"

Der Bank-Angestellte Marcel Winterhalder ging 2001 in die USA, um den Arbeitsalltag seiner amerikanischen Kollegen kennenzulernen. Doch was er erlebte, war der völlige Ausnahmezustand.

Marcel Winterhalder

Vorgeschichte

Wie kam es, dass ich genau am 11. September 2001 gegen 9 Uhr am Fuß des World Trade Center (WTC) stand?

Mein Arbeitgeber, die Deutsche Bank, bot ausgewählten Mitarbeitern die Teilnahme an einem internationalen Austausch-Programm an. Das Programm war darauf ausgelegt, während eines einjährigen Aufenthalts die Arbeitsweise und auch Lebensweise in einer anderen Kultur kennen zu lernen. Ende 2000 hatte ich mich um die Teilnahme beworben. Nach Prüfung verschiedener Alternativen kristallisierte sich New York als bester Einsatzort heraus.

Nach den notwendigen Vorbereitungen (Auslandsvertrag, Visum, etc.) und dem Abschied von meinen bisherigen Kollegen flog ich Ende Juli 2001 nach New York. Ab dem 1. August sollte ich dort für ein Jahr einen US-Kollegen bei der Einführung eines neuen Produkts auf dem US-Markt unterstützen.

Mein Arbeitsplatz befand sich im Gebäude der Deutschen Bank, Liberty Street Nr. 130 - direkt an der Südseite des World Trade Center.

Eine Wohnung fand ich in der Mitte Manhattans, Nähe Penn Station in einem neu gebauten Hochhaus.

Dienstag, 11. September

Der 11. September, ein Dienstag, begann ganz normal: Aufstehen, waschen, anziehen und auf den Weg zur Arbeit machen. Gegen 8:40 stieg ich an der Penn Station in die Subway-Linie E Richtung Downtown. Endstation der Linie war das World Trade Center. Die Haltestelle befand sich auf der Nordseite. Von dort aus gelangte man durch eine Mall im Untergeschoss des WTC auf die andere Seite zum Gebäude der Deutschen Bank.

Doch nicht an diesem Morgen. In der Station kamen mir und den anderen Fahrgästen Sicherheitsleute aus dem WTC entgegen. Sie teilten uns mit, dass wir wegen einer Bombe nicht durch die Mall gehen könnten. Ich ging von einer Bombendrohung aus und wollte die Subway-Station durch einen Seitenaufgang verlassen. Auf der Treppe - die direkt Richtung Nordturm führte - ging es nur langsam vorwärts. Als ich dann oben ankam, sah ich den Grund: Die Leute vor mir starrten auf einen Brand im oberen Teil des Nordturms.

Ich hörte, dass dort ein Flugzeug eingeschlagen sei. Wie die meisten der Umstehenden ging ich von einem Unfall aus. Besonders groß sah das Feuer zu diesem Zeitpunkt nicht aus.

Ich sah keine Möglichkeit zu helfen und wollte den Rettungskräften nicht im Weg sein, daher machte ich mich auf, um an meinen Arbeitsplatz zu kommen und ging in Richtung Broadway.

Noch ein paar Mal schaute ich mich dabei in Richtung Nordturm um. Beim letzten Umdrehen musste ich dann leider mit ansehen, was wohl niemand sehen will: Mehrere Menschen sprangen oder fielen aus den brennenden Stockwerken. Da ich auch hier nicht helfen konnte, bin ich weitergegangen. Mag sein, dass ich zu diesem Zeitpunkt schon unter einem leichten Schock stand.

Nachdem ich den Broadway erreicht hatte, lief ich auf ihm ein Stück Richtung Süden. Zu dieser Zeit schlug das zweite Flugzeug in den Südturm ein. Da ich mich glücklicherweise gerade hinter einem Hochhaus befand, bemerkte ich davon nur den Knall und den Feuerball aus Richtung WTC. Mangels anderer Informationen nahm ich an, der Tank des Flugzeugs im Nordturm sei explodiert.

Über diverse Seitenstraßen kam ich dann endlich zum Gebäude der Deutschen Bank. Es wurde bereits evakuiert. Am Notausgang traf ich einige Kollegen. Von ihnen hörte ich dann zum ersten Mal, dass es zwei Flugzeuge waren - und zwar große Passagiermaschinen und nicht "nur" ein Kleinflugzeug. Es schien dann auch klar, dass es sich nicht um einen Unfall gehandelt haben konnte.

Wir gingen zusammen zu einer Subway-Station in der Nähe der Wallstreet und stiegen in eine der letzten Bahnen, die noch Richtung Uptown (Norden) fuhren. Vielleicht war es sogar die letzte Subway, bevor der Bahnverkehr komplett eingestellt wurde.

Ich stieg am Bahnhof Penn Station aus und ging zu meiner Wohnung. Nachdem ich mich etwas beruhigt hatte, schnappte ich mir - warum auch immer - meine Digitalkamera und fuhr mit ein paar Nachbarn mit dem Aufzug in den 36. Stock unseres Hauses. Dort gab es ein "Sundeck", von dem aus man einen guten Blick Richtung World Trade Center hatte. Der Südturm war schon eingestürzt, wie auf den Fotos zu erkennen ist.

Ich ging dann wieder in meine Wohnung, um meine Eltern in Deutschland anzurufen. Es gab keine Chance durchzukommen, alle Leitungen waren belegt, man bekam nicht einmal ein Freizeichen. Meine Internetverbindung war jedoch noch funktionsfähig, da unabhängig vom Telefonnetz. Also schrieb ich in einer E-Mail, was passiert war und dass es mir gut ginge. Ich fuhr dann wieder hoch auf das Sundeck, da war auch der zweite Turm schon eingestürzt. Auch das fotografierte ich.

Was danach am World Trade Center passierte, kenne ich nur aus den Nachrichten. Erst durch die Berichterstattung im Fernsehen, die ich den Rest des Tages verfolgte, wurde mir der volle Umfang dessen, was geschehen war, bewusst.

Die Tage nach dem Anschlag

Am nächsten Tag habe ich versucht, bei der Deutschen Bank anzurufen. Zu diesem Zeitpunkt hatte das Krisenmanagement der Bank bereits die Ansage geschaltet, dass Mitarbeiter, die nicht für die Abwicklung des dringenden Tagesgeschäfts gebraucht würden, zu Hause bleiben und auf den Anruf ihres Managers warten sollten. Das habe ich dann auch getan. Im Lauf des Morgens kam der Anruf.

Ich wurde darüber informiert, dass unser Bürogebäude nicht mehr zugänglich war und noch keine neuen Büroräume gefunden seien. Notfall-Ausweichbüros stünden nur für die Mitarbeiter zur Verfügung, die für das Tagesgeschäft benötigt würde. Am nächsten Morgen sollte ich mich wieder einwählen. In den folgenden zehn Tagen bestand meine Arbeit nur darin, morgens an einer Abteilungs-Telefonkonferenz teilzunehmen.

Was sollte ich also tun? Am 12. September folgte ich erst einmal dem Aufruf in den Nachrichten zur Blutspende - um genau zu sein, ich versuchte es. Nachdem ich (zu Fuß) das Krankenhaus erreicht hatte, das als Sammelstelle genannt worden war, standen dort schon viele Menschen in langen Schlangen an. Ich stellte mich in die Schlange, aber schon nach kurzer Zeit wurden wir informiert, dass wir an diesem Tag nicht mehr dran kommen würden. Man nannte noch ein anderes Krankenhaus, bei dem man Blut spenden könne. Aber auch dort würden die Spender schon Schlange stehen. Für den Tag gab ich es auf und aus den Nachrichten erfuhr ich, dass aufgrund der großen Spendenbereitschaft am ersten Tag bis auf weiteres keine Spender mehr gebraucht würden.

Die folgenden Tage verbrachte ich in einer seltsamen Rolle zwischen Betroffenem und Beobachter: Da ich nichts anderes zu tun hatte, verfolgte ich die weiteren Geschehnisse im Fernsehen, stellte einen Erlebnisbericht und die Fotos auf meine Website in mein Fototagebuch und versucht die Situation zu verarbeiten. Ich versuchte auch, mir vor Ort ein besseres Bild vom Geschehen zu machen, aber die Gegend um das World Trade Center war weiträumig abgesperrt.

Das erste Wochenende nach dem Anschlag war geprägt vom Bemühen der New Yorker, so weit wie möglich zur Normalität zurückzukehren - und durch Aktionen der Trauer. Ich machte Fotos vom Union Square am Sonntag.

Auch am Dienstag, 18. September, war ich mit der Kamera unterwegs: Große Teile der Gegend rund um das World Trade Center waren noch abgesperrt, das Gebiet östlich, an der Wall Street, und der Bereich südlich davon waren wieder zugänglich.

Dann war endlich die Zeit gekommen, dass die Bank ein Ausweichquartier gefunden hatte. Wir zogen in ein paar Etagen in einem Gebäude auf der 6th Avenue (Avenue of the Americas). Und auch wenn ich mir dort mit 15 Kollegen einen kleinen Konferenzraum teilen musste - mein Arbeitsplatz war circa einen Meter breit - half es mir doch sehr, auch wieder zu einer Art "Normalität" meines Lebens zurückzukehren.

In diesem Ausweichquartier blieben wir rund zwei Monate, dann zog meine Abteilung als eine der ersten in das neu erworbene US-Hauptquartier der Deutschen Bank an der Wall Street. Der "Büro-Ausnahmezustand" war beendet.

Fazit

Ich hatte damals großes Glück, dass ich ohne körperliche und - wie ich glaube - auch langfristige seelische Schäden davongekommen bin. Nichtsdestotrotz prägt einen ein solches Erlebnis und meine Einstellung zu vielen Dingen hat sich sicherlich seitdem geändert. Ich kann auch vielleicht einige Reaktionen der USA besser verstehen als Menschen, die nicht direkt dabei waren, auch wenn ich schon damals nicht alles gutgeheißen habe und auch heute noch für falsch halte.

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insgesamt 3 Beiträge
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Seite 1
matthias wiese, 16.08.2011
1.
Wenn es uns nicht betrifft können wir weitergehen, wir wollen doch weiterarbeiten.
Kathrin Leist, 16.08.2011
2.
ich habe ein ähnliches Video gemacht damals vor 10 Jahren in Brooklyn... http://www.youtube.com/user/kyline21#p/u/8/17oXGo8EBQg
Kathrin Leist, 16.08.2011
3.
Ab 2.00 minuten sieht man das World Trade Center vorher und dann nachher...
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