9/11-Jahrestag Gedenken 2.0

Von der Trauerhymne zum Internet-Hit: Ein DJ, ein Radiosender und eine Studentin schufen zusammen das weltweit meistgesehene Internet-Video zum Terroranschlag vom 11. September 2001. Durch Zufall - und ganz ohne Absprache. Sebastian Bertram hat ihre Geschichte aufgezeichnet.

Marcel Winterhalder

Es hätte ein sonniger Tag werden können, dieser Dienstag vor sieben Jahren. Aber dann kamen die Flugzeuge. Und dann die Rauchwolken, und der Ascheregen. Und Kameramänner filmten, wie Menschen aus den oberen Stockwerken sprangen, weil sie lieber am Boden zerschellen als in ihrem Büro verbrennen wollten. Es war der 11. September 2001, 9.59 Uhr Ortszeit, als der Südturm des World Trade Centers einstürzte, und 10.28 Uhr, als der Nordturm folgte.

Viele Menschen fanden nach den Terroranschlägen des 11. September Trost in den Melodien von Popmusik. "Only time" von Enya wurde zur Hymne für die über 3000 Todesopfer, U2, Sting und Bruce Springsteen verarbeiteten in ihren Songs das Unfassbare. Aber auch weniger prominente Musiker profitierten von dem Verlangen der Menschen nach symbolträchtigen Liedern. Zwei von ihnen und ein Radiosender arbeiteten zusammen - zufällig und unabsichtlich, über sechs Jahre lang. Sie schufen das weltweit meistgesehene Internet-Video zum 11. September. Dies ist ihre Geschichte:

DJ Sammy, ein international wenig prominenter, kommerziell dafür aber recht erfolgreicher mallorquinischer Discjockey und Technoproduzent, veröffentlichte 2001 einen Remix des Bryan-Adams-Klassikers "Heaven" als Single. Die simple Botschaft des Songs schien nach den Anschlägen genau das auszudrücken, was die Menschen fühlten: "And love is all that I need, and I found it there in your heart. It isn't too hard to see: We're in heaven." Dutzende Radiostationen zwischen New York und San Francisco spielten den ruhigen, allein von dahinplätschernden Pianoklängen und hauchzartem weiblichen Gesang durchzogenen Song und verhalfen DJ Sammy zu ungeahntem Erfolg.

Mit einem 9/11-Video an die Spitze der YouTube-Charts

Angeregt von dem schmachtenden Gesäusel aus Übersee kam die kalifornische Radiostation KKXX-FM ein Jahr nach den Anschlägen auf die Idee, das Lied mit der kindlichen Stimme zu unterlegen. Es entstand der Monolog eines kleinen Mädchens, das ein Jahr nach den Anschlägen zu seinem Vater im Himmel spricht, der bei den Anschlägen ums Leben gekommen war. Es erzählt ihm, wie sehr es ihn vermisse. "Ich habe im Sommer schwimmen gelernt", sagt die niedliche Stimme in amerikanischem Englisch. Und schildert, wie es in den Kindergarten gekommen sei und dass es immer ein gemeinsames Foto von sich und ihrem Vater in der Lunchbox bei sich trage. Und dass es versuche nicht zu weinen. Allerspätestens bei dieser Stelle rangen Menschen rund um den Globus selber mit den Tränen.

Schließlich hörte auch die 29-jährige Französin Kéthia das Stück im Radio. Sie war es, die am Computer ein Video zusammenbastelte zu dem Song-Mix aus Bryan Adams "Heaven", DJ Sammys Interpretation und der Überarbeitung von Radio KKXX-FM: Kéthia kombinierte die Textpassagen des kleinen Mädchens, geschrieben in schwarzen Lettern auf weißem Grund, im Wechsel mit sich gegenseitig überblendenden Schwarzweißfotos der brennenden Zwillingstürme von New York. Unter dem Namen "angelove91" stellte Kéthia den fertigen Clip auf das Videoportal youtube. Das war im Mai vergangenen Jahres. Mittlerweile ist ihr Werk einer der erfolgreichsten Online-Beiträge zum Gedenken an den 11. September überhaupt. Und mit fast 11,5 Millionen Klicks (Stand: 11. September 2008) steht der "DJ Sammy - Heaven 9-11 (Remix)" von Kéthia an erster Stelle der meistgesehenen Youtube-Videos zum 11. September.

Und die Welt weinte mit

Zu den bereits weit mehr als 11.000 Kommentaren gesellen sich fast stündlich neue hinzu. Internet-Nutzer aus der ganzen Welt hinterlassen ihre Botschaften - sie drücken ihre Trauer und Wut aus; schildern, was sie persönlich mit dem 11. September verbinden; oder sie gratulieren ganz einfach zum Video. Unzählige der überwiegend jugendlichen Kommentatoren schreiben, dass sie beim Ansehen des Clips in Tränen ausgebrochen seien - nicht wenige in der Annahme, dass es sich bei dem kleinen Mädchen tatsächlich um eine Hinterbliebene der Terroranschläge handelt.

Zwar hat DJ Sammys Dance-CD "Heaven" weltweit beachtliche Erfolge verbuchen können - in Großbritannien belegte sie gar die Spitze der Single-Charts. Doch ohne den Einfall des kalifornischen Radiosenders KKXX-FM, die Kreativität von Studentin Kéthia und die Massenwirksamkeit von Youtube wäre der Song wohl längst in der Versenkung verschwunden - auf keiner Hitparade der Welt gelistet. Stattdessen aber verzeichnen auf Youtube selbst Nachahmer, die die "9/11"-Version mit eigenen Videosequenzen unterlegt haben, hunderttausendfache Klicks ihrer Spots. Gedenken 2.0 macht's möglich.



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