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Ende des Ersten Weltkriegs Matrosen der Revolution

90 Jahre Ende des Ersten Weltkriegs: Matrosen der Revolution Fotos
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Der Kaiser wollte sie in eine letzte, sinnlose Seeschlacht schicken - doch die Besatzungen der deutschen Flotte verweigerten den Befehl. Der Matrosenaufstand breitete sich in Deutschland aus wie ein Flächenbrand. Nur Tage später war Wilhelm II. gestürzt, Deutschland Republik und der Krieg zu Ende. Von

Der Todesschuss für die deutsche Monarchie fiel bei Einbruch der Dämmerung - aus der Gewehrmündung kaisertreuen Truppen. Als an jenem bleigrauen Novembersonntag in Kiel demonstrierende Arbeiter und Soldaten auf die Karlstraße einbogen, um zur Arrestanstalt zu ziehen, eröffnete eine Militärstreife das Feuer. Im Kugelhagel starben sieben Männer, 29 wurden schwer verletzt. Einige bewaffnete Demonstranten schossen zurück; auch der Leutnant, der seinen Soldaten Feuer frei befohlen hatte, wurde von Kugeln getroffen.

Dann ging plötzlich alles ganz schnell. Was als Meuterei kriegsmüder Matrosen begann, eskalierte nach dem blutigen Zwischenfall vom 3. November 1918 im Handumdrehen zum bewaffneten Aufstand - und schließlich zur Revolution, die den Hohenzollern-Kaiser in Berlin seinen Thron kostete. Der Funke, an der Küste gezündet, entfachte einen nationalen Flächenbrand, der sich binnen weniger Tage durch das ganze Land fraß. Nicht einmal eine Woche nach der Schießerei in Kiel dankte Kaiser Wilhelm II. ab.

Himmelfahrtskommando zur Ehrenrettung

Auslöser dieses weltpolitischen Erdbebens, das eine Ära in Deutschland beendete, war ein wahnwitziger Befehl gewesen: Eitle Admiräle hatten die vor Wilhelmshaven tatenlos auf Reede liegende deutsche Hochseeflotte in eine letzte aussichtslose Seeschlacht gegen die haushoch überlegenen Briten schicken wollen - obwohl bereits Vorverhandlungen zum Waffenstillstand im Gang waren. Die finale "Entscheidungsschlacht", von der die Admiralität träumte, war ein hoffnungsloses Himmelfahrtskommando, einzig dazu da, dem fragwürdigen Ehrenkodex des Offizierskorps genüge zu tun. Für abertausende deutsche Seeleute hätte der von Konteradmiral Adolf von Trotha zum "ehrenvollen Kampf" stilisierte Wahnsinn

den sicheren Tod bedeutet.

Nun aber verweigerten den Gehorsam, weil sie kein Kanonenfutter werden wollten. Die Stimmung in der Hochseeflotte war schon länger miserabel gewesen, bereits im Sommer 1917 hatte es Rebellionen gegeben, die brutal unterdrückt worden waren. Doch mit dem Durchsickern des geheimen Angriffsbefehls kippte die Situation. In der Nacht vom 29. auf den 30. Oktober 1918 weigerten sich die Heizer und Matrosen des I. und III. Geschwaders, die Anker zu lichten und die Kessel zu befeuern - die Offiziere mussten ihren Befehl zurückziehen.

Flottenchef Admiral Franz Ritter von Hipper gab seinen Schlachtplan auf und ließ mehr als 1000 Mann verhaften. Zudem befahl er, die Verbände auseinander zu ziehen, um so der explosiven Lage auf den Schiffen Herr zu werden. Das besonders renitente III. Geschwader schickte er nach Kiel - und importierte so den Aufstand in die Ostseestadt. Denn die Matrosen, die Hinrichtungen wie im Sommer 1917 befürchteten, setzten alles daran, ihre in Kieler Arrestanstalten eingelieferten Kameraden zu befreien.

"Unbarmherzig folgte Salve auf Salve"

Kaum in Kiel an Land, verbrüderten sich die Seeleute mit den Arbeitern und Marinesoldaten vor Ort. Tag für Tag schlossen sich mehr Mannschaften den Aufständischen an, immer lauter ertönten neben der Forderung nach Freilassung der Matrosen auch die Rufe nach Frieden und Brot - und nach dem Ende der Monarchie.

Am Nachmittag des 3. November spitzte sich die Situation zu. Mehrere tausend Menschen waren auf dem Großen Exerzierplatz zu einer Kundgebung zusammengekommen. "Es lebe die Internationale!" und "Weg mit dem Kaiser!" hallte es durch die Kieler Innenstadt. Ziel der Demonstranten war die Marinehaftanstalt in der Feldstraße, wo sie die inhaftierten Meuterer befreien wollten. Dann fielen Schüsse. "Einige Kameraden von uns suchten immer wieder vorzudringen", beschrieb der Werftarbeiter Karl Artelt, einer der Anführer des Kieler Matrosenaufstandes, die blutige Episode, "doch unbarmherzig folgte Salve auf Salve, so dass bereits 30 unserer Kameraden teils tot, teils schwer verletzt, am Boden lagen."

In Windeseile verbreitete sich die Nachricht von dem Blutvergießen unter den meuternden Soldaten. Die Folgen waren dramatisch - alle Kieler Marineverbände schlossen sich dem Aufstand an. Auf den kaiserlichen Kriegsschiffen im Hafen überwältigen revolutionäre Matrosen ihre Offiziere und rissen die Reichskriegsflaggen von den Masten, bei der Torpedodivision bildete sich am 5. November der erste Soldatenrat - die Meuterer griffen nach der Macht. Der Widerstand gegen Irrsinnsbefehle war umgeschlagen in eine Revolution.

"Über der deutschen Flotte weht heute die rote Fahne der Revolution!"

Bald lag die Macht in Kiel in den Händen der Aufständischen. "Über der deutschen Flotte weht heute die rote Fahne der Revolution!", jubelte die "Schleswig-Holsteinische Volkszeitung": "Der 5. November 1918 wird ein ewig denkwürdiger Tag der deutschen Geschichte sein. Endlich ist das Volk ganz befreit! Endlich hat das Volk ganz gesiegt!". In Kiel herrschte bereits nach wenigen Tagen wieder Ruhe: Die Berliner Regierung hatte den SPD-Reichstagsabgeordneten Gustav Noske an die Kieler Förde gesandt, um die Ordnung in der Stadt wieder herzustellen.

Dem charismatischen, hochgewachsenen Sozialdemokraten mit dem Schlapphut gelang es, die Wogen zu glätten, indem er sich an die Spitze der Bewegung setzte: Am 5. November ließ sich Noske, den die Aufständischen begeistert als einen der ihren begrüßten, vom Soldatenrat kurzerhand zu dessen Vorsitzenden wählen. "Die politische Macht ist in unserer Hand", erklärte der Rat am 7. November - tatsächlich rettete Noske von der alten Ordnung, was noch zu retten war, indem er die Forderungen der Meuterer nach Freilassung ihrer Kameraden und der Verbesserung ihrer Lebensbedingungen durchsetzte. Kaum waren sie erfüllt, kehrte wieder Ruhe in den Straßen ein; Noske gab die Leitung des Soldatenrats wieder ab und übernahm das Amt des Gouverneurs von Kiel.

Der Funke springt über

Der Unruheherd Kiel mochte sich durch Noskes diplomatisches Geschick befrieden lassen - die dort einmal entfachte Dynamik jedoch war nicht mehr aufzuhalten. Binnen Stunden sprang der Kieler Funke auf andere Marinestandorte über: Noch am 5. November revoltierten die Matrosen auch in Brunsbüttel, Cuxhaven, Lübeck und Hamburg. Am Tag darauf geriet der Aufstand endgültig zur überregionalen Revolution.

Einer Lawine gleich rollte die Bewegung von Norden los und griff von den Küstenstädten auf das Binnenland über. Überall rissen spontan gewählte Soldaten- und Arbeiterräte vor Ort die Macht an sich. Die alte Staatsgewalt wehrte sich, wenn überhaupt, nur noch sporadisch. Am 7. November erreichte die Revolution München und fegte mit Ludwig III. den letzten Wittelsbacher vom Thron. Als erstem deutschen Königreich wurde an diesem Tag in Bayern die Republik ausgerufen; innerhalb der folgenden zwei Wochen dankten sämtliche deutschen Fürstenhäuser ab. "Macht euren Dreck doch aleene", soll Sachsens letzter Herrscher, Friedrich August III, gesagt haben, als seine Untertanen ihm den Thron vor die Tür setzten.

In der Reichshauptstadt Berlin fielen die Würfel am 9. November. Angesichts von Massendemonstrationen und dem allgemeinen Zusammenbruch der militärischen Disziplin verkündete Reichskanzler Max von Baden an diesem Tag die Abdankung Wilhelms II. - ohne die Antwort des zaudernden Kaisers aus seinem Hauptquartier im belgischen Spa auf drängende Telegramme abzuwarten. Wenig später verkündete der Sozialdemokrat Philip Scheidemann vom Balkon des Reichstags das Ende des wilhelminischen Kaiserreichs ("Es lebe das Neue. Es lebe die deutsche Republik"), während im Berliner Tiergarten und dann noch einmal vom Balkon des Stadtschlosses der Kommunist Karl Liebknecht seinerseits die Republik ausrief ("Ich proklamiere die freie sozialistische Republik Deutschland, die alle Stämme umfassen soll!").

Wilhelm II. war da schon auf dem Weg ins niederländische Exil. Offiziell abgedankt hatte er noch nicht - im Grunde war es eine Art Fahnenflucht.

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insgesamt 4 Beiträge
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1.
Klaus Makiolczyk, 05.11.2008
Großartiger Stoff - D A S sollte mal verfilmt werden!
2.
Thomas Puchta, 06.11.2008
Auf dem Schild der Matrosen im vierten Bild steht nicht "Es lebe die Republik" wie es der Text neben dem Foto sagen will, sondern "Es lebe die sozialistische Republik". Ein nicht ganz unbedeutender Unterschied.
3.
K.H. Hildebrandt, 07.11.2008
Laut Aussage von Lothar Popp handelt es sich bei Foto Nr.1 nicht um einen demonstrationszug, sondern um den Zug zur Beisetzung der getöteten Revolutionäre. Nachzulesen unter: http://www.kurkuhl.de/matrosenaufst/eingang_matrosenaufst.html Weitere historische Fotos aus Kiel auch unter: http://www.kieler-rundschau.de/
4.
Gunnar Mahr, 26.04.2011
Sebastian Haffner teilte diese Darstellung, dass es sich um "sozialistische Revolutionäre" gehandelt habe, nicht. Seit dem 29. September versuchte die Regierung von Max von Baden auf Ersuchen von Ludendorff bei Präsident Wilson die Vermittlung eines Waffenstillstands. Der Flottenbefehl vom 24. Oktober zu einer Entscheidungsschlacht vom Kaiser wurde gegenüber der parlamentarischen Regierung geheim gehalten und widersprach deren Zielen. In so fern waren die aufständischen Matrosen in erster Linie regierungstreu.
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