90 Jahre "Nosferatu" Schreckgespenst mit Hasenzähnen

Ach, du lieber Schreck! 1922 startete "Nosferatu" in den Kinos und verstörte die Zuschauer zutiefst - so sehr, dass einige den Hauptdarsteller Max Schreck für einen echten Vampir hielten. Ein Erfolg wurde das Meisterwerk trotzdem nicht. Der Produzent hatte einen grausamen Fehler begangen.

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Langsam schleicht der Schatten an der schockstarren Frau empor. Über ihren Bauch, ihre Brust, bis hinauf zu ihrer Kehle. Es sind die finsteren Umrisse langer, dürrer Finger. Sie wendet sich ab, verbirgt ihr Gesicht - entrinnen kann sie ihrem Schicksal nicht. Denn die Hände gehören einem übermächtigen Vampir, den nach ihrem Blut verlangt. Es ist Graf Orlok aus Transsilvanien, der berühmteste Blutsauger der Stummfilmgeschichte.

Als der Film 1922 in die deutschen Kinos kam, schrieb die "Schweizer Illustrierte Kino Woche", manche Zuschauer hätten erst wieder bemerkt, dass sie im Kinosaal sitzen, als das Licht wieder angeschaltet wurde. So sehr waren sie von dem grausigen Treiben des Stummfilms "Nosferatu - Eine Symphonie des Grauens" gefesselt.

Die Geschichte des Blutsaugers mit den spitzen Zähnen und den langen Klauen, der 1838 die fiktive deutsche Stadt Wisborg heimsucht, war ein Meilenstein der Kinokunst. Nicht der Horror menschlichen Elends, nicht Krieg, Hunger oder Armut waren es, die die Zuschauer erschaudern ließen, sondern ein übermenschliches Wesen, das Tod und Verderben brachte und unschuldigen Bürgern an die Kehle sprang. Der Vampir Graf Orlok wurde zum Symbol eines unbeschreiblichen Grauens - und traf auf ein Volk, das sich noch gut an Jahre des Schreckens erinnern konnte.

Die Premiere des Films fiel in eine Zeit, als Deutschland das Grauen des Ersten Weltkriegs noch immer vor Augen hatte. Millionen Soldaten waren gefallen, in den Straßen bettelten verkrüppelte Invaliden um Geld. Direkt nach dem Krieg hatte die Spanische Grippe Millionen Menschen in Europa dahingerafft, der Winter des Jahres 1919 ging als Hungerwinter in die Geschichte ein. Albin Grau, Produzent des Films, sagte einmal, Nosferatu sei für ihn ein Hilfsmittel gewesen, um "zu begreifen, was hinter diesem ungeheuren Geschehnis" des Ersten Weltkriegs lag, "das daherbrauste wie ein kosmischer Vampir".

Vampirgeschichte aus dem Ersten Weltkrieg

Die Geschichte war dem Werbegrafiker Anfang der zwanziger Jahre in die Hände gefallen und hatte ihn sofort fasziniert. Es war "Dracula", der Roman des Iren Bram Stoker, der Grau in seinen Bann zog. Auch deshalb, weil ihm die im Buch beschriebenen Absonderlichkeiten keineswegs fremd gewesen seien: Im Kriegseinsatz habe ihm ein alter serbischer Bauer die Geschichte seines Vaters erzählt, der ohne Sakramente bestattet worden sei und als Untoter seinen Heimatort aufgesucht habe, berichtete Grau später. Laut den damals eilig hervorgekramten Exhumierungspapieren habe man Monate nach dem Tod des Mannes im Sarg einen Körper vorgefunden, der aussah, als wäre er gerade erst verstorben. Über die Lippen des Toten indessen hätte ein Paar spitze Zähne geragt. Daraufhin habe man einen Holzpflock ergriffen und der Leiche durch den Brustkorb ins Herz getrieben. Erst da sei der Untote nicht mehr gesichtet worden.

Grau zögerte nicht lange und gründete eigens für die Produktion von "Nosferatu" die Prana-Film. Für die Regie verpflichtete er den aufstrebenden Filmemacher Friedrich Wilhelm Murnau. Seine Arbeit für "Nosferatu" gilt bis heute als wegweisend.

Während die meisten Filme jener Zeit am Set gedreht wurden, reiste das "Nosferatu"-Team bis in die Karpaten, um an Originalschauplätzen zu drehen. Dass Filmteams ihre Kamera inmitten der Natur aufbauten und "on Location" drehten, war neu. Die mittelalterliche Arwaburg in der Slowakei wurde zum Heimatschloss des dunklen Grafen, Wismars Marienkirche zum Wahrzeichen des fiktiven Wisborg und Lübecks alte Salzspeicher zur neuen Herberge des Vampirs.

Um eine unheimliche Atmosphäre zu erzeugen, experimentierten Regisseur und Kameramann mit Licht und Schatten. Während der Hintergrund im Ungefähren verblasst, konzentrierte der Beleuchter das Licht auf die Gesichter der Schauspieler. Noch tiefer schienen die Augen des Vampirs im mächtigen Schädel zu versinken, noch düsterer wirkte so sein Blick. Höhepunkt ist schließlich jene weltberühmte Szene, in der der Blutsauger in das Haus der Hutters eindringt: Nur sein Schatten ist zu sehen, wie er die Treppe zum Schlafgemach der wehrlosen Ellen hinaufschleicht; die grässlichen langen Spinnenfinger mit ihren überlangen Krallennägeln scheinen schon nach dem Opfer greifen zu wollen. Die Zeitschrift "Der Film" lobte nach der Premiere 1922 den "hervorragend feinen malerischen Sinn", die "Schweizer Cinema" bezeichnete Murnaus Vampirgeschichte als Meisterwerk.

Hauptdarsteller aus "einer versponnenen Welt"

Das vielleicht unheimlichste an "Nosferatu" war trotz aller Effekte sein Hauptdarsteller, der Theaterschauspieler Max Schreck. Der hieß tatsächlich so. Viele Menschen hatten gemutmaßt, der Name des Vampirdarstellers müsse ein auf die Rolle gemünzter Künstlername sein. Es sollte nicht die einzige Legende sein, die sich um den Schauspieler rankte. Noch rund 30 Jahre nach der Premiere von "Nosferatu" schrieb der griechische Filmemacher Adonis Kyrou in seinem Standardwerk über den Surrealismus im Film: "Wer verbirgt sich hinter der Nosferatu-Figur? Vielleicht ein wahrhaftiger Vampir?"

Ein absurder Gedanke - aber Kyrou war nicht der einzige, dem Schreck nicht ganz menschlich schien. Bei den Dreharbeiten zu "Nosferatu" in der Slowakei betrachteten viele die "geisterbleiche Gestalt" des damals 42-Jährigen laut der Zeitschrift "Film-Tribüne" "mit entsetzten Blicken" und mieden ihn "wie den Teufel". Schminke, krallenartige Fingernägel, verlängerte Ohren, zwei spitze lange Vorderzähne und ein dunkles Kostüm taten auf der Leinwand ihr Übriges.

Ein Sonderling muss er gewesen sein - und Weggefährten befeuerten die unheimlichen Gerüchte, Schreck und der Vampir Orlok würden sich gleichen. So sagte der Chronist der Münchner Kammerspiele Wolfgang Petzet einmal, "seine blauen, wie bei scharfsichtigen Vögeln tiefliegenden und überbuschten Augen waren oft leicht verhangen. So ging er vor sich hin, seinen abseitigen Weg; immer war es, als ob Anderes in ihm schlummernd gegenwärtig sei". Und Otto Falkenberg, Direktor der Münchner Kammerspiele, sagte bei der Beerdigung: "Du lebtest in einer abseitigen und versponnenen Welt."

Trotz dieses ersten Stars des Horrorfilms hielten bei weitem nicht alle "Nosferatu" für ein Meisterwerk. Das Thema sei "den Verleihern so abstoßend erschienen, dass sie es ablehnten, den Film für den Vertrieb zu erwerben", schrieb die Schweizer Zeitschrift "Cinema" bedauernd. Ein Filmkritiker spottete: Vampirgraf Orlok schleppe seinen Sarg herum wie jemand, der kurz vor dem Schließen der Postämter "noch ein Weihnachtspaket aufgeben will und nicht recht weiß, wo er’s probieren soll".

Dies war allerdings nicht der Grund, warum der Film sich für seinen Produzenten Albin Grau zum Desaster entwickeln sollte. In seiner Begeisterung für den Stoff hatte Grau eine Winzigkeit vergessen - oder vielmehr beflissentlich übersehen: Die Filmrechte. Er hatte keine. Und so verklagte ihn Stokers Witwe schließlich erfolgreich und erreichte die Vernichtung sämtlicher "Nosferatu"-Kopien in Deutschland. Für Graus Produktionsfirma war das der blanke Horror. "Nosferatu" sollte das einzige Werk von Prana-Film bleiben. Dass der Gruselklassiker heute noch erhalten ist, verdanken Kinofans einzig den ausländischen Kopien in Frankreich und den USA. Den internationalen Vertrieb konnte die deutsche Justiz nicht verbieten.

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insgesamt 3 Beiträge
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karl mangeder, 06.03.2012
1.
Tja, was für die einen Vernichtung von Kulturgut ist, nennen die anderen einfach "Urheberrecht" ;-)
Christian Komsthöft, 06.03.2012
2.
Da schaut man mal: Wenn es damals ACTA schon gegeben hätte, wären auch noch die letzten Kopien von 'Nosferatu' verbrannt worden... Heil ACTA!!!!!
Carsten-Stephan Graf v. Bothmer, 06.03.2012
3.
"Nosfeartu" live auf Tournee: http://www.stummfilmkonzerte.de/glossar/stummfilme/nosferatu.html
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