Dschungelkönig "Tarzan" Urschrei im Urwald

Dschungelkönig "Tarzan": Urschrei im Urwald Fotos
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Muskulös, furchtlos, beschränkt: 1918 eroberte mit dem ersten "Tarzan"-Film ein einfältiges, aber erfolgreiches Männerbild die Kinos. Jede Szene in dem feuchtwarmen Urwald-Ambiente atmete unterschwellige Erotik. Davon profitieren die Erben des Dschungelkönigs noch heute. Von Peter Luley

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"Aaaaihaihaihaaa!" Es ist der markerschütternde, sich mehrfach überschlagende, brünftige Urschrei, der einem sofort einfällt, wenn von "Tarzan" die Rede ist. Dazu entsteht im Geiste das Bild des nur mit Lendenschurz und Messer bewehrten Ex-Schwimmstars Johnny Weissmüller, wie er mit dem Schimpansen Cheetah an Lianen schwingt oder mit seiner Gefährtin Jane das Baumhaus(bett) teilt.

Zwölf Mal verkörperte der fünffache Schwimm-Olympiasieger Weissmüller (1904-84) - der erste Mensch, der die 100 Meter unter einer Minute schwamm -, die Figur in Filmen zwischen 1932 und 1946. Damit avancierte der Sohn rumäniendeutscher US-Einwanderer auch in dieser Disziplin zum Rekordhalter - und prägte das Bild des edlen Wilden wie kein Darsteller nach ihm.

Der letzte Schrei - auch ohne Jodel-Künstler

Der Ruhm, der erste Leinwand-"Tarzan" gewesen zu sein, gebührt ihm freilich nicht: Bereits am 27. Januar 1918 wurde der vom amerikanischen Autor Edgar Rice Burroughs erdachte Kavalier der Baumkronen, der 1912 als "Tarzan of the Apes" in einem Pulp Magazine das Licht der Welt erblickt hatte, zum ersten Mal als Kinoheld in Szene gesetzt.

In dem Stummfilm von Scott Sidney mimte ihn Elmo Lincoln. Gewandet in ein Löwenfell, spielte der ehemalige Komparse den Sohn des in Afrika umgekommenen englischen Aristokratenpaars Greystoke, der von Affen großgezogen, ein Teil der Lebensgemeinschaft der Tiere wird. Obwohl die Zuschauer den später vom passionierten Jodel-Künstler Weissmüller so charakteristisch modulierten Urschrei damals höchstens imaginieren konnten, durchbrach die Produktion als eine der ersten die magische Grenze von über einer Million Dollar Einspiel-Ergebnis.

Auf Lincoln und Weissmüller folgte dann in unzähligen mehr oder weniger originalgetreuen Filmversionen eine imposante Reihe durchtrainierter Darsteller: Von 1949 bis 1953 etwa zog sich der spätere Old Shatterhand Lex Barker fünfmal den Lendenschurz an; von 1955 bis 1960 übernahm der ehemalige Bademeister Gordon Scott den Part. Und "Highlander" Christopher Lambert lieferte 1984 eine exzellent fotografierte aktualisierte Fassung, in der der Dschungelmann Greystoke in die Heimat seiner Vorfahren zurückkehrt, dort aber nicht glücklich wird.

Wir "Tarzans", ihr "Janes"

Entsprechend umfangreich gestaltet sich die Liste der "Janes" - und ebenso zwangsläufig führt sie zur Dauerpartnerin Weissmüllers, der irischen Schauspielerin Maureen O'Sullivan. Während spätere Urwald-Heroinen wie Bo Derek (1981) und Jane March (1998) eher kurzlebige Interpretationen der "Tarzan"-Gefährtin lieferten, besaß O'Sullivan die erforderliche keusch-naive Ausstrahlung, um der kapriziösen Abenteurertochter, die zunächst von "Tarzan" entführt wird, um dann freiwillig bei ihm zu bleiben, überzeugend Gestalt zu verleihen.

Wer sich das Duo Weissmüller/O'Sullivan in den sechs ersten gemeinsamen Schwarzweiß-Abenteuern heute noch einmal anschaut, wird in eine bizarr schillernde, nur ironisch zu rezipierende und gleichwohl charmant-anrührende Hollywood-Welt gesogen: Während weiß gekleidete, dekadente englische Safari-Touristen, Tierfänger, Elfenbeinjäger und andere Schurken ihr ausbeuterisches Unwesen treiben und mit Kolonialherren-Attitüde die Eingeborenen unterjochen, dirigiert "Tarzan" mit Fantasielauten ("Aguna, aguna!") die Tiere des Dschungels. Der wurde im Übrigen zur Schonung des Budgets südlich von Los Angeles nachgebaut. Bei Bedarf ringt der Herr des Dschungels Löwen und Krokodile mit bloßen Händen nieder und betätigt sich als im Grunde pazifistischer Wild- und Naturhüter, wie ihn Greenpeace nicht schöner hätte erfinden können.

Wipfel-Loft mit Elefanten-Fahrstuhl

Zwischendurch lässt er sich von "Jane" ein paar Brocken Menschensprache beibringen ("Tarzan, Jane, verwöhnen, gefallen.") - derweil sich seine Lehrerin ("Liebling, das war ein langer Satz") in ihrem Urwald-Elysium häuslich einrichtet und den Rundum-Service ihres sanftmütig-starken Beschützers genießt. Bereits in Folge zwei empfängt sie Besucher aus Europa in einer Art Wipfel-Loft mit Elefanten-betriebenem Fahrstuhl und Wasserpumpe.

Zwar atmet jede Einstellung in dem feuchtwarmen, keimenden, kreischenden Urwald-Ambiente unterschwellige Erotik - doch der Zeit entsprechend bleibt die Zweisamkeit meist züchtig, auf dem Niveau herumtollender Teenager. Wobei in Sachen Freizügigkeit ohnehin eindeutig die männliche Galionsfigur vorn liegt. Für Erregung der Sittenwächter sorgte lediglich "Tarzans Vergeltung" von 1934 mit ein paar untypisch expliziten Szenen. Zur Entschärfung der Situation bescherte man dem Dschungelpaar in "Tarzan und sein Sohn" (1939) ein Findelkind und somit sittenverträglichen Kleinfamilienstatus.

In einer Liga mit "Zorro" und "Superman"

Undenkbar, all die Erscheinungsformen und kuriosen Auswüchse dieses Trivialmythos aufzuzählen, der diesbezüglich in einer Liga mit "Superman" und "Zorro" spielt. Wie bei Letzteren gehören Comic-Hefte und Zeichentrickfilme genauso dazu wie Persiflagen und Werbespots. Von den Nazis 1934 wegen "Verstoßes gegen die rassische Verantwortung bei der Gattenwahl" geächtet, durfte der Lianenschwinger 1943 in dem Film "Tarzan's Desert Mystery" sogar Rache nehmen und Hitler-Schergen zur Strecke bringen. Nicht zuletzt deshalb entwickelte sich auch in Israel ein beachtlicher Kult um den Dschungelkönig - genauso wie freilich in Syrien und im Libanon arabisch gefärbte "Tarzan"-Versionen entstanden, in denen er als schiere Personifizierung von Machtfantasien gegen Juden kämpft.

Kein Zweifel kann jedenfalls daran bestehen, dass die Legende sich bis heute größter Lebendigkeit erfreut: Irgendwie versucht schließlich sogar die unsägliche RTL-Dschungelshow "Ich bin ein Star - Holt mich hier raus!" von den Ur-Reizen des Urwalds zu profitieren. Ab 29. Februar sucht überdies Sat.1 per Castingshow mit dem unsäglichen Titel "Ich Tarzan, du Jane!" die Hauptdarsteller für das Disney-Musical "Tarzan", das im kommenden Herbst Deutschland-Premiere feiern soll. "Aaaaihaihaihaaa!"

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1.
Markus Harmann 21.01.2008
Der Botanical Garden in Entebbe/Uganda (unmittelbar am Lake Victoria gelegen) wirbt damit, dass Tarzan-Filme mit J. Weissmüller oder zumindest Teile davon dort gedreht wurden. Kann das jemand bestätigen? Oder ist das schlicht ein - aufgrund der Örtlichkeit ziemlich glaubwürdiges - Märchen?
2.
Christoph Bathelt 16.02.2008
Johnny Weissmüller als Sohn "rumäniendeutscher" Eltern zu bezeichnen ist sehr irreführend. Abgesehen von seinem Namen, der seine Herkunft zeigt, war sein Geburtsort jahrhundertelang Teil des Königreich Ungarns und als seine Eltern auswandertern, waren sie Staatsbürger der österreichisch-ungarischen Monarchie.
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