90 Jahre Volksbund Bürgerinitiative für die Toten

90 Jahre Volksbund: Bürgerinitiative für die Toten Fotos
Christoph Blase/Volksbund Archiv

Heldenpathos oder Mahnung? Seit dem Ende des Ersten Weltkriegs kümmert sich der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge um die Gräber deutscher Kriegstoter im Ausland. Schon kurz nach der Gründung hatte der Verein enormen Zulauf. Von

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Spätsommer 1961: Zusammen mit anderen Jugendlichen besucht die 16-jährige Heidrun Könnecke die Kriegsgräberstätte im belgischen Lommel. Für die junge Hamburgerin und ihre Begleiter ist es nur ein Abstecher. Ihre Ferien verbringen die Jugendlichen in einem Workcamp des Volksbundes in Luxemburg. Schweigend gehen sie an diesem schönen Sommertag durch die langen Reihen der Gräber - fast 40.000 gefallene deutsche Soldaten ruhen hier. Plötzlich wird einer der Jungen leichenblass. Tränen schießen ihm in die Augen, seine Gefährten müssen ihn stützen - auf einem der 20.000 Grabkreuze hat er den Namen seines Vaters entdeckt. Seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges gilt der als vermisst. Für den Jungen ist es hier in Lommel die erste, unverhoffte Begegnung mit ihm. Denn lebend hat er ihn nie getroffen.

Begebenheiten wie diese gibt es viele in der Geschichte des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge. Es ist eine Geschichte, die vor 90 Jahren in Berlin begonnen hat.

Ein Jahr nach dem Ende des Ersten Weltkrieges ist die deutsche Reichsregierung weder politisch noch wirtschaftlich in der Lage, sich um die rund zwei Millionen gefallenen deutschen Soldaten des Krieges zu kümmern. Der allergrößte Teil der Gräber befindet sich im Ausland, vor allem in Frankreich und Belgien, im neuen Polen oder in Russland, in den Alpen und selbst im fernen Palästina. Laut Versailler Vertrag sollen die alliierten und assoziierten Regierungen sowie die deutsche Regierung dafür Sorge tragen, "daß die Grabstätten der auf ihren Gebieten beerdigten Heeres- und Marineangehörigen mit Achtung behandelt und instandgehalten werden."

Doch der Staat ist schwach und ihm das Geld dafür, deshalb legen am 10. September 1919 acht Männer in Berlin den Grundstein für eine Organisation, die sich nicht nur der Pflege der Kriegergräber, sondern auch der Versöhnung der Völker verpflichtet fühlt. Es ist eine der ersten großen Bürgerinitiativen Deutschlands. Zu den Gründern gehören der Architekt Heinrich Straumer, späterer Erbauer des Berliner Funkturms, sowie Siegfried Emmo Eulen, der während des Krieges in Polen und in der Türkei die Errichtung und Betreuung von Soldatenfriedhöfen organisiert hatte.

Volkstrauer und Heldenverehrung

Der Verein soll zunächst die deutschen Kriegsgräber im Ausland pflegen und erhalten und bei der Identifikation unbekannter Gefallener helfen. Angehörigen soll die notwendige Hilfe zuteil werden. Der am 16. Dezember 1919 gegründete Bund erhält Unterstützung von Prominenten aus allen gesellschaftlichen Bereichen. Schon 1921 hat der Volksbund 300 Ortsgruppen mit mehr als 30.000 Mitgliedern. Doch der Wunsch der Gründer nach einer internationalen Organisation bleibt unerfüllt.

Das Bedürfnis, die Kriegsgräber im Ausland zu besuchen oder wenigstens etwas über ihren Zustand zu erfahren, ist groß. Viele Menschen haben Angehörige im Krieg verloren. Der Volksbund kann ihnen helfen. Da das Gedenken an die Toten einen wichtigen Stellenwert einnimmt, schlägt der Volksbund einen Volkstrauertag vor. 1924 wird er - trotz fehlender gesetzlicher Grundlage - zum ersten Mal in Deutschland begangen.

Frankreich bemüht sich in den zwanziger Jahren um die Erhaltung und den Ausbau der vielfach angelegten großen Sammelfriedhöfe mit bis zu 40.000 Gräbern. Auch in anderen Ländern registriert der Volksbund erste Erfolge. Zu seinem zehnjährigen Bestehen hat er bereits 133.033 Mitglieder. Seine Arbeit finanziert er durch Haus- und Straßensammlungen aus privaten Mitteln.

Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten steht der Verein kurz vor seiner Auflösung. Der nationalsozialistische Heldengedenktag tritt 1934 an die Stelle des Volkstrauertags, ausgerichtet von der NSDAP und der Wehrmacht. In Vorbereitung eines neuen Krieges stehen Glorifizierung und Heldenverehrung im Mittelpunkt der Gedenkveranstaltungen.

Wenn Gräber verschwinden

Mit Beginn des Zweiten Weltkrieges engagieren sich Mitarbeiter des Volksbundes beim Aufbau des Wehrmachtgräberdienstes. Eigene Projekte realisieren sie kaum. Wenn doch, dann im Sinne nationalsozialistischer Propaganda. Burgartige Kriegsgräberanlagen wie etwa Bitola in Jugoslawien oder Pordoi in Oberitalien sollen vor allem von den kriegerischen Ruhmestaten der Toten künden. Die Zahl der Volksbundmitglieder steigt im Krieg rapide an. 1940 sollen es 537.000, Ende 1943 nahezu 994.000, 1944 fast zwei Millionen sein. Eindeutige Belege gibt es dafür heute allerdings nicht.

Mit den Gräbern des neuen Weltkrieges hat der Volksbund nichts mehr zu tun. Für sie ist die Wehrmacht zuständig. Viele Gräber werden beim Rückzug der deutschen Truppen eingeebnet, um keine Rückschlüsse auf die Zahl der Gefallenen oder ihre Einheit zu ermöglichen. Gegen Kriegsende werden Gräber zum Teil gar nicht mehr dokumentiert. Andere sind geplündert, verwüstet. Für den Volksbund wird es schwierig, sie wiederzufinden.

Doch unmöglich ist es nicht. Ehemalige und neue Mitglieder des Volksbundes finden sich zusammen, um die Arbeit wieder aufzunehmen. Die Aufgabe scheint unermesslich groß, viel schwieriger als noch 1919. Aber auch jetzt gibt es, wie schon nach dem Ersten Weltkrieg, Unterstützung aus der Bevölkerung. Bis 1950 kann der Volksbund seine Arbeit in allen drei westlichen Besatzungszonen wieder aufnehmen. Sammeldenkmäler und auffallende Einzeldenkmäler dürfen allerdings nicht errichtet werden. In der Sowjetischen Besatzungszone und später in der DDR dagegen darf der Volksbund nicht tätig werden. Daran ändert sich auch bis 1990 nichts.

Gräberstätten in 45 Staaten

Mit dem Kriegsgräbergesetz der Bundesrepublik wird die Kriegsgräberfürsorge im Inland ab 1952 Aufgabe der Bundesländer. Kanzler Konrad Adenauer beauftragt den Volksbund, sich um die Gräber im Ausland zu kümmern. In dieser Zeit beginnt die bis heute erfolgreiche Jugendarbeit des Volksbundes. Junge Menschen fahren ins Ausland und suchen und pflegen dort nicht nur deutsche Kriegsgräber, sondern auch den Kontakt zur einheimischen Bevölkerung.

"Versöhnung über den Gräbern - Arbeit für den Frieden", so lautet jetzt das Leitmotiv des Volksbundes, auch der Volkstrauertag wird wieder begangen. Vereinzelt flammt Heldenpathos und Revanchismus auf, doch dem Wesen nach soll es ein Tag der Mahnung und der Erinnerung an das unfassbare Leid sein, das Kriege und Gewaltherrschaft über die Menschen bringen. Ausdrücklich bezieht das Gedenken die Opfer aller Völker mit ein.

Bis heute widmet sich der Volksbund den Gräber der deutschen Kriegstoten im Ausland - seit dem Fall der Sowjetunion auch im ehemaligen Ostblock. Mehr als 500.000 deutsche Kriegstote wurden nach 1989 in Mittel-, Ost- und Südosteuropa umgebettet. Jedes Jahr kommen zwischen 30.000 und 40.000 dazu. Seine Arbeit finanziert er zu 85 Prozent aus Mitgliedsbeiträgen und Spenden, den Rest decken öffentliche Mittel des Bundes und der Länder.

Mit mehr als 10.000 ehrenamtlichen Helfern kümmert sich der Volksbund heute um 827 Kriegsgräberstätten in 45 Staaten in Europa und Nordafrika.

Christoph Blase arbeitet als Autor für den Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e.V.

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Hans-Dieter Heine 24.01.2010
Die Geschichte des Volksbundes ist "nicht frei von Brüchen". Das selbstkritische Vorwort des Präsidenten des Volksbundes, Reinhard Führer, im Jubiläumsband "Dienst am Menschen - Dienst am Frieden" (90 Jahre Volksbund) enthält folgenden Textabschnitt zur Geschichte des Verbandes im Zweiten Weltkrieg, der die Aufmerksamkeit des Lesers verdient: "Die frühe Selbstunterwerfung der Volksbundführung unter die Maximen des nationalsozilistischen Regimes rettete möglicherweise die Eigenständigkeit des Verbandes. Der Preis allerdings war - aus heutiger Sicht - viel zu hoch. Denn die Organisation wurde zu einem willigen Erfüllungsgehilfen der unseligen Diktatur, die unser Land und viele Millionen Menschen weltweit in Tod und Verderben führte. Zum unrühmlichen Teil der Verbandsgeschichte gehört zum Beispiel die Verwandlung der Mitgliederzeitschrift in ein Organ zur Verherrlichung nationalsozialistischer Anschauungen und zur Festigung des Durchhaltewillens der Bevölkerung im Krieg. Nach dem Zweiten Weltkrieg galt es nicht nur, die Abgründe der deutschen und auch der eigenen Geschichte zu überwinden - und hier ist noch vieles wissenschaftlich aufzuarbeiten".
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