Erfindung des Wasserskis Highspeed auf Holzmonstern

Belächelt, verspottet, bejubelt: 1922 gelang es dem Amerikaner Ralph Samuelson, auf zwei klobigen Planken über den Lake Pepin zu brausen. Seine Erfindung eroberte die Welt, doch ein Unfall warf ihn aus der Bahn. Erst Jahrzehnte später wurde der Pionier wiederentdeckt - durch eine Zeitungskolumne.

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Verdattert starrte die junge Frau auf die zwei klobigen Ungetüme. Sie hingen direkt über ihr, an der Südseite des Badehauses von Lake City, Minnesota. Weiß gestrichen, verwittert, aus massivem Kiefernholz. "Die ersten Wasserskier der Welt", verhieß das handgeschriebene, über den wuchtigen Planken angebrachte Plakat.

Margaret Crimmins, Lokalreporterin der "St. Paul Pioneer Press", die in jenem heißen Juli 1963 in Lake City Urlaub machte, vergaß vor lauter Begeisterung, an ihrem Eis zu lecken. Wem die Skier denn gehörten, fragte sie den örtlichen Hafenmeister. "Die gehören einem gewissen Herrn Samuelson", antwortete der. Margaret Crimmins trat näher und schaute sich die verblichenen Schwarz-Weiß-Fotos an, die unter den Holzlatten an der Wand hingen.

Eines davon zeigte einen Teenager im schwarzen Badeanzug, der mit ausgestrecktem Arm über dem Wasser hockt. In der linken Hand hält er einen Ring, an dem ein Seil befestigt ist, seine Füße stecken in Lederschlaufen. Er steht auf genau jenen weiß gestrichenen Kiefernbrettern und saust damit über den Lake Pepin.

Der Mann, der mit einer Mischung aus Stolz und Schüchternheit in die Kamera lächelt, war der vom Hafenmeister erwähnte Ralph Wilford Samuelson. Vor genau 90 Jahren entdeckte er, wie man auf Skiern übers Wasser brausen kann - nachdem er sich wochenlang zum Gespött des gesamten Dorfes gemacht hatte.

"Jeder dachte, ich bin verrückt geworden"

"Wenn ich auf Skiern über den Schnee gleiten kann, muss das auch auf dem Wasser möglich sein": An dieser Überzeugung hielt der blauäugige Halbschwede von Kindesbeinen an fest. Zumal die Libellen, die er auf dem See beobachtete, doch auch ähnliches vollführten. Im Winter fegte der passionierte Skifahrer am Ufer des Mississippi entlang, ab Ende April 1922, sobald das Eis auf dem Lake Pepin weggetaut war, begann er zu experimentieren.

Zunächst stellte sich Samuelson auf zwei gewölbte Fassbretter. Der 17-Jährige befestigte eine Kordel an dem 24-PS-Boot seines großen Bruders Ben, stellte sich auf die alten Dauben und sank. Samuelson wiederholte den Versuch mit Schneeskiern - und sank abermals.

Vom Ufer aus schaute feixend die Dorfjugend des 2500-Seelen-Nestes zu. "Jeder dachte, ich bin verrückt geworden", so Samuelson im Rückblick. Doch der Sohn eines Lebensmittelhändlers gab nicht auf. Für je einen Dollar kaufte er sich im örtlichen Holzlager zwei enorme Kiefernplanken: 240 Zentimeter lang, 23 Zentimeter breit und einen guten Zentimeter dick.

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Wasser statt Schnee: Wie eine Libelle

Er steckte die Bretter mit der Spitze voran in den Waschzuber seiner Mutter und erhitzte die Enden drei Stunden lang, bis sie weich waren. Dann klemmte er sie in einen Schraubstock und bog sie nach oben. Als Bindung nagelte Samuelson je ein Stück Leder über die Bretter. Am 28. Juni, einem Donnerstag, war es soweit: Bruder Ben trat das Gaspedal seines Bootes durch - diesmal hielt sich Ralph zumindest ein paar Meter auf den Brettern, bevor er erneut kenterte.

Mit Schweineschmalz gefettete Rampe

Vier Tage später, an einem glasklaren Sonntag, gelang das Experiment: Samuelson hatte verstanden, dass er sich weit zurücklehnen und die Skispitzen nach oben halten musste, um nicht zu sinken. Ab 16.11 Uhr flitzte er mehrere Minuten lang über das Wasser. Die Spötter von einst waren begeistert. "Wie hast du das hingekriegt?", wollten sie wissen. Und: "Schaffst du das noch einmal?" Samuelson schaffte es - und geriet über Nacht zur lokalen Berühmtheit. Fotos des Wasserski-Pioniers erschienen in den Zeitungen, bald übernahm die Gemeindeverwaltung die Benzinkosten für das Boot.

Ein kleiner Musikpavillon wurde am Ufer errichtet, manchmal begleiteten Bands die sportlichen Darbietungen Samuelsons. Um seine Angebetete Helen zu beeindrucken, ließ er sich 1925 über eine mit Schweineschmalz gefettete Holzrampe ziehen - und flog meterweit durch die Luft. Im gleichen Sommer hängte sich Samuelson mit seinem Seil an ein Curtiss Flugboot aus der Zeit des Ersten Weltkriegs und bretterte mit knapp 130 Stundenkilometern über den Lake Pepin.

Tausende von Menschen strömten an den See, um die riskanten Shows des 1,80 Meter großen Draufgängers zu bewundern. Samuelson schien eine glänzende Karriere vor sich zu haben - da katapultierte ihn ein Unfall in die Bedeutungslosigkeit: Beim Bau eines Bootsverleihs verletzte sich Samuelson 1927, mit gerade einmal 23 Jahren, schwer am Rücken. Bald konnte sich kaum noch einer an den jungen Helden von Lake City erinnern.

Gehörnter Truthahnfarmer

Ralph Samuelson sollte nie mehr einen Fuß auf Wasserskier setzen. Verbittert stopfte er seine Bretter ins elterliche Bootshaus, zog sich zurück und startete in der Provinz von Südminnesota ein neues Leben als Truthahnfarmer. Hier fristete er, von der ersten Ehefrau betrogen, von Rückenschmerzen geplagt, ein eher tristes Dasein. Bis ihm der örtliche Apotheker im Sommer 1963 nach dem Kirchgang aufgeregt die Sonntagszeitung in die Hand drückte.

"Wo sind Sie, Mr. Samuelson?", fragte Margaret Crimmins in ihrem Artikel. "Ich würde Sie gern treffen, denn ich habe Ihre Wasserskier ausprobiert. Ich möchte wissen, wie es war, als Sie das erste Mal draufgestiegen sind", schrieb die Journalistin weiter. Fasziniert von den Wasserskiern am Badehaus in Lake City, hatte sich Margaret Crimmins entschlossen, deren Besitzer ausfindig zu machen und suchte ihn nun mithilfe ihrer Sonntagskolumne.

"Es war wie eine Stimme aus meiner Vergangenheit", erinnert sich Samuelson an die Lektüre des Zeitungsartikels. Sofort fuhr er in seine alte Heimat, nach Lake City, traf sich mit Crimmins und erzählte ihr seine Geschichte. Die Journalistin publizierte zwei Artikel, ehe die "American Water Ski Association" auf Samuelson aufmerksam wurde.

"Angst, den Badeanzug zu verlieren"

Plötzlich, nach mehr als vier Jahrzehnten der Vergessenheit, Wasserski war längst zum Breitensport für Millionen Menschen auf der ganzen Welt geworden, stand Erfinder Ralph Samuelson im Rampenlicht. Er gab Interviews, posierte mit seinen riesigen Holzskiern für die Kameras, wurde zu Fernsehauftritten eingeladen.

Auf die Frage der Journalisten, ob er denn nie Angst gehabt hätte, im See zu ertrinken, pflegte Samuelson zu antworten: "Angst hatte ich nie. Meine einzige Sorge bestand darin, meinen Badeanzug zu verlieren. Er war aus Baumwolle, hätte sich vollgesogen und wäre gesunken."

Bislang hatte die französische Riviera als Wiege des Wasserskis gegolten, das Patent auf Wasserskier lagerte seit 1925 bei dem Amerikaner Fred Waller. Dennoch erkannte die "American Water Ski Association" Samuelson im Februar 1966 offiziell als Begründer des Sports an.

Vater des Wasserskis und Zeuge Christi

Da er seine Erfindung damals nicht zum Patent angemeldet hatte, verdiente Samuelson mit den Wasserskiern keinen einzigen Penny. Dafür erfüllte ihn die formelle Anerkennung mit großer Genugtuung - in seiner Biographie bezeichnet er das Datum als "vielleicht schönsten Tag meines Lebens".

Gerührt über die späten Ehren zeigte der dreifache Vater seinen Kindern erst jetzt, wie man auf zwei Skiern übers Wasser braust. Im August 1977 starb Ralph Wilford Samuelson an Krebs. Der stark religiöse Mann wurde so nah am Lake Pepin begraben wie möglich.

Auf dem Grabstein, den er zu Lebzeiten noch selbst ausgesucht hatte, stand: "Ralph Samuelson. Vater des Wasserskis. Zeuge Christi."

Zum Weiterlesen:

Gregor Ziemer: "A Daredevil & Two Boards: Ralph Samuelson, The Lake Pepin Pioneer Who Invented Water Skiing ". Hunter Halverson Press, Madison 2005, 240 Seiten.



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Helmut Katscher, 28.06.2012
1.
Unter Darmstädter Maschinenbaustudenten wurde erzählt, der Inhaber des Lehrstuhls für Strömungslehre und Hydraulische Maschinen (bis etwa 1965),Prof. Dr.-Ing. F. N. Scheubel, habe schon vor dem zweiten Weltkrieg in Berlin Wasserskis benutzt. Ich habe 1963 meine Diplomarbeit am Institut von Prof. Scheubel angefertigt. Leider habe ich ihn nie nach diesen frühen Versuchen mit Wasserskis befragt und habe auch sonst keine Bestätigung dafür gefunden.
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