Watts Towers Turm und Drang

Watts Towers: Turm und Drang Fotos

Er nahm Schrott, Müll und Beton und baute daraus gigantische Türme. 1921 begann Simon Rodia den Bau der Watts Towers. Drei Jahrzehnte schuftete der Einzelgänger in einer entlegenen Ecke von Los Angeles an den monumentalen Betonskulpturen - um sie dann plötzlich zurückzulassen. Von

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Er kam aus Ribottoli, einem Dorf in den Bergen östlich von Neapel. Geboren 1879, folgte er seinem älteren Bruder noch als Teenager ins gelobte Land Amerika, um in Pennsylvanias Kohlebergwerken Glück und Geld zu suchen.

Was er fand, waren Leid und Armut.

Der Bruder kam bei einem Grubenunglück um. Er selbst floh an die Westküste, wo er sich als Bauarbeiter und Maurer durchschlug und eine Familie gründete. Seine Tochter starb jung. Seine Ehe zerbrach. Er ergab sich dem Suff.

Eigentlich hieß er Sabato Rodia, doch in den USA nannte er sich nur noch Simon. Zu Lebzeiten konnte der Immigrant kaum ahnen, welchen Kultstatus er eines Tages erlangen würde. Denn heute, Jahrzehnte nach seinem Tod 1965, gehört sein Nachlass zu den schrillsten Kunstdenkmälern Amerikas - und zugleich zu den bedrohtesten.

Genie oder Wahnsinniger?

Sein Name sagt den meisten Amerikanern bis heute wenig. Seit Jahrzehnten verwittert sein Werk auf einem Eckgrundstück in Watts, einem berüchtigten Armenviertel von Los Angeles, das 1965 und 1992 durch heftige Rassenunruhen in die Schlagzeilen geriet. Erst langsam besinnt sich die Millionenmetropole Rodias Erbe - und versucht nun zu retten, was noch zu retten ist.

Die Rede ist von den Watts Towers, einer Gruppe monumentaler Turmskulpturen im Stil Antoni Gaudís. Rodia hatte sie eigenhändig aus Schrott und Stahl zusammengebastelt und mit dem Müll der Menschheit verziert: zerbrochene Kacheln, Flaschen, Glas. Rodia starb 1965, zehn Jahre, nachdem er aus L.A. nach Nordkalifornien umgesiedelt war. Die Türme blieben zurück als sein Lebenswerk, das lange kaum einer zu würdigen wusste. Er selbst schon gar nicht.

"Ich wollte etwas Großes tun", sagte Rodia damals zwar über sein skurriles Bauwerk. Doch seine eigene Familie wusste wenig damit anzufangen. "Bis zum heutigen Tag", sagt sein Neffe Nick Calicura, "kann ich nicht begreifen, ob der Mann ein Genie war oder wahnsinnig."

Start frei für die Phantasie-Installation

Wahrscheinlich beides. Rodia, gerade mal 1,50 Meter groß, arbeitete geschlagene 34 Jahre an den Watts Towers, ohne Gerüst, Helfer oder Anleitung - eine Meisterleistung in Sachen Kreativität wie Ingenieurskunst. Es war, als habe er sich das Elend seines Daseins von der Seele schaffen wollen, im wahrsten Sinn des Wortes.

Wie Millionen andere Einwanderer war Rodia über Ellis Island in die USA gekommen, die "Insel der Tränen" im Hafen New Yorks. Nach dem Tod seines Bruders landete er schließlich mit seiner frischangetrauten Frau Lucia in Oakland bei San Francisco - nur um dort das verheerende Erdbeben von 1906 miterleben zu müssen. Rodia begann zu trinken, wurde geschieden und verschwand von der Bildfläche.

1917 tauchte er in Südkalifornien wieder auf - ausgenüchtert. Von Ersparnissen kaufte er sich 1921 ein kleines, staubiges Dreiecksgrundstück im Einwandererviertel Watts, am Santa Ana Boulevard, und richtete sich in einer Hütte ein, von Anfang an mit dem Hintergedanken, hier seine irre Phantasie-Installation zu beginnen.

Rekordverdächtige Betonsäulen

Eigentlich wollte er die 20 Kilometer weiter nördlich errichten, an einer Ecke des Wilshire Boulevards in Beverly Hills, wo er ein breiteres Publikum gefunden hätte und heute das Nobelhotel Beverly Wilshire steht. Doch Watts war damals alles, was er sich leisten konnte.

Tagsüber rackerte Rodia als Arbeiter auf Baustellen. In seinen freien Stunden baute er unermüdlich an seinem Werk - insgesamt 17 kleinere und größere Bauwerke: spitze Türme, der größte fast 31 Meter hoch, sowie verschiedene Skulpturformen. Die beiden Haupttürme gelten bis heute als die höchsten Betonsäulen der Welt, die ohne Schrauben oder Nieten montiert sind.

Er konstruierte sie aus Maschendraht, Rohren und Stangen, die er in Zement goss und dann mit allem möglichen Kleinkram verzierte, der er sich in der Gegend zusammensuchte: Ziegel, Muscheln, Töpferware, Porzellan, Steine, Limonadenflaschen, Mosaikstückchen.

Ein Aufreger aus Beton

So entstanden Brunnen, Schiffe, Bogengänge, Mauern aus insgesamt rund 100.000 Einzelteilen. Oft ließ er die Reste des Urmaterials dabei erkennbar - etwa Schilder mit der Aufschrift "Canada Dry" oder "7 Up". Auch brachte er überall seine Initialen "SR" und "1765" unter, die Hausnummer des Areals.

Rodia nannte die Türme "Nuestro Pueblo" (unser Dorf). Kinder aus dem Viertel brachten ihm immer neues Material. Vieles war Abfall von einer nahen Großtöpferei. Das meiste fand er jedoch entlang der stillgelegten Bahntrasse der Pacific Electric Railway, die er manchmal kilometerweit entlangwanderte.

Doch nicht alle liebten sein spleeniges Hobby. Nachbarn gingen auf sein Werk los. Im Zweiten Weltkrieg kursierten Gerüchte, die Türme seien Antennen für die Japaner. Nach dem Krieg wandelte sich Watts. Die jungen Immigranten und Latino-Arbeiter wichen einer armen schwarzen Bevölkerung. Watts verkam zum Ghetto.

Späte Anerkennung für das Kunstwerk

1954 gab Rodia auf. Er verschenkte das Grundstück an seine Nachbarn, verließ die Türme und zog sich nach Martinez zurück, eine kleine Stadt nördlich von San Francisco, um, wie er sagte, im Kreise seiner Familie "zu sterben". Er lebte noch elf weitere Jahre, kehrte aber in der Tat nie nach Watts zurück.

1959 ordnete das Bauamt der Stadt den Abriss der "gefährlichen" Tower an. Eine Gruppe von Kunstliebhabern protestierte. Um die Türme zu retten, kauften zwei Freunde das Grundstück für 3000 Dollar. Als die Stadt trotzdem mit dem Abrisskran anrückte, hielten die Türme dem stand - so lange, bis der Kran kaputtging.

Auch die schweren Rassenunruhen von 1965, bei denen in Watts 34 Menschen ums Leben kamen, konnten den Türmen nichts anhaben. Im Gegenteil: Sie wurden zum Mahnmal der Freiheit in dem umkämpften Viertel. 1975 gingen sie an die Stadtverwaltung über, drei Jahre später an die kalifornische Naturschutzbehörde. 1990 erhob sie das US-Innenministerium zum Nationaldenkmal, als "eines der feinsten Beispiele naiver Kunst".

Blick in die Seele des Künstlers

"Mit der Zeit", sagte der Futurist und Ingenieur Buckminster Fuller, "beginnen sie, die Seele des Künstlers zu offenbaren." Der Historiker Mike Davis verglich die Türme mit der Freiheitsstatue: "Die einfachen Leute in der Stadt haben sie als ihr profundestes, ergreifendes Symbol ins Herz geschlossen."

Trotzdem verhinderte Los Angeles nicht, dass der Zahn der Zeit - und das Wetter - an den Towers zu nagen begann. Auch beim Erdbeben von Northridge 1994 wurden sie beschädigt und daraufhin zur lange gesperrt.

Doch erst seit 2010 stehen sie unter der Obhut des Los Angeles County Museums of Art (Lacma), dessen Experten seither akribisch versuchen, sie vor dem Verfall zu bewahren. "Sie sind eines der außerordentlichsten Kunstwerke in der ganzen Nation", sagt Lacma-Direktor Michael Govan. "Ich schicke jeden dahin."

Gefahr durch pinkelnde Katzen

Die ursprünglichen Turm-Aktivisten, die seit 1983 in einem kleinen Kulturzentrum nebenan sitzen, sehen das plötzliche Interesse des Mega-Museums mit verständlichem Misstrauen. "Ich verstehe nicht, was das Lacma hier macht", sagte Rosie Lee Hooks, die Leiterin des Watts Towers Arts Center, der "New York Times" kürzlich. "Wir sind seit 50 Jahren hier."

Hinzu kommt, dass selbst viele "Angelenos" die Türme immer noch nicht kennen. Das liegt vor allem auch an der Lage des Bauwerks - weitab von Downtown, der Museumsmeile oder anderen Attraktionen wie Hollywood oder Disneyland. Zudem sind sie nur am Wochenende oder an Veranstaltungstagen geöffnet. Zu anderen Zeiten können Besucher nur über einen Drei-Meter-Sicherheitszaun lugen. Gerade mal 45.000 kommen dazu im Jahr her.

Das Lacma ist trotz allem dabei, die Türme mit Spendengeldern seiner Kunstmäzene zu restaurieren. Es ist eine akribische Kleinarbeit. Sorgen machen den Turmschützern aber auch Bienenschwärme, die ihre Stöcke in der Konstruktion bauen. Und Katzen: Die pinkeln an den steinernen Schiffsbug. Das Museum erwägt deshalb jetzt den Einsatz von "Katzenabschreckung per Ultraschall".

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insgesamt 5 Beiträge
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1.
Gunnar Schuster 27.12.2011
Eine Hommage an die Türme findet sich übrigens im Computerspiel "GTA San Andreas". Nur für den Fall, dass es anderen Leuten geht wie mir und sie sich verzweifelt fragen, wo sie diese Dinger schon einmal gesehen haben. ;-)
2.
andreas schongen 27.12.2011
ich wusste in der ersten sekunde, dass ich diese türme aus compton watts kenne. vielen dank für die ausführlichen hintergund informationen. habe mich immergefragt was es mit den skulpturen auf sich hat, unteranderem auch wegen gta san andreas...
3.
Florian Sawade 27.12.2011
Haha, großartig beobachtet. Bis eben stellte sich mir genau die angesprochene Frage und jetzt ist die Lösung in einem meiner liebsten Spiele der vergangenen Jahre zu finden. War das nicht irgendwo in Los Santos in der Nähe des "Hoods" ?
4.
Jörg Daehn 28.12.2011
Solche egomanen Projekte scheinen häufiger vorzukommen als man glaubt. Es gibt in der Nähe von Barcelona jemanden, der baut seine eigene Kathedrale (habe ich auf Arte bei Paul Merton gesehen): http://en.wikipedia.org/wiki/Justo_Gallego_Mart%C3%ADnez http://citynoise.org/article/732 Dazu gibt es sogar einen Film: Catedral. Guten RUtshc, J. Dähn
5.
Marcus Schätzle 01.01.2012
> War das nicht irgendwo in Los Santos in der Nähe des "Hoods" ? Ja, einfach bem Rausfahren aus CJs Geburtshaus die erste Kreuzung rechts abbiegen (also in nördliche Richtung fahren) und dann sind sie auch schon linkerhand zu sehen.
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