Alltag einer Trinkerin Der Zustand, eine hilflose Person zu sein

Mit 32 beginnt ihre Schussfahrt ins Unglück. SPIEGEL-Reporterin Marie-Luise Scherer über den Lebensweg einer Alkoholikerin - eine preisgekrönte Reportage aus dem Jahr 1977, wiederentdeckt zum 70. SPIEGEL-Geburtstag.

Die Illustrationen zur SPIEGEL-Reportage gestaltete Peter Sorge (1937-2000), ein Berliner Maler, Zeichner und Grafiker der Kunstrichtung "Kritischer Realismus"
DER SPIEGEL

Die Illustrationen zur SPIEGEL-Reportage gestaltete Peter Sorge (1937-2000), ein Berliner Maler, Zeichner und Grafiker der Kunstrichtung "Kritischer Realismus"


Diese Reportage aus dem SPIEGEL, Ausgabe 36/1977, gewann den 2. Egon-Erwin-Kisch-Preis.


Abstieg ist zu bedächtig. Sofie Häusler ist nicht sozial abgestiegen, sondern sie machte eine Schußfahrt durch eine zielgenaue Schneise, deren Markierungen ein Saboteur hätte gesteckt haben können. Jemand, der ein Händchen hat für die dramaturgische Beschleunigung vom bösen Ende.

Sofie Häusler ist 32 Jahre alt, als sie schicksalsmäßig auf die Abschußliste kommt. Der Mann, den sie seit vier Jahren kennt, der einmal die Woche über Nacht bleibt, dieser seine Liebschaft so sachte dosierende Typ, als fürchte er sich vor Übertreibung, ist längst verheiratet. Sofie Häusler erlebt eine ruckartige Pleite.

Dieser Mann hatte sich ihr als Meister aller Klassen empfohlen, Hamburger Kaufmann, Im- und Export, zehn Jahre älter, eine überschüssige Natur und immer was am Planen. Für Sofie Häusler hatte er sogar noch einen Lebensentwurf übrig.

Er begegnet ihr in einem Kunstgewerbeladen in Hannover, wo sie Geschenkartikel aus Bast herstellt. Er lieferte dort den Bast. Und er malte für Sofie Häusler die Zukunft aus. Die Sicherheiten für diese Zukunft sollen sich aus ihren handwerklichen Fähigkeiten, seinen guten Drähten und der gegenseitigen Liebe zusammensetzen.

Sofie Häusler wurde als uneheliche Tochter einer Hausangestellten geboren. Sie war das Unglück ihrer Mutter, der Beweis für ein hastiges, zwischen Küche und Mädchenkammer runtergeknutschtes Drama mit dem Dienstherrn.

Sie erlebte sich keinen Moment lang als geliebtes Kind, als elterlich-beschirmte Gottheit. In der Schule simulierte sie einen Vater. Bei der Mutter war die Demütigung in eine permanente Rage umgeschlagen. Und die wenigen Augenblicke, in denen die Tochter Zuversicht an den Tag legte, würgte sie ab, als müsse sie einer Enttäuschung vorbeugen: "Du kannst dich mit den anderen nicht messen."

Ihre Abwehrkräfte verkümmern

Auf diese Weise wird Sofie Häusler reif für einen Sieger. Sie verläßt Hannover, ihre verbittert-herrschende Mutter und folgt dem gutgelaunten Mann. In dem Dorf D. mietet sie eine Wohnung. Dort fabriziert sie Bastampeln für Blumentöpfe, die der Kaufmann an den Blumengroßhandel vertreibt. Durch die wachsende Nachfrage kann Sofie Häusler sogar ein paar Heimarbeiterinnen beschäftigen.

Das Dorf liegt bei Hamburg, dem Wohnort ihres Liebhabers, und auf der Strecke seiner geschäftlich anzureisenden Städte.

Es muß ein suggerierter Entschluß gewesen sein, daß sich Sofie Häusler in ein Dorf verabschiedet. Denn aus ihrem Dasein dort ergeben sich nur Vorteile für den Mann, der Familie in Hamburg hat und nicht mal einen Umweg machen muß, um seiner buchstäblich passageren Liebschaft nachzugehen. In Sofie Häuslers Leben besetzt er alle wichtigen Rollen mit sich selber: Er ist ihre Liebe, der unverzichtbare Kurier aus der Außenwelt und die maßgebliche Figur ihrer gewerblichen Existenz.

Unter diesem Monopol, auch wenn es als ein Vorzeichen weiblichen Glücks erscheint, verkümmern Sofie Häuslers Abwehrkräfte. Während sie ihre Mutter noch als eine gefährliche Majestät erkannt hatte, der sie in Tagträumen den Rücken zukehrte, sah sie unter der wuchernden Machtausübung des Mannes keinen Anlaß, gedanklich an ihrer Wirklichkeit herumzuflicken.

Sofie Häuslers Katastrophe kündigt sich über eine wirtschaftliche Spannung an: Die Bastampeln, ihr Standardartikel, sind kein zeitloses Zubehör, das sie auf Dauer ernähren könnte. Deshalb erweitert sie ihr Programm durch Wandbildbehänge, welche sie über den Möbeleinzelhandel abzusetzen versucht.

In Hamburg mietet sie einen vom Gesundheitsamt gesperrten Wohnkeller als Lagerraum. Er liegt am Fischmarkt in St. Pauli und kostet monatlich 23 Mark. Sie zahlt zehn Mieten im voraus, läßt den Keller weißen und mit Balatum auslegen. Von hier aus will sie die Hamburger Geschäfte beliefern.

Indem sie klug wird, beginnt ihr Unglück

Zwischen dieser für Sofie Häusler ungewöhnlichen Anstrengung, ihren beruflichen Radius von 0. bis Hamburg zu verlängern, und dem Bruch mit ihrem Freund vergehen nur Tage. Sofie Häusler ist plötzlich fähig, die hinter ihr liegenden, von Liebe handelnden Jahre als Moritat zu entschlüsseln: als die Geschichte eines Handlungsreisenden, der mit der Vorsicht des perfekten Mörders seine Frau betrügt.

Indem Sofie Häusler klug wird, beginnt ihr Unglück. Da sie Gefühle nie streuen konnte, da sie nur einer Hauptperson lebte und durch diese Ausschließlichkeit keinen Menschen hat, dem sie mit einer Klage kommen kann, betrinkt sie sich. Betrunken verläßt sie in einem Taxi das Dorf D. und fährt nach Hamburg. Dort trinkt sie weiter, Die Kneipen heißen "Blinkfeuer" und "Seemanns Einkehr". Es ist die Gegend, in der auch ihr Keller liegt.

In diesem Keller schläft Sofie Häusler den schrecklichen Rausch aus. Zwei Tage nach ihrem Verschwinden aus D. bringt sie erst die Kraft auf, heimzufahren. Sie bleibt aber nur einen Nachmittag. Abends besteigt sie den Zug nach Hamburg und kehrt nie mehr zurück. Sie landet in dem Keller und trinkt jetzt immer mehr.

Ihre Hauswirtin in D. bittet sie brieflich, ihr einige Dinge nachzusenden. Den übrigen Besitz überläßt sie der Frau als Gegengabe für ihre plötzliche Flucht.

Anderthalb Jahre kann Sofie Häusler den Keller halten, obwohl die Rauschzustände immer dichter liegen und sie durch das alkoholische Fingerzittern außerstande ist zu arbeiten. Den auf Lebensminimum absinkenden Bedürfnissen folgend trägt sie ihre Werte nach deren Verzichtbarkeit ins Leihhaus: zwei Kammgarnkostüme, eine geschonte Krokotasche mit angekettetem Portemonnaie, einen Fohlenmantel, eine Jacke aus Persianerklaue, einen Silberring mit goldgefaßtem Rauchtopas, eine Anstecknadel mit Perle, dann ihren Koffer, dann die Armbanduhr.

Nach diesem Abbau bleibt Sofie Häusler nichts mehr, um ihre Zechen zu bezahlen. Sie muß jetzt jeden Pfennig ohne Verlust in Alkohol umsetzen, keine Münze darf sich in der Verdienstspanne eines Wirtes verlieren. Deshalb kauft sie Wermut, der pro Flasche 99 Pfennig kostet, und setzt sich zu den Sprit- und Tippelbrüdern auf die Bänke.

Klar denken kann sie erst nach ein paar Schlucken

Sofie Häusler unterscheidet sich von ihnen nur noch durch ihr Obdach, den Keller, in den sie betrunken wegtauchen kann und aus dem sie gekämmt und gewaschen wieder auftaucht, um an Alkohol zu kommen. Sie leidet unter Entzug, der sie befähigt zu betteln. Sie fragt: "Könnten Sie mir mit Fahrgeld aushelfen?"

Manchmal wendet sie auch einen Spruch aus dem Überlebensschatz der Tippelbrüder an und sagt: "Ich habe Kinder und brauche ein paar Gasgroschen." Denn in alten Obdachlosenasylen lassen sich Gasherde und Warmwasserboiler nur nach dem Einwurf einer Münze anzünden. Nach 15 Minuten verlischt die Flamme wieder.

Es ist nicht Klarheit, vor der sich Sofie Häusler fürchtet, die mit abnehmendem Alkoholspiegel steigende Gewißheit, daß sie im Abgrund lebt. Klar denken kann sie erst nach ein paar Schlucken. Und was sie dann denkt, handelt nicht vom Vorsatz auszusteigen, das kreist um die Beschaffung weiterer Schlucke.

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70 Jahre SPIEGEL: Die Gründerjahre - wie alles begann

Wenn Sofie Häusler sich ein bißchen stabil getrunken hat; wenn sie vom kreisenden Fusel der Kumpane wie durch eine Nährlösung wieder auf die Beine gestellt ist, reicht eine Mark, um ihre Existenz als Wermut-Trinkerin absehbar zu sichern. Ihre Gemütslage gründet dann auf Zuversicht. Auf die neue Flasche, in der nach jedem Zug der Sprit zurückschwappt bis zum nächsten Zug, ist Verlaß. Meistens dauert es zwei Stunden, bis nichts mehr nachfließt.

Sofie Häuslers feste Nahrung besteht aus einem trockenen Rundstück, einem Hamburger Brötchen, das sie an harten Tagen auch zu essen vergißt.

Die Akte der Sofie Häusler beginnt am 12. Februar 1957 mit dem polizeilichen Formblatt "Verwahrung wegen Trunkenheit". Sofie Häusler, 32 Jahre alt, ist unterhalb des Hafenkrankenhauses in Hamburg-St. Pauli hilflos aufgefunden worden. Ihre Papiere weisen sie als Kunstgewerblerin aus. Es soll das letzte Mal sein, daß die bürgerliche Existenz der Sofie Häusler noch hinter ihrer Eigenschaft als Alkoholikerin sichtbar bleibt.

Ihre Berufsbezeichnung heißt jetzt "ohne"

Das zweite Blatt datiert sechs Monate später: Sofie Häusler ist auf dem Gehweg Schauermannspark aufgelesen worden. "Sinnlos betrunken", lautet der getippte, im moralisierenden Zweifingerdeutsch abgefaßte Befund des Revierschreibers. Während der vierstündigen Ausnüchterung habe Sofie Häusler die Arrestzelle "durch Erbrechen gröblichst verunreinigt".

Ihre Berufsbezeichnung heißt jetzt "ohne". Ihrem sich andeutenden Niedergang fügt der Revierbeamte in Klammern noch eine persönliche Vermutung hinzu: Prostituierte. Damit ist es heraus, das Wort, dieser für ein undeutliches Dasein klärende Begriff, mit dem sich von da an die behördlichen Vordrucke in ihren Rubrizierungsnöten behelfen. Die Quelle, aus der angeblich die Schnapsgroschen der Sofie Häusler stammen, wird eingezäunt.

Immer schneller gerät Sofie Häusler in den Zustand, eine hilflose Person zu sein. Und immer seltener erreicht sie ihren Keller. Dafür erlebt sie das aus der Besinnungslosigkeit höllische Erwachen in den Arrestzellen der Hamburger Hafenreviere. Sie ist ein geduzter Haufen Dreck, der vor Durst zu verbrennen glaubt, der beim Trinken unter der Wasserleitung gefragt wird: "Was machst du denn da?"

Für die Kosten dieser Aufenthalte -- fünf Mark Zellenbenutzung, eine Mark Reinigung, Aufpreis bei "Verkotung" und "Urinierung", 80 Pfennig Wolldeckengebühr -- muß Sofie Häusler in allen Fällen eine Bankrotterklärung gegenzeichnen.

Nach eigener Schätzung ist Sofie Häusler zwanzigmal in der Ausnüchterung gewesen, bevor sie im Oktober 1959 unter vorläufige Vormundschaft gestellt wird. Den Keller, ihr Refugium mit Spiegel und Handwaschbecken, in dem sie die letzten Reserven gegen ihre äußerliche Verwahrlosung einsetzte, hat sie aufgegeben.

Sie gehört jetzt ganz der Wermut-Gang an. Sie taumelt durch die von den Landungsbrücken zur Reeperbahn hochführenden Querstraßen. Und mitstolpernd im Touristenstrom bettelt sie um Geld, fünfzehnmal vergeblich, mit der Gewißheit, daß der sechzehnte gibt.

Sogar auf Englisch kann sie um Mitleid stammeln

Anwohner spricht sie nicht an. Sie unterläßt es auch bei den Untertagetypen von St. Pauli, den Kellnern, Portiers und Zuhältern. Es müssen aufgekratzte Bummler sein, auf Nepp gefaßte Ausflügler, für die ein verelendetes Weib zu den Zutaten des dichten Milieus gehört.

Sofie Häusler kann sogar Englisch um Mitleid stammeln. Sie sagt: "I am a poor clochard myself, I would buy me a beer." Oder sie sagt: "I am cold, I want stay in a restaurant." Unter den Gebenden sind es die Afrikaner, die auch ohne in Hochstimmung zu sein, eine Mark spendieren.

Manchmal hält Sofie Häusler drei Tage und zwei Nächte durch. Es ist kein Stehvermögen, sondern der Zwang zu überdauern ohne Bett und Adresse. Denn stundenweise ist die Erschöpfung größer als die unendlich scheinende Nachfrage nach Alkohol.

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Hin und wieder landet sie als wegsackendes Bündel im Bett eines Rentners oder eines krankgeschriebenen Weltmeisters von den Theken des Reviers. Und morgens erlebt sie üble Verabschiedungen, bevor sie wieder auf der Straße sitzt, mit einem Brand, der stärker ist als ihre Depression.

Bei warmem Wetter schleppt sie sich hinter die Büsche beim Tropenkrankenhaus, um zu schlafen. Und sie zieht sich an den Büschen wieder hoch, wenn's hell wird. Sie ist zu kaputt, um einen Gedanken an ihre Wirkung zu verschwenden.

Sofie Häusler steht auf keiner sozialen Stufe mehr, die zu unterbieten wäre. Sie prostituiert sich für ein Bier und einen Korn: "Wollen wir uns ein büschen liebhaben?"

Oder sie fragt: "Bezahlst du mir ein Bier?" und der Mann erwidert: "Wie komme ich dazu? Ich zahl dir eins, wenn du rauskommst und hast mich was lieb." Sie befindet sich in einem preisbrechenden Notstand. Gemessen an dem bodenlosen Durst, paßt die Ehre, die Sofie Häusler für sich noch in Anspruch nimmt, in einen Fingerhut.

Spitzname "Katastrophen-Sofie"

Wegen ihrer häufigen Zusammenbrüche nennen die Kumpane sie "Katastrophen-Sofie". Sie läuft betrunken gegen einen Lieferwagen und bricht sich den Unterkiefer und beide Jochbeine. In der Klinik deutet ihr die Krankenhausfürsorgerin an, daß sie als Nutznießerin der Sozialbehörde mit einer Entziehung rechnen müsse.

Nach ihrem letzen Exzeß als freier Mensch, der wie immer keine lustvolle Grenzüberschreitung war, sondern nur randvolle Misere, ruft ihr der Wachtmeister morgens auf die Revierpritsche rüber: "Du hast Besuch! Trinkerfürsorge."

Zwei Amtspersonen, ein korrekter Mann und eine mütterlich-geübte Frau, legen ihr Formulare vor. Durch Sofie Häuslers Benommenheit dringt nur das Wort "Farmsen", der Name eines Pflege- und Versorgungsheimes. Farmsen ist ihr ein Begriff für Arbeitshaus.

Einer der beiden sagt: "Würden Sie bitte unterschreiben!", was Sofie Häusler verweigert. Der Mann und seine Kollegin vom Schlage Oberschwester Sonnenschein enttarnen sich daraufhin als Verfügungsgewalten.

Vor Sofie Häusler öffnet sich die Schiebetür eines Kombi. Die Geräuschabfolge der seitwärts wegrollenden, dann zurückschießenden und hinter ihr einklinkenden Tür wird sich für sie noch unzählbar wiederholen. Genauso wie ihr die Farbe des Autos, die graugrün-beige Dezenz des Überführungs-Fuhrparks, ein schrilles Signal werden wird.

Frauenaufnahmeheim, Hamburg, Uferstraße: In der Geschlossenen Abteilung liegt die entzugskranke Trinkerin Sofie Häusler und erwartet ihre vorläufige Entmündigung. Nach etwa vier Tagen erhält sie den Brief, und am darauffolgenden Morgen meldet sich ihr Vormund, ein Sozialinspektor, an. Er tritt mit mehreren jüngeren Männern auf, die wahrscheinlich Berufsanfänger sind. Sofie Häusler ist Gegenstand einer Ruinenbesichtigung.

Statt nach Farmsen wird sie zum Entzug in das Arbeitshaus Brauweiler bei Köln eingewiesen, ein ehemaliges Kloster. Das Gebäude ist ausbruchssicher. Sofie Häusler näht für ein Versandhaus Schleifen und Knöpfe von Hand an und verdient 30 Pfennig am Tag. Nach knapp einem Jahr, im Sommer 1960, wird sie ins Versorgungsheim Farmsen in Hamburg entlassen.

Die Genugtuung der Nüchternheit bleibt aus

Über Alkoholismus hat sie im Nähsaal nicht mehr erfahren, als daß alles, was man übertreibt, von Übel ist. Sie nimmt sich vor, nicht mehr zu übertreiben; sie glaubt, sie habe ihren Eichstrich wieder. Beim ersten Sonntagsurlaub von der Anstalt, der in der Stehbierhalle "Lehmitz" auf der Reeperbahn mit ein paar Stimmungsschnäpsen beginnt, bleibt sie schon weg. Mit ihren neuen körperlichen Reserven hält sie sich fast acht Wochen, bevor sie in die polizeiliche Ausnüchterung gerät.

Als flüchtiges Mündel ist sie aktenkundig. Daher genügt ein Anruf, und der Zuführ-Kombi steht vor dem Revier. Die sich anschließenden und über Jahre immer gleichen Prozeduren in ihrer Reihenfolge: Von der Ausnüchterung in die Geschlossene der Uferstraße, danach Untersuchung beim Gesundheitsamt auf Geschlechtskrankheiten, danach Rückführung.

Im Oktober 1961 endet Sofie Häuslers vorläufige Entmündigung. Ah jetzt steht sie unabsehbar unter Vormundschaft. Sie arbeitet für 35 Pfennig täglich am Tümmler, der Trockenschleuder im Waschhaus, in dem für alle Altersheime der Hamburger Sozialbehörde gewaschen wird. Das Geld geht drauf für Zigaretten, dem anstaltsgemäßen Gift. Mit Unterbrechungen verbringt Sofie Häusler 14 Jahre in Farmsen.

Die Zukunft, die sich ihr in der Anstalt abzeichnet, ergibt für sie nicht mehr Sinn als die narkotisierenden Episoden mit der Flasche. Sie gilt als Läuferin. Sie entwischt nicht, weil sie körperlich Durst hat, vielmehr wegen einer plötzlich auftauchenden Spannung.

Auch wenn sie sechs, sogar neun Monate ohne Zwischenfälle schafft, empfindet sie keine zufriedene Alkohollosigkeit. Es ist nur absolviertes Wohlverhalten ohne Siegesgewißheit. Bei Sofie Häusler stellt sich die schöne Nebenwirkung der Abstinenz, die vor Genugtuung besoffen machende Nüchternheit, nicht ein.

Durch solche Phasen langer Trockenheit bewährt sich Sofie Häusler dreimal für den Umzug in ein Wohnheim, in eine milder überwachte Lebensform. Damit verbunden sind Arbeitsversuche. Sie meldet sich schriftlich auf Annoncen, um Zusagen dann doch nicht wahrzunehmen. Oder sie macht sich, einer äußeren Vernunft folgend, auf den Weg zu ihrer zukünftigen Arbeitsstelle und kommt dort nicht an.

Ein Grog kann jetzt nicht schaden, glaubt sie

Sie ist sicher, keine Kraft zu haben. Sie trinkt unterwegs und erfüllt sich ihre Prophezeiung. Einmal steht Sofie Häusler einen Tag an der Heißmangel einer Ladenwäscherei. Ihre Unterkunft ist diesmal ein bereitgestelltes Zimmer über dem Laden. Es ist Februar. Der Wäschereibesitzer sagt ihr abends, sie könne sich fürs erste eine Tüte Briketts bei den Nachbarn besorgen.

Nach Ladenschluß im kalten Zimmer sitzend, verwandelt Sofie Häusler sich gedanklich in einen Normalverbraucher. Das tut sie jedesmal, wenn sie ihr Kapitulieren vor sich selber tarnen will: Ihr ist kalt. Sie glaubt, daß jetzt ein Grog nicht schaden kann. Sie verläßt das Haus, kehrt in die nächste Kneipe ein und trinkt mit dem Vorsatz, danach die Briketts zu beschaffen, einen Grog.

Noch hofft sie auf die Balance zwischen der Aufpasserin und der Trinkerin, den beiden Hälften, aus denen sich ihre Person zusammensetzt. Und wie immer wird die Aufpasserin in ihr nach dem ersten Glas zugänglich für weitere Gläser.

Der im Februar kalte Ofen in einem Zimmer, das keinen Anschluß zu anderen bewohnten Zimmern hat, steht für alle Freiheitsbedingungen, unter denen Sofie Häusler scheitert. Sie wechselt aus Heimgemeinschaften von einer Stunde zur anderen in totale Einsamkeit. Sie wird privaten Rettern zugewiesen, die sich durch ein unbehaustes Mündel aus der eigenen Vereinsamung retten wollen. Es sind in allen Fällen selber ertrinkende Retter.

In einem Hamburger Etagen-Palais heißt eine fünfzigjährige Witwe die siebenunddreißigjährige, auf Bewährung geschickte Alkoholikerin mit Champagner willkommen. Sofie Häusler, die im Bewußtsein ihrer eigenen Pleiten jedem, nur nicht sich selber den Willen zur Vernunft abnimmt, greift nach der zweiten Aufforderung zu.

Trinkend gerät sie schnell in eine Stimmung, in der sie die intensive aber kurzlebige Wirkung eines Feuerwerkskörpers erreicht. Die sich ebenfalls betrinkende Witwe lacht wie gekitzelt, um dann im Sessel in Schlaf wegzukippen. Zu diesem Zeitpunkt befindet Sofie Häusler sich in einer Fahrrinne, die sie vor lauter Strömung nicht mehr verlassen kann.

Nach ihr kräht kein Hahn

Sie trinkt den Eisschrank leer. Als ihre Retterin wach wird, liegt Sofie Häusler mehr tot als benommen unter dem Küchentisch. Die verkaterte Bewährungshelferin geht telephonierend den Instanzenweg. Sofie Häusler verschwindet nach Farmsen.

Von 1968 an wird Alkoholismus durch Richterspruch den Krankheiten zugerechnet. Die Elendsalkoholikerin Sofie Häusler erlebt in Farmsen den Unterschied zwischen sich und den auf Krankenschein überwiesenen Wohlstandsalkoholikerinnen. Körperlich ist der Unterschied geringfügig: Es sind Frauen, die in einem sehr kranken Entzugsstadium mit Zittern, Weinen und Unruhe ankommen.

Aber für Sofie Häusler zählt, daß sie Hinterland haben, Familie, einen Mann, der an diesen Aufenthalt Hoffnung knüpft, der sich vor seinem angedrohten Absprung noch einmal auf ein Besserungsvorhaben einläßt. Für Sofie Häusler handelt es sich bei denen um ein kleineres Übel. Sie unterschätzt die Misere, auf die es einen Kassenschein gibt. Denn nach ihr kräht kein Hahn. Sie gehört zu den im Waschhaus verheizten Dauerfällen.

Die Verfügung, die den Trinker zum Patienten macht, ändert für Sofie Häusler nichts. Dafür sorgt vor allem das Anstaltspersonal. Es sperrt sich, umzudenken und auf eine als haltlos und charakterschwach geltende Spezies über Nacht einen Krankheitsbegriff anzuwenden. Sofie Häusler bleibt eine arbeitsscheue Flitzerin zwischen Kontoristinnen in ungekündigter Stellung, eine gifttrainierte Ratte, Eigentum der Sozialbehörde, firm im verunglimpfenden Wortschatz für die eigene Not.

Sie reagiert empfindlich gegenüber den Frauen, die über Rätselheften sitzen und miteinander Skat spielen. jede, glaubt sie, möbele sich vor vernichteten Personen wie ihr zur Chefsekretärin auf, die mal kurz unpäßlich wurde vom Cocktailsuff.

Aber auch solche sozialen Übergrößen schlucken das unverbotene, schwachprozentige Malzbier literweise, weil sie, wie Sofie Häusler sagt, das Eisen kühlen müssen; weil sie Taschenflaschen auf der Toilette kippen und abends nervliche Zuflucht suchen nach einem nichtbestandenen Tag; weil sie einen Flattermann, einen "grobschlächtigen Tremor", zu verbergen haben und ihre Hände erst nach vier Flaschen Malzbier nicht mehr zittern. Es ist das stabilisierende Quantum, in Sofie Häuslers Kreisen der Klapperschluck. Und mit der Steigerung dieses Quantums steigert sich auch die Ruhe. Der Trinkende klappert sich aus.

An einem Sommerabend will sie Schluß machen

Es gibt viele Schwachstellen bei den Paradiesvögeln, wie Sofie Häusler die Kurpatientinnen nennt. Sie nimmt das nicht zum Anlaß, sich zu recken, aber es verkleinert ihre Einsamkeit als Null. "Reell kranke" Alkoholikerinnen bitten an Urlaubstagen das scheinbar durch nichts zu erschütternde Mündel mit nach Hause. Eine sagt: "Menschenskind, Sofie, ich bin eine alleinstehende Schnapsdrossel, du kannst dir denken, wie meine Bude aussieht."

Bis dahin hat die Stadtstreicherin Sofie Häusler keinen Schimmer davon, wie eine Bude aussehen kann: Die Badewanne ist bis oben voll mit Wäsche, die in einem Jauchewasser schwimmt. Vor der Hausbar, dem geplünderten Altärchen, liegen die Flaschen; der begossene Teppich ist steif, als sei er gefroren; umgestoßene Aschenbecher; auf dem Kommodenrand und der Tischkante kleben sengend verglimmte Kippen.

Diesen Anblick einer Wohnung hat Sofie Häusler nie gehabt. Sie denkt: "So ist es nun wirklich!" und packt dabei zu. Sofie Häusler, das verabschiedete, unrentable Element mit den vom Waschhaus weich-plissierten Fingern stützt eine vollwertige, noch einen sozialen Stellenwert markierende Person. Die Frau sagt: "Sofie, wenn ich jetzt allein wär in dem Dreck, würd' ich saufen."

An einem Sommerabend, sie hat sich mal wieder abgesetzt, beschließt Sofie Häusler, Schluß zu machen. Durch einen mittleren Rausch findet sie gleichzeitig den Augenblick erträglich und ihre Zukunft unerträglich. Sie denkt: Am besten in die Elbe, nur Reinspringen ist schlecht. Sie möchte irgendwie bequem sterben, ein bißchen auch mit höherer Gewalt. Die Kombination, glaubt Sofie Häusler, könne ihr bei großer Betrunkenheit glücken, indem sie. auf einem Poller sitzend, besinnungslos abrutscht.

Den nötigen Sprit muß sie noch zusammenbetteln. Sie geht die Reeperbahn zweimal rauf und runter und macht den Zigarettentest. Je nach der Selbstverständlichkeit, mit der ihr jemand eine Zigarette gibt, steigert sie ihre Bitte: "Sie sind ja sehr freundlich", sagt sie, "würden Sie mir denn auch Feuer geben?" Sich die Zigarette anzündend, sagt sie dann weiter: "Ach, beinahe bin ich geneigt, das heißt ihre Nettigkeit bringt mich auf die Idee, Sie noch um eine Mark zu bitten."

Austrinken und dann in die Elbe

Oft kriegt sie gleich die Mark. Und Typen, die vor dem Geben noch wissen wollen, wozu sie die Mark denn brauche, für die hat Sofie Häusler einen Instinkt. Sie sagt: "Was soll ich schon wollen, ich will genau noch einen trinken wie du."

Sofie Häusler besitzt acht Mark und kauft bei Henning, der Tag und Nacht geöffneten Schnapsbudike auf St. Pauli, drei Flaschen Wermut zum Nachtpreis von je eine Mark zehn, außerdem zwei Schachteln Zigaretten. Sie trägt einen Wettermantel und klemmt die Flaschen unter die Achseln, was unbequem, aber weniger auffällig ist als eine Plastiktüte, in der es klappert und die zu den verräterischen Gepäckstücken entwichener Trinker zählt.

Vor der Viehbrücke am Hamburger Fischmarkt setzt sich Sofie Häusler auf einen Eisenpoller. Ihre Absicht ist, zumindest zwei Flaschen langsam auszutrinken und bei jenem alkoholischen Schweregrad, bei dem sie sonst von Stühlen und Bänken zur Seite fällt, sich in die Elbe gleiten zu lassen.

Die Schuhe und ihre Papiere wirft sie sofort ins Wasser. Sie tut es, wie jemand ein nicht mehr zu löschendes Machtwort spricht. Sie macht große, auf Wirkung bedachte Schlucke und raucht Kette. Sie kommt auch in den Rausch, der sie bei der kleinsten Korrektur ihrer Sitzweise ins Stürzen geraten ließe. Aber sie bleibt reglos sitzen und sagt sich: "Du hast ja noch so viel Zeit, wenigstens bis die ersten zur Arbeit gehn."

Sie nimmt einen massenweisen Verkehr auf der Elbe wahr, große Schifffahrt noch und noch. Ein oder zwei Dampfer fahren vorüber, und Sofie Häusler sieht zehn, wenn nicht zwanzig. Ein Riesenleben, ein enormes Schauspiel, das manchmal nur von den Positionslampen eines Schleppers dargestellt wird. Sofie Häusler denkt: Wie kommen die Leute dazu, jetzt in der Kneipe zu sitzen, wo hier draußen soviel los ist?

Ihr entgeht der Wechsel von Dunkel auf Tag. Sie sieht ein Boot anflitzen, das im Morgengrauen wie Silber glitzert. Sie sagt sich: "Mensch, so was Tolles, nu guck mal bloß!" Es ist die Wasserschutzpolizei. Einer von der Besatzung wirft eine Leiter zu ihr rüber, "so 'ne Leichtmetallgeschichte". Und elegant wie ein Hochseilartist springt dieser in drei Sätzen an Land.

Ein Polizist wirft sie über die Schulter

Sofie Häusler sitzt besoffen immer noch in einer Loge, aus der sie die Wirklichkeit als Märchen erlebt. Sie findet den Polizisten schön, gute Figur. Aber der sagt: "Nun verschwinden Sie hier, wir haben Sie lange durchs Fernrohr beobachtet!"

Jetzt, wo sie versucht, sich aufzurichten, hätte sie ins Wasser rutschen können. Doch der Uniformierte, ihr gebügelter, mit blanken Knöpfen strotzender Prinz, wirft sie über die Schulter und trägt sie in die Barkasse. Sofie Häusler kauert barfuß in der Silbergondel und stellt sich den Neid der Paradiesvögel in Farmsen vor.

Mitte Juni 1975 kauft sich die flüchtige Sofie Häusler für ihre letzte Mark ein U-Bahn-Ticket und erreicht das Frauenaufnahmeheim in der Hamburger Uferstraße aus eigener Kraft. Sie hat ihrer totenähnlichen Erschöpfung, ihrem Status als hilflose Person zuvorkommen können. Knapp geschätzt ist es das sechzigste Mal, daß die inzwischen 50 Jahre alte Rückfalltrinkerin dort erscheint.

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Obwohl "die Häusler" zum Stamm der regelmäßig auftauchenden Armseligen zählt, ist "die Häusler" kein schwachköpfiges, alkoholisch verblödetes Faktotum. Ihre Abnormität besteht aus ihrer Intelligenz, aus einer geschärften Empfindlichkeit, aus einem präzisen Bewußtsein ihres Versagens, das sie in stechenden Worten artikulieren kann. Die seit fast 20 Jahren maßlos trinkende Sofie Häusler ist eine Irritation für die statistische Erwartung.

Im Heim Uferstraße, das eine Anlaufadresse im kurzgeschlossenen Fahndungsnetz zwischen Polizei und Sozialbehörde ist, erfährt Sofie Häusler von ihrer geplanten Einweisung in die Ricklinger Anstalten, einem der Inneren Mission Schleswig-Holsteins unterstehenden Psychiatrischen Krankenhaus. Der Tag der Überführung, 20. Oktober 1975, steht schon fest. Es ist wahrscheinlich, daß es sich um einen geschwätzig getarnten Wink gehandelt hat, den Sofie Häusler sofort versteht.

Sie verläßt das Heim mit fünf Mark in der Tasche und setzt sich zum Hauptbahnhof ab. Im treffsicheren Erkennen ihresgleichen spricht sie einen Tippelbruder an, der einen Rucksack und eine verschnürte Zeltplane trägt. Sofie Häusler bittet, mit ihm ziehen zu dürfen. Begünstigt durch das Sommerwetter, sehen beide nicht bedürftig aus.

Freddy genießt ihre Abhängigkeit

Sie nehmen den Zug bis Aumühle. Von dort schlagen sie sich als "fröhliche Wandervögel" erst in die Bismarckschen Wälder. Der Mann heißt Freddy und kennt alle Lichtungen und abgeschirmten Wiesenstücke bis rauf nach Husum; ebenso die Pastorate, bei denen er jedes Jahr um Arbeit klingelt.

In jenem Sommer harkt und jätet auch Sofie Häusler in den Pastoren- und Friedhofsgärten und verdient bis zu 20 Mark am Tag. Sie schläft mit in Freddys kleinem Spitzzelt und wäscht sich in den Bächen und Kuhtränken. Freddy ist fünfzig wie sie. Obwohl er ihr nie furchterregend kommt, auch nicht sexuell, genießt er ihre Abhängigkeit.

Sofie Häusler glaubt, ohne alle Vermessenheit, daß der Mann an einem "primitiven Starrsinn" leidet. Doch sie sagt sich, im Kopf die Ricklinger Anstalten, in denen schon ein Bett für sie verplant ist: Besser einen Kranken als die vielen. Sie setzt auf Freddys Beziehungen zu den frommen Leuten; sie nährt noch eine Spur Hoffnung auf Seßhaftigkeit; sie will der psychiatrischen Verwahrung entgehen.

Hundertmal verspricht Freddy, der von Sofie Häusler nicht lassen will, der sie hartnäckig seinem Besitz zurechnet, eine Bleibe zu beschaffen. Doch Sofie Häusler ist inzwischen satt vom Wandern und versteckten Kampieren, von den barmherzig spendierten Suppen der Pastoren. Sie weiß, daß Freddy den Winter über vorm Hamburger Männerschlafheim Pik As anstehen wird, während sie ein Karussell mit Geisteskranken besteigen muß.

In den letzten Septembertagen endet für sie diese Reise. Sie kehrt mit braungebrannten Beinen in die Uferstraße zurück, wo sie wartet, bis der Kombi sie holt.

Er fährt auf den Tag genau vor. In einer halbgeschlossenen Abteilung der Ricklinger Anstalten teilt sich Sofie Häusler ihren Nachttisch wie eine Wohnung auf. In dem zum Flur hin offenen Zimmer stehen acht Betten, an deren Kopfenden Puppen und sich umarmende Stofftiere Liebesnester bilden.

Pfennig-Prostitution vor der Tür

Die ersten drei Wochen sitzt Sofie Häusler nur rauchend im Tagesraum und guckt aus dem Fenster. Oder sie läßt sich aussperren und geht für eine Zigarettenlänge vor der Anstalt spazieren, wo ihr andere rauchende Frauen begegnen. In der Dämmerung hält hin und wieder ein Auto, dessen Fahrer eine dieser Frauen auf Liebe hin anspricht.

Meistens sind es Jungbauern, die eine heimatlose Erektion durch eine Schwachsinnige erlösen lassen. Der Gegenwert ist ein Päckchen Lux oder Lord. Wenn Sofie Häusler so ein Auto im Schleichgang anfahren hört, schreit sie: "Fahr nach Hamburg, wo's was kostet!"

Die Pfennig-Prostitution vor der Tür wird geduldet. Sie soll Sexualität binden, das lesbische Ausarten hinter der Tür, "das Brüsteküssen mit Handbefriedigung", wie Sofie Häusler den Vorgang in eine halbbürokratische Formel bringt. In ihrem ersten Ricklinger Winter finden jeden Abend beim Schichtwechsel der Schwestern solche Szenen statt. Immer vor dem Fernsehgerät, weil es wie eine Arena einen schützenden Wall aus Zuschauern hat.

Sofie Häusler mutet sich Fernsehen nicht zu. Denn alle unterliegen einem Redezwang. Jeder läßt die eigene Lautstärke anschwellen. Zwanzig und mehr geisteskranke Frauen kommentieren nicht nur die Bilder, sondern auch ihre derzeitige Verfassung.

Es ist ein akustisches Chaos, an dessen Unerträglichkeit nur noch die schlaffen Geräusche des Tages heranreichen, wenn zehn von den 56 Kranken der Abteilung endlos den Gang rauf und runter gehen; wenn etwa 15 hin- und herschwingend auf den Stühlen des Tagesraumes sitzen und das Taschentuch von der rechten unter die linke Achselhöhle stecken.

Sofie Häusler fühlt sich durch alles, was Rickling ist, behelligt. Aber ganz ohne Hochmut, mit aller Geduld für Adolf Hitlers Tochter im Nebenbett, für die intelligenzschwache Tischnachbarin, der sie eine falsch begonnene Apfelsine schält und an Weihnachten die Gänsekeule mit dem Teller aufzufangen hilft, als diese mit einer widerwärtigen Haut aus dem erhitzten Plastikbeutel rutscht.

Die grausame Angst, unter die Geisteskranken zu fallen

Zweimal geht Sofie Häusler unter der Kraft eines "Leibwächters" zu Boden. Das sind robuste Kranke, die Griffe beherrschen, wenn gespritzt werden soll. Die "Leibwächter" sorgen für Ordnung in der Etage. Sie geben sich Wichtigkeit, indem sie Mitpatienten waschen und schlagend Zigaretten-Schulden für andere eintreiben.

Neben ihnen gibt es noch das Ordnungselement der "scheintoten Spitzel", wie Sofie Häusler den Typus nennt, der Patienten verrät, wenn diese statt in der Teeküche im Badezimmer heißes Wasser für den Pulverkaffee abzapfen.

Nach der dritten Woche wird Sofie Häusler die Beschäftigungstherapie angeboten. Sie kann einen halben Meter Heftpflaster dreimal falten und einpacken oder Luftballons in Tüten einzählen. Sie dürfe sich aber auch selber etwas einfallen lassen für den Weihnachtsbasar der Anstalten.

Das Mündel Häusler hat eine grausame Angst, unter die Geisteskranken zu fallen. Sie glaubt, daß man ihr "einen Korsakow" anhängen will, die frühe Vergreisung, die verlangsamten Bewegungsabläufe des Alkoholzerstörten. Sie verlangt Silberdraht und Holzperlen für Modeschmuck. Sie ist motiviert wie nie, sich zu beweisen.

Dennoch merkt sie am Verhalten der Schwestern, daß ihre Person schon so abgebucht ist wie die der anderen. Als der Draht und die Perlen ihr erst nicht ausgehändigt werden und sie danach fragt, sagen die Schwestern immer: "Ja, ja, Sofiel" Als Sofie Häusler den Anstaltspsychologen fragt, wie lange sie bleiben müsse, antwortet der: "Das kommt ganz auf Ihr Verhalten an."

Nach Weihnachten, Sofie Häusler hat nach Kräften den Basar beliefert, zeigt sie die gesundeste Verhaltensweise, zu der sie fähig ist: Sie bleibt weg von einem Spaziergang und besteigt mit dem Rest ihrer Arbeitsprämie von monatlich 60 Mark den Zug nach Hamburg. Trinkend erreicht sie dort den Punkt, daß die Tatsache, flüchtig zu sein, sich ihr als Freiheit darstellt. Diese Freiheit dauert wie immer drei Tage und zwei Nächte.

Im Februar 1977 bestätigt der "Landesverein für Innere Mission Schleswig-Holstein" schriftlich, daß Sofie Häusler "für einen Entlassungsversuch nach Hamburg rückgegliedert werden soll". Dieser Brief ist das 1188. Blatt in der fünfbändigen Akte "Häusler, Sofie" bei der Hamburger Trinkerfürsorge. Vorausgegangen ist ein Jahr, in dem die Alkoholikerin Häusler nicht aus Wohlverhalten trocken blieb, sondern weil ihr jemand geholfen hat, an sich zu glauben. Sofie Häusler, überempfindlich gegen zu deutlich auftretende Retter, gegen das matte Hinhören der Therapeuten, die das Saufen auf den Begriff der "vergifteten Muttermilch" bringen, begegnete in Rickling einem jungen Sozialarbeiter.

"Du hast mir genug aufs Herz getreten"

Der hatte die Zuversicht eines Anfängers und lehrte die aufgegebene Trinkerin, zu entspannen. Sofie Häusler lernte, ziehende Wolken zu sehen, auch wenn gar keine vorüberzogen. Sie konnte sich in eine Ruhe steigern, in der sie sich fragte: Was soll das ganze Miesmachen? Zusammen mit dem Sozialarbeiter verfaßte sie eine Geschichte, in der die trockene Sofie Häusler ein armes Luder gleichen Namens in einer Hafenkneipe beobachtet.

Montags besteigt die wirkliche Sofie Häusler den Bus in Rickling und fährt zu den Treffen der Anonymen Alkoholiker in Neumünster. Sie fühlt sich zum erstenmal in ihrem Leben unbeirrbar, ja fast unabhängig. Von ihren ersparten Arbeitsprämien kauft Sofie Häusler eine elektrische Nähmaschine, mit der sie als Flickschneiderin eine Existenz außerhalb der Anstalten begründen will.

Ende Februar wird Sofie Häusler von Rickling in die Hamburger Uferstraße entlassen. Sie ist seit einem Jahr trocken. Eine Fürsorgerin steht ihr bei der Wohnungssuche bei. Den vergilbten, in den Grabkammern der Trinkerfürsorge lagernden Teil vom Aktenstapel "Häusler, Sofie" kennt diese Frau gar nicht. Sie ist neu in der Alkoholiker-Hilfe und beeilt sich.

Ende März fährt Sofie Häusler vom Zentralen Omnibusbahnhof mit dem verbilligten Besucherbus zu den Ricklinger Anstalten, um ihren Besitz abzuholen, vor allem ihre Nähmaschine. Weil Sonntag ist und der Überführungskombi erst ab Montag Dienst hat, übernachtet sie in ihrem angestammten Bett. Am nächsten Morgen besteht das Mündel Häusler seinen vorläufig letzten Kampf gegen die Befugten.

Nachdem sie ihre Sachen in dem Auto verstaut hat, fragt eine Pflegerin den Fahrer: "Und wo ist jetzt noch Platz für mich?" Es ist eine der von Sofie Häusler mit "Quasi-Schwestern" benannten Kittelfiguren, die mit der Trillerpfeife regiert und "wenn sie dort nicht arbeiten würde, dort Patientin wäre, eine, die mit dem Püscher wackelt, wenn ein Psychologe auf dem Flur ist, und dann auch mal eine Kranke streichelt".

Sofie Häusler schreit: "Mach mich nicht an, du hast mir genug aufs Herz getreten, entweder fährst du oder ich."

Und einlenkend sagt sie: "Und schon gar nicht sitzt du mit dem Kittel da vorne!" Sie ist entschlossen, auch zurück den Bus zu nehmen und ihre Sachen dazulassen. Denn sie hat mehr zu verlieren. Sie darf nicht mit einer Frau in Samariterkleidung, der ohnehin nur nach einer Stadtfahrt ist, vor ihrer neuen Wohnung auspacken.

Sofie Häusler siegt. Vor dem Mietshaus in Hamburg-Fuhlsbüttel kommen ihr Kinder auf Rollschuhen entgegengefahren und fragen: "Ziehst du bei uns ein?" Sofie Häusler sagt "ja" und kann das Glück nicht fassen.

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