Nazi-Verbrecher Klaus Barbie "Er ist ein wildes Tier"

Der Gestapo-Mann folterte und mordete mit Vergnügen, sie nannten ihn den "Schlächter von Lyon". SPIEGEL-Reporter Peter Schille über die Opfer von Klaus Barbie - eine preisgekrönte Reportage aus dem Jahr 1987, wiederentdeckt zum 70. SPIEGEL-Geburtstag.

DER SPIEGEL


Zum 70. Jubiläum des SPIEGEL präsentieren wir preisgekrönte Reportagen aus sieben Jahrzehnten Magazingeschichte. Diese Reportage aus dem SPIEGEL, Ausgabe 20/1987, belegte den 1. Platz des Egon-Erwin-Kisch-Preises. Weitere Jubiläumsinhalte finden Sie auf der Übersichtsseite.


"Wir vergessen unsere Fehler leicht, wenn niemand sie kennt als wir."
La Rochefoucauld

Worüber man nicht schweigen kann, davon muß man sprechen: Lise Lesèvre spricht von Barbie wie von einer Katastrophe, die sie verstümmelt, aber nicht umgebracht hat. Wenn sie sich an Barbie erinnert, und sie denkt jeden Tag an ihn, ist es, als hätte sie ihren eigenen Tod überlebt.

Doch Madame Lesèvre läßt nicht zu, daß die Erinnerung sie überwältigt. Mit zerbrechlicher Stimme kämpft sie den aufsteigenden Schrecken nieder. Die Tränen auf ihrem Gesicht scheint sie nicht zu spüren. Ihr Geist, das will sie dem deutschen Besucher zu verstehen geben, ist stärker als die Gewalt, die ihr damals widerfahren ist.

Lise Lesèvre ist 86, eine Dame von zarter Gestalt. Im Kragen ihres eleganten grauen Strickkleides leuchtet die Rosette eines Offiziers der Ehrenlegion. "Unglücklicherweise habe ich Barbie persönlich kennengelernt", sagt sie. "Und ich habe bis heute überlebt, weil ich ihn noch einmal sehen wollte."

Klaus Barbie, 1987 vor Gericht in Lyon
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Klaus Barbie, 1987 vor Gericht in Lyon

Sie mußte 43 Jahre auf ihn warten. Mit verkrüppeltem Rücken und künstlichen Kniegelenken, Ergebnis ihrer Bekanntschaft, hat sie ihr Elend getragen wie eine Auszeichnung. "Äußerlich wirke ich sehr lebendig", sagt sie. Jetzt wartet sie nur noch auf den Prozeß von Lyon der am 11. Mai beginnt. Sie tritt als Zeugin gegen Barbie vor Gericht.

Auf einen schwarzen Krückstock gestützt, tastet sie sich durch ihr Appartement im Pariser Süden, hilflos und stark zugleich. Sie überlebte Barbie, und als sie ihn überlebt hatte, überstand sie auch ihre Deportation in das Konzentrationslager Ravensbrück. In ihrem kleinen Regal stehen alle Bücher über Barbie, ungelesen; wie könnten sie es aufnehmen mit ihrer Leidensgeschichte.

"Barbie hat mich 19 Tage hintereinander verhört. Er hat mich gefoltert. Wenn er keine Lust mehr hatte, schaute er zu, wie seine Büttel mich folterten: Max, ein blonder Deutscher, und ''Schiefe Schnauze'', ein berüchtigter Kollaborateur. Sie betranken sich, während sie mich schlugen, sie mischten Cognac in ihr Bier, um in Stimmung zu bleiben."

"Barbie", sagt Lise Lesèvre, "c'est une bête sauvage." Präsens: Er ist ein wildes Tier. Neunmal schleppte er sie nachts in die "salle de tortures", die Folterkammer, ein Wort aus dem Mittelalter.

Im Hauptquartier stürzt Barbie sich auf sie

Ein Ort im Mittelalter: Lyon, Frühjahr 1944. Am 13. März, abends gegen acht, nimmt deutsche Feldgendarmerie im Bahnhof Perrache eine französische Hausfrau und 18 Männer fest- Reisende, Wartende, Rumtreiber. Sie sind alle verdächtig.

Lise Lesèvre, verheiratet mit einem Ingenieur, zwei Söhne, 16 und 22 Jahre alt, gehört der Résistance an. "Wir waren alle in der Résistance", sagt sie, und meint ganz Frankreich. Sie übertreibt, aus Liebe: "Wer ihnen nicht zu Willen war, zählte zum Widerstand."

Lise Lesèvre war keine stumme Demutsverweigerin. Sie hatte, mitten in einem bürgerlichen Leben, ihr neues Schicksal selber gewählt und sich, wie ihr großer Sohn Georges, für den Aufstand entschieden. "Ich mußte es tun", sagt sie, "ein fremdes Volk hatte mein Vaterland überfallen."

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NS-Verbrecher Klaus Barbie: "Ich bin gekommen, um zu töten"

An jenem Abend im Bahnhof trägt sie eine Botschaft an "Didier" bei sich, dazu einen Angriffsplan für die "armee secrete". "Didier" ist einer der "grands chefs" des Maquis der Untergrundbewegung. Sein wirklicher Name: Albert Chambonnet.

Mit diesem Brief in ihrer kleinen Ledertasche fällt sie in die Hände von Klaus Barbie, Obersturmführer der SS, "grand chef" der Gestapo von Lyon und der Departements ringsum. Sie hört, wie Barbie sich lobt: "Ein guter Fang." Er ist 31, Lise Lesèvre 43.

In seinem Hauptquartier in der Ecole de santé militaire, einer Sanitätsschule auf dem linken Rhoneufer, stürzt er sich auf sie. "In sehr gutem Französisch" zählt er seine Methoden und Lieblingsexerzitien auf, beharrlich redet er sich in Wut. Beispielsweise werde sie die Badewanne erleben, "ein schönes Bad wird ihre Gedanken beflügeln".

Dann schlägt er sie. "Barbie war sehr, sehr grausam", sagt sie. Er schlägt auf sie ein, als nähme er sich gar nicht wahr. Seine flackernden Augen, sonst hell, aber unstet wie Irrlichter, werden dabei ganz schwarz. "Er war verrückt", sagt sie, "er war von dem Zwang beherrscht zu schlagen. Es machte ihm Spaß, Menschen zu quälen." Sie nennt ihn den "grand patron de la torture", obwohl er nichts als ein vom Foltern besessener deutscher Folterbeamter war.

Wenn er keinen Menschen schlägt, klopft er sich mit seinem Ochsenziemer erregt auf die Stiefel. Er steigt in die Keller hinunter, wo die Gefolterten liegen, angekettet und blutend, und tritt ihnen in Gesicht und Unterleib. Er will, daß sie, in der Trance ihres Schmerzes, doch noch reden. Er lacht dabei.

"Foltern bedeutete ihm mehr als seine Beute"

Oft stockt Madame Lesèvres Bericht, als frage sie sich, ob sie ihre Anklage dem deutschen Besucher noch zumuten könne. "Mit Deutschland bin ich versöhnt", sagt sie, mit der SS nicht. Auch nicht mit den Nazis. "Leider ist Barbie alles, was von Hitler noch übriggeblieben ist." Kein Ungeheuer, "nur ein mittelmäßiges Monster".

Um sie zum Reden zu zwingen, schlägt Barbie Lise Lesèvre mit Instrumenten, deren Bezeichnung sie nie zuvor gehört hat: "La schlague" besteht aus einer Lederpeitsche mit einer Bleikugel am Ende. Er trifft sie damit, ohne hinzuschauen.

Lise Lesèvre gibt sich nicht preis, sie lügt Barbie an, sie lügt und denkt: "Mein Gott, wie kann ich so lügen. Ich bin doch eine Katholikin", aber sie lügt, und sie lügt leidenschaftlich.

SPIEGEL-Quiz "7 mal 10"

Er stellt immer dieselben drei Fragen: "Wer ist Didier? Wo ist Didier? Sind Sie Didier?" Sie antwortet: "Ich weiß nicht, was Sie von mir wollen."

"Er war ja so dumm", sagt sie, "was für ein elender Polizist war Barbie. Er wollte nicht herausfinden, wer ich wirklich war. Er hatte nichts im Kopf, besaß nur dicke Fäuste. Ein Sadist. Foltern bedeutete ihm mehr als seine Beute."

Madame Lesèvre sitzt in ihrem Sessel und bändigt ihre Gespenster: Barbie, Max, die "Schiefe Schnauze", die Nächte in der Folterkammer und die Tage im Fort Montluc, ihrem Gefängnis. Ihre zerbrechliche Stimme bebt, sie gestattet sich jetzt auch ihre Tränen.

Eine Greisin klagt einen Greis an. Seit 43 Jahren sammelt sie ihre Kräfte, immer wieder hat sie ihr Gedächtnis überprüft, ihre Notizen aus dem Konzentrationslager. Geht sie auch nicht zu weit? Seit 43 Jahren schämt sich Lise Lesèvre, weil Barbie sie stets zwang, sich "ganz zu entkleiden". Wann immer sie sich ihrer Folter vergewissert, befürchtet sie, ihre Würde noch einmal zu verlieren: Mit all ihrem Stolz konnte sie sich nicht gegen die Schläge wehren.

Zur Verräterin wird sie nicht

Einmal spannt er sie an Händen und Füßen auf einen Tisch: "Wenn er zuschlug, war es, als würde ich auseinandergerissen." Mit ganz leiser Stimme berichtet sie von der Badewannenfolter, der tiefsten Erniedrigung. Barbie zerfetzt mit "la schlague" ihr Kleid, er tritt ihr die Schuhe von den Füßen. "Ziehen Sie sich ganz aus", schreit er. Die Badewanne läuft voll. Sie wird in das eiskalte Wasser gestoßen.

"Da verließ mich aller Mut", sagt sie, "ich bekam schreckliche Angst. Ich fror." Sie drückten ihren Kopf so lange unter Wasser, bis sie zu ersticken glaubte. "Wer ist Didier?" Sie schweigt- sie hat sich ihr Schweigen wie ein Gelübde auferlegt. Sie wird nicht zur Verräterin, zur Kollaborateurin wider Willen.

Ein Offizier aus Barbies Mannschaft, er ängstigt sie mit seinem Scharfsinn, bestätigt ihr eines Nachts, daß sie nicht vergebens leidet. Er hat sie durchschaut: "Wenn Sie wirklich nichts wüßten, wären Sie schon längst zusammengebrochen. Ich bewundere Sie", sagt er.

Im Morgengrauen transportieren Soldaten die Gefolterten ins Gefängnis. Unbemerkt von der Bevölkerung pendeln sie zwischen Fort Montluc und der Sanitätsschule hin und her. Wir sind unsichtbar, denkt Lise Lesèvre, niemand dort draußen weiß, wie sie uns quälen.

Obwohl nicht überführt, wird sie zum Tode verurteilt. Das Urteil wird auf deutsch verlesen, sie versteht nur ein Wort, es klingt im Französischen wie im Deutschen: Terrorist.

Ist ihre Passion vorüber? Nein, Barbie holt sie noch einmal zum Verhör, es wird furchtbarer als alle anderen. Sie ahnt, daß sie verraten worden ist. "Ich wußte es plötzlich", sagt sie. Barbie glaubt jetzt, daß Lise Lesèvre eine Vertraute von "Didier" ist, eine "grande dame" der Résistance.

Sofort hat die Gestapo ihren Mann und ihren kleinen Sohn verhaftet. Sie sieht, wie sie auf dem Gefängnishof ausgeladen werden. "Hätten sie meinen kleinen Jean-Pierre vor meinen Augen gefoltert, hätte ich gesprochen."

Doch Barbie verschont ihren Sohn. Mit einem Instrument, das sie bisher noch nicht spüren mußte, wirft er sich auf Lise Lesèvre. "Le knout", die Knute: An einer Kette schwingt eine stachelige Eisenkugel. Barbie, Max und "Schiefe Schnauze" wechseln einander ab.

Wie kann eine Frau das ertragen?

Als sie aus ihrer Ohnmacht erwacht, "ich fühlte mich wie lebendig begraben", befindet sie sich in einer anderen Welt. In einem schönen Raum, an den Wänden graue Tapete, auf dem Boden eine Vase mit einer einzelnen Rose, eine blonde Frau, tief dekolletiert, sitzt an einem Klavier. Ich habe den Verstand verloren, denkt sie. Barbie hat sich gegenüber der Folterkammer einen Salon eingerichtet.

Barbie kniet vor ihr, sanft spricht er auf sie ein. "Irgendwann", sagt er, "sprechen auch Sie." Er zählte die Namen aller Résistance-Chefs auf, den Gotha des Maquis, er weiß Bescheid. Sie schweigt. Dann hört sie ihn brüllen, zum letzten Mal: "Schluß jetzt. Liquidiert sie endlich!"

Max schleppt sie auf den Flur hinaus, sie blutet, "wie kein Mensch bluten kann". Bis zum 18. Mai dämmert sie, weder tot noch lebendig, im Gefängnishospital dahin.

Wie kann eine Frau das ertragen? "Das hätten Sie auch ausgehalten, wenn Sie so engagiert gewesen wären."

Am 19. Mai beginnt ihr Transport nach Ravensbrück. Ein Jahr später trifft sie, am Anfang ihres zweiten Lebens, in Paris ihren Sohn Georges wieder. Ihr Mann ist im KZ Dachau an Typhus gestorben, ihr Liebling Jean-Pierre wurde als KZ-Häftling unter alliierten Bomben begraben.

Sie opfert sich als Sozialarbeiterin für ehemalige Soldaten auf. Ihr zerschlagener Rücken schmerzt, oft kann sie kaum gehen. Sie hat nicht das Leben, das sie verdient hätte. Plötzlich erfährt sie, daß ihr Alptraum sie nicht verlassen hat. An einem Abend im Februar 1983, ihr Fernseher läuft ohne Ton, sieht sie Barbie auf dem Bildschirm.

Begegnung im Gefängnis

"Noch ehe ich ihn erkannte, fing ich an zu zittern." Barbie war nach Frankreich zurückgebracht worden. Als sie erreicht hatte, daß im Barbie-Prozeß auch das Martyrium der Familie Lesèvre behandelt wird, als Verbrechen gegen die Menschlichkeit, mußte sie ihrem Folterer, auf Anordnung des Untersuchungsrichters, noch einmal gegenübertreten; am 27. Januar 1987 im Gefängnis Saint-Joseph in Lyon.

Dieser alte Mann sollte Barbie sein? "Natürlich: Die Augen so hell wie früher. Das gleiche Irrlicht. Die Augenbrauen buschiger. Sein Blick war auch nicht mehr so schrecklich", sagt Madame Lesèvre; er schlug sie ja nicht.

Natürlich erinnerte sich Barbie nicht an Lise Lesèvre. "Ich soll Sie gefoltert haben?" fragte er. "Ich war Soldat, ich habe nie Frauen gefoltert." Jacques Vergès, sein Anwalt, lächelt.

"Also haben Sie Männer gefoltert?" denkt sie im stillen. Ein Geständnis! Sie triumphiert. Barbie wiederholt noch zweimal, daß er niemals Frauen gefoltert habe. "Er hat nichts begriffen", sagt Madame Lesèvre, "er ist kein Mensch: Kein Wort der Entschuldigung. Kein Wort des Mitleids."

Madame Lesèvre, eben noch heiter nach dem kleinen Triumph, ist auf einmal verstört. Sie zeigt dem deutschen Besucher ein Photo von Barbies Anwalt; das Photo scheint sich über die Folterkammer von Lyon lustig zu machen: Der berühmte Maître Vergès räkelt sich, für das Bilderblatt "Paris-Match", zutiefst unerschrocken in seiner Badewanne und liest Zeitung.

Vom Prozeß erwartet Madame Lesèvre "nicht allzuviel. Gerechtigkeit? Die Todesstrafe ist abgeschafft. Ich wünsche mir, sie kerkerten ihn in Fort Montluc ein, Zelle 27, in meiner Zelle. Eine Gruft aus kalten Steinen, ohne Wasser, ohne Wärme, ohne Trost. Montluc war schlimmer als der Tod". Zu spät: Fort Montluc ist das Frauengefängnis von Lyon geworden.

Ihre Angst vor Barbie hat sie überwunden. Sie fürchtet allein seinen Verteidiger: "Vergès wird die Résistance in den Schmutz ziehen." Er wird Frankreich, das Schlachtfeld des heroischen Maquis, besudeln. Ihr graut: Hat sie am Ende für eine Illusion gekämpft? Für Feiglinge geschwiegen? Sich für Mitläufer prügeln lassen? Für Kollaborateure gelogen? Und wurde sie nicht von einem Franzosen verraten?

"Ihre Namen müssen ans Licht"

Ein Fall von Verrat: Von einem Freundfeind angeschwärzt, dem er nie auf die Schliche gekommen ist, geht Mario Blardone am 2. Mai 1944 der Feldgendarmerie in die Falle. Er trägt eine Pistole. "Das bedeutete", sagt er, "den Tod für mich."

Ein paar Wochen vorher hatte der junge Automechaniker Blardone, von "Didier" zum Chef eines Einsatzkommandos gegen Gestapo und Kollaborateure befördert, den Befehl erhalten, Barbie und "Schiefe Schnauze" zu töten. Nun wird er von ihnen gefoltert und zum Jammerlappen erniedrigt.

Noch im April 1987 peinigen ihn seine Nachtmahre: ein von seiner Niederlage gedemütigter Kriegsheld. Dennoch brennt auch er darauf, seine Erschütterung zu offenbaren, seine unsichtbaren Wunden zu zeigen. Seine von Barbie beschädigte Biographie: Folter, Deportation, Konzentrationslager. Es drängt ihn, von dieser Erfahrung zu sprechen, von seiner Art, den Tod zu fürchten. Schuldgefühl eines Überlebenden?

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70 Jahre SPIEGEL: Die Gründerjahre - wie alles begann

Nur deshalb ist der Prozeß gegen Barbie so wichtig für ihn: weil nach seinem Zeugnis verlangt wird. Endlich darf er Bericht erstatten: Das haben Menschen Menschen angetan. Danach denkt er insgeheim, wird sich die Welt verändern.

"Nicht Barbie sitzt auf der Anklagebank", sagt Blardone. "sondern Hitler, die Nazis, der Nationalsozialismus." Und alle französischen Kollaborateure, die seinem Kommando entkommen sind, alle Verräter der Résistance. "Ihre Namen müssen ans Licht, ohne diese Franzosen wäre Barbie erfolglos geblieben."

Einige Franzosen nehmen ihm seine Bezichtigung übel: Blardone, von Morddrohungen verfolgt, verschweigt Wohnort und Details seines Rentnerdaseins. Das Vaterland, das er und Lise Lesèvre verteidigten, war auch die Heimat von Helfershelfern der Nazis.

Als Barbie 1971 in Bolivien aufgespürt worden war, sollte Blardone ein zweites Mal versuchen, ihn zu töten. Er lehnte ab: Der Dutzendnazi Barbie, "dieser schlechte Kommissar" mit seiner anfallhaften Grausamkeit, mußte in Frankreich vor Gericht gestellt werden.

Erst als Barbie wieder auftauchte, vermochte Blardone über sein eigenes Elend zu sprechen. Als Barbie wieder wirklich war, war auch sein Schicksal wieder real. "Vorher", sagt Blardone mit erregt-rotem Gesicht, "hätte mir niemand geglaubt." Weder seine Frau noch seine fünf Kinder.

"Meinen eigenen Schmerz habe ich Vergessen"

Aber hat er noch das Recht, sich zu empören? Nach 43 Jahren? Er ist 64, Barbie fast zehn Jahre älter. "Doch: Er hat uns nicht wie Soldaten bekämpft, sondern wie Untermenschen, die man ausrotten muß." Blardone ahnt, daß der Prozeß viel zu spät stattfindet. "Meinen eigenen Schmerz habe ich Vergessen", sagt er, "es geht ja gar nicht um mich!" Wie glaubwürdig wäre auch ein Ankläger, auferstanden vom Tod der Folter und der Konzentrationslager, der, ehrenvoll dekoriert als Offizier der Ehrenlegion, in ein ruhiges Familienleben zurückgefunden hat? Also handelt Blardone aufrichtig, ja pädagogisch, indem er die Internationale der Opfer vertritt, für sie hat er gelitten: "Solches Leid darf sich nicht wiederholen!"

Maître Jacques Vergès, der sich so gern in der Badewanne photographieren läßt, damit alle sehen, was für ein sauberer Anwalt er ist, Vergès verteidigt Barbie, indem er den Spieß umdreht. Er klagt an: Frankreich, den französischen Rassismus, Kolonialismus jeder Form die französische Armee im Algerienkrieg, die Résistance. Die Juden.

Jacques Vergès, Barbies Verteidiger (1987 in Lyon)
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Jacques Vergès, Barbies Verteidiger (1987 in Lyon)

In seinem einsamen Büro nahe dem Pariser Boulevard de Clichy, wo er, beschützt von einem algerischen Leibwächter, vor seinem deutschen Besucher den großen Auftritt probt, gesteht Vergès, 62, ohne Scham, "daß Barbie für mich nur ein Vorwand ist". Vergès ist, als Sohn einer Vietnamesin, vom Rassismus gezeichnet.

"Wer ist schon Barbie?" fragt Vergès mitleidig, "was hat er noch groß zu erwarten? Ein Greis, krank, hinfällig. Er war nur ein kleiner Leutnant, ein Befehlsempfänger." Doch gleich besinnt er sich wieder auf seine Strategie: "Barbies Geist allerdings ist intakt."

Vergès droht, er liebt sinistre Andeutungen: "Er weiß viel. Er weiß noch alles, was geschehen ist. Ganz gewiß kann er sich nicht mehr an jeden Monsieur Dupont erinnern, den er gefoltert hat.

Weiß er denn, wer den Résistanceführer Jean Moulin an die Gestapo verraten hat?

Vergès: "Aber gewiß! Er hat Moulin ja selber verhaftet."

Doch nicht um Barbie zu verteidigen, zieht Vergès in die Schlacht von Lyon, sondern um Frankreich & Konsorten anzugreifen. "Die Schandtaten ihrer Soldaten im Algerienkrieg mit seiner Million toter Männer, Frauen und Kinder", ruft Vergès, "hat die französische Justiz amnestiert. In verdächtiger Hast. Weshalb wurden Barbies angebliche Schandtaten nicht ebenso verziehen? Barbies Verbrechen dagegen sollen auf einmal unverjährbar sein? Warum?"

Der Anwalt spielt große Oper

Vergès will diesem "heuchlerischen Frankreich" den Prozeß machen, französische Opfer der Nazis gegen algerische Opfer der Franzosen verrechnen; eine absurde Buchhaltung. "In Lyon beginnt ein Alibi-Prozeß", sagt Vergès, "mit einem Alibi-Unhold. Die Résistance, sogar die Juden, wollen Barbie verurteilen, um von sich selber, von ihrer Grausamkeit und ihrer Mittäterschaft abzulenken."

Doch er, Jacques Vergès, werde sagen - Vergès erhebt sich von seinem Schreibtischsessel, schwingt seine Zigarre und marschiert in seinem schönen Armani-Anzug durchs Büro -, "ich werde sagen, daß auf dem Richterstuhl Verbrecher sitzen. Sie haben sich in Algerien ebenso schuldig gemacht wie die Nazis in Frankreich."

Aber kann man Auschwitz, die planvolle Vernichtung der Juden, mit Kriegsgreueln vergleichen?

Beinahe geht ihm seine stürmische Eloquenz durch: "Barbie wußte von nichts. Auschwitz geschah hinter seinem Rücken. Sie aber spielen sich als Moralisten auf, damit man Algerien vergißt. Weil sie wissen, wozu sie fähig waren unter der Nazibesatzung, diese Kollaborateure, wollen sie sich selber in Barbie bestrafen. Wie können Rassisten über einen Rassisten urteilen?"

Vergès und Barbie beim Prozess
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Vergès und Barbie beim Prozess

Vergès aber spielt große Oper: "Ich, ein Mann der extremen Linken, verteidige einen Nazi. Allein trete ich gegen 40 oder 50 Nebenkläger an. Alle sind gegen mich. Ich bin auf der Seite von Barbie, weil er, als allerletzter Sündenbock, dem schlechten Gewissen Frankreichs geopfert werden soll."

"Alles, was man jetzt gegen ihn vorbringt, ist nachträglich erfunden worden", sagt er: "C'est de la propaganda." Er bemüht sich, das Goebbelswort deutsch auszusprechen.

"Wer ist schon Barbie?" fragt Vergès noch einmal. "Frankreich hat längst keine Angst mehr vor ihm. Doch mich, Vergès, fürchten sie. Ich bin der Stachel in ihrem Fleisch, ich gehe ihnen entsetzlich auf die Nerven."

Aber Barbie hat doch die Kinder von Izieu nach Auschwitz geschickt!

"Eine Lüge!" ruft Vergès.

Aber es gibt doch das Fernschreiben mit seiner Unterschrift!

"Es ist gefälscht! Das werde ich im Prozeß beweisen. Diese Überraschung für Maître Klarsfeld hebe ich mir für Lyon auf." Vergès lacht sorglos: "Denken Sie, heute abend spricht auch nur ein Franzose beim Essen über Barbie? Außer Beate und Serge Klarsfeld keiner."

"Er darf nicht davonkommen"

Serge Klarsfeld lebt seit mehr als 17 Jahren mit den toten Kindern von Izieu; solchen Spott spürt er nicht. Seine Frau Beate hat Barbie 1972 in Bolivien gestellt, er selber das von Vergès angefochtene Fernschreiben ausgegraben: eine Vollzugsmeldung über die Festnahme von "41 Kinder(n) im Alter von 3 bis 13 Jahren. Gez. Barbie, SS-Obersturmführer". Was soll daran falsch sein?

"Es geht nur um Gerechtigkeit", sagt Klarsfeld unsentimental, "Mörder müssen bestraft werden. Wie könnten wir noch Bankräuber verurteilen, wenn ein Mann wie Barbie sich davonstiehlt?"

Beate und Serge Klarsfeld
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Beate und Serge Klarsfeld

Barbie, sagt Klarsfeld, ist kein Symbol, weder Metapher noch Alptraum. "Weshalb sollte er uns ängstigen? Für die Gefolterten oder für die Kinder von Izieu war er der Teufel, aber sonst? Ein mieser Funktionär!"

Als Barbie in Lyon festgesetzt wurde, sagt Klarsfeld ganz unfanatisch, ganz milde, von seiner Arbeit befriedigt, "da war es, als ob die Sonne der Gerechtigkeit leuchtend über Frankreich erstrahlte. Er darf nicht davonkommen, wie auch immer das Urteil ausfallen mag. Ob die Beweise reichen, werden wir sehen".

Es war, in Barbies Tagen, lebensgefährlich, ein jüdisches Kind zu sein. Die Existenz eines Juden war unauslöschlich festgeschrieben, sie war unausweichlich, unwiderruflich. Um für Résistance oder Kollaboration Partei zu ergreifen, war bedachte Parteinahme erforderlich. Doch Jude blieb Jude.

Klarsfeld, 51, lobt sein Vaterland, obwohl es seine Eltern nicht vor der Gaskammer bewahren konnte. "240000 Juden in Frankreich sind der Endlösung entgangen; 80000 wurden umgebracht. Die Franzosen ließen die Pogrome schließlich nicht mehr zu!"

Die Kinder von Izieu wurden freilich verraten. "Da war ein Judas im Dorf", sagt Marie Thibaudier, "Barbie hatte einen Bauern gekauft, so muß es gewesen sein. So schwer, wie Izieu zu finden ist!" So versteckt zwischen Weinbergen, dunklen Wäldern und den Felswänden der grauen Kalkberge, etwa 70 Kilometer östlich von Lyon, abseits der Landstraße. "Da war Geld im Spiel." Frankreich, Heimat der Vernunft: Alles läßt sich erklären. Nüchtern und rational.

Die Verwirrung des Entsetzens

Madame Thibaudier - Louis, ihr Mann, ist im vorigen Herbst gestorben - bewohnt seit 1950 das alte Kinderheim von Izieu, jene verborgene "Colonie enfant", in der Barbie am 6. April 1944 "41 Kinder... und das gesamte jüdische Personal, bestehend aus 10 Köpfen ausgehoben" hat. "Inzwischen sind wir alle älter geworden", sagt Madame Thibaudier, 77, "die Dinge verlieren ihre Bedeutung."

Und die Kinder? Nur ein Jahr waren sie dort oben in Sicherheit gewesen. Kleine Franzosen, Belgier, Deutsche Österreicher, ein Pole: von Adelsheimer, Sami, bis Zuckerberg, Emile.

Die Thibaudiers kauften das alte Herrenhaus, weil es so billig war, eine Ruine. Längst hatten Schnee und Regen die Vergèssenen Habseligkeiten "der kleinen Juden" verdorben. Der Brunnen vor dem Haus war versiegt.

Seit dem Tod ihres Mannes sind Haus und Garten für Madame Thibaudier zu groß geworden. Unter der breiten Terrasse gackern ihre roten Hühner. Die Thibaudiers waren einverstanden, als Sabina Zlatin rechts neben den grünen Haustüren eine Gedenktafel anbringen wollte. Madame Zlatin, Directrice der Kolonie, war Barbie nur deshalb nicht zum Opfer gefallen, weil sie an jenem Tag ein besseres Versteck suchte, tiefer im Süden, sicherer als Izieu.

Auf ihrer Gedenktafel wird die Tragödie nicht genau genug erzählt. Barbie kommt nicht vor. Daß es jüdische Kinder waren, die verschleppt wurden, wird nicht erwähnt. Ihre Zahl ist falsch angegeben. Auschwitz wird mit zwei S geschrieben, wie SS: die Verwirrung des Entsetzens.

Unter dem Epitaph welken bunte Blumen, sie werden gelegentlich erneuert von Madame Zlatin, deren Glück stärker war als Barbies Mordlust. Der vagen Inschrift zum Trotz wurde später in ihrem Haus bei Izieu ständig eingebrochen, alle Zimmer wurden unermüdlich verwüstet, so daß die Polizei von Belley ihr riet, es zu verkaufen.

Ganz oben im Dorf, das sich mit grauen Häusern gegen den Berg stemmt, haust, gleich hinter der Kirche, Julien Favet, 72, ehemaliger Knecht. Er behauptete, alles gesehen, sogar Barbie erkannt zu haben. Je farbiger er seinen Bericht ausmalte, desto gläubiger hörte man ihm zu. Doch als der Prozeß näherrückte, begann Fauvet, seine Aufschneidereien zu Vergèssen.

"Man konnte keinem Menschen trauen. Überall Verräter"

An diesem kalten Aprilmittag hockt der alte Mann, eine gewaltige blaue Baskenmütze aufgestülpt, in seiner kahlen Stube. Er verzehrt, das kreischende Kinderprogramm als einzigen Gast, ein großes Stück Fleisch.

"Hauen Sie ab!" ruft er dem deutschen Besucher zu, "ich habe alles gesagt. Ich sage nichts mehr. Lassen Sie mich in Ruhe!" Hat er Angst?

Unten in La Bruyère, an der Weggabelung, dort unten erhebt sich eine Marmorsäule, ein Denkmal für die Kinder von Izieu. Seit Jahren wird es mit Hakenkreuzen beschmiert.

Im Café de la gare, gleich dahinter, sah die Wirtin Paulette Candy die Lastwagen vorbeirasseln: "An jenem Gründonnerstag schien die Sonne so hell, es war so warm. Die Kinder sangen ein altes kämpferisches Volkslied. Vielleicht hatten sie für einen Augenblick vergessen, daß sie Angst haben mußten? Vielleicht sangen sie, um sich Mut zu machen?"

Unter Tränen erinnert sich Madame Candy, 71. "Wir wußten alle", sagt sie, "daß die dort oben in Gefahr waren. Wir sahen sie jeden Tag. Schlimme Zeiten: Man konnte keinem Menschen trauen. Überall Verräter." Madame Candy möchte dieses Kapitel endlich abschließen. Nach dem Prozeß, hofft sie, wird auch sie von ihrer Vergangenheit nicht mehr belästigt werden.

Ein Jahr lang waren die Kinder auf der Hut gewesen. Hatten Wachen aufgestellt. Das Rasseln der Lastwagen hätte das enge Tal rechtzeitig alarmiert. Sie sahen ihre Entdeckung voraus: Schon im Frühjahr 1943 hatte Léon Reifman den Erzbischof von Chambéry gebeten, jüdische Kinder in den katholischen Heimen seiner Diözese verstecken zu dürfen. Undenkbar: Monsignore Costa de Beauregard bedauerte - nein.

"An diesem Morgen dachten alle nur an Ostern", sagt Léon Reifman, "die Wachen hatten frei." Léon, damals 30, Medizinstudent im dritten Studienjahr, hatte bis zum Herbst in Izieu gearbeitet. Nun wollte er seine Eltern und Sarah, seine große Schwester, besuchen, Lehrer im Heim. Es war kurz vor neun, als er die Familie umarmte. Die Frühstücksglocke bimmelte. Er wollte loslaufen, da sah er drei Männer. Sie gingen auf das Haus zu, der mittlere trug einen hellen Gabardinemantel, die anderen blaue. Der in der Mitte hatte einen weichen Hut auf. Sie starrten einander an.

"Tief innen weiß ich, er war es"

Léon Reifman, ein weißhaariger alter Herr, hat in seinem Haus an der Dronne noch immer keine Ruhe gefunden. "Ich sehe das wie ein Photo vor mir, im tiefsten Inneren meines Herzens. Dieser Moment ist auf ewig in mein Gedächtnis eingegraben: Der Mann in der Mitte war für mich Barbie. Einer seiner Begleiter rief mir zu: ,Kommen Sie herunter!'"

Reifmans Schwester schrie: "Hau ab, die Deutschen sind da." Überall waren jetzt deutsche Soldaten. Léon sprang aus dem Fenster, in den Garten hinter dem Haus. Die Soldaten legten auf ihn an, einer brüllte auf deutsch: "Ein Mann springt durchs Fenster."

Der Mann, Léon Reifman, verbarg sich unter einem Busch, der längst von den Thibaudiers gerodet ist. "Die Soldaten durchsuchten jeden Winkel", sagt er, "Gewehr im Anschlag. Sie sahen mich. Sie müssen mich gesehen haben, aber sie wollten mich nicht finden." Er lag unter seinem Busch und hörte die Deutschen im Haus brüllen: "Los, los, schnell, schnell!" Die Kinder weinten. Dann rasselten die Lastwagen davon.

Irgendwie kam Reifman durch. Im Frühjahr 1945 traf er im Pariser Hotel Lutetia, dem Treffpunkt der geretteten Deportierten, die Lehrerin Léa Feldblum aus Izieu, sie hatte als einzige überlebt. Sie rettete sich später nach Israel, wo sie heute wohnt, unberührbar in ihre Erinnerungen eingesponnen.

Reifman richtete sich als Arzt in der Dordogne ein. Irgendwann würde Barbie aus dem Nichts auftauchen, in dem er verschwunden war. Im Herbst 1986 hatte der Nebenkläger Reifman im Gefängnis Saint-Joseph in Lyon dem Untersuchungsgefangenen Klaus Barbie einen hellen Gabardinemantel und einen weichen Hut mitgebracht; Kleidung wie damals. Barbie sollte das anziehen, damit Reifman endlich Gewißheit erhielte. Der Richter erlaubte es nicht.

"Barbie hatte sich bestimmt verändert", sagt Reifman, "doch er könnte der Mann in der Mitte gewesen sein. Die gleiche Hakennase. Tief innen weiß ich, er war es. Doch beschwören? Nein!"

Jetzt noch Rache? Wofür?

Reifman, geläutert von 43 Jahren Geduld, hat sein Recht auf Rache aufgegeben. Er wünscht sich nur eines: "Barbie soll sich entschuldigen. Soll sagen: Es tut mir leid. Es war ein Befehl. Ein menschliches Wort nur, und wenn es gelogen wäre." Wäre dann sein zersprungenes Weltbild wieder heil?

34 der Kinder von Izieu, begleitet von vier ihrer Lehrer, wurden am 13. April 1944 vom KZ Drancy bei Paris auf die Todesreise geschickt. Der Transport Nummer 71 beförderte 1500 Juden nach Auschwitz. In jedem Viehwaggon 60 Menschen zusammengepfercht. Im viertletzten Waggon stand Edith Klebinder, von Barbies Gestapo in Lyon festgenommen, "weil ich Jüdin war, das war mein einziges Verbrechen".

Sie kam zurück, nun will sie bezeugen, wie die Kinder von Izieu in Auschwitz-Birkenau endeten. Madame Klebinder, in Wien geboren, ist so alt wie Barbie, sie brennt darauf, sprechen zu dürfen: Sie sah, wie die Kinder den letzten Waggon verließen, beobachtete, wie auch sie "von SS-Frauen" empfangen wurden. Hörte die Erwachsenen bei den Kindern sagen: "Wir müssen zusammenbleiben, wir sind praktisch ihre Eltern." Am 16. April fragte Edith Klebinder nach den Kindern. Eine alte Frau, die sich in Auschwitz auskannte, antwortete: "Siehst du nicht die Schornsteine rauchen? Das sind sie."

Lyon 1987: Demonstranten vor dem Gerichtsgebäude
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Lyon 1987: Demonstranten vor dem Gerichtsgebäude

Lyon 1987: Barbie ist anwesend, aber nicht gegenwärtig. Im Musee de la Résistance et de la Déportation ist die Wärterin mit den einschüchternden Reliquien der Erniedrigung allein. Zwei Säle: In einer Ecke stehen die zierlichen Möbel jenes Salons, in dem, so die Résistance-Saga, der große Jean Moulin überrumpelt wurde. Der Name Barbie taucht nirgendwo auf. Sinnlos, wie Requisiten eines abgesetzten Stücks, stehen die Vitrinen und Schautafeln herum, schäbig geworden beim Vergessenwerden.

Am Haus Nr. 12 in der engen dunklen Rue Sainte-Catherine gedenkt eine weiße Marmortafel der 86 jüdischen Gemeindemitglieder, die hier am 9. Februar 1943 von Barbies Gestapo verhaftet wurden. Daß sie fast alle in den Gaskammern umkamen, überrascht den jungen Mann, der die Sauna im zweiten Stock leitet. Auch Barbie ist ihm nicht bekannt. Im Pub "The Albion" im Erdgeschoß wird englisches Bier ausgeschenkt, kein deutsches.

Auf der riesigen Place Bellecour im Zentrum von Lyon starrt der bronzene Sonnenkönig, hoch zu Roß, auf einen überlebensgroßen nackten Helden: Er verkörpert den unbesiegbaren Widerstand, beschwört die Hinrichtung von fünf Geiseln am 27. Juli 1944 herauf. Eine von ihnen war "Didier", das Idol von Lise Lesèvre und Mario Blardone.

Der Historiker Joseph Rovan, 69, einst Ausbilder von Résistancekämpfern bei Lyon, wurde in Paris gefaßt, "zum Glück nicht von Barbie". Er hat das KZ Dachau hinter sich und sagt trotzdem: "Der Prozeß ist belanglos. Alles geklärt. Frankreich hat seine Vergangenheit unaufhörlich bewältigt, die Kollaboration wie die Greuel in Algerien. Nichts haben die Franzosen verdrängt - nichts!"

Jetzt noch Rache? Wofür? Man hätte Barbie in Bolivien ermorden sollen, sagt Rovan, oder "ihn im Flugzeug abspritzen!"

Zu spät. Der Prozeß beginnt.

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