A7 Deutschlands Durchschnitt

Harz und Heide, Metropolen und Provinznester, Atomkraftwerke und Spitzgiebelhäuschen: Die 945,6 Kilometer lange Autobahn 7 teilt Deutschland einmal mittendurch. Wer auf der Nord-Süd-Achse fährt, erlebt einen Querschnitt der Republik. Was ist Ihr Bild der A7?

DPA

Von Jürgen Pander


Autobahnraststätte Riedener Wald, das klingt nicht gerade nach Party Location. Doch für 18-jährige Jungspunde im Unterfranken der beginnenden Helmut-Kohl-Ära war dieser Ort ein Ziel, das die Anfahrt lohnte. Alle anderen Gaststätten der Region schlossen schon um 1 Uhr nachts - viel zu früh für einen Trupp Halbstarker, der mit VW Scirocco, Käfer und einem Citroen 2 CV unterwegs war. Im Rasthaus an der A7 wurde durchgehend serviert. Außerdem stellte sich dort ein lang ersehntes Gefühl ein: Mit dem frisch erworbenen Führerschein in der Tasche gehörten wir nun wirklich zur Erwachsenenwelt - auch wenn wir noch zur Schule gingen.

Die Raststätte Riedener Wald ist eine von insgesamt 27 Rastanlagen an der Bundesautobahn 7. Sie liegt zwischen dem Kreuz Schweinfurt und der Anschlussstelle Gramschatzer Wald, zwei von insgesamt 138 Auf- und Abfahrten zwischen den Grenzübergängen Ellund im Norden und Füssen ganz im Süden. Dazwischen dehnt sich das graue Band der A7 aus, das sechs Bundesländer quert. Der erste Streckenabschnitt wurde im Jahr 1937 zwischen Kassel und Göttingen eröffnet. Bis auf eine 16,7 Kilometer lange Lücke vor dem Grenztunnel bei Füssen, die derzeit geschlossen wird, teilt die A7 Deutschland einmal in der Mitte.

Diese Straße ist der Goldene Schnitt Deutschlands - so abwechslungsreich, aber auch so durchschnittlich wie das ganze Land.

In Illertal-Ost bäckt der Architekt

Für mich, den Unterfranken, der vor 20 Jahren nach Hamburg zog, ist diese Nord-Süd-Achse die wichtigste Verbindung in meine Heimat. Darüber hinaus ist sie die Route, die in den Urlaub führt - ganz gleich ob am dänischen Strand oder auf Österreichs Skipisten. Stets steuere ich die vertrauten Plätze an: die neue Rastanlage bei Göttingen, weil sich da nach dem Aufbruch in Hamburg erstmals der kleine Hunger meldet. Die Raststätte Allgäuer Tor, von der man bei guter Fernsicht das erste Mal nach dem Aufbruch in der norddeutschen Tiefebene die Gipfelkette der Alpen erblickt.

In der Gegenrichtung, also von Süd nach Nord, gehört zu einer klassischen A7-Tour ein Besuch von Illertal-Ost, Deutschlands einziger "Kunst-Raststätte", die aussieht, als hätte ein überschwänglicher Konditor als Architekt gewirkt. Der Österreicher Herbert Maierhofer entwarf das kunterbunte Zuckerbäcker-Ensemble, das von zahlreichen Besuchern ebenso hartnäckig wie falsch Friedensreich Hundertwasser zugeordnet wird. Dafür stammt von diesem der Bahnhof Uelzen in der Lüneburger Heide, gut 40 Kilometer von der A7 und der Abfahrt Soltau-Ost entfernt. Auch der gehört irgendwie zur A7 dazu.

Ozeanriesen und Containergebirge

Wegen der vielen Kurven und Kuppen fährt sich die A7 am schönsten auf den rund 300 Kilometern zwischen dem Dreieck Salzgitter und dem Kreuz Biebelried. Da kommt beim Lenken richtig Freude auf. Die straßenbaulichen Besonderheiten der A7 liegen dagegen eher nördlich: vor allem die eineinhalb Kilometer lange Europabrücke über den Nord-Ostsee-Kanal bei Rendsburg und der Elbtunnel. Dieser unterquert in Hamburg mit vier Röhren die Elbe und geht praktisch direkt in die längste Brücke Deutschlands über: die Hochstraße Elbmarsch, die auf Stelzen etwa 4,4 Kilometer durch den Hafen führt. Auch Fahrer in flachen Sportwagen haben hier einen Blick auf Verladekräne, Kai-Anlagen, Ozeanriesen und Containergebirge.

Die A7 hat noch mehr Höhe-Punkte. Zwischen Göttingen und Kassel spannt sich die Werratalbrücke in einer Höhe von 60 Metern über die Werra. Ebenso hoch und mit mehr als 900 Metern auch rund doppelt so lang ist die Mainbrücke bei Marktbreit. Kurz bevor die A7 die Schwäbische Alb erklimmt, geht es dann wieder unter die Erde: im Virngrund- und im Agnesburgtunnel. Wenn man wieder aus dem Erdreich auftaucht, weitet sich schon bald, kurz vor der Anschlussstelle Dietmannsried, der Blick bis zum Alpenhauptkamm.

Fahrt durch die Historie

Wer die A7 komplett fährt, erlebt den buchstäblichen Querschnitt Deutschlands. Zum einen landschaftlich: Marsch und Heide, Harz, Weserbergland, Rhön und Alb, das Maintal und die Donauniederung und schließlich die Alpen. Zum anderen hat eine Fahrt auf der A7 auch eine sozialpolitische und sogar eine historische Dimension: Sie führt durch Großstädte und Industrieregionen, dicht vorbei am ehemaligen Konzentrationslager Bergen-Belsen, an den dampfenden Kühltürmen des Atomkraftwerks Grafenrheinfeld, sowie an der "Roswithastadt" Bad Gandersheim, die so heißt, weil hier vor mehr als tausend Jahren Roswitha von Gandersheim lebte, die erste namentlich bekannte Schriftstellerin in Deutschland. Von der A7 erkennt man den Herkules in Kassel ebenso wie die Spitzgiebel des Fachwerk-Kleinods Rothenburg ob der Tauber.

Zum ersten Mal "Autobahn"

Die Idee zu einer Nord-Süd-Verbindung durch Deutschland entstand in den zwanziger Jahren. Damals entwickelte der "Verein zum Bau einer Straße für den Kraftwagen-Schnellverkehr von Hamburg über Frankfurt am Main nach Basel" - kurz HaFraBa - erste Pläne für die Route. Der nördliche Teil dieser Strecke entspricht heute ungefähr der A7, die somit zu den ältesten Fernstraßen ihrer Art gehört. Der erste Streckenabschnitt der heutigen A7 wurde 1937 zwischen Kassel und Göttingen für den Verkehr freigegeben. Der damalige Vereinsvorsitzende der HaFraBa, Robert Otzen, soll den Begriff "Autobahn" geprägt haben, offenkundig in Anlehnung an das Wort "Eisenbahn". 1932 gab sich die Zeitschrift "HaFraBa", die über den Fortschritt ihres Straßenprojekts berichtete, den Namen "Autobahn".

Die Nazis nahmen die Pläne begeistert auf. Ihre Propaganda zum Autobahnbau betonte stets die Schaffung von Arbeitsplätzen - und der Gedanke eines Netzes auch militärisch nutzbarer Fernstraßen gefiel den neuen Machthabern ebenfalls. Beides jedoch blieb ein Wunschbild. Statt der von Hitler großspurig verkündeten 600.000 Arbeitsplätze fanden durch den Autobahnbau je nach Quelle und Zählung lediglich 125.000 bis 250.000 Menschen vorübergehend eine Arbeit. Bis zur kriegsbedingten Einstellung aller Bauarbeiten an den Reichsautobahnen wurden nur 3860 Kilometer fertig gestellt. Heute umfasst das Autobahnnetz in Deutschland mehr als 12.000 Kilometer.

Der längste Einzelabschnitt dieses inzwischen doch recht engmaschigen Rasters ist die A7, die zugleich auch die längste nationale Fernstraße Europas ist. Noch immer wird die Strecke auch von jungen Leuten genutzt, die zu später Stunde Zerstreuung suchen. Vielleicht nicht mehr so sehr in den Raststätten entlang der A7 - aber in den Diskos. Zwei haben sich sogar nach der Autobahn benannt: der "A7-Musikpark" in Kassel und die Disko "A7" in Neu-Ulm. Schöner deutscher Durchschnitt eben.



insgesamt 5 Beiträge
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Christoph Horn, 16.11.2007
1.
Ist es moralisch nicht zutiefst verwerflich über die Bundesautobahn 7 zu schreiben, da sie doch zum deutschen NS-Autobahnprojekt zählte und der erste Streckenabschnitt 1937 geöffnet wurde?
Florian Burgemeister, 16.11.2007
2.
Lebensader A7: Von FREUD und LEID! Zwar lag es mir bisher fern, eine persönliche Bindung zur A7 aufzubauen bzw. ihr einen tieferen Sinn für mein Wirken zu verleihen(, was wohl in den quälenden Staustunden rund um den Elbtunnel begründet liegt), aber bei der Lektüre des Textes fiel mir auf, dass einige Stationen meines Lebens in der Tat mit der längsten nationalen Autobahn Europas verbunden sind. Um von meinem Wohnsitz in Niedersachsen (Auffahrten Ramelsloh oder Fleestedt) zu meiner Freundin in Schleswig-Holstein (Abfahrt Quickborn)zu gelangen, muss ich zwangsläufig das Automobil bemühen und: Welchen ein GLÜCK, dass es dafür die A7 gibt! Doch eines kalten Wintertages verkehrte sich dieses Glück auf dem Heimwege kurz hinter der Raststätte HARBURGER BERGE urplötzlich in sein Gegenteil: BLITZEIS - Auto schrott - welch ein UNGLÜCK! Wie man sieht, verhält es sich mit der A7 wie mit vielen Dingen im Leben: Glück & Unglück, Freud & Leid liegen bisweilen eng beieinander! Ach ja,und: Autobahnen gehen scheinbar doch...
Christoph Brüning, 16.11.2007
3.
"Wegen der vielen Kurven und Kuppen fährt sich die A7 am schönsten auf den rund 300 Kilometern zwischen dem Dreieck Salzgitter und dem Kreuz Biebelried." Dem kann ich nur bedingt zustimmen. Mit einem etwas schwachbrüstigen Auto und schlechter Sicht oder Dunkelheit mutiert diese eigentlich wirklich schöne Strecke in eine der anstrengendsten und vom Gefühl her unsichersten, die ich in Deutschland kenne. Jekyll und Hyde der Bundesautobahnen. Aber vielleicht gehört das zu A7 auch dazu...?
Joachim Holstein, 16.11.2007
4.
Die A7 kann eigentlich nicht die "längste nationale Fernstraße Europas" sein. Ich kenne mich nicht mit den Staßennummern in Russland oder der Ukraine aus, aber in Spanien kenne ich die N-340, und die führt von Barcelona die ganze Mittelmeerküste entlang und an Gibraltar vorbei bis Cádiz. Das sind rund 1.100 km.
Maximilian Gauger, 17.11.2007
5.
Die A7, welch ein Thema! Freud und Leid, Lächeln und Ärger, tausende Kilometer im Laufe der Zeit mit freudiger Erwartung zur Freundin unterwegs, wiederum tausende Kilometer mit sehnsüchtigen Gefühlen in der Gegenrichtung. Die Route in den Urlaub, ob Dänemark oder Österreich. Völlig leer am Sonntagabend zwischen Ulm und Würzburg, und dann wieder im Stau am Freitagnachmittag kurz nach Hildesheim. Der grandiose Blick auf die ICE-Brücken und der Blitzer an der Werratalbrücke. Zeiten, in denen ich jede Kurve und jede Geschwindigkeitsbegrenzung zwischen Ulm und Hildesheim kannte. Ich trauere der Kilometerfresserei nicht nach. Doch irgendwie, A7, bist Du mir ans Herz gewachsen in Deiner Nüchternheit und Deinem Querschnitt durch Deutschland. Deiner Route von den Bergen ans Meer, wo an jeder Raststätte ein anderer Dialekt erklingt. Was wäre Deutschland ohne Dich?
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