Abenteuer Trampen Nimm! Mich! Mit!

Bahncard? Billigflieger? Früher eroberten Jugendliche Deutschland und die Welt noch per Anhalter von Ausfallstraßen und Autobahnraststätten aus - und erlebten Freiheit, Frust und reichlich Abenteuer. Heute würden nicht mal die Tramper von einst ihren Kindern solche Touren erlauben.

Uli Booms/W. Tent

Die Kasse war leer, die Wege lang und der Drang in die weite Welt groß. Also reisten wir per Anhalter - erst in unserer Stadt und unserer Gegend, dann durch Deutschland und später auf langen Touren durch andere Kontinente. Es war eine geniale Art und Weise, den budgetbedingt begrenzten Radius des Fußgängers und Radfahrers ohne Kostenexplosionen zu erweitern.

Trampt man heute noch? Ich sehe sie kaum noch, die Gestalten mit Rucksäcken, Gitarren und all den anderen typischen Accessoires (Isomatten-Rollen!) an den strategischen Punkten an den Ausfallstraßen am Stadtrand. Im Internet findet man zumindest ihre Schatten noch; eine ganze Reihe von Websites widmet sich Themen rund um das Trampen - organisatorische Tipps, sogar Trampervereine.

Das allerdings erscheint mir als Widerspruch in sich. Trampen war immer das genaue Gegenteil einer durchorganisierten Reise; es lockte gerade das unplanbare, unvorhergesehene, das Sich-Treiben-Lassen im großen, brodelnden Strom des Lebens. Kurz: Trampen bedeutete Abenteuer in einer ansonsten verwalteten Welt. Und Freiheit: Komm' ich heut nicht, komm' ich morgen. Geht's nicht dahin, fahr ich dorthin.

Im Ford fortfahren

Freiheit - ja, schon. Andererseits sind Tramper abhängig von anderen. Das zwingt sie, schnell streetwise zu werden, "straßenklug". Wir etwa entwickelten bald eine eigene Typologie für Autos und Personen: Wir unterschieden nach Wagentypen, Nummernschildern und, wenn wir dann drinnen auf dem Beifahrersitz saßen, nach Motiven für das Mitnehmen. Autos älterer Bauart standen im Ranking weit oben, allen voran die typischen Studentenautos: VW Käfer (mit Gepäck eine Qual) und VW Bullis (oft unbequem, weil Matratzenlager bei längerer Fahrt nicht als Sitzmöbel taugen), Renault 4 (brachen unter der Zusatzbelastung meist extrem mit der Geschwindigkeit ein) und natürlich die Ente (auch ohne Gepäck schon lahm).

Abgelegte Fords und Opels vom Papa waren auch eine Kategorie für sich. Da saßen meist Leute drin, denen es peinlich war, ein Auto zu besitzen und die deshalb den Raum wenigstens teilen wollten, des sozialen Gewissens wegen. Oder warum belud ein junger Mann seine untermotorisierte Karre gleich mit dreien von uns, um sie dann über den Katschbergpass zu quälen?

Dann gab es noch die Vertretertypen: joviale Herren in dicken Schlitten, denen es langweilig war und die beim Kilometerschrubben Unterhaltung wollten. Von denen bekam man aber immer nur einen Lift, wenn weit und breit keine weibliche Konkurrenz an der Autobahnraststätte stand. Aber wenn es klappte, war dafür meist auch ein Mittagessen drin.

"German Students" in Pfadfinderkluft

Unser Traum war, trampend Kanada zu durchqueren - ein Traum, den mein Freund und ich uns 1976 tatsächlich erfüllen konnten. Von Montreal nach Vancouver am Pazifik und über die Nordroute wieder ostwärts nach Halifax an der Atlantikküste und dann zum Ausgangspunkt Montreal. Zeitbudget: solange, wie das Geld reicht, spätestens aber Semesterbeginn.

Nur unsere innerdeutsche Trampersoziologie half uns bei dieser Tour nichts. Wir lernten einmal mehr von der Pike auf, den besten Standort nach Sichtbarkeit und Haltemöglichkeit zu wählen. Wir analysierten die Verkehrsströme am Stadtrand, um den Feierabend- und Urlaubsverkehr zu umgehen. Wir warben mit dem Schild "German Students" um Vertrauen und reaktivierten sogar unsere schon eingemottete Pfadfinderkluft, um uns als Mitreisende zu empfehlen.

Fotostrecke

19  Bilder
Reisen als Anhalter: Daumen hoch - und raus in die Welt

Der Reiz des Reisens als Anhalter liegt in den schicksalhaften, wenig beeinflussbaren Abläufen. Zum Beispiel dem Warten. Dem manchmal endlosen Warten. Einerseits war man zum Nichtstun verdammt, musste aber andererseits sofort auf dem Sprung sein. Keine gute Ausgangsbasis für konzentrierte Nebenbeschäftigungen. Mal klappt es, man hatte einen Lauf; stieg aus dem einen Auto aus, stieg fünf Minuten später wieder in das nächste ein und hatte am Abend Hunderte von Kilometern hinter sich gebracht.

Kaffeefahrten im Familienverband

Und dann ist es wieder vorbei. Man steht und steht und steht und steht. Kein Wagen weit und breit. Oder, noch frustrierender: Potentielle Mitnehmer in Massen - und nicht einer hält an. Ein häufiges Phänomen an Sonntagnachmittagen übrigens, verursacht durch Kaffeefahrten im geschlossenen Familienverband.

An so einem Tag quälten wir uns aus Edmonton heraus, hatten abends mit drei Fuhren gerade mal 50 Meilen geschafft. Obwohl es schon spät war und ein Campingplatz in Sichtweite, hielten wir den Daumen noch einmal raus, schließlich lagen bis Halifax noch circa 5200 Kilometer vor uns. Der Oldsmobile, der dann hielt, wurde für zwei Tage unser Zuhause: Ben fuhr zwar "nur bis Ottawa", aber wir kamen unserem Ziel mit einem Schlag fast 4000 Kilometer näher.

Spannend wurde es bei jedem Wagenwechsel. Wann geht's weiter? Wie geht's weiter? Schlichte Beförderung mit Minimalkonversation oder überwältigende Gastfreundschaft, die von der Drinkeinladung am Truck Stop bis hin zur Vollpension reichen konnte. Mehrfach übernachteten wir in Hobbykellern, inklusive des Transports zum Stadtrand am nächsten Morgen. Wir lernten gegrillte Marshmallows kennen und wurden eigens zu versteckt weit ab von der eigentlichen Route liegenden indianischen Wandmalereien chauffiert.

Mit Kojak nach Halifax

Angst hatten wir selten. Vielleicht in der aufgemotzten Karre mit umgedrehter Hinterachsfederung, viel zu breiten Reifen und einem Fahrer, der bei Regen auf der kurvigen Strasse in den Rocky Mountains überhaupt nicht zurecht kam. Oder die Episode mit dem Pick-up, auf dessen Ladefläche wir viel schneller als erlaubt durch Ontario donnerten. Manchmal frage ich mich heute, wie ich reagieren würde, sollten meine Kinder mit einem solchen Ansinnen vor mir stehen. Wussten wir nicht genug? Waren wir naiv und hatten einfach nur immer wieder Glück?

So wie bei der schwarzen Limousine, die auf einem kanadischen Highway in Nova Scotia an uns vorbeirauschte, spät stoppte, wartete, bis wir uns genähert hatten. Der Luxusschlitten, schwarz getönte Scheiben, Fahrer mit kahlrasiertem Schädel, Sonnenbrille und Zigarre entsprach vollständig dem Klischee. "Halifax? No problem". Dann ging er auch noch telefonieren und teilte uns mit, er wohne außerhalb, wir könnten bei ihm pennen, morgen nehme er uns dann mit in die Stadt. Wir sahen uns an und machten uns auf eine Ganovenabsteige gefasst - um dann von Mutti und zwei kleinen Kindern herzlich empfangen zu werden, warmes Essen, kaltes Bier und weiche Betten inklusive.

Vielleicht herrschte damals in den siebziger Jahren auch ein inzwischen verloren gegangenes Urvertrauen. Love! Peace! Brother come in, feel fine - was bewegte den Hippie dazu, uns in Sault Saint Marie, dem Ausgangsort für eine 700-Kilometer-Strecke rund um den Lake Superior, in seinen VW-Bus einsteigen zu lassen, nachdem ich die Frage, ob ich mit Schaltfahrzeugen vertraut sei (was in Nordamerika eher die Ausnahme ist), positiv beantworten konnte. Nach ein paar Fragen über das Woher und Wohin schien er genug zu wissen, hielt wieder an, überließ mir das Steuer und legte sich hinten für die nächsten acht Stunden schlafen.

"Never stop in Wawa"

Trampen bedeutete auch das Eintauchen in einen Mikrokosmos von Gleichgesinnten. Sie geben ihre Botschaften an speziellen Plätzen weiter, auf Begrenzungspfeilern, an Raststätten und den Herbergen entlang der Routen. Eine hieß: "Never stop in Wawa", einem kleinen Ort an der Strecke rund um den Lake Superior. Die Begründung: Es gebe nur diese eine Straße um den Lake, und jeder, der bereit sei, Tramper mitzunehmen, habe in Wawa das Auto bereits voll. Man komme von dort nie mehr weg, lande zwangsläufig in der einzigen Caféteria und liefe dort schnell in Gefahr, sich gegen Heiratsavancen wehren zu müssen. So die Legende.

Gleichgesinnte mochten wir sein - am selben Ort zur selben Zeit waren wir natürlich auch immer Konkurrenten. Trampende Pärchen oder noch mehr Anhalterinnen sind da immer im Vorteil. Es sei denn, gut gelaunte Studentinnen halten und laden trampende Jungs wie uns ein, mit ihnen an den Strand zu fahren. Das bringt einen zwar nicht voran, aber es muss ja auch nicht immer nur der Weg das Ziel sein.

Mit fortschreitendem Studium, den flankierenden Jobs und Praktika wurde es mit unserem Anhalterdasein immer weniger. Nicht nur die Zeit war knapper geworden, es kam auch mehr Geld in die Kasse, und Angebote am schwarzen Brett der Uni korrumpierten die Moral: Eine MFG gegen BKB (Mitfahrgelegenheit gegen Benzinkostenbeteiligung) war dann doch schneller und bequemer. Immerhin konnte das zumindest noch als weichgespülte Fassung des Trampens durchgehen. Als dann im Freundeskreis auch die Auto-Mobilität größer wurde, die Solidarität aber noch fürs Verleihen reichte, war es gänzlich vorbei mit dem erhobenen Daumen.



insgesamt 4 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Abgefahren e.V. Deutsche Autostop Gesellschaft, 14.05.2008
1.
Die Deutsche Autostop Gesellschaft, Abgefahren e. V., erregte im August 2007 reges Medieninteresse.[1] Der Verein will das Trampen vom "Hippie-Mief" mit Hilfe des Internets befreien und das Trampen wieder populärer machen. ( http://www.tagesschau.de/schlusslicht/meldung488556.html )
Abgefahren e.V. Deutsche Autostop Gesellschaft, 15.05.2008
2.
Trampen ist umsonst. Trampen ist einfach. Trampen ist umweltfreundlich, da es bestehende Ressourcen nutzt. Trampen ist manchmal anstrengend, aber niemals langweilig. Trampen ist so sicher wie ein Fortbewegungsmittel sein kann, wenn man einige Regeln beachtet. Trampen ist immer neu und immer anders. Trampen bedeutet, sich abseits von Fahrplänen, Tickets und Gewohntem durch den Raum zu bewegen. Trampen ist die Chance, Gesellschaft aus einer anderen Perspektive zu sehen: aus der des Beobachtenden, Fragenden und Mitfahrenden. Trampen ist Möglichkeit für Neues - seien es Menschen, Gespräche und Ideen. Funktioniert Trampen überhaupt noch? Ja, auf jeden Fall. Trampen funktioniert sogar ziemlich gut. Auf den Autobahnen sind so viele Autos wie noch nie unterwegs. Trampen kann so gut und schnell funktionieren, dass man oft sogar schneller als die Bahn ist. http://abgefahren.hitchbase.com/ErstesMalTrampen
Sven Dirks, 20.05.2008
3.
Hallo, > Auf den Autobahnen sind so viele Autos wie noch nie unterwegs. aber leider kaum noch Tramper. Ich bin als junger Mensch kreuz und quer durch Europa getrampt. Auch heute nehme ich gerne Tramper mit, zumal ich bis vor kurzem oft lange Strecken mit dem Auto fahren musste. Nur gibts halt kaum noch welche. Da bleibt einem eigentlich nur noch, sich Mitfahrer in einer der vielen Mitfahrzentralen zu organisieren, wenn einem unterwegs nicht fad werden soll. Bis auf den Zeugen Jehowas, den ich mal 800 km mit im Auto hate, waren das bisher immer ganz spannende Begegnungen :-)
Abgefahren e.V. Deutsche Autostop Gesellschaft, 21.05.2008
4.
Ja, dies ist sehr schade. abgefahren e.V. will Reisen per Anhalter wieder populärer machen... Ideen und Unterstützung aller Art sind gerne willkommen, sehr gerne auch von ehmaligen Trampern! Ob nun Spenden, Erfahrungsberichte oder Bilder von früher... dies motiviert die nächste Generation! http://abgefahren.hitchbase.com/meinungen http://abgefahren.hitchbase.com/gallery http://abgefahren.hitchbase.com/verein/spenden http://abgefahren.hitchbase.com/Anmeldeformular
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.