Abenteurer Harakiri im Polarmeer

Abenteurer: Harakiri im Polarmeer Fotos

Es war ein tollkühner Trip ins ewige Eis: 1912 unternahm Leutnant Herbert Schröder-Stranz aus Westpreußen eine Expedition in die Arktis - mit tragischem Ausgang. Knapp hundert Jahre später sind Filmaufnahmen der Katastrophenfahrt aufgetaucht, die den mörderischen Kampf gegen die Kälte zeigen. Von Frank Thadeusz

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Breitschultrig, gehüllt in einen dicken Mantel und Pelzmütze, steht der Mann an Deck und rudert herrisch mit dem linken Arm. Es ist das Jahr 1912, und zum ersten Mal in seinem Leben richtet sich eine Filmkamera auf die imposante Gestalt.

Lange währte die Filmkarriere freilich nicht, denn jener Berserker, der da in krisseligen Schwarzweißbildern so energisch Kommandos bellt, hat nur noch wenige Wochen zu leben.

Vom norwegischen Tromsö bricht Leutnant Herbert Schröder-Stranz auf zu einer tollkühnen Entdeckungsfahrt ins Nordpolarmeer. Geprägt von wilhelminischem Größenwahn, glaubt der Abkömmling einer westpreußischen Patrizierfamilie, die Fahrt in die frostige Fremde mit dem für die Robbenjagd gezimmerten Zweimastschoner "Herzog Ernst" bestehen zu können. Die meisten Männer seiner 15-köpfigen Besatzung kennen Schnee nur von heimischen Rodelhängen.

Als die dilettierende Crew in See sticht, hält das staunende Publikum im Kaiserreich Wilhelms II. gleichwohl den Atem an. Groß ist die Hoffnung auf Ruhm und Ehre. Auch international wird die Expedition mit Neugier verfolgt.

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Kaum ein Jahr später, im April 1913, vermeldet die "New York Times" jedoch ein "German Arctic Desaster". Kein Zweifel, die Expedition sei "kein Ruhmesblatt in der Reihe deutscher Forschungsreisen", lästerte kurz darauf der Zoologe Willy Kükenthal in einem Fachjournal.

Wohl wahr. Ein Großteil der Besatzung blieb auf Nimmerwiedersehen im Eis verschwunden. Jene Handvoll Heimkehrer, die es zurückschaffte, war teils bis zur Invalidität zerschunden.

Teilnehmer des polaren Himmelfahrtskommandos war auch der Hamburger Christopher Rave. Der pinselte für gewöhnlich maritime Szenarien in Öl, ging bei dieser Gelegenheit jedoch mit einer 35-Millimeter-Kamera an Bord.

Während Schröder-Stranz und seine Mannschaft ihrem Schicksal entgegendümpelten, erkurbelte Rave den vermutlich ersten arktischen Abenteuerstreifen der Filmgeschichte. Zugleich entstand mit den bewegten Bildern der Unglücksmission ein zeitgeschichtliches Dokument von unschätzbarer Kostbarkeit.

Zu sehen waren die spektakulären Szenen von der Pleite am Pol bislang jedoch nur im Kintopp des Jahres 1913 - die cineastische Pretiose galt lange als verschollen.

Das ZDF zeigt nun erstmals Ausschnitte des Doku-Dramas aus der Filmsteinzeit. Raves Aufnahmen dienen dabei als Illustration einer Reise des Abenteurers Arved Fuchs. Auf den Spuren von Schröder-Stranz besuchte er die schmelzenden Gletscher Spitzbergens*.

Das jähe Auftauchen des einzigartigen Filmmaterials verdankt der bärtige Extremreisende Fuchs seinem Mitarbeiter Falk Mahnke.

Der hatte bereits vor etlichen Jahren die Erlebnisberichte einiger Protagonisten der fatalen Schröder-Stranz-Exkursion verschlungen. Gierig forschte Mahnke nun nach weiteren Quellen über die Reise des Katastrophenkutters.

Rave hatte seine Impressionen aus der Eiswüste zu einem 90-minütigen Spielfilm verarbeitet - "doch wo ist der Film geblieben?", rätselte Mahnke.

Weil im Zweiten Weltkrieg sowohl Raves Atelier in der Hamburger Innenstadt als auch die Ufa in Berlin ausgebombt wurden, schienen weder das Originalmaterial noch Kopien greifbar.

Vage Hinweise über Geschäftskontakte der Filmgesellschaft nach Paris und London wirkten vielversprechend, erwiesen sich aber bald als bedeutungslos.

Eher beiläufig wurde Mahnke auf den russischen Major Iossif Manewitsch aufmerksam, der kurz nach Kriegsende mehrere tausend Filme aus den Beständen des Reichsfilmarchivs in Berlin beschlagnahmt hatte. Eine heiße Spur führte also nach Russland.

Und tatsächlich: Nach Absagen größerer Verleihfirmen signalisierte ein kleines Archiv aus Moskau einen Volltreffer.

"Als dann einige Wochen später der Film als erste Sichtkopie eintraf, habe ich eine Flasche Bier aufgemacht und mit schweißnassen Händen auf den Fernseher gestarrt. Ich war platt", berichtet Mahnke. "In den typisch eingegilbten Bildern" watschelten die Hauptdarsteller des Expeditionsdramas aus dem Jahr 1912 über den Bildschirm. Das gesamte Werk bleibt allerdings weiterhin verschwunden. Mahnke wurde vorerst nur einer Schnipselsammlung von insgesamt acht Minuten habhaft.

Die jüngst wiederentdeckten Schätze beleuchten gleichwohl nur die ersten Wochen des Martyriums, dem Chronist Rave selbst ausgesetzt war.

Das Unheil nahm seinen Lauf, als Expeditionsleiter Schröder-Stranz samt Privatsekretär und zwei weiteren Begleitern das Schiff nahe dem spitzbergischen Nordkapp auf Nordaustland verließ, um die eisbedeckte Insel zu Fuß auszukundschaften.

Die Hasardeure wuchteten sich mit Hundeschlitten, Skiern und Skistöcken durchs Packeis - reines Harakiri. Weder der erst 28-jährige Kriegsveteran noch einer seiner Begleiter ward je wieder gesehen.

Die restliche Besatzung hatte derweil Order, zum Krossfjord zurückzufahren, um dort auf den kleinen Trupp zu warten. Hier kam die Rumpfmannschaft jedoch nie an. Das Boot war zuvor im Eis stecken geblieben.

Aufgerieben vom finsteren Polarwinter, befiel die Seemänner nach wochenlangem Ausharren hektischer Aktionismus. Zu Fuß wollten sich einige von ihnen zu einer weit entfernten Siedlung am Adventfjord durchschlagen, um einen Hilferuf ins Reich zu telegrafieren.

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Rasch brach die Gruppe allerdings auseinander. Einige norwegische Matrosen befanden das Unterfangen für ausweglos und kehrten zurück zum Schiff. Die Übrigen zankten um den richtigen Weg.

Die Gruppe um Rave irrlichterte über Wochen durch die Eiswüste. Schließlich strandeten die ausgelaugten Kumpane in einer Trapperhütte. Nach kurzer Zeit teilte sich auch dieses Kommando.

Die einen gingen weiter. Rave hingegen blieb und fand sich nun in Gesellschaft des 23-jährigen Geografen Hermann Rüdiger. Der hatte sich am linken Fuß schwere Erfrierungen zugezogen. Das abgestorbene Fleisch begann zu faulen. Eine Fortsetzung des Gewaltmarsches schien unmöglich.

Die widrigen Umstände schmiedeten aus den beiden eine kaum für möglich gehaltene Schicksalsgemeinschaft. Zwei Monate hausten die Verirrten bei zeitweilig minus 20 Grad in dem Bretterverschlag. Sie zehrten von ihren Vorräten: gepökeltes Rentierfleisch und Reissuppe.

"Die Witterung schien immer schlechter zu werden, und unsere Hoffnung auf Hilfe wurde damit immer geringer. Ja, wir hofften eigentlich nicht mehr!", bekannte Rüdiger später in seinem Erlebnisbericht.

In scheinbar auswegloser Lage fassten sie den Entschluss, sich wieder zum Schiff durchzuschlagen. Rave schusterte für Rüdiger einen Spezialschuh, damit der zumindest irgendwie laufen konnte. Mitunter musste der halbwegs gesunde Maler den versehrten Geografen trotzdem auf einem Schlitten ziehen. "Rave schuftete wie ein Pferd", vermerkte Rüdiger dankbar.

Nachts kauerten sich die Leidensgenossen in einen Schlafsack, der "hart wie Blei" gefroren war. Nach neuntägigem Fußmarsch erreichten sie - mehr tot als lebendig - ihr Ziel.

Zurück an Bord, erschienen Rave und Rüdiger die Verhältnisse auf dem Kahn geradezu "paradiesisch". Die verbliebenen Abenteurer tafelten bei Bärenschinken und Fruchteis mit Vanillesauce.

Doch es stand schlimm um den Fuß von Rüdiger. Rave musste dem Freund mit einer Amputation das Leben retten.

"Soeben habe ich den ersten Teil der Operation an Rüdigers Fuß vollendet. Auf einmal die ganze Vorderhälfte des linken Fußes zu beseitigen, wird für meine Nerven doch etwas zu viel", vermerkt der strapazierte Künstler am 8. Dezember 1912 in seinem Tagebuch.

Erst im April 1913 wurden die verloren Geglaubten letztlich durch eine Rettungsaktion des Norwegers Arve Staxrud aus ihrer misslichen Lage im Eismeer befreit.

Keinen der beiden wappnete das Überleben in der Arktis jedoch gegen ihr späteres Schicksal.

Rund 20 Jahre nach der Rettung erschoss sich Christopher Rave im Januar 1933. Krebs hatte den Kehlkopf des 51-Jährigen so zerfressen, dass er kaum noch sprechen konnte.

Der hinkende Hermann Rüdiger wurde zum Nazi. Von 1941 an leitete der überzeugte Antisemit das Deutsche Auslands-Institut in Stuttgart, das die Führung des "Dritten Reiches" mit kriegswichtigen Informationen versorgte.

Nach Kriegsende wurde er von den Amerikanern in einer ehemaligen Flak-Kaserne in Ludwigsburg interniert, wo er 1946 - gerade 57 Jahre alt - unter ungeklärten Umständen umkam.

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1.
Susanne Schlappner, 05.04.2008
Sehr guter Beitrag und echt interessant geschrieben. Hat was "BBC"-mässiges :)
2.
Halwart Schrader, 06.04.2008
>Sehr guter Beitrag und echt interessant geschrieben. Hat was "BBC"-mässiges :) Nein, Interessant geschrieben finde ich den Beitrag nicht. Interessant ist zwar der Inhalt - gleichwohl fehlen wichtige Angaben über das Schiff, über die Finanzierung oder die Auftraggeber der Reise, über die genaue Route, die Zusammensetzung der Besatzung und so fort. Ich finde den Bericht, der doch eine so aufregende Substanz hat, oberflächlich und eher schnoddrig geschrieben. Als Spiegel-Leser seit 1956 bin ich halt verwöhnt.
3.
Harald Raab, 06.04.2008
Herlichen Dank fuer diesen interessanten Beitrag. Herbert Schroeder Stranz war mein Grossonkel, Bruder meiner Grossmutter. Ich habe zwar in Erzaehlungen einiges von ihm gehoert, dies ist aber das erste Mal, dass ich in diesesr Form etwas von ihm gelesen habe. Leider kann die die Reportage im ZDF nicht sehen, da ich in Mexiko lebe. Harald Raab
4.
Josef Sp. Rave, 06.04.2008
Auf der Homepage der Familie Rave gibt es als Download das Tagebuch von Christopher Rave über die Expedition http://www.familie-rave.de/html/deutsch.html Josef Rave
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