Überwacht durch den KGB Abgehört in Moskau

Überwacht durch den KGB: Abgehört in Moskau Fotos
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Knackende Telefonleitungen, Gespräche bei laufendem Wasserhahn: Als Mathias Zschaler in den achtziger Jahren nach Moskau reiste, machte er unfreiwillig Bekanntschaft mit der Arbeit der Geheimdienste. Der KGB bespitzelte den Journalisten eher unbeholfen - und der BND unterbreitete ein unmoralisches Angebot.

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Plötzlich verstummte mein Gesprächspartner. Während er einen bedeutungsvollen Blick zur Decke warf, legte er einen Zeigefinger an die Lippen und begann mit dem anderen, imaginäre Buchstaben auf den Tisch zu malen. Ich verstand seine Absicht, konnte die Worte aber nicht entziffern. Auf seinen Wink hin gingen wir nebenan ins Bad, wo er den Wasserhahn voll aufdrehte. Erst dann begann er zu reden. "Die müssen das ja nicht unbedingt hören", sagte er mit leicht gesenkter Stimme.

Wen er mit "die" meinte, war klar. Wir waren in einem Raum des riesigen Hotels "Rossija", gleich neben dem Kreml. Und wir befanden uns in einer Zeit, die man den Kalten Krieg nannte. Es war mein erster Moskau-Besuch.

Ich wusste, dass zu den Erfahrungen, die ich dort machen würde, auch die zählen würde, abgehört zu werden. Wer sich damals, vor 35 Jahren, als westlicher Journalist in den Ostblock begab, konnte absehen, was ihn diesbezüglich erwartete. Er wurde interessant für die dortigen Geheimdienste, allen voran das berühmt-berüchtigte sowjetische KGB, das "Komitee für staatliche Sicherheit", unter dessen Betreuung ich zwangsläufig geriet, sobald ich meine Reise antrat.

Überwacht im Überwachungsstaat

Schon von dem Moment an, da ich mein Visum in der seinerzeit noch in Bonn ansässigen Botschaft in Empfang genommen hatte, lief im Hintergrund ein bestimmtes Programm ab. Irgendwo war ich nun registriert, dauernd würde, sobald ich meinen Fuß auf sowjetischen Boden gesetzt hätte, jemand ein Auge auf mich haben - oder eben auch ein Ohr in Form einer Wanze in der Hotelzimmerdecke.

Das aus heutiger Sicht Merkwürdige war nur: Ich fand das nicht weiter beunruhigend oder gar schlimm, allenfalls etwas ungewohnt und lästig - und, zugegeben, irgendwie auch abenteuerlich. Schließlich bewegte ich mich gewissermaßen auf feindlichem Terrain, und wenn auch Entspannungspolitik angesagt war und vieles im Sinne der Völkerverständigung unternommen wurde, so war dies doch nach wie vor die andere Seite der geteilten Welt. Dort zählten die vertrauten Regeln des freien Lebens nicht. So waren sie eben, die Kommunisten mit ihren nicht gerade menschenfreundlichen Herrschaftsgewohnheiten. Sie misstrauten der eigenen Bevölkerung und bespitzelten sie. Nicht umsonst wurde das Mutterland der Arbeiter und Bauern Überwachungsstaat genannt.

Die Überwachung von Gästen aus dem westlichen Ausland musste man da wohl mehr oder weniger als Bestandteil ihrer repressiven realsozialistischen Folklore betrachten, mit der man sich zu arrangieren hatte. Und einem Journalisten - egal ob fest stationiert als Korrespondent in Moskau, Warschau oder Ost-Berlin oder auf Dienstreise - schenkten die wachsamen östlichen Gastgeber nun mal besondere Aufmerksamkeit. Schon weil er zugleich auch als Vertreter des gegnerischen Systems galt, also letzten Endes ein Abgesandter des Klassenfeinds war. Weder für Selbsttäuschung noch gar für Enttäuschung über falsche Freunde blieb da sonderlich viel Platz.

Es war dennoch nicht zu vergleichen mit dem heutigen Überwachtwerden von NSA und Co. Dieses bereitet ja Millionen Usern digitaler Endgeräte ein solch unheimliches, verstörendes Gefühl, weil sie ausgespäht werden, ohne abschätzen zu können, wie tief anonyme Mächte in ihren Alltag und ihr Privatleben eindringen.

Observiert von der "Deschurnaja"

Damals gab es digitale Technik bekanntlich noch nicht. Die Methoden waren eher grobschlächtiger Natur. Und vom KGB hieß es ohnehin immer, dass es sehr zum Konventionellen, sprich dem Einsatz von Wanzen und leibhaftigen Agenten neige. Die Überwachung war mithin in gewisser Hinsicht nachvollziehbar, greifbar, sie hatte auch Gesichter. Und sie war alles andere als perfekt. Es war ohne weiteres möglich, sich ihr zumindest zeitweise zu entziehen.

Eines ihrer Gesichter war das der "Deschurnaja", der diensthabenden Schlüsselverwalterin, die auf der Hotel-Etage höchstpersönlich die observierende Staatsmacht verkörperte. Meist war das eine gesetzte Dame mittleren Alters, die ein strenges Auge auf die Gäste hatte und ihr Kommen und Gehen sorgfältig aufzeichnete. Vor dem Eingang jedes Ausländerwohnblocks stand zudem Tag und Nacht ein Milizionär, der Bewohner wie Besucher zu kontrollieren hatte.

Doch weder die "Millimänner", wie sie etwas spöttisch genannt wurden, noch die Deschurnajas erweckten durchweg den Eindruck, als würden sie sich vor Berufseifer verzehren. Vielmehr wirkten sie bisweilen ziemlich gelangweilt, ja gleichgültig, so als sei ihr Interesse am Tun und Treiben der kapitalistischen Gäste in Wahrheit kaum mehr als die Vortäuschung einer Pflichtübung. Wenn ich mal ein paar Tage bei der Familie eines Kollegen verbrachte, ohne mich vorher im Hotel abzumelden, setzte es bei der Rückkehr vielleicht einen tadelnden Blick, aber mehr auch nicht. Und wie weit es mit der Gleichgültigkeit gehen konnte in einem System, in dem das Kollektiv alles und die individuelle Verantwortung wenig galt, erlebte ich, als eine Hotelangestellte vor meinen Augen eine Telefonrechnung von umgerechnet einigen hundert D-Mark zerriss, nur weil sie kein Wechselgeld in der Kasse hatte.

Knacken in der Leitung

Dass die Telefongespräche abgehört wurden, versteht sich. Allerdings musste ein Knacken in der Leitung nicht unbedingt etwas bedeuten. Es konnte auch mit dem notorisch desolaten Zustand der Leitungsnetze zu tun haben.

So konnte man das Ganze als Betroffener einfach nicht hundertprozentig ernst nehmen. Gewiss war unsereinem bekannt, dass es da diesen großen, dunklen Zusammenhang gab zwischen dem Agieren des Geheimdienstes und dem System der Repression, zwischen KGB und Gulag. Aber der mutete eher abstrakt an, nicht als etwas, das einen selbst real bedrohte. Der Anblick der "Lubjanka", Sitz des KGB und Staatsgefängnis, rief einen allenfalls surrealen Schauder hervor.

Ich war aufgrund meines West-Journalisten-Status einigermaßen privilegiert. Und es zwang mich ja niemand, hier zu sein. Gefühlt konnte ich jederzeit wieder nach Hause fahren und somit im Unterschied zu den Einheimischen dem KGB samt seinen Wanzen und Bewachern entkommen - und damit überhaupt allem, was mit Geheimdiensten zu tun hatte.

Ein unmoralisches Angebot

Wie sich zeigen sollte, stimmte das nicht so ganz. Eines Tages, als ich schon ostblockerfahrener war, erschien kurz vor einer Moskau-Reise bei uns zu Hause jemand an der Wohnungstür, der mich in einer amtlichen Angelegenheit zu sprechen wünschte. Es handelte sich um einen kleinen, unauffälligen Mann in einem grauen Anzug, womit die Situation auch optisch etwas Kafkaeskes gewann. Der Mann musterte unsere Inneneinrichtung, welche die einer jungen, noch etwas studentenmäßig lebenden Familie war, und erwähnte dann etwas von gewissen Zuverdienstmöglichkeiten. Dann endlich rückte er mit der Sprache heraus und gab sich als Mitarbeiter des Bundesnachrichtendienstes zu erkennen.

Er meinte, es könne durchaus zu meinem Vorteil sein, wenn ich als journalistischer Sowjet-Reisender die Augen aufhielte. Dann nannte er auch noch Namen von Kollegen und Korrespondenten, die schon seit längerem kooperationswillig und entsprechend tätig seien. Ich hatte von derartigen Gerüchten gehört. Und die Manier, in der der BND-Mann dieses Thema jetzt anschnitt, empörte mich fast noch mehr als sein Ansinnen selbst. Um ihn loszuwerden, gab ich vor, mir die Sache überlegen zu wollen. Dann informierte ich meinen Chefredakteur, der sich seinerseits beim Auswärtigen Amt beschwerte, was eine offizielle Entschuldigung zur Folge hatte.

Später in Moskau konnte ich es nicht lassen, den Vorfall in der deutschen Botschaft zur Sprache zu bringen. Der Diplomat, der mir gegenübersaß, verstummte sogleich, machte mir Zeichen und murmelte, wir sollten doch mal lieber kurz hinaus in den Garten gehen. Es gebe zwar einen abhörsicheren Raum, aber der sei gerade besetzt. Und draußen sei der Garten sowieso immer noch am sichersten, wenn es etwas Wichtiges zu bereden gebe.

In diesem Moment musste ich wieder an die Szene im Hotel "Rossija" denken, als mein Kollege mich ins Bad gebeten hatte, um mir etwas anzuvertrauen, das niemand sonst hören sollte. Um was es dabei eigentlich ging, ist mir längst entfallen. Vermutlich war es aber nicht so bedeutungsvoll, wie wir damals dachten - genau wie heute längst nicht alles, was Geheimdienste horchend sammeln, von wirklichem Interesse für sie ist.

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1.
Siegfried Wittenburg 01.12.2013
Geheimdienste sind wie neugierige Nachbarn. So wollen alles wissen, ob es Bedeutung hat oder nicht. Gefährlich wird es erst, wenn der Geheimdienst seine Beobachtungen auswertet und diese subjektiven Erkenntnisse einer Macht mitteilt, die gerade eine Gelegenheit sucht, gegen den unliebsamen Beobachteten etwas in der Hand zu haben. Ab diesem Moment zählt nicht mehr das Recht, sondern nur noch das Glück.
2.
Horst Baranowski 01.12.2013
Hallo, was ist denn an diesem Artikel der Aufreget ? Jeder "Normalo", der in der Zeit der Sowjetunion nach Moskau oder weiter ins Land reiste, war sich doch bewusst, dass der KGB sein Hand im Spiel hat. Nicht nur Journalisten (auch ich als normaler Tourist) haben die Segnungen des Geheimdienstes genießen dürfen-also nun nach mehr als 30 Jahren weisgott keine Zeile mehr wert. hoba26a
3.
oleg byaly 01.12.2013
Es war dennoch nicht zu vergleichen mit dem heutigen Überwachtwerden von NSA und Co. Dieses Kommentar löst bei mir gleichzeitig das Gefühl des "Erschaudern, aber auch des leichten Schmunzeln" aus. Nach der Wende stellt sich jetzt raus, dass der böse Ostblock in seinen Überwachungstaktiken berechenbarer war, als es heute die "demokratischnen" Geheimdienste sind. Nur hat dieser Journalist keine Lust, darüber nur ein Wort in einer neu erstellten Reportage zu verlieren. Wichtig ist diesem Zusammenhang aber doch sehr wohl, dass in der heutigen Zeit das Recht in einem vermeintlichen REchtssystem von einer von Seilschaften geprägten Behörde mit Füssen getreten wird. Das Argument des Unschuldigen, der nichts zu befürchten hat, ist eben nur bedingt akzeptabel, in einer Zeit, in welcher die Geheimdienstaktivitäten von privaten Subunternehmen organisiert werden, welche entsprechend auch nur am Gechäft für sich selbst interessiert sind. So bleibt den Geheimdiensen nichts anderers übrig, als Angst zu schüren, damit das gemiene Fußvolk der rechtsmäßig inkorrekten Überwachung zustimmt. In solch einem System ist mir der KGB tausend Mal lieber. Bei em weiß ich, dass dieser keine Subunternehmen benutzt. Und wenn dieser erschießt, dann aus reiner Willkür, ohne Geheuchele von Sicherheitsbedenken. Da kennt man eben den Feind sofort und kann diesen entsprechend auch besser einschätzen.
4.
Alex Buchmann 01.12.2013
"Auf seinen Wink hin gingen wir nebenan ins Bad, wo er den Wasserhahn voll aufdrehte. Erst dann begann er zu reden. "Die müssen das ja nicht unbedingt hören", sagte er mit leicht gesenkter Stimme. " Ha-ha-ha! So was von dilettantisch. Oder Theatralisch? Schon seit den 1940-er Jahre wusste jeder Geheimdienst - natürlich auch KGB - wie man die menschliche Stimme aus den Geräuschen des laufenden Wassers herausfiltert. Das laufende Wasser bietet keinen Schutz von abzuhören. Das ist ABC für jeden, der sich damit befasst.
5.
Siegfried Wittenburg 02.12.2013
"Nach der Wende stellt sich jetzt raus, dass der böse Ostblock in seinen Überwachungstaktiken berechenbarer war, als es heute die `demokratischnen´Geheimdienste sind." Wenn man nur diesen Artikel liest: möglicherweise. In Wirklichkeit: Nein! "So bleibt den Geheimdiensen nichts anderers übrig, als Angst zu schüren, damit das gemiene Fußvolk der rechtsmäßig inkorrekten Überwachung zustimmt." Die Geheimdienste, wie auch ihre Subunternehmen, arbeiten immer im Auftrag einer Regierung und immer für Geld! "In solch einem System ist mir der KGB tausend Mal lieber. Bei em weiß ich, dass dieser keine Subunternehmen benutzt." Das ist ein fataler Irrtum!
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