Abitur in Elze Ein verhinderter Fremdenlegionär im letzten Schuljahr

Abitur in Elze: Ein verhinderter Fremdenlegionär im letzten Schuljahr Fotos
Rainer Schinzel

Seine Reise nach Afrika bringt für Rainer Schinzels Mutter Ärger mit der Stasi. Zum Glück kann der DDR-Flüchtling per Geschenkpäckchen aufklären, dass er doch nicht Fremdenlegionär geworden ist. Und plant nach überstandenem Abitur schon die nächste Tramptour. Von

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"Bildung ist das, was übrig bleibt, wenn man alles, was man in der Schule gelernt hat, vergisst."

Albert Einstein

Das Schuljahr 1964 in der Christophorusschule Elze begann. Das war nun schon mein drittes Internat seit 1960, und so langsam entwickelte ich mich zum Internatsspezialisten. Weil ich die zwölfte Klasse wiederholte, lag ich in Elze wieder im normalen Altersdurchschnitt (die elfte Klasse hatte ich zuvor übersprungen). Trotzdem verbesserten sich meine Leistungen in Mathematik leider nicht, irgendwie hatte ich den Anschluss, das Interesse daran und sämtliche Kenntnisse darin verloren. Also hieß das Gebot der Stunde: sich irgendwie durchwursteln.

In Niedersachsen gab es damals das sogenannte Vorabitur, das hieß, dass ich die Abiturprüfung in Mathe schon nach der zwölften Klasse ablegen musste. Als Vorzensur hatte ich mit Mühe und Mogeln eine "Vier" erreicht, in der Abiturklausur selbst reichte es leider nur zu einer "Sechs", meine Abiturnote in Mathe stand also nach der zwölften Klasse fest und war nach Adam Riese eine "Fünf". Die gedachte ich dann im Hauptabitur im Jahr darauf mit mehreren Zweien auszugleichen.

Obwohl "Oblomow-Typus" eine "Zwei" in Russisch

Auf wundersame Weise verbesserte sich meine Russischnote wieder. In Elze hieß die Russischlehrerin Olga und war eine patente Frau, die in den Wirren des Zweiten Weltkriegs nach Deutschland gekommen und hier geblieben war.

Meine Erzählungen vom Russischunterricht in Altensteig quittierte sie mit ungläubigem Staunen. Dass es so etwas noch gab? Warum ich mich nicht bei der Schulaufsicht oder im Ministerium über diesen alten Weißgardisten-Zausel beschwert hätte?

Der Hinweis kam nun leider zu spät, aber wenigstens hatte ich in Elze wieder eine "Zwei" in Russisch. Eine "Eins" mochte Olga mir nicht geben, weil ich ihrer Meinung nach doch zu sehr der "Oblomow-Typus" sei - mit anderen Worten: Sie hielt mich für zu faul, und das dürfe nicht noch belohnt werden. Doch ganze Passagen Puschkin auswendig zu lernen, nur um sie dann beseligt zu zitieren, das lag mir wiederum wirklich nicht.

Die Stasi ängstigte meine Mutter mit der Fremdenlegion

In den Sommerferien 1965 plante ich mit einem Freund aus der Parallelklasse eine Reise nach Nordafrika. Diesen Freund hatte ich kennengelernt, weil er, wie ich, in den Ferien nicht nach Hause fuhr. Er war Vollwaise und lavierte sich ebenfalls so durch die Schuljahre, dem Abitur entgegen.

Der Neid unserer Mitschüler war uns sicher, denn solche Reisepläne würden ihre Eltern niemals billigen, sagten sie. Wir jedenfalls fühlten uns privilegiert, und es wurden tatsächlich spannende Ferien: Per Anhalter ging es durch Frankreich und Spanien bis Algeciras, dort nahmen wir die Fähre nach Ceuta und weiter ging es bis nach Tanger.

Von unterwegs schrieb ich Postkarten nach Hause, die meine Mutter zwar nicht erreichten, dafür aber die Stasi - die meine Mutter dann zum Besuch ihrer örtlichen Dienststelle aufforderte. Dort zeigte man ihr meine Postkarten aus Nordafrika, natürlich ohne sie auszuhändigen, und ängstigte meine Mutter mit der Bemerkung: "Sehn'se, jetzt isses soweit. Ihr Sohn ist nun bei der Fremdenlegion gelandet. Das ham' mir ihnen doch prophezeit, dass das passiert, wenn Se ihn' nich' zurückhol'n."

Das waren wirklich kranke Hirne, denen so etwas entsprang! Aber zum Glück beruhigte meine Mutter schon das nächste meiner Geschenkpäckchen aus Elze, denn so konnte sie sehen, dass ich nicht für immer das weiße Käppi der Legionäre aufgesetzt hatte, sondern noch immer brav die Schulbank im Westen drückte.

Das "richtige" Leben konnte beginnen

Um eine lange Geschichte kurz zu machen: Mein Abitur legte ich im März 1966 ab - mit einem Notendurchschnitt, der hier verschwiegen werden soll, aber bestanden ist immer noch bestanden.

Ich zog dann nach Göttingen, regelte meine Angelegenheiten beim Wehrersatzamt, das mich gemustert und für tauglich befunden hatte, aber noch warten musste, denn vor dem Dienst am Vaterland hatte ich Dringenderes zu erledigen: Ich bereitete eine Reise in den Nahen und Mittleren Osten vor, für die ich erst einmal Reisegeld verdienen und Visa besorgen musste.

So langsam begann ich mich an den Zustand zu gewöhnen, dass die Schulzeit vorbei war. Mittlerweile war ich 20 Jahre alt - das "richtige" Leben konnte beginnen.

Hin und wieder wurde ich gefragt - und werde es manchmal sogar noch heute - ob ich es jemals bereut hätte, aus der DDR geflüchtet zu sein?

"Nie bereut", antwortete ich dann immer, und antworte dies auch noch heute. Ich würde es immer wieder so machen.

"Weltanschauung" war in der DDR ein viel gebrauchtes Wort, doch die Welt selbst anschauen durfte man nicht. Im Westen habe ich das dann ausgiebig nachgeholt - was für ein unschätzbarer Vorteil.

Lesen Sie auch, wie Rainer Schinzel von Hildesheim nach Tanger trampte.

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