Amateurfilm des Kennedy-Attentats 26,6 Sekunden Grauen

Eigentlich wollte der Hobby-Filmer ein schönes Ereignis festhalten - heute gehört Abraham Zapruders Aufnahme zu den wichtigsten Dokumenten der Zeitgeschichte. Sie zeigt den Mord an John F. Kennedy in schockierenden Details. Zum 50. Jahrestag des Attentats darf der Film für kurze Zeit gezeigt werden.

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Eigentlich hat Abraham Zapruder die Kamera zu Hause gelassen. Nur auf Drängen seiner Sekretärin holt er sie in der Mittagspause doch noch, um den hohen Besuch zu verewigen. Auch will er erst aus dem Bürofenster filmen - und geht schließlich doch nach unten: "Das bringt bessere Bilder."

Dallas, Freitag, 22. November 1963: Zapruder hat keine Ahnung, dass die 26,6 Sekunden Film, die er gleich erstellen wird, sein Leben und das einer ganzen Nation verändern würden. Der Textilfabrikant will nur einen Anlass zur Freude im Bild festhalten. Stattdessen filmt er durch Zufall den Moment, der die USA traumatisiert - das Attentat auf US-Präsident John F. Kennedy.

Zapruders 8-mm-Film ist eine Ikone, ein schockierendes Dokument - und bis heute eine der mysteriösesten Filmaufnahmen der Weltgeschichte. Auch 50 Jahre später ist er immer noch das einzige Zeugnis, das die komplette Szene aus ziemlicher Nähe zeigt - samt des Augenblicks, da Kennedy von dem letzten, tödlichen Kopfschuss getroffen wird.

"Der kanonische Text des Kennedy-Attentats"

Kaum zwei Meter Zelluloid, 486 Einzelbilder, Kodachrome, farbig, körnig, stumm: Der Film schürt Verschwörungstheorien, führt zu parlamentarischen Untersuchungen, fasziniert Generationen von Regisseuren, Autoren und Hobbydetektiven. Vor allem aber prägt er das kollektive Bewusstsein jenes Tages. Bis hin zum Anblick von First Lady Jackie Kennedy, die in Panik auf den Kofferraum der offenen Limousine klettert - ein Umstand, an den sie selbst sich später nicht mehr erinnern würde.

Zwar existieren zahllose andere Filmchen und Fotos von der Tragödie auf dem Dealy Plaza, doch nichts von derartig beklemmender Direktheit. "Zapruders Film bleibt der kanonische Text des Kennedy-Attentats", schreibt der Kulturkritiker Alex Pasternack im Web-Magazin "Motherboard", "das vollständigste und schaurigste Protokoll."

Heute wird jede Sekunde von Abermillionen Smartphones reproduziert, via Facebook, Twitter, Instagram, YouTube. Zapruder ist der unfreiwillige Pionier dieses Wahns - und die Wirkung seiner Aufnahme ist ungebrochen: Auf YouTube kursieren rund 59.700 unlizensierte Versionen seines Films.

Geboren in der heutigen Ukraine, kommt Zapruder 1920 als Teenager mit seiner Familie in die USA. Er zieht nach Dallas, gründet eine Firma für Damenbekleidung. Sein Büro an der Elm Street liegt direkt gegenüber des School Book Depositorys - des Schulbuchlagers, in dessen sechstem Stock an jenem Tag Lee Harvey Oswald in Scharfschützenstellung liegt.

Das Attentat - Einzelbild für Einzelbild

Zapruder, 58, besitzt seine Kamera erst seit einem Jahr: eine Bell & Howell, Modell 414PD mit 9-27-mm-Zoomobjektiv. Mit seiner Sekretärin Marilyn Sitzman und einer weiteren Angestellten postiert er sich an Kennedys Fahrtroute, auf einem Betonsockel oberhalb der Wiese am rechten Straßenrand. Sitzman stützt ihn von hinten, damit er nicht schwankt.

Kurz vor 12.30 Uhr biegt die Kolonne mit Kennedys Limousine um die Ecke. Zapruder lässt die Kamera surren, durch den Sucher folgt er dem schwarzen Auto, das langsam auf ihn zukommt. Und bevor er es sieht, hört er es: Popp! Es klingt wie ein Feuerwerkskörper.

Der Film selbst ist verschwommen, und alles geht ziemlich schnell. Trotzdem offenbart er, als er schließlich entwickelt wird, den brutalen Ablauf des Attentats - Einzelbild für Einzelbild.

Bild 215: Kennedy verschwindet kurz hinter einem Straßenschild.

Bild 232: Kennedy taucht wieder auf, hat aber plötzlich beide Arme hochgerissen - von einer Kugel getroffen, die, so die spätere Autopsie, von hinten seinen Rücken durchschlägt und vorne am Hals austritt.

Bild 299: Jackie Kennedy beugt sich über ihren Mann.

Bild 313: Ein weiterer Schuss trifft Kennedy. Die rechte, Zapruder zugewandte Seite seines Schädels explodiert in einer rosafarbenen Wolke aus Blut, Gewebe, Gehirn und Knochen.

Bild 330: Kennedy sinkt in sich zusammen.

Bild 360: Jackie Kennedy kriecht panisch auf den Kofferraum der Limousine.

Das Ganze dauert weniger als eine halbe Minute, dann verschwindet die Kolonne in einer Unterführung. Zapruder weiß sofort, was los ist. "Ich sah, wie sein Kopf aufriss und das Blut und alles rauskam", sagt er später unter Tränen vor der Warren-Kommission aus, dem offiziellen Untersuchungsausschuss zu dem Attentat. "Ich schrie: Sie haben ihn umgebracht, sie haben ihn umgebracht!"

Wettbieten um den Jahrhundertfilm

Zapruder, selbst ein Kennedy-Fan, rennt ins Büro zurück. Dort kontaktiert er den Secret Service, um ihm den Film zu übergeben.

Doch zuerst muss der natürlich entwickelt werden. Nach einigem Hin und Her geschieht das in der örtlichen Filiale von Eastman Kodak und einer kleineren Filmfirma. Vier Kopien entstehen, zwei schickt der Secret Service nach Washington, zwei bleiben bei Zapruder.

Dessen Rolle spricht sich schnell herum. Das TV-Network CBS und das Magazin "Life" bieten gegeneinander um die Rechte an dem Film. Cronkites Producer Don Hewitt beordert seinen CBS-Bürochef in Dallas, Dan Rather, Zapruder den Film abzuluchsen - notfalls solle er ihm "eins auf die Fresse hauen". Hewitt und Rather würden nicht zuletzt durch das Attentat zu Legenden des US-Journalismus aufsteigen.

Trotzdem verkauft Zapruder die Rechte an dem Film an "Life", für 150.000 Dollar - nach heutiger Rechnung mehr als eine Million Dollar. Aber nur unter einer Bedingung: Bild 313 - der Moment des verheerenden Kopfschusses - dürfe niemals gezeigt werden. Auch reicht er 25.000 Dollar des Erlöses an die Witwe des Polizisten J.D. Tippit weiter, der bei der Jagd nach dem Killer von Oswald erschossen wurde.

Filmdokument unter Verschluss

Doch damit beginnt die Odyssee des Films erst. Eine Woche später veröffentlicht "Life" 30 schwarz-weiße Einzelbilder, ein Farbabdruck folgt in einer Gedenkausgabe im Dezember. Insgesamt verkauft das Magazin fast 24 Millionen Exemplare mit den Filmszenen. Nur Bild 313 wird wie vereinbart nicht gezeigt.

1967 verklagt "Life" einen früheren Mitarbeiter, der Ausschnitte des Films in einem Buch verwendet hat, wegen Urheberrechtsverstoßes. Ein Gericht befindet jedoch gegen "Life": Es bestehe ein "öffentliches Interesse" an der Aufklärung des Attentats - und an dem Film.

Erstmals öffentlich vorgeführt wird der Film 1969, bei einem Prozess gegen einen mutmaßlichen Komplizen Oswalds. Zudem tauchen Bootleg-Kopien auf, meist aber von schlechter Qualität. Die Geheimniskrämerei facht den Mythos nur weiter an. So lange das einzige Filmdokument des Attentats unter Verschluss ist, bleibt auch das Attentat selbst ein endloses Rätsel. Auch halten sich bis heute - widerlegte - Gerüchte, dass der ganze Film eine Fälschung sei, von der CIA oder anderen düsteren Kräften gefertigt, eine Verschwörung zu vertuschen.

Zapruder ist so mitgenommen, dass er nie wieder etwas filmt. 1970 stirbt er an Magenkrebs.

Fünf Jahre später zeigt das Network ABC eine Version des Films - das erste Mal überhaupt, dass die Horrorszenen einen Massenpublikum zugänglich werden. Die Sendung löst einen Skandal aus. Der Kongress leitet Ermittlungen ein, das juristische Drama geht von vorne los - nicht nur ums Urheberrecht, sondern auch darum, wo die Grenzen des Anstands liegen.

Objektnummer 1999.042.2000

Im April 1975 verkauft "Life" den Film samt Copyright für einen symbolischen Dollar an die Erben Zapruders zurück. Die überlassen ihn 1978 dem US-Nationalarchiv, halten jedoch am Copyright fest. 1991 zahlt Hollywood-Regisseur Oliver Stone 85.000 Dollar, um den Film in seinem Kinothriller "JFK" zu präsentieren - als Argument für einen "zweiten Schützen".

1997 geht der Film als "Attentatsdokument" in den Besitz der US-Regierung über. Inzwischen verlangen die Zapruders 18,5 Millionen Dollar für die Freigabe. Ein Schiedsgericht bewilligt schließlich 16 Millionen Dollar (615.384 Dollar pro Sekunde). 1999 schenken die Zapruders den Film und die Kopien dem Sixth Floor Museum in den schicksalsschwangeren Räumen des Schulbuchlagers von Dallas.

Dort ruht der Film bis heute unter der Objektnummer 1999.042.2000. Das Museum ist knausrig mit der Freigabe. Selbst zum 50. Jahrestag darf er nur ganz beschränkt gezeigt werden - vom 17. bis 24 November 2013.

Zum Weiterlesen:

David R. Wrone: "The Zapruder Film: Reframing JFK's Assassination". Univ Pr of Kansas, 2013, 368 Seiten.

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insgesamt 14 Beiträge
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Seite 1
Oliver Hering, 21.11.2013
1.
Darf für kurze Zeit gezeigt werden? Wo? Im TV vermutlich. Aus dem Internet ist der Film wohl kaum zu löschen
Hagen Winglmeyr, 21.11.2013
2.
Wenn ich es richtig erlnnere: Im Juni ,einige Monate vor seinem Tode hat J F Kennedy ein Gesetz unterzeichnet , Order 11110 ,eine Silbergedeckte Zusatzwährung in Dollar einzuführen.Diese neue Geldausgabe ohne die Mitwirkung der Federal Reserve Bank..hätte Unter Umständen langfristige Folgen für die Federal Reserve Board haben können...Es geht langfristig um schlichte Milliarden Dollars, die der Bank entgleiten könnten.
Georg Lembergh, 22.11.2013
3.
Laut etlichen Büchern zum Attentat (zuletzt "Killing Kennedy" von Bill´O Reilly) kriecht Jackie Kennedy im Schock auf den Kofferraum um Schädelfragmente ihres Mannes einzusammeln.
Frank Schwarz, 22.11.2013
4.
>Es geht langfristig um schlichte Milliarden Dollars.. Und kurzfristig ging es dem Filmer um schlichte Hundertausende. Profit aus dem Tod eines anderen zu schlagen. Oder etwa nicht?
P.C. Corey, 22.11.2013
5.
Und wo bleibt in diesem Video das geheimnisvolle Bild 313 ?? Wird auch hier weiter zensiert ?
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