Abschied vom Quelle-Katalog Der Besteller-Bestseller

Erotik-Schocker für Sohnemann, Einkaufsführer für Mutti: Der Quelle-Katalog befriedigte die Sehnsüchte ganzer Generationen - vom Adventsdeko-Set bis zur Zierpalme. Nun landet die Bibel des Wirtschaftswunders auf dem Müll. Und mit ihr ein Meisterstück deutscher Wirtschaftsgeschichte.

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dpa

"Ja, wollt ihr denn ewig leben in eurer kleinbürgerlichen Hölle?", fragte im November 1960 Hans-Magnus Enzensberger in der "Zeit". Das deutsche Proletariat dämmere in einem Zustand, der der Idiotie näher sei als je zuvor, zeterte der Kulturkritiker. Und das nicht etwa, weil es Stammtischparolen grölte, seine Frauen verprügelte oder Gartenzwerge auf dem Rasen gruppierte. Sondern: Weil die Bundesbürger im Versandhaus bestellten.

Stein des Anstoßes: die Herbst/Winterausgabe des aktuellen Neckermann-Katalogs, zu dessen Rezension sich Enzensberger berufen fühlte. Rein zufällig. Genauso gut hätte sein Furor auf Otto niederfahren können oder aber Quelle - Inbegriff des Bösen für den schlechtgelaunten Intellektuellen, Enzyklopädie des Glücks für die Deutschen der Nachkriegszeit.

In den kiloschweren Werken, die "Deutschlands Familienversender Nummer eins" den Bundesbürgern zweimal im Jahr in Millionenauflage nach Hause schickte, fanden sie ihre Träume zu bezahlbaren Preisen wieder. Die neue Waschmaschine, den Fernseher, die Schrankwand. "Erst mal sehen, was Quelle hat", lautete der wohl berühmteste Werbeslogan des Versandhandels. Die Deutschen, die Enzensberger da 1960 geißelte, waren keine verflachten Idioten, sondern Menschen, die nach all den Jahren von Leid und Entbehrung endlich wieder Freude am Leben haben wollten - und dank der preiswerten Angebote von Quelle auch haben konnten.

"Unser Bestes für Sie!"

Neben dem Telefonbuch gab es wohl kaum ein Druckwerk, das in deutschen Haushalten der Wirtschaftswunderzeit ähnlich häufig zum Einsatz kam wie der Quelle-Katalog. Dessen persönlich-betulicher Duktus ("Unser Bestes für Sie!") gab den Menschen jenes herrliche Gefühl der Geborgenheit, das nur noch eine heiße Tasse Tee vorm heimischen Kaminfeuer toppen konnte. Gemeinsam saß die Familie auf dem Sofa und blätterte durchs Konsumglück: Vati ergötzte sich an den Heimwerkerseiten und Mutti an den Küchengeräten. Der pubertierende Sohnemann streichelte heimlich die drallen Damen im Unterwäsche-Kapitel, und die Mädchen schnitten kleine Schnipsel aus, um sich anschließend ihre eigene perfekte Welt zusammenkleben zu können.

Nicht wenige Erstklässler wurden mit den oft sinnfreien Sätzen im Quelle-Katalog malträtiert, um endlich das Lesen zu erlernen, und wenn das kiloschwere Werk endlich ausgedient hatte, taugte es noch immer zum Blätterpressen. Bei den Wohlhabenden der Republik lag der tausende Seiten dicke Katalog freilich nur selten auf dem Designer-Couchtisch. Quelle sprach bewusst die unteren und mittleren Bevölkerungsschichten an. Wohlstand für alle, lautete das Programm - und das seit 1927.

"An der Quelle" und eben nicht im unüberschaulich-marktschreierischen Kaufhaus wollten die Menschen einkaufen, glaubte Firmengründer Gustav Schickedanz. Mit Quelle verwirklichte er eine geniale Idee: den Universalversand für jedermann. Denn die Unternehmer, die seit Mitte des 19. Jahrhunderts agierten, waren stets nur auf ein bestimmtes Segment spezialisiert, etwa Bader auf Textilien, Eduscho auf Kaffee oder Klingel auf Uhren und Schmuck.

"Fundgrube für die ganze Familie"

Mit Quelle wurde alles anders: Zwar enthielt der "Führer durch die Sorgen des täglichen Lebens", die "Fundgrube für die ganze Familie", wie Schickedanz seinen ersten Katalog 1928 nannte, vor allem Wäsche, Strickmode und Körperpflegeprodukte. Doch wuchs die Produktpalette stetig - und mit ihr der Umsatz des Unternehmens. Bis der Zweite Weltkrieg den Konsumträumen der Menschen ein jähes Ende bereitete.

Doch unterkriegen ließ sich Quelle nicht, selbst die NSDAP-Mitgliedschaft des "Versandhauskönigs" sorgte nur für eine kurze Unterbrechung seiner Aktivitäten: Schon im März 1949 stuften die Alliierten Schickedanz als "Mitläufer" ein - und ermöglichten es ihm, im Jahr darauf mehr als 40 Millionen Mark umzusetzen. Ein Rekord, der sich 1954 auf 260 Millionen Mark hochschrauben sollte. 1977 schließlich, im Todesjahr des Patriarchen, konnte die Unternehmensgruppe sagenhafte 8,3 Milliarden Mark umsetzen.

Quelle stand nicht nur für geniale Vermarktung, sondern auch für eine bis dahin beispiellose Logistik und Datenverarbeitung. Politiker, Prominente und Konkurrenten aus dem In- und Ausland gingen in Fürth ein und aus, um sich die modernen Anlagen anzuschauen. Ehrfürchtig bilanzierte der SPIEGEL 1955: "Das neue Versandgebäude von Quelle gilt als die fortschrittlichste Anlage der Welt."

Gartenschläuche, Saunen, Lebensversicherungen

Trieb der VW Käfer das Wirtschaftswunder an, so galt der Quelle-Katalog als dessen Bibel und avancierte zur Enzyklopädie der Konsumgesellschaft. Nahezu alles, was es auf dem Markt gab, gab es auch bei Quelle - und was hier nicht aufgelistet war, hatte keine Chance auf dem Markt. Kaum ein Haushalt, in dem sich nicht ein "Multispar-Waschvollautomat" der Quelle-Eigenmarke "Privileg" oder ein Kühlschrank von "Quellux" befand.

Die kauflustigen Deutschen bestellten wie im Wahn, allem voran Textilien. Modeschöpfer Heinz Oestergaard, der seit 1967 für Quelle arbeitete, ist es zu verdanken, dass der letzte Schrei aus Paris mit leichter Verzögerung auch von Gretchen Müller auf der Kirmes in Wanneeickel getragen wurde - günstiger, alltagstauglicher und trotzdem noch ein bisschen schick.

Doch auch alles andere war über Quelle erhältlich: Polsterecken, Kinderräder, VHS-Rekorder, Gartenschläuche, Fertighäuser, Mallorca-Reisen, finnische Saunen, Lebensversicherungen (inklusive günstiger kalkuliertem "Frauentarif") - und in den siebziger Jahren kurzzeitig sogar Hunde, sechs verschiedene Rassen, inklusive Impfausweis und Ahnentafel. Das Angebot wurde immer ausschweifender, abwegiger, bizarrer - zum einen, weil der Bedarf nach Basisausstattung mehr als gesättigt war, zum anderen, weil die Konkurrenten Otto und Neckermann dem Fürther Versandhaus immer dichter auf die Fersen rückten.

Von A wie Achselpads bis Z wie Zimmerbrunnen

Einen Boom erlebte das Unternehmen noch einmal nach der Wende, als die nach Konsum gierenden DDR-Bürger sich um die Kataloge rissen und kurz darauf selbst Sowjetbürger bei Quelle bestellen konnten. Seit dem Tod von Grete Schickedanz im Jahr 1994 ging es mit dem Kataloggeschäft jedoch langsam bergab. Selbst Supermodel Claudia Schiffer, die in ihrem lachsfarbenen, "kuschelweichen Carmen-Pulli" nebst Sohnemann Caspar 2004 millionenfach vom Quelle-Cover lächelte, konnte daran nichts ändern.

Angetreten, um die Konsumgewohnheiten zwischen Stadt und Land einzuebnen, scheiterte das einst größte Versandhaus Europas jedoch nicht an der Konkurrenz und auch nicht am Internet, sondern letztlich an der eigenen Philosophie, alles für Jedermann anzubieten: Heute will keiner mehr so aussehen wie der andere und schon gar nicht "wie aus dem Katalog". Individualisierung statt verlässlicher Homogenität, das endgültige Aus für die per Katalog bestellten Päckchen mit blauem Klebeband und weißem Schriftzug markiert auch eine Zeitenwende.

Ob es Enzensberger nun besser geht? Von A wie Achselpads bis Z wie Zimmerbrunnen - aus den Versandhauskatalogen der deutschen Haushalte würden die Ethnologen im Jahr 3000 mehr über die Menschen erfahren als aus der Literatur, schimpfte er einst. Damit ist es nun vorbei. Die Forscher von morgen müssen bei eBay und Co. surfen, um herauszubekommen, wie die Deutschen so ticken. Gemütlich auf dem Sofa blätternd dürfte das freilich nicht klappen.



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Hannes Schneider, 27.10.2009
1.
Sehr geehrte Damen und Herren, mein Name ist Hannes Schneider und ich bin der Leiter des Museums deutsche Eisenbahn hier in Balingen/Baden Wuertt.. Ich moechte noch eine kleine Ergaenzung zu Ihrem Bericht ueber Quelle machen und zwar ganz speziel zu der Anzeige Weihnachtszug! Es handelt sich hier wahrscheinlich um einen Zug der Firma Dressler ( Kaufhausbahnen ). Nach dem zweiten Weltkrieg spaltete sich die Modelleisenbahn in die detaillierten Modellbahnen und in die billigen Kaufhausbahnen, diese waren meist aus Blech, aber auch hier gab es schoene Modelle.Ich moechte Ihnen hier einmal einen kleinen Bericht mitsenden den ich meine Homepage ( www.deutscheeisenbahn.de ) geschrieben habe, Sie finden hier auch ein Bild aus dem Katalog Herbst/Winter 1960/61 unter News gleich auf der Statseite, 24.November.2007. Die Firma Konrad Dressler, die 1917 im bayerischen Fuerth gegruendet wurde, praesentierte, nach dem zweiten Weltkrig, ab 1946 eine Spur 0 Uhrwerksbahn. Im Jahr 1956 wurde dann mit der Produktion einer H0 Bahn begonnen. 1962 wurde die Produktion der Spur 0 Bahn aufgegeben und es wurde nur noch die H0 Bahn hergestellt. Der Vertrieb dieser Bahn erfolgte ueber das Versandhaus Quelle, als sich aber Quelle 1970 fuer den billigeren Lima entschied war dies der Todesstoss fuer die H0 Modelle von Dressler sowie die gesamte Firma! Mit freundlichen Gruessen Hannes Schneider ( Museum deutsche Eisenbahn )
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