Abschied von der Glühbirne Drahtig, heiß, ein Superstar

Abschied von der Glühbirne: Drahtig, heiß, ein Superstar Fotos
Sammlung Peter Weiss

Sie war das Symbol des elektrischen Zeitalters, doch jetzt ist die Glühbirne als Klimakiller entlarvt - bald dreht ihr die EU den Strom ab. Vor hundert Jahren dagegen wurde sie wie ein Gott gefeiert. In berauschend schönen Werbekampagnen - mit politisch höchst unkorrekten Botschaften. Von

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Solche Werbung würde man heute wohl verbieten: Ein fiktiver König namens Moustinga aus dem tiefen Schwarzafrika besucht Europa - und kommt aus dem Staunen nicht mehr heraus. Schon während seiner Schiffsreise wundert er sich über die helle Beleuchtung auf dem europäischen Frachter. Im Hafen angekommen, blickt Moustinga fassungslos in das das gleißende Licht eines Leuchtturms, gerade festen Boden unter den Füßen, klettert er flugs einen Lampenmasten hoch - nur um das aus der Nähe zu bestaunen, was in Europa die Nacht zum Tag machte: eine elektrische Glühlampe.

Die Bildgeschichte des Königs Moustinga findet sich in der Mitte der zwanziger Jahre auf zwölf Werbepostkarten der Firma Philips. In dem Reklame-Cartoon überreicht ein gnädiger europäischer Monarch dem afrikanischen Kollegen schließlich Philips-Glühbirnen. Moustinga ist so begeistert, dass er ohne eine ganze Schiffsladung davon gar nicht mehr nach Afrika zurückkehren möchte. Fortan hat er auch keine Lust mehr auf traditionelle Trommelspektakel im Dunkeln, sondern bringt seinem Volk lieber Fortschritt in Form von Glühbirnen. "Er regiert in Frieden, verehrt von seinen Untertanen", so der Untertitel der letzten Karte der Serie, die einen hell erleuchteten Herrscherpalast zeigt.

Die Botschaft war einfach und leuchtete, im Wortsinne, ein: elektrisches Licht gleich Zivilisation, Glühbirne gleich Fortschritt. Und jeder konnte an der hell strahlenden Zukunft im Zeichen des künstlichen Lichts teilhaben. So wurde die kleine Glühbirne, eigentlich ein Lowtech-Produkt aus Glaskolben, Glühfaden und Schraubgewinde, zu einem der machtvollsten Symbole der zweiten industriellen Revolution, in dem die Elektrizität den Dampf als Triebkraft der Zukunft ablöste. Nichts war für die Menschheit verheißungsvoller als strahlend helles Licht, das nie erlosch.

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Triumph über die Dunkelheit

Die Euphorie spiegelte sich in der Werbung, mit der Hersteller wie AEG, Philips oder Osram Anfang des 20. Jahrhundert für die Vorzüge des revolutionären Produkts trommelten - mal ironisch, mal überdreht, nicht selten mit dem im Kolonialzeitalter verbreiteten rassistischen Unterton. In der Werbung zog die Glühbirne, wie sie umgangssprachlich bald genannt wurde, Engel und attraktive Frauen gleichermaßen an oder machte gefährliche Raubtiere sichtbar. Der französische Leuchtmittelproduzent Visseaux ließ mit Hilfe des künstlichen Lichts Blinde wieder sehen, die AEG warb mit Sternguckern, die am Firmament statt Himmelskörpern Glühbirnen ausmachten, und ein Hersteller stilisierte die künstliche Lichtquelle gar zum Sonnengott, vor dem sich die Menschen demütig niederwarfen. Der Name der Gottheit lautete Osram - wie der Produktname. Viele der Werbepostkarten und Plakate von damals sind heute begehrte Sammlerstücke.

Die zukunftsgläubige, technikbegeisterte, ja von missionarischem Eifer durchdrungene Ideenwelt, in der Lenin den Sozialismus als "Elektrifizierung plus Sowjetmacht" definierte, scheint uns heute unendlich fern. Doch die simple Glühlampe veränderte den Alltag der Menschen rund um den Globus tatsächlich nicht weniger radikal als Auto oder Internet, denn sie beendete den natürlichen Kreislauf von Tag und Nacht - ein ganz besonderer Triumph des Menschen über die Natur, über die mystisch verklärte Finsternis, die uralte Metapher für Verderben und Tod.

Fortan ermöglichte die "kleine Sonne" den Menschen, auch nachts zu arbeiten, sie machte Straßen sicherer und die dunklen Wintermonate erträglicher. Künstler konnten mit Licht effektvoll Stimmungen beeinflussen, den Zuschauer überraschen, auf neue Art berühren, verwirren, seine Aufmerksamkeit lenken. Leuchtreklame und erhellte Schaufenster lockten Konsumenten in Geschäfte und reizten zum Kauf - anders als es Lenin prophezeit hatte, wurde die Glühbirne zum Leuchtzeichen von Kapitalismus und Konsumrausch, nicht so sehr des Kommunismus.

"Tut uns leid, Mr. Edison"

Genau 130 Jahre nach Thomas Alva Edisons bahnbrechender Erfindung neigt sich das Zeitalter der Glühbirne dem Ende zu. Nach dem Willen der EU-Staaten dürfen ab September 2009 keine 100-Watt-Lampen mehr verkauft werden, bis 2012 werden dann schrittweise auch 60-, 40- oder 25- Watt-Modelle aus dem Handel verbannt. Sehr bald wird es die klassische Glühbirne nur noch bei Liebhabern oder in Technikmuseen zu bewundern geben - bis ihr Innenleben aus Wolfram- oder Tantalfäden auch dort endgültig verglüht ist. Ein ähnliches Schicksal erwartet die Glühlampe auch in der Schweiz, Australien und Neuseeland.

Der Grund für das Aus liegt auf der Hand: Glühbirnen sind Stromfresser und damit Klimakiller. Nur etwa fünf Prozent der verbrauchten Energie wird in Licht umgesetzt, der Rest verpufft als Wärme - selbst bei Glühwürmchen verhält es sich genau umgekehrt. Die EU rechnet vor, dass Glühbirnen vier- bis fünfmal so viel Strom wie die effizientesten Energiesparlampen verbrauchen. Jährlich könnten demnach 15 Millionen Tonnen Kohlendioxid eingespart werden - und jeder Verbraucher könnte 50 Euro Stromkosten einsparen, wenn er konsequent auf Energiesparlampen umstellt.

Es ist wohl eine richtige und rationale Entscheidung, aber eben auch der Abschied von einem bisher kaum wegzudenkenden Teil im Alltagsleben des modernen Menschen - das Ende einer Ära eben. Ausgerechnet die Lampenhersteller sind über das Ende mit Ansage gar nicht so unglücklich - für sie tut sich, wie damals, ein ganz neuer Markt für Lichtquellen auf, die von neuen Technologien gespeist werden. Produzent Osram etwa, der die Glühbirne in seiner Werbung einst zum Gott erhob, kann mit der EU-Entscheidung gut leben. Schon 1985 hatte die Münchner Siemens-Tochter erstmals für ihre Energiesparlampen geworben - mit dem Slogan "Tut uns leid, Mister Edison!"

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1.
Stefan Martens 24.03.2009
Also ich habe schon viele Energiesparlampen und kann diese Entscheidung so schlecht nicht finden. Allerdings wird das bei Heise.de ganz anders gesehen. Dort wird kritisiert, dass die Ökubilanz der Sparlampen ziemlich miess aussieht und Quecksilber verwendet wird das ebenfalls ziemlich schädlich ist. Vielleicht sollte der Spiegel dazu mal Stellung nehmen und dies analysieren. Anstatt hier geschichtsuneterricht zu geben.
2.
Johannes Krämer 24.03.2009
wenn energiesparlampen nur nicht so farbfalsch wären. kunstwerke , texturen alles schöne in meiner wohnung verliert an tiefe. weiterer punkt ist die farbtemperatur. gemütliches licht ist anders. bleibt mir wohl nix anderes als mir nen vorrat alter fadenlampen zuzulegen. anscheinend stehe ich mit dieser meinung nicht alleine da. den mehrausstoß an co2 spare ich schon seit jahren durch den verzicht auf ein auto ein, ich habe ein bahncard 100. und störend finde ich diese detail-diskussionen, während zb beim indiviaualverkehr energie in einem umfang verschwendet wird, den ich nicht nachvollziehen kann. http://www.morgenpost.de/wissen-und-technik/article899356/Energiesparlampen_sind_gar_nicht_so_sparsam.html
3.
Annika Gode 24.03.2009
Hm, eine Anmerkung zum Thema... "Genau 130 Jahre nach Thomas Alva Edisons bahnbrechender Erfindung neigt sich das Zeitalter der Glühbirne dem Ende zu." Thomas Alva Edison hat die Glühlampe nicht erfunden, er war lediglich derjenige, der das Patent dazu angemeldet hat und war sehr erfolgreich darin, sie zu vermarkten. Heinrich Göbel aus Springe / Niedersachsen gilt als eigentlicher Erfinder der Glühlampe, insbesondere der mit Kohlefaden!
4.
Karl Schillinger 25.03.2009
Die Kritker der Energiesparlampe sollten nicht vergessen, dass durch das Verschwinden der Glühbirne ein ganzes Atomkraftwerk in Europa eingespart werden kann! Wenn dieselben Leute auch noch die "Stand-by"- Funktion ihrer Geräte abschalten, dann wird noch ein Atomkraftwerk weniger gebaut! So beginnt eigentlich der "Umweltschutz"!
5.
Birgit Nakielski 25.03.2009
Und was mach ich ab September mit meiner Lavalampe? Die brennt sowieso nicht den ganzen Tag, aber wenn ich sie einschalten möchte, funktioniert sie nur mit einer heißen Lampe darunter... Entweder hoffen, dass solche Lampen dann noch als Bückware erhältlich sind, oder schon mal einen Vorrat anlegen...
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