Absturz-Katastrophe Feuerball im Wohngebiet

Bilder wie im Krieg: Ein US-Kampfjet stürzte am 8. Dezember 1988 auf die Innenstadt von Remscheid - sieben Menschen starben, 50 wurden schwer verletzt. Bis heute sind der Absturz und seine Folgen nicht restlos aufgeklärt.

dpa

Von


"Warzenschwein" ("Warthog") nennen die amerikanischen Piloten die Fairchild A-10 "Thunderbolt", weil sie mit ihren hoch am Rumpf angebrachten Triebwerken so gedrungen, hässlich und gefährlich wirken wie das Phacochoerus africanus. 18 dieser fliegenden Kampfmaschinen stehen am Mittag des 8. Dezember 1988, einem Donnerstag, auf dem Militärflughafen Nörvenich bei Köln bereit, um zu einer Tiefflugübung nach Hessen abzuheben.

Jeweils zu zweit steigen sie in die Luft - zuletzt Michael Foster und sein Rottenführer. Der hat trotz des an diesem Tag weit verbreiteten Nebels entschieden, dass die "Warthogs" nach Sichtflugregeln fliegen, anstelle des zuvor eigentlich beantragten Instrumentenflugs. Es ist eine katastrophale Entscheidung. Pilot Foster kann im schmutzigen Grau plötzlich nichts mehr erkennen, verliert die Orientierung und stürzt ab.

Seine A-10 rammt ein Wohnhaus und zerschellt dann beim Aufprall auf einem Firmengelände. Sein Rottenführer, der es schafft, mit einem schnellen Steigflug wieder aus der Nebelsuppe aufzutauchen, meldet über Funk: "I lost my wing man" ("Ich habe meinen Flügelmann verloren"). Michael Foster versucht noch in letzter Sekunde, sich mit dem Schleudersitz zu retten - vergeblich. Er stirbt, und mit ihm zunächst fünf Bewohner und Besucher der Stockder Straße; ein weiteres Opfer erliegt später seinen Brandverletzungen.

"Plötzlich stand alles in Flammen"

Um 13.26 Uhr geht bei der Remscheider Berufsfeuerwehr der erste Notruf ein. Danach kommen die Meldungen bald im Sekundentakt, die Anrufer klingen panisch. Als die Retter im Stadtteil Hasten ankommen, bietet sich ihnen ein Bild der absoluten Zerstörung, wie Augenzeugen immer wieder berichten: zertrümmerte Häuser, aufgerissene Fassaden, ausgebrannte Autowracks, überall Metallteile und Steine und immer wieder Brände und Explosionen, die vermutlich von der Munition des Kampfjets herrühren.

"Plötzlich stand alles in Flammen", beschreibt die damalige Anwohnerin Erika Opitz die Szenerie des Grauens. Sie macht an diesem Tag gerade mit ihrem Dackel Blasius einen Spaziergang und überlebt nur deshalb - das Haus mit der Nummer 128, in dem sie wohnt, wird bei dem Absturz völlig zerstört. Eine Bewohnerin und drei Handwerker, die gerade hier arbeiten, sterben in den Trümmern.

Feuerwehrmann Ulrich Schnell erinnert sich heute noch vor allem an den Geruch von verbranntem Treibstoff. Er gehörte 1988 zu den ersten Rettern am Einsatzort, stieß unter anderem auf die kopflose Leiche des Piloten, "wie nach einem Bombenangriff" habe es in der Stockder Straße ausgesehen, erinnert sich der Retter.

Hatte die U.S. Air Force etwas zu verheimlichen?

Nordrhein-Westfalens damaliger Ministerpräsident Johannes Rau eilt nach Remscheid, und wer an jenem Abend die "Tagesschau" sah, wird wohl niemals den traurigen, leeren Blick des SPD-Politikers vergessen, als er sagte: "Schrecklich! Schrecklich! Das ist wie im Krieg!"

Feuerwehr und Polizei, Rettungsdienste und Technisches Hilfswerk, Suchhundestaffeln und Personal der US-Armee - insgesamt rund tausend Hilfskräfte waren nach dem Unglück im Einsatz. Doch weil die US-Militärs die Absturzstelle zum Sperrgebiet erklärten und bewaffnete Wachen aufstellten, gab es Klagen über Behinderungen beim Rettungseinsatz. "Amerikanische Spezialtrupps", berichtet die "Tagesschau", hätten "den Rettern den Zugang zur Unglücksstelle erschwert". Viel später ist dies einer der Gründe, dass sich etliche Anwohner fragen, ob die US Air Force wohl etwas zu verheimlichen hatte.

Zunächst jedoch erleben die Betroffenen eine Welle der Hilfsbereitschaft. Fußball-Rekordmeister Bayern München kommt ein paar Tage später zu einem Benefizspiel nach Remscheid, der Erlös von 150.000 D-Mark wird an die Kinder der Todesopfer verteilt. Die rund hundert durch das Unglück obdachlos gewordenen Remscheider erleben viel persönliche Unterstützung - auch bei ihrem Anliegen, die Tiefflüge in Deutschland zu stoppen.

"Hier können nie wieder Kinder spielen"

Verteidigungsminister Rupert Scholz (CDU) lässt nach dem Unglück in der Adventszeit erst einmal alle Tiefflüge der Luftwaffe bis Weihnachten absagen - obwohl deutsche Soldaten an dem Absturz gar nicht beteiligt waren. Als dann im Januar 1989 über dem ostfriesischen Örtchen Wiesmor zwei "Alpha Jets" der Luftwaffe mit einem britischen "Tornado" zusammenstoßen und bei dem Absturz die beiden "Tornado"-Piloten ums Leben kommen, fühlen sich auch viele Remscheider in ihrer Kritik an der militärischen Flugpraxis bestätigt.

Sie errichten ein provisorisches Mahnmal an der Stockder Straße - und tragen beängstigende Zahlen zusammen: 67.000 Übungsflugstunden habe es 1988 über Deutschland gegeben, 20 Militärjets seien dabei abgestürzt, 87 Menschen dadurch gestorben. In kürzester Zeit kommen Zehntausende Unterschriften unter ihren Appell, die "Remscheider Mahnung", zusammen.

Als die Trümmer längst beseitigt und die beschädigten Gebäude an der Stockder Straße schon wieder renoviert sind, tauchen neue Spekulationen um den Absturz auf. Plötzlich scheinen sich die Krebsfälle in der Umgebung zu häufen, Anwohner beklagen Hautreizungen, und eine Augenzeugin berichtet Fernsehreportern von einer beunruhigenden Begegnung mit einem amerikanischen Soldaten am Tag nach dem Absturz: "Hier können nie mehr Kinder spielen", habe der Soldat ihr gesagt, erzählt Christa Schwandrau-Schulte.

Unkontrollierte Schadstoffe

Doch als sie nachfragt, was das bedeuten soll, sei ein Vorgesetzter dazugekommen und habe das Gespräch beendet. Zwar erklären US-Militärs, die abgestürzte A-10 habe nur Übungsmunition an Bord gehabt. Doch einzelne Augenzeugen berichteten später SPIEGEL TV auch von anderer Munition, die von Soldaten eigens eingesammelt worden sei - sie vermuten, dass er möglicherweise hochgiftiges abgereichertes Uran enthalten habe.

Der gleiche Stoff könnte zusätzlich auch in Trimmgewichten in den Tragflächen der Unglücksmaschine verbaut worden sein. Und auch der Treibstoff für Militärjets, im Fachjargon JP-8 genannt, gilt als hochgradig gesundheitsgefährdend. Experten vermuten, dass größere Mengen JP-8 beim Absturz fein zerstäubt wurden und von den Helfern und Betroffenen vor Ort eingeatmet wurden.

Nicht zuletzt der Druck der Anwohner sorgt dafür, dass die Absturzstelle von der Stadt schließlich genauer untersucht wird. In Bodenproben wird PCB gefunden, auch geringe Mengen Dioxin und andere Giftstoffe tauchen auf, doch der endgültige Beweis, dass die Stoffe bei dem Absturz ausgetreten sind, wird trotz mehrerer Untersuchungen nie erbracht.

Wie bei jedem unkontrollierten Brand, sagt das Remscheider Umweltamt, seien auch hier "unkontrolliert Schadstoffe entstanden", die PCB- und Dioxin-Belastung könne aber auch noch von einem Transformatorbrand im Zweiten Weltkrieg herrühren. Eine Untersuchung des NRW-Umweltministeriums bestätigte den Zusammenhang zwischen Absturz und Giftstoffen ebenfalls nicht - doch für manche der betroffenen Anwohner ist das kein Trost. Sie kämpfen bis heute darum, dass der Absturz als Ursache für ihre Leiden anerkannt wird.

insgesamt 1 Beitrag
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Veronika Wolf, 11.12.2008
1.
Absturz einer amerikanischen A 10 in Remscheid Flugzeugabsturz Remscheid und San Diego Bericht vom 8.12.08 in Spiegelonline Leider erhält der Flugzeugabsturz von Remscheid vom 8.12.1988 eine traurige Realität: der Flugzeugabsturz vom 8.12.2008 in San Diego - beide Male amerikanische Kampfjets mit hohem Risikopotential! Sie schreiben in Ihrem Beitrag, dass die Bürgerinitiative nicht beweisen konnte, dass die gefundenen Schadstoffe in der Absturzgegend von dieser Katastrophe stammen. In der Tat - das wird wohl niemand - nicht mal die Archäologen in ferner Zeit: ein Beweis ist nur dann ein Beweis, wenn das Gegenstück auf dem Tisch liegt. Und das wurde in Beton gegossen nach Amerika verschifft. Der Beweis, dass der Flieger diese Stoffe beim Brand freigesetzt hat, kann nicht mehr erbracht werden. Das ist leider eine Katastrophe für die Menschen, die dort nun auf einer "Neulast" leben müssen. Wir hoffen, dass hinreichende Schutzmaßnahmen in San Diego getroffen werden - obwohl es im Moment auch dort nicht so aussieht: Menschen mit Taschentücher vor dem Mund - ungeschützte Bewohner. KInder. Mittlerweile weiß man von den Gefahren einer Rauchwolke und den speziellen Gefahren eines Kampfjets - daran sollte man sich auch hier schnell erinnern und die Menschen evakuieren. Nein, wir wollen unsere Leiden nicht bezahlt haben - wir wollen, dass solche Unfälle nicht mehr passieren und dass (wenn es trotzdem passiert) schnell und professionell gehandelt wird. Und auf dem Weg in eine sichere Gegend sollten die Bewohner hinreichend Flugzeugmaterial sammeln - falls es mal so ausgeht wie in Remscheid!
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.