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Absurde Kriegsanlässe Tod den Schweinedieben!

Absurde Kriegsanlässe: Tod den Schweinedieben! Fotos
dpa

Ein verlorenes Fußballspiel, gestohlene Schweine oder ein ominöser Eimer: Aus scheinbar banalsten Anlässen führten Staaten Kriege. SPIEGEL ONLINE hat die absurdesten Gefechtsauslöser gesammelt - und erklärt, was wirklich dahintersteckte. Von Sebastian Moll

Der Sport im Allgemeinen und ganz besonders der Fußball, so sagt man, sei dazu da, Kriege zu verhindern. Früher waren es Stämme und Klans, heute sind es Städte und Nationen, die ihre Stellvertreter ins Feld schicken, um in einem Spiel nach festen Regeln symbolisch ihre Konflikte auszutragen. Danach können beide Seiten friedlich nach Hause gehen - und weiterhin harmonisch nebeneinander her leben.

In Lateinamerika allerdings ist der Fußball bisweilen eine todernste Sache. So ernst, dass die Fußball-Rivalität zwischen El Salvador und Honduras im Jahr 1969 in einen echten Krieg umschlug. Und es ist nicht der einzige Fall, in dem ein scheinbar banaler Anlass derart dramatische Folgen hat. Ganze Völker und Nationen gingen schon mit Waffengewalt aufeinander los - im Streit beispielsweise um einen Holzeimer, leckeren Kuchen, schmackhafte Fische oder auch Schweine. In Australien wurden Tiere gar selbst zu Gegnern: Die Royal Australien Artillery stellte sich den Emus. Wie konnte es zu derart absurden Kriegen kommen?

Tote Ratten im Hotelzimmer

Für El Salvador und Honduras ging es 1969 um die Qualifikation ihrer Mannschaften zur Weltmeisterschaft 1970. Zunächst jedenfalls. Das erste Spiel war für den 8. Juni in Tegucigalpa, der Hauptstadt von Honduras, angesetzt. Die salvadorianische Mannschaft traf am Vortag ein und bezog in ihrem Hotel Quartier. Doch es sollte eine unruhige Nacht werden. Honduranische Fans schlugen die Scheiben der Herberge ein, feuerten Böller ab und veranstalteten Hupkonzerte, so dass die Spieler die ganze Nacht lang kein Auge zubekamen. Am nächsten Tag verloren die Schlaftrunkenen das Spiel 1:0.

Als in der letzten Minute das Siegestor fiel, sprang in El Salvador eine junge Dame namens Amelia Bolanios von ihrem Platz vor dem Fernseher auf, griff eine Pistole vom Schreibtisch ihres Vaters und erschoss sich. Sie habe, so schrieben salvadorianische Zeitungen am nächsten Tag, die nationale Schmach nicht verwinden können. Bolianos wurde zur Märtyrerin, dem Trauerzug zu ihrer Beerdigung lief die gesamte salvadorianische Regierung voran.

So war die Stimmung mehr als aufgeheizt, als die Honduraner zum Rückspiel nach San Salvador kamen. Auch sie bekamen in der Nacht vor dem Spiel kein Auge zu, gegnerische Fans schmissen die Fenster des Hotels ein, warfen faule Eier und tote Ratten in die Zimmer. Nur mit Militäreskorte gelangten sie am nächsten Tag unversehrt ins Stadion, und als ihre Hymne gespielt wurde, zogen die Gastgeber statt der Fahne einen löchrigen Lumpen am Mast empor. Honduras verlor das Spiel schließlich 3:0.

Wie aus Fußball Krieg wurde

Die Feindseligkeit, die sich bei diesen Spielen entlud, kam nicht von ungefähr. Seit Jahren schwelte ein Konflikt zwischen den beiden Ländern. Die verarmte Landbevölkerung von El Salvador strömte nach Honduras, wo es herrenloses Land gab, sie ließ sich nieder und gründete ganze Dörfer. In den sechziger Jahren jedoch begannen honduranische Bauern, sich gegen diese Invasion zu wehren. Sie forderten, die Salvadorianer wieder nach Hause zu schicken. Doch deren Regierung hatte kein Interesse daran.

Ein bewaffneter Konflikt lag in der Luft. Das Entscheidungsspiel zwischen Honduras und El Salvador wurde am 26. Juni auf neutralem Boden in Mexiko-Stadt ausgetragen, mit Maschinengewehren bewaffnete mexikanische Soldaten hielten die Fans auf Abstand. Nach dem Spiel gingen sie dennoch aufeinander los, es gab Tote. Salvador gewann mit 3:2 und qualifizierte sich für die WM.

Honduras nahm die Ausschreitungen zum Anlass, Hunderte illegaler salvadorianischer Siedler zu deportieren. Die salvadorianische Armee griff daraufhin am 14. Juli Honduras an. Der Konflikt ging als Fußballkrieg in die Geschichte ein, doch eigentlich war es ein Krieg um Landnahme und Einwanderung. Er endete nach 100 Stunden und mindestens tausend Todesopfern unentschieden: Die Grenze blieb unverändert, und die meisten salvadorianischen Siedler blieben in Honduras. In Erinnerung blieb der Fußballkrieg vor allem als Musterbeispiel dafür, wie durch an sich triviale Anlässe schwelende Konflikte in ausgewachsene bewaffnete Auseinandersetzungen umschlagen können.

Zwölf Jahre Streit um einen Eimer

Die Geschichte ist reich an solchen Begebenheiten. Eine der ältesten bekannten Episoden ist die vom Eimerkrieg zwischen Bologna und Modena. Im Jahr 1325 schlichen sich modeneser Soldaten in Bologna ein, um einen Eimer aus Eichenholz zu stehlen. Warum genau dieser für sie so begehrenswert war, ist nicht überliefert. Fest steht jedoch, dass der Diebstahl die Bologneser mächtig ärgerte: Sie erklärten Modena den Krieg. Zwölf Jahre lang stritten die Städte um das Behältnis, das offenbar als Symbol für eine tiefer liegende Animosität herhalten musste. Die Bologneser bekamen ihren Eimer nie zurück, noch heute hängt er - genauer: eine Kopie davon - angekettet im Dom zu Modena. Das Original steht - gesichert hinter Glas - im Rathaus der Stadt.

Nicht um einen Eimer, wohl aber um eine winzige Insel, auf der nur ein einzelner Hirte samt Ziegen lebte, entbrannte 2002 der sogenannte Petersilienkrieg zwischen Spanien und Marokko. Die Petersilieninsel, nur einen halben Kilometer lang, liegt etwa 200 Meter vor der Küste Marokkos. Sie gehört jedoch wie auch die benachbarten Exklaven Ceuta und Melilla seit den Kolonialzeiten zu Spanien. Eine Tatsache, die der marokkanischen Regierung nicht passte.

Am 12. Juli 2002 besetzten marokkanische Soldaten das Eiland unter dem Vorwand, von dort aus besser den Drogenschmuggel überwachen zu können. Spanien fühlte sich provoziert und entsandte zwei Lenkwaffenfregatten. Am 18. Juli stürmten schließlich spanische Elitesoldaten die Petersilieninsel und vertrieben die zwölf marokkanischen Soldaten, die es sich bei den Ziegen gemütlich gemacht hatten. Verletzt wurde niemand.

Kriegsschiffe gegen Fischer

Glücklicherweise unblutig verliefen auch die Kabeljaukriege, die Island zwischen 1958 und 1975 mit dem Vereinigten Königreich führte. Die Auseinandersetzungen um den schmackhaften Fisch hatten allerdings einen handfesten Hintergrund. Island, das traditionell von der Fischerei lebt, fühlte sich durch die Überfischung seiner Gewässer in seiner Existenz bedroht und richtete deshalb 1952 eine Schutzzone von vier Seemeilen ein. Aus Protest boykottierte Großbritannien den Import von isländischem Fisch.

Als Island 1958 wegen erneuter Überfischung die Zone auf zwölf Meilen erweiterte, platzte den Briten der Kragen: Sie schickten Kriegsschiffe, die englische Fischerboote bis in die isländische Zwölf-Meilen-Zone hinein geleiteten. Die Isländer, die über kein Militär verfügen, protestierten bei den Vereinten Nationen und bekamen schließlich Recht.

Doch der Konflikt schwelte weiter. Immer wieder von Überfischung geplagt, erweiterten die Isländer ihre Schutzzone schrittweise bis auf 200 Meilen im Jahr 1977. Jedes Mal versuchten sich britische und auch deutsche Fischer dagegen zu wehren, die Isländer reagierten darauf, indem sie das Fanggerät der Eindringlinge sabotierten und deren Fangnetze kappten. 1982 wurde der Konflikt beigelegt - alle Parteien unterzeichneten das UN-Seerechtsabkommen.

Australian Artillery kontra Emus

Nicht nur der Kabeljau, auch andere Tiere spielten bei zahlreichen Kleinkriegen eine zentrale Rolle. Gleich mehrmals ging es um Schweine: Etwa 1640, als holländischen Siedlern auf der New Yorker Insel Staten Island eben solche Tiere gestohlen wurden und man zu Unrecht die eingeborenen Tappan-Indianer verdächtigte. Die Ureinwohner wurden im Zuge der ungerechtfertigten Vergeltung endgültig von der Insel vertrieben. Mitnichten war es den Holländern dabei nur um die Schweine gegangen. Wie wohl auch der k.u.k.-Monarchie Österreich-Ungarn, deren Zollsperre gegen serbische Viehexporte 1906 als Schweinekrieg in die Geschichte einging und die die beiden Staaten 1913 tatsächlich an den Rand des Krieges brachte.

Im australischen Emu-Krieg von 1932 waren hingegen die Tiere nicht nur der Vorwand für einen bewaffneten Konflikt, sondern auch der Gegner. Nach einem langen, heißen Sommer war der große Bestand in West-Australien äußerst gereizt. Die wilden Vögel griffen auf der Suche nach Wasser sogar Siedlungen an, man sprach von einem Amoklauf. Und so erklärte die Regierung den Emus den Krieg. Die Royal Australian Artillery unter Major Meredith allerdings konnte gegen die flinken, bis zu 50 Stundenkilometer schnellen Tiere nichts ausrichten. Nach einer Woche zogen die Soldaten wieder ab, die Verluste unter den Emus waren minimal.

Weit prekärer verlief der Kuchenkrieg von 1838. Mexikanische Offiziere hatten damals das Geschäft des französischen Bäckers Remontel in einem Vorort von Mexiko-Stadt geplündert, woraufhin sich der Bäcker bei seinem König Louis Philippe beschwerte. Der forderte von der mexikanischen Regierung eine Entschädigung von 600.000 Pesos, und als Präsident Anastasio Bustamante nicht zahlen wollte, schickte er eine Flotte. Acht Monate lang blockierte diese die mexikanischen Häfen, dann zahlte Präsident Bustamante doch.

Auch in diesem Fall ging es um mehr als nur die Auslagen eines Bäckers. Die erst 1824 gegründete mexikanische Republik war noch ein instabiles Gebilde, die Souveränität des jungen Staates äußerst umstritten - wie der bald folgende Krieg mit den USA zeigen sollte.

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1.
niels genzmer, 17.07.2009
Meines Erachtens habe Sie einen Fall nicht erwaehnt, der sich erst 1998 (1997?)zwischen Griechenland und der Tuerkei ereignete, als tuerkische Nationalisten eine Flagge auf ein griechisches Felsstuck setzten, auf dem allenfalls Schafe grasten. Auch hier flogen Kampfjets ueber die "Schafsinsel", Tuerken und Griechen waren gleichermassen wuetend ueber den anderen, ich glaube die Amerikaner (oder die Nato) haben dem Spuk dann Einhalt geboten. Ich war seinerzeit gerade in Ankara, das war absolut Thema Nr 1 im ganzen Lande.
2. Kolumbien
vorname nachname, 16.07.2014
In diesem Zusammenhang sollte man auch Kolumbien erwähnen, da der Unabhängigkeitskrieg gegen Spanien durch einen Streit um eine Blumenvase begann: Zwei Criollos, die Simon Bolívar nahe standen, wollten für ein Bankett zu seinen Ehren eine Vase ausleihen. Also gingen sie zu einem erzkonservativen Spanier namens Llorente, der sie beschimpfte. Sie zogen ihre Degen und verfolgten Herrn Llorente durch die patios und über die Dächer ohne ihn zu erwischen. Am Ende gingen sie auf den Marktplatz und brachten die Menge gegen die Spanier und den Vizekönig auf. Das war am 20 Juli 1810 und ist bis heute Feiertag in Kolumbien (Dia de la Independencia). Natürlich war dieses Ereignis geplant und die Einstellung von Herrn Llorente kam sehr gelegen. Bis heute nennt man in Kolumbien einen fadenscheinigen Vorwand "florero de Llorente" - die Vase von Llorente.
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