AC/DC-Sänger in Rente Das laute Leben des Brian

36 Jahre lang rockte Brian Johnson weltweit, nun droht ihm die Taubheit. Der Sänger von AC/DC hört auf den Arzt und die Vernunft. Vom Aufstieg und Ruhestand eines harten Rock'n'Roll-Arbeiters.

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"Ihr müsst weitermachen, unbedingt - Bon hätte es so gewollt!" Ausgerechnet diese Mahnung einer älteren Dame verhinderte 1980 den Untergang von AC/DC: Isabelle Scott, die Mutter von Bon Scott, richtete ihre Worte an dessen Bandkollegen Angus und Malcolm Young. Wenige Tage zuvor erst war ihr Sohn, der legendäre AC/DC-Frontmann, in seiner australischen Heimat Fremantle beerdigt worden. Er wurde nur 33 Jahre alt.

Nach durchzechter Nacht lag Bon Scott am 19. Februar 1980 in East Dulwich, London, leblos im Wagen seines Freundes Alistair Kinnear. Sein Tod: ein Schock für die Rockwelt. Die knapp sechs Jahre bei AC/DC hatten ihn zur Kultfigur gemacht. Für seine Fans war Scott Rock'n'Roller durch und durch, einer, der für raue, harte Musik und ein kompromissloses Leben brannte. "Erst mit Bon wurden wir cool", sagte Angus Young später.

Die Young-Brüder hatten die Band 1973 gegründet. Jetzt wollten sie alles hinschmeißen, auf ihrem ersten Karrierehöhepunkt. Mit dem Album "Highway to Hell" von 1979 hatten AC/DC gerade erstmals die US-Top-100 geknackt, Europa feierte sie bereits als Superstars. Doch zu groß war der Schmerz, den Scotts Tod hinterließ. Bis seine Mutter den Youngs ins Gewissen redete.

Die Brüder machten sich auf die Suche nach einem Nachfolger: Wer könnte diese Fußstapfen füllen? Erst dachten sie an Slade-Sänger Noddy Holder und an Allan Fryer von der Band Heaven. Dann fiel Angus Young ein, was Scott ihm einmal über "ein echtes Showtier" aus Newcastle im tristen Nordosten Englands erzählt hatte.

Billard geht vor Rock'n'Roll

Young: "Bon schwärmte von ihm, weil er singen konnte wie Little Richard" - stets Scotts großes Vorbild. "Dieser Typ", erinnert sich Young, "soll sich die Seele aus dem Leib geschrien und sich auf dem Bühnenboden gewälzt haben. Er hat Bon beeindruckt, und das will was heißen!"

Dass es keine Show dieses Sängers namens Brian Johnson war, konnte Scott nicht wissen: Johnson war damals wohl trotz akuter Blinddarmentzündung auf die Bühne gegangen und hatte sich nur deshalb herumgewälzt, weil er plötzlich höllische Schmerzen hatte. Dennoch bewies Bon Scott guten Instinkt. Ohne es zu ahnen, hatte er selbst seinen Thronfolger benannt, der über die nächsten drei Jahrzehnte AC/DC zu einer der größten Rockbands der Geschichte machen sollte.

Angus und Malcolm beschlossen, sich das "Showtier" genauer anzuschauen. Noch war Johnson alles andere als ein Star, als Frontmann der Rockband Geordie mit ein paar Alben und einem kleineren Hit. Die Youngs luden ihn nach London ein, wo sie gerade mit Demo-Aufnahmen zu ihrem nächsten Album begonnen hatten.

Johnson, überrascht und geschmeichelt von der Einladung, war selbst bekennender AC/DC-Fan und hatte mit Geordie den Song "Whole Lotta Rosie" gecovert. Und doch lief nicht alles glatt.

Denn Johnson kam zu spät zu dem Termin, der sein Leben ändern sollte - aus Liebe zum Kneipensport: Bei seiner Ankunft entdeckte er einen Billardtisch und konnte nicht widerstehen. Mit Studiomitarbeitern spielte er Pool. Und vergaß darüber alles andere.

Rockstar aus dem Pub an der Ecke

Bei anderen Kandidaten hätte solche Unprofessionalität wohl zum Knockout geführt. Aber mit den Youngs ging alles ganz schnell: Man verstand sich auf Anhieb, spielte einige Songs, vergoss ein paar Tränen über die Erinnerung an den großen Bon Scott. Die kraftvolle Stimme überzeugte Angus und Malcolm Young ebenso wie Johnsons unkomplizierte Art. Vor allem war ihnen wichtig: Johnson war keiner, der versuchte, Scott zu kopieren. Das war ihr Mann!

Bald darauf begannen die Aufnahmen zum neuen Album - aus Steuergründen in Nassau. Schwere Tropenstürme fegten über die Bahamas. Johnson fühlte sich unwohl, machte aber das Beste daraus, einen Text: "I'm a rolling thunder, a pouring rain, I'm comin' on like a hurricane.…" Der Song wurde zum Klassiker, "Hells Bells".


Video: Brian Johnson röhrt "Hells Bells"

Mit dem Album "Back in Black", einer Hommage an Bon Scott, begann für AC/DC eine neue Ära: Die Platte mit dem Cover ganz in Schwarz wurde zum meistverkauften Rockalbum der Geschichte. Johnson schrieb alle Texte. Scott hatte im Vorfeld bereits erste Notizen verfasst, doch die verwarfen Angus und Malcolm Young. Sie wollten sich nicht vorwerfen lassen, aus Scotts Tod Kapital zu schlagen.

Auf Tournee hatte Johnson große Erwartungen zu erfüllen. Fans in aller Welt verehrten Bon Scott noch immer kultisch. Würden sie je einen anderen akzeptieren? Johnson ging die Aufgabe mit hemdsärmeliger Working-Class-Attitüde an. Er verdiente sich als ehrlicher Rock'n'Roll-Arbeiter den Respekt der Fangemeinde - und schließlich sogar ihre Verehrung.

Scheinbar unverwüstliche Rock-Dinos

Er war kein Charismatiker wie Bon, kein Rockstar, eher der Kumpeltyp aus dem Pub an der Ecke. Johnson war als Sohn eines Minenarbeiters aufgewachsen und hatte früh seine Liebe zu Musik und schnellen Autos entdeckt. Zu AC/DC passte das ebenso perfekt wie Johnsons Markenzeichen, eine einfache Zeitungsjungen-Mütze.

Mit eindringlich-heiserer Röhre intonierte er alte und neue AC/DC-Stücke von "Let There Be Rock" über "TNT" bis "Back In Black" und "Shoot To Thrill". Derweil bauten AC/DC ihre Bühnenshow immer weiter aus, mit riesiger Höllenglocke und Kanonen. Eines änderte sich nie: der rohe, ohrenbetäubende Sound. Im Hintergrund knüppelte Malcolm mit seinen Riffs die Songs voran; Angus in Schuluniform tobte kreuz und quer über die Bühne . Im Zentrum stand breitbeinig Brian, Fels in der Brandung.

Über viele Jahre blieb er "der Neue". Und in guten wie in schlechten Zeiten der Band treu, auch als sie mit Durchschnittsalben wie "Flick Of The Switch" oder "Fly On The Wall" in die Belanglosigkeit zu driften drohte. 1990 gelang AC/DC mit "The Razor's Edge" und dem Hit "Thunderstruck" ein fulminantes Comeback.

Die Musiker schienen alles erreicht zu haben: 2003 die Aufnahme in die Rock'n'Roll Hall of Fame, 2008 der Grammy. Mit ihren blitzartig ausverkauften Welttourneen spielen sie in einer Liga mit den Rolling Stones oder U2.

Das Ende der Glückssträhne

Im Frühjahr 2014 wendete sich das Blatt: Nach einem Schlaganfall wurde bei Bandgründer und Gitarrist Malcolm Young Demenz diagnostiziert. Sein endgültiges Aus, das auch das Ende der Traditionsband befürchten ließ - doch sie machten weiter. Im November 2014 ein weiterer Schlag: Drummer Phil Rudd wurde in Neuseeland wegen Anstiftung zum Mord angeklagt und prompt aus der Band entlassen. Wieder wurden AC/DC nicht aufgelöst.

Nun folgte am 7. März 2016 die nächste Hiobsbotschaft: Frontmann Brian Johnson droht die Taubheit. Seine Ärzte rieten ihm dringlich, sofort aufzuhören. Der Sänger hört auf die Vernunft.

Die Fans sind entsetzt. Seinen Job zumindest für den Rest der aktuellen "Rock or Bust"-Welttournee übernimmt jetzt der polarisierende und notorisch unzuverlässige Axl Rose , neben seinem Hauptjob bei Guns N'Roses. Was danach passiert, ist offen.

"Es fällt mir unendlich schwer, aufhören zu müssen", bekannte Brian Johnson in einem offiziellen Statement. "AC/DC war meine Lebensaufgabe!"

insgesamt 22 Beiträge
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Seite 1
ogg00, 23.04.2016
1. Legenden
ob das weiter machen wirklich von Scotts Mutter oder doch eher von der Sippe Young kam, wird wohl ein Geheimnis bleiben. eine schöne Legende ist es allemal. jetzt die Diva Axl Rose zu verpflichten stößt aber uns Fans vor den Kopf. hunderte von Tickets bei Ebay seit der Bekanntgabe sprechen des eine deutliche Sprache.
A. W., 23.04.2016
2. Sehr gut und sehr laut
Also, ich hatte nach dem letzten Konzertbesuch nur noch ein Summen im Ohr und fragte mich, ob die Bandmitglieder nicht schon längst ertaubt sind;) In meiner Teeniezeit kam AC/DC bei uns aus und ich würde mich jetzt nicht unbedingt als Fan bezeichnen, fand sie aber immer sehr gut. Wenn ich morgens in der Küche den Kaffee trank, spielte Radio Luxemburg fast täglich "Highway to hell" und oft auch von Extrabreit "Hurra die Schule brennt":))
kugelsicher, 23.04.2016
3. die Helden meiner frühen Jugend
BJ, ganz klar ein guter Sänger. Ein Musiker Freund und Sänger war mal voll des Lobes über sein unglaublich gutes Timing mit dem er auf den Noten blieb. Allerdings ging es schon ab Back in Black musikalisch langsam abwärts. Außer Hells Bells kein wirklich guter Song mehr drauf. Und trotzdem habe ich natürlich mein Geld an den Schalter von Konzert- und Plattenladen getragen und die Tour live gesehen. Aber Songs von einer Qualität wie "Its a long way..." usw. hatten sie halt nur in ihren ersten Jahren. Da steckte noch Blues drin. Es ist wie Benny von ABBA mal so weise sagte: Eine Band hat immer nur für eine Gewisse Zeit das Ohr der Zuhörer, nur eine gewisse Zeit wo sie wirklich künstlerisch relevant ist. Man sollte diese Spanne nicht unnatürlich verlängern. ABBA hat damals alles richtig gemacht.
Roland Schueler, 23.04.2016
4. Fehler Bild 18.
Auf Bild 18 ist Malcolm hinten links. Ich wusste ich finde einen Fehler.
mario voigt, 23.04.2016
5. Was'n Krach
Bleibt noch anzumerken, daß Johnson sein Gehör nicht nur mit lauter Musik sondern vor allem mit noch lauteren Autos ruiniert hat. Ich hoffe AC/DC hört nach der Tour auf und bleibt in guter Erinnerung.
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