Achtundsechzig Aktion Blanker Busen

Achtundsechzig: Aktion Blanker Busen Fotos
Kai Greiser

Mit einem Nacktprotest im Gerichtssaal empören neun Studentinnen im Dezember 1968 die noch recht prüde Republik. Ursula Seppel war die Anführerin der SDS-Frauen. Von

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Im Gerichtssaal ist sie sich plötzlich nicht mehr ganz so sicher, ob die Aktion wirklich so eine gute Idee ist. Aber nun gibt es kein Zurück mehr, schließlich warten im Zuschauerraum des ehrwürdigen Hamburger Amtsgerichts acht Kommilitoninnen auf ihr Stichwort.

Ursula Seppel hat Berufung eingelegt gegen einen Strafbefehl über 200.- Mark. Den hatte sie kassiert, weil sie im August 1968 beim Prozess gegen einen wegen Landfriedensbruch angeklagten Studenten im Gerichtssaal lautstark gegen die bundesdeutsche "Klassenjustiz" protestierte. Als die Lehramts-Studentin trotz wiederholter Aufforderung nicht den Gerichtssaal verließ, hatte der Richter die Aktivistin des linken Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS) ohne viel Federlesen von der Polizei abführen lassen.

So steht sie an diesem 12. Dezember 1968 selbst wegen Hausfriedensbruchs vor Gericht. Die junge Frau nimmt ihren ganzen Mut zusammen und liest eine vorbereitete Erklärung vor, in der sie "obrigkeitsstaatliches Denken" anprangert. Dem Richter wirft sie vor, er sei befangen. Dann gibt sie das Signal.

Jacken fallen für den "Solidaritäts-Striptease"

"Ich war furchtbar aufgeregt", erinnert sich Ursula Seppel Jahrzehnte später. "Aber die Sache hatte eine solche Eigendynamik gewonnen, da konnte ich nicht mehr abspringen." So beginnt die verabredete Aktion: Auf ein Stichwort stehen die acht Studentinnen im Zuschauerraum auf, lassen Jacken und Mäntel fallen - darunter sind sie bis zur Hüfte nackt.

Auch die Angeklagte Ursula Seppel zieht ihre ohnehin durchsichtige schwarze Bluse aus, klettert über die Ballustrade zu ihren Mitstreiterinnen im Saal für einen "Solidaritäts-Striptease", wie der SPIEGEL über den Vorfall schreibt. Dann singen die neun Nackten die "Ballade von den asexuellen Richtern", ein Lied, dass sie selbst, frei nach Brecht, gedichtet haben.

"Meine Herren, heute sehen Sie uns nackt hier stehen, / Und wir zeigen unsere Brüste für jeden," singen sie, "Ihr haltet Euch bei Tage an die Bibel / Und streichelt lüstern höchstens mal das BGB / Es stinkt in diesem Staat. / Für uns gibt's Knast - für Euch heißt das Moral."

Modischer Gag, politischer Protest?

Mit dem, was nun kommt, haben die Studentinnen von der "Projektgruppe Emanzipation" des Hamburger SDS allerdings am wenigsten gerechnet. "Es passierte nichts!", erinnert sich Seppel. "Wir dachten, der Richter muss empört sein und die Polizei rufen. Aber er reagierte nicht! Dieser Mann war sehr souverän, ganz anders als erwartet. Wir waren hilflos, mehr hatten wir ja nicht vorbereitet. Also haben wir das Lied noch einmal gesungen."

Auch der Vorsitzende Richter Wolfgang Schneider erinnert sich gut an den "Busen-Prozess". Schon vor der Verhandlung sei ihm klar gewesen, dass es zu spektakulären Aktionen kommen könnte, schreibt er in seiner Erinnerung an den Fall, die der Hamburgische Richterverein 2004 veröffentlichte.

Die durchsichtige Bluse der Angeklagten, die ihn vor der Show-Einlage hätte warnen können, hielt der Jurist für einen "modischen Gag", wie der SPIEGEL berichtete. Als dann im Gerichtssaal die Hüllen fielen, fühlt auch er sich einigermaßen ratlos angesichts der nackten Tatsachen - und ganz und gar nicht so souverän, wie die nun barbusige Angeklagte meint.

Mangel an Beweisen

Die im Rückblick amüsante Geschichte findet Schneider seinerzeit alles andere als zum Lachen: "Tja, was tun? Bei aller Anerkennung des Ideenreichtums war mir klar, dass ich dem Treiben ein Ende setzen musste." Selbst den Saal zu verlassen, erscheint ihm als Flucht. Andererseits mag er die Studentinnen für ihre Aktion auch nicht zu hart bestrafen.

Der von den Protestierern selbst lautstark eingeforderte "Knast" jedenfalls scheint ihm keine gute Option: "Ich ordnete also die Entfernung der Darstellerinnen aus dem Saal an." Halbnackt, wie sie sind, werden die Aktivistinnen unter teils heftigem Widerstand von Polizeibeamten vor die Tür getragen. Nachdem ihre Personalien aufgenommen sind, können die Frauen gehen - ein juristisches Nachspiel hat die Aktion nicht.

Drinnen setzt Richter Schneider den Prozess ohne Ursula Seppel fort, aus Mangel an Beweisen wird die Anführerin der Aktion Blanker Busen in ihrem Hausfriedensbruch-Verfahren freigesprochen. "Die Aktion hat uns viel Überwindung und Mut gekostet", betont Seppel, die nach ihrem Studium Bildungsberaterin für Aussiedler wurde und heute Deutschkurse für Ausländer gibt. "Wir waren doch alle mittelständische, studierende Töchter mit strenger Erziehung. Wer stellt sich schon gerne, gerade in der damaligen Zeit, halbnackt in einen Gerichtssaal?"

Undelikate Leserbriefe

Die öffentliche Selbstentblößung anlässlich des ersten Prozess in der Hansestadt gegen eine Frau aus der Studentenbewegung sollte eine politische Kundgebung sein, kein Spaß-Event - das Private, so ein beliebter Slogan der Studentenbewegung, war eben politisch.

Dass die Aktion tatsächlich die Gemüter erregte, zeigen die Leserbriefe, die in der SPIEGEL-Redaktion zum Bericht über die Oben-ohne-Aktion im Gerichtssaal eingingen: "SDS-Wohlstandsmüll", sah ein Leserbriefschreiber, und einen Medizin-Professor aus Tübingen veranlassten die Busen-Bilder zur hämischen Beurteilung "alle Hängetyp oder undelikater Warzenhof". Er sei vom Fach und könne das beurteilen.

Auch die eher positiven Reaktionen bezogen sich mehr auf die "anatomische Ästhetik" als auf die politische Aussage: "Der Busen der neuen deutschen Generation hat durchaus Weltniveau", so ein Leserbriefschreiber.

Nachspiel für den Richter

Ein Nachspiel hatte die Aktion nur für Richter Schneider: Ein Rechtsanwalt aus Bremen zeigte ihn an, weil er die Polizeibeamten zu "unzüchtigen Handlungen" an den Frauen angestiftet habe. Der Vorfall landete bei der Staatsanwaltschaft und vor dem Ehrengericht der Rechtsanwaltskammer, das Verfahren zog sich über mehrere Jahre hin.

Erst 1978, zehn Jahre nach dem Vorfall, wurde es endgültig eingestellt.

Dieser Artikel basiert auf einem preisgekrönten Beitrag für den Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten. Der Originalbeitrag "'Hottentottenland Hamburg' - Studentenproteste 1967/68 in der Hansestadt" kann in der Datenbank des Geschichtswettbewerbs recherchiert werden.

Text: Helene Heise

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