Achtundsechziger in Italien Frisch wie ein Salatkopf

Kein Buch wurde so häufig aus der Schulbibliothek geklaut: Mit ihrem Sex-Tagebuch "Schweine mit Flügeln" schockte Lidia Ravera einst Italien - und landete wegen angeblicher Pornografie sogar auf dem Index. Auf einestages verrät sie, warum Frauen ihrer Generation heute plötzlich keine Achtundsechziger mehr gewesen sein wollen.


Nach 40 Jahren gibt es kaum noch weibliche Zeitzeugen der Achtundsechziger-Revolte. Nicht etwa, weil sie tot wären. Nein, sie sind abgetaucht, weil sie ihr Alter nicht preisgeben wollen. Diese Frauen müsste man mit dem Metalldetektor suchen. Auch die Männer haben auf einmal ein Problem mit dem Älterwerden. "Ich war damals noch ganz klein", sagt inzwischen so gut wie jeder, der 1968 mit dabei gewesen war. Wie komisch, denke ich dann, fand die Revolte etwa nur in den Kindergärten statt?

Ich war damals tatsächlich noch sehr jung, immerhin ging ich aber schon aufs Gymnasium. 1968 hat meine eigene Biografie stark geprägt. Als ich gerade den Kopf aus der Kindheit herausstreckte, entstand eine Bewegung, die ihre Jugend als Abenteuer erlebte. Anders als die Generationen vor uns warteten wir nicht darauf, den Platz unserer Väter oder Mütter einzunehmen. Für mich als Tochter aus bürgerlichem Haus hätte das bedeutet, wie meine Mutter einen Akademiker zu heiraten und zwei Kinder zu bekommen. Stattdessen riss ich mit 18 erst mal von zu Hause aus.

Freie Liebe, Masturbation und Homosexualität

Zwischen meiner Generation und der meiner Eltern lag als große Zäsur der Zweite Weltkrieg. Als ich in den fünfziger Jahren geboren wurde, erlebte Italien sein Wirtschaftswunder und war kein Agrarstaat mehr. Ich bin so alt wie das Fernsehen, meine Eltern hingegen gingen in ihrer Jugend noch nicht einmal ins Kino. Die Achtundsechziger-Bewegung hat die Kluft zwischen den Generationen weiter vergrößert und ihr erstmals einen politischen Wert beigemessen.

Ich habe 21 Romane geschrieben, die allesamt von der Achtundsechziger-Generation handeln, sie sind eine Art kollektive Autobiografie. 1976 erschien mein erstes Buch, "Schweine mit Flügeln", das weltweit zum Bestseller wurde. Mit einem Freund, Marco Lombardo Radice, schrieb ich in nur zwei Wochen ein fiktives Tagebuch, in dem ein Mädchen und ein Junge ihre sexuellen Erfahrungen beschreiben.

Wir wollten erreichen, dass Jugendliche endlich ohne Scham über freie Liebe, Masturbation und Homosexualität reden konnten. Das Buch kam zunächst wegen angeblicher Pornografie auf den Index, kursierte aber in Raubdrucken, bis das Verbot aufgehoben wurde. Allein in Italien sind bislang zweieinhalb Millionen Exemplare verkauft worden.

Das Private ist politisch

Noch immer spricht "Schweine mit Flügeln" viele Jugendliche an. Kein Buch ist so häufig aus Schulbüchereien geklaut worden. Für mich ist das ein guter Rekord. In verschiedenen Generationen machen junge Leute offensichtlich ganz ähnliche Lebenserfahrungen. Politik spielte für uns damals allerdings eine wichtigere Rolle. Eine der ersten Lektionen, die ich lernte, bestand darin, dass das Private politisch ist. Wir haben erkannt, dass sich das Unbehagen des Einzelnen immer in den Erfahrungen eines Kollektivs widerspiegelt. Dieses Wir-Gefühl hat die heutige Jugend verloren.

Sicherlich waren wir Linken sehr idealistisch und auch etwas naiv. Wir glaubten an eine bessere Zukunft und kämpften für eine Gesellschaft, in der es gerechter zugehen würde. Meine Kinder haben diese Hoffnung nicht mehr. Sie sehen die Erde auf eine Umweltkatastrophe zusteuern und rechnen damit, dass die globale Armut die kleine, alte Welt der Reichen unter sich erdrücken wird.

Anders als wir damals haben die Jugendlichen inzwischen nicht mehr die Illusion, die Welt verändern zu können. Sie haben damit sogar Recht. Dennoch tun sie mir leid, denn ich hatte eine faszinierende Jugend, die mich innerlich gestärkt hat. Heute lebt jeder isoliert für sich, auch das Internet kann keinen echten Zusammenhalt stiften. Wäre die Lage auf dem Arbeitsmarkt in Italien früher so prekär gewesen wie heute, hätten wir dagegen immer wieder auf der Straße protestiert. Heute denkt jeder zuerst daran, wie ihn persönliche Beziehungen weiterbringen können. Junge Menschen haben aber kaum noch die Chance, sozial höher aufzusteigen als ihre Eltern.

Frauen als ewige Teenager

Auch für Frauen hat sich das Blatt nicht zum Besseren gewendet. 1968 hat ihnen nicht automatisch die Gleichberechtigung gebracht. Unsere linken Genossen diktierten uns, was wir schreiben sollten, und ließen uns Flugblätter vervielfältigen. Wir wurden genauso diskriminiert wie vorher auch. An meiner Schule bewerteten die Jungs die Mädchen danach, wer den schönsten Busen und den schönsten Hintern hatte. Nicht ohne Grund ist der Feminismus aus der Achtundsechziger-Bewegung entstanden. Unsere Ziele haben wir bisher jedoch nicht erreicht.

In der Gesellschaft haben Frauen nach wie vor eine untergeordnete Rolle. Das beste Beispiel dafür ist die Tatsache, dass wir nicht altern dürfen. Wir haben keinen kulturellen Stellenwert, sondern werden als Teil der Natur betrachtet. Während Männer mit zunehmendem Alter tüchtiger, mächtiger und reicher werden, müssen wir immer so frisch aussehen wie ein Salatkopf. Wir sind gezwungen, unsere Jugend zu konservieren und ewige Teenager zu bleiben.

In Italien haben Frauen weiterhin nicht die gleichen beruflichen Chancen wie Männer. In den Vorstandsetagen der Unternehmen und den Chefredaktionen der Zeitungen sind sie kaum vertreten. Frauen, die den Arbeitsmarkt verlassen, um Kinder zu bekommen, kehren entweder gar nicht mehr in den Beruf zurück oder machen keine Karriere. Frauenquoten halte ich für reine Demagogie, denn sie funktionieren nur, wenn auch die Männer damit einverstanden sind.

Paarbeziehung reicht nicht mehr

Wir Achtundsechziger können uns also nicht als Gewinner fühlen. Durch unsere Erfahrungen haben wir immerhin gelernt, nach Lösungen zu suchen. Ich bin deshalb gespannt, wie meine Generation mit dem Älterwerden umgehen wird. Wir sind die Ersten, die zugleich ihre Kinder und ihre greisen Eltern unterstützen. Früher folgten die Generationen aufeinander, heute überlagern sie sich.

Wir leben immer länger, weit über das Erwerbsleben hinaus. Wenn Frauen das gebärfähige Alter überschreiten, haben sie noch mehrere Jahrzehnte vor sich. Wie werden wir diese Zeit verbringen? Als wir jung waren, haben wir unseren kritischen Verstand geschärft. Jetzt ist es schwer, uns an der Nase herumzuführen. Wir sollten dafür kämpfen, die kollektive Vorstellung vom Leben im Alter zu verändern. Ich bin davon überzeugt, dass die Paarbeziehung irgendwann nicht mehr ausreicht. Wer über 50 ist, sollte vor allem Halt in der Gemeinschaft suchen. Nur so können wir verhindern, dass uns die Konsumgesellschaft ihren Respekt versagt.

Aufgezeichnet von Corina Kolbe

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insgesamt 3 Beiträge
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Rudolf Hege, 22.03.2008
1.
Es ist ja nicht so, dass Frauen nicht älter werden "dürften" - sie stellen dann nur fest, dass es ab einem gewissen Alter zu einem Wirkungsverlust kommt. Ja und? Es gibt eine Menge Frauen, die trotz höherem und hohem Alter respektiert und geachtet sind. Diese haben allerdings auch nicht vorwiegend auf ihren weiblichen Körper als Anerkennungsargument gesetzt oder rechtzeitig umgelernt. Wer allerdings gewöhnt ist, nur aufgrund der Tatsache, dass er oder sie einen attraktiven Körper hat, Aufmerksamkeit und Anerkennung zu bekommen wird immer ein Problem mit dem Älter werden haben. Dieses Phänomen beschränkt sich keineswegs nur auf Frauen. Schließlich wird auch nicht aus jedem Mann mit den Jahren ein Sean Connery oder Roger Moore...
Tanja Krienen, 23.03.2008
2.
Wie sich doch Leute immer selbst stilisieren, obwohl sie doch nachweislich so hinterherhinken, dass es peinlicherweis´ auffällt. Womit man in Italien in den Verdacht der Pornographie gerät, vermag ich zwar zu ahnen, will mir das aber nicht gern ausmalen. Fakt ist, dass "Sextagebuchschreibereien" im Jahre 1976 weit hinter dem zurückfielen, was anderenorts die Spatzen vom Dach der Erkenntnis pfiffen. Allein im Song "Walk on the wild side" von 1972, wurde mehr gewagt, als im selbsternannten Aufklärungsbuch anno 1976. In dem Jahr wiederum blühte die Punkbewegung und wer die dort entstandenen Texte an der Sexualliteraturpädagogik misst, weiß, was zwischen gefühlter 68er feministischer Schräglage und realem Erlebnis proletarisch-lebendiger Menschen liegt. "Denn die meisten Maturantinnen sind leider meistens Masturbantinnen" höhnte ein Rolf Schwendter bereits um das Jahr 1970. Hierzulande hatte schon 1970 die "Sex-Front" von Günter Amendt das Licht der Welt erblickt, oder "Floh de Cologne" in der "Fließbandbabys Beat-Show" eine überaus deutliche und sexualisierte Sprache gesprochen. Seit den 60er war es infolge des allgemeinen Aufbruchs, den zurückzuführen auf das "Osterattentat auf Rudi", grotesk zu nennen wäre, zu einer offenen Bennennung sämtlicher Probleme gekommen ("Es sagt der weise Kunzelmann, was geht mich Vietnam schon an, es kommt mir gar nicht in den Sinn, solang ich unbefriedigt bin", nochmals Schwendter). Nehmen wir noch "I can´t get no satisfaction", resp. Weite Teile der Popkultur, ja auch des Rock´n roll seit den 50ern hinzu, so ist völlig abstrus, einer wohl zuletzt noch feministischen Kopfgeburt aus dem Jahr 1976 irgendetwas anderes, als das Attribut "biedermännisch" beizustellen. Wie das z.B. schon 1969 möchte ich an einem kleinen Beispiel zeigen. Meine Musiklehrerin, damals 25 Jahre alt, versuchte uns mit einem ach so sexualisierten, aber höchst multikulturellen Lied vom Gregor, der zum Abendtanze ging und dem dort zauberische Mädchen folgen, zu begeistern. Ich, damals 12, grinste angesichts solcher eklatant billligen Versuche so "das pralle Leben" zu erzählen. Meine Lehrerin "flippte aus". Es sei wohl nicht möglich, jungen Menschen mit derartigen Inhalten zu konfrontieren - das habe sie nicht erwartet. Sie hielt sich für fortschrittlich! Die Einfache. Was sollte sie mir, die ich mir im Jahr zuvor "Pictures of Lily", oder ein weiteres Jahr vorher "Let´s spend the night together" kaufte, noch erzählen? Zwischen pädagogisch und politisch wertvoll auf der einen Seite und dem wahren Leben auf der anderen, klafft meist der Widerspruch, der in der eigenen fehlenden Aufarbeitung noch größerer Defizite steht.
Christoph Maass, 09.08.2008
3.
Emanzipation italienisch - so der Link von SPON hierher. Mmh, klingt nicht wirklich frisch wie ein knackiger Salatkopf. Eher wie das seit Jahrzehnten vertraute feministische Gejammer deutscher "emanzipierter" Frauen. Scheint die internationale Sprache dieser merkwürdigen Wesen zu sein.
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