"Spiel des Lebens" Wir fuhr'n auf Plastikrädern Richtung Zukunft durch die Nacht

Den Fahrplan zum Erwachsensein fand Anne Weiss im "Spiel des Lebens". Per Glücksrad drehte sich die Autorin hinein ins Bilderbuchleben mit Karriere, Kindern, Luxus. Bis die Supersorgloszeit der Achtziger endete.

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Zur Autorin
  • Uli Kreifels
    Anne Weiss, Jahrgang 1974, ist Buchautorin und Lektorin. Sie studierte Anglistik, Germanistik und Kulturwissenschaften. Zusammen mit Stefan Bonner veröffentlichte sie einige erfolgreiche Bücher, zuerst 2008 "Generation Doof" und zuletzt "Wir Kassettenkinder. Eine Liebeserklärung an die Achtziger".

Ein kühler Novembertag in Bremen, Anfang der Achtzigerjahre. Vor den doppelverglasten Fenstern bullerten die Heizkörper, darauf Strickhandschuhe mit Norwegermuster, darunter meine Moonboots. Ich hatte bis zur Dämmerung draußen gespielt und wärmte mir die Finger an einem Becher Tee mit Holundersirup, während Vater ein Glas österreichischen Wein trank und Mutter die Pralinendose auspackte.

Wir waren bereit: Auf dem Teakholz-Esstisch lag das Spielbrett. Das vom Spiel des Lebens, bei dem ich mich per Plastikglücksrad in ein Bilderbuchleben hineindrehte. In diesem Moment begannen für mich die Achtzigerjahre. Das Jahrzehnt meiner Kindheit und Jugend, als die Zukunft in meiner Vorstellung so klar und bunt vor mir lag.

Derzeit scheinen die Achtziger überall zurückzukommen: Im Kino laufen Remakes einstiger Blockbuster - die Ghostbusters gehen erneut auf Gespensterjagd, Elliot schmunzelt wieder, ein letztes Mal besteigt Han Solo als Rentner den Millennium Falcon. Andere Helden von damals haben jüngst das Zeitliche gesegnet, etwa Peter Lustig, Mr Spock und Bud Spencer. Selbst "Liebling Kreuzberg" geht nicht mehr auf Achse.

Im Radio höre ich die Hits von damals, auf Facebook kursiert das Bild einer Musikkassette mit einem Bleistift, was mich an den Bandsalat von früher erinnert. Spotify erstellt mir automatisch mein virtuelles Lieblingsmixtape.

Immer öfter denke ich zurück. Mal mit Wehmut, meist mit einem besonderen Wohlgefühl: Für mich als Achtzigerkind schien das Leben noch einen klaren Fahrplan zu haben. Ganz wie in Spiel des Lebens. Es war 1980 auf den deutschen Markt gekommen - in den USA hatte Erfinder Reuben Klamer es bereits 1960 zum Hundertjährigen der Firma MB entwickelt. Es verkaufte sich millionenfach und wurde auch in Deutschland zum Brettspielhit.

Das Versprechen: Du kannst werden, was immer du willst

Gesellschaftsspiele gehörten damals fest zu unserem Familienalltag, genau wie Wetten dass..? am Samstag oder dienstags der Ausflug auf die Southfork Ranch. Wir machten in Sagaland den Märchenwald unsicher, lernten mit Monopoly erstmals Betongold schätzen, jagten in Scotland Yard Mr X, bis ihm die U-Bahn-Tickets ausgingen.

Für meine Eltern war das Spiel des Lebens nur eines von vielen. Für mich war es mehr. Es verhieß mir ein traumhaftes Erwachsenenleben. Ich zweifelte nicht, dass alles so kommen würde wie im Spiel vorgegeben - schließlich wuchs ich als Kind der Achtziger trotz Kaltem Krieg, Tschernobyl und Saurem Regen recht sorglos auf: Meine Eltern, die noch den Krieg und die Entbehrungen danach erlebt hatten, schoben eine behagliche Schrankwand und Sofagarnitur zwischen mich und die Gefahren dieser Welt.

Das Spiel mit den kleinen bunten Cabrios passte perfekt zu den Versprechen der Zeit: Du bist etwas Besonderes. Die Welt steht dir offen, du kannst werden, was du willst. Alles wird nicht nur gut, sondern besser.

Das leise Klackern des bunten Glücksrades

Und so wurde das Spiel des Lebens zu einer Institution, auch bei meinen Freunden. Es ging gleich gut los: "Du bekommst 3.000, ein Auto und eine Autoversicherung." So durfte das später im richtigen Leben auch gern sein. Gemeinsam malten wir uns aus, wer eines Tages ins Ausland gehen, wer wie viele Kinder oder den tollsten Job bekommen würde.

Ich liebte das leise Klackern des bunten Glücksrades, rückte mit dem Minicabrio Feld für Feld vor, vorbei an aufgemalten Seen, Pferdekoppeln und über Autobahnbrücken. Ich fuhr auf Plastikrädern Richtung Zukunft durch die Nacht. Hätte dieses Spielzeugauto ein Radio gehabt, wäre wohl "Bruttosozialprodukt" von Geier Sturzflug in einer Endlosschleife gelaufen.

An der ersten Abzweigung wählte ich, ob ich direkt arbeiten gehen oder lieber studieren wollte. Meine Eltern hätten mir die Bedeutung nicht eindrucksvoller verklickern können: Fast immer entschied ich mich fürs Studium, weil dann Berufe wie Anwalt, Arzt oder Journalist winkten, und damit die dicke Kohle.

Langzeitstudium, endlose Praktika und Jobwechsel waren nicht vorgesehen - nichts bereitete mich darauf vor, dass ich meine Zeit später mit 14 Semestern Geisteswissenschaften vertrödeln würde, um dann erst mal als Praktikantin in mehreren Medienunternehmen Kaffee zu kochen. Im Spiel hatte ich von Anfang an einen Beruf, der hielt ein Leben lang.

"Du heiratest. Sammle Geschenke ein"

Ein Pflichtstopp für mein Plastikcabrio war das Standesamt, sofort wurde der Nutzen der Ehe klar: "Du heiratest. Sammle Geschenke ein." Unterwegs lud ich zwei Kinder ins Auto und konnte ihr Geschlecht frei wählen. Kaum verwunderlich, man las ja ständig etwas über Retortenbabys in der Zeitung. Weiter konnte man im Spiel des Lebens Statussymbole wie einen Privatjet, Rennpferde oder eine Luxusjacht absahnen, sich mit Lebensversicherungen eindecken oder Aktien erwerben, deren Sinn mir erst klar wurde, als im Kino "Wall Street" angelaufen war.

Schließlich tuckerte ich mit dem Cabrio über die Zielgerade - die Auffahrt der Villa oder zumindest des komfortablen Altersruhesitzes. Dort wartete der verdiente Wohlstand. Na klar, selbst Norbert Blüm behauptete noch lange, die Rente sei sicher.

Das Spiel des Lebens zeigte mir, wie ein gutes Leben zu laufen hatte - warum sollte das bei mir dereinst anders sein? Ich fühlte mich, als hätte ich eine Vollkaskoversicherung auf mein Leben abgeschlossen. Allen um mich herum schien es ja gut zu gehen: Zu Weihnachten und zum Geburtstag gab es einen Geschenkeregen, zur Konfirmation eine der begehrten Stereoanlagen. Die Familien meiner Freunde hatten alle ein Auto, die Väter gingen morgens zur Arbeit, die Mütter blieben meist zu Hause.

Alter Kapitalistentraumfänger!

Irgendwie schien auch draußen in der großen weiten Welt immer fast alles gut auszugehen, ob Ozonloch, Borkenkäferplage oder Kalter Krieg. Meine Kindheit ging schließlich durch den Mauerfall als das einzige Jahrzehnt mit waschechtem Happy End in die Geschichte ein. Mein Vater verdrückte vor dem Fernseher ein paar Tränen, als klar war, dass wir die Ostverwandtschaft ab sofort ohne Schikanen von Grenzern besuchen konnten.

Neulich hielt ich mein altes Spiel des Lebens noch einmal in Händen - auf dem Flohmarkt, um es zu verkaufen. Ich hatte es bei meinen Eltern auf dem Speicher entdeckt und musste lange mit mir ringen. Es erinnerte mich daran, wie ich es Ende der Achtziger gar nicht hatte erwarten können, endlich am echten Glücksrad des Lebens zu drehen und zu sehen, welches Cabrio wohl vor meiner Tür parkte.

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Stefan Bonner, Anne Weiss:
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Eine Liebeserklärung an die Achtziger

Knaur; 272 Seiten; 16,99 Euro

Natürlich kam alles anders, wurde komplizierter, als ich es mir in dieser Supersorgloszeit gedacht hatte. Und das Cabrio? Ein klappriger Gebrauchtwagen mit Unfallschaden.

Auf einmal wurde ich sauer auf das Spiel des Lebens, diesen alten Kapitalistentraumfänger. Und verkaufte es für einen Euro an einen Achtzigerfan, der sich damit sicher gern an seine Kindheit erinnert.

Soll er ruhig. Schön war's ja. Doch irgendwie werde ich das Gefühl nicht los, dass die damals nur mit mir gespielt haben.



insgesamt 16 Beiträge
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Seite 1
Tim Schlucking, 11.11.2016
1. Wunderbare Headline
oder wie man in den 80ern noch sagte: "Überschrift".
Abel Frühstück, 11.11.2016
2.
"Supersorgloszeit"? Interessant, für andere war es die Zeit von Nato-Doppelbeschluss, Tschernobyl und Umweltzerstörung. No Future eben. Für die Generation Golf war's super sorglos. Vielleicht lag es am Elternhaus. Schöner wäre mal ein Artikel über den Riss, der in den 80ern augenscheinlich durch die (junge) Gesellschaft ging. Die "sorglosen" Kohl-Kids - und die Deprimierten.
Tomás Saupe, 11.11.2016
3.
Oh wie geil, Spiel des Lebens war der Hammer! Was für schöne Stunden wir damit verbracht haben, auch wenn mich dass an meinen 1990 verstorbenen besten Freund immer erinnern wird. Aber das Spiel hat uns endlose tolle Wochenenden zusammen gebracht und das zählt
Mick Desoie, 11.11.2016
4. Schöner Bericht
um so mehr deswegen, weil ich letzte Woche ein Spiel des Lebens von '81 bei Ebay gekauft habe und gerade gespielt und verloren habe, meinen Kindern zuliebe. Aus den '80ern deswegen, weil die neuen Spiele qualitativ und von den Regeln her nicht mithalten können. Als Metapher auf das Leben habe ich es nie gesehen, aber - bei der nächsten Runde werde ich drüber nachdenken. Danke für den schönen Bericht und die Anregung.
Richard Jas, 11.11.2016
5. die 80er die super sorglos Zeit ?
Daran sieht man daß sie eindeutig zu jung waren.Ich war leider schon erwachsen,und habe dieses Jahrzehnt bewußt erlebt.Das war der Anfang der miesen Entwicklung in der BRD,gepowert von unserem SteuerhinterzieherKanzler Kohl.Angetreten mit tollen Versprechen angefangen mit Abbau der achso riesigen Verschuldung der SPD Vorgängerregierung,Arbeitslosigkeit etc.Das wahre Leben sah dann nicht nur für mich so aus,von der Schule ohne Umweg in die Arbeitslosigkeit.
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